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Bild: Getty Images

Ganz Polen gibt der deutschen Feuerwehr die Schuld für die Niederlage im WM-Halbfinal

3. Juli 1974: Ein Wolkenbruch macht das Spielfeld im Frankfurter Waldstadion kurz vor dem WM-Halbfinal unbespielbar. Polen verliert gegen Deutschland mit 0:1 und fühlt sich bis heute von der deutschen Feuerwehr verschaukelt. 

03.07.18, 00:05


Die «Wasserschlacht von Frankfurt». Jeder Pole weiss Bescheid und stöhnt auf. Die Osteuropäer und die Bundesrepublik Deutschland haben beide ihre ersten Spiele gewonnen. Das Spiel entscheidet also über den Finaleinzug. Aufgrund der besseren Tordifferenz genügt der BRD ein Unentschieden, während Polen siegen muss. 

Die Partie wird zum Fussballtrauma der «Bialo-Czerwoni». Dass ausgerechnet das arrogante, ungeliebte Deutschland Urheber dieses Traumas ist, schmerzt besonders. Bis heute ist die überwiegende Mehrheit der Fans an Weichsel und Oder der Meinung, dass ihre Mannschaft von den Deutschen mit unfairen Mitteln um den Einzug ins Finale und möglicherweise sogar um den WM-Titel gebracht worden ist. Es geht um eine Verschwörung. 

Nachdem es den ganzen Tag leicht geregnet hat, geht eine halbe Stunde vor Spielbeginn über dem Frankfurter Waldstadion ein Wolkenbruch nieder, der das Spielfeld in eine Seenplatte verwandelt. 14 Liter pro Quadratmeter in nur 40 Minuten. Schliesslich kommt die Frankfurter Feuerwehr mit ihren Einsatzwagen und pumpt das Wasser ab. Um 16.30 Uhr beginnt eine Wasserschlacht unter irregulären Bedingungen. Der Ball bleibt immer wieder im Wasser liegen.

Und damit sind wir bei der Verschwörungstheorie. Die Frankfurter Feuerwehr habe auf Befehl von oben nur in der polnischen Platzhälfte die Pumpen laufen lassen. Die hinterlistige Absicht: Der schnelle polnische Sturm soll wenigstens in der ersten Halbzeit in den Pfützen in der deutschen Platzhälfte stecken bleiben. Was dann auch geschieht. Polen verliert 0:1. Der Sieg im kleinen Final gegen Brasilien (1:0) ist dann nur ein schwacher Trost.

Die Theorie einer Feuerwehr-Verschwörung verbreiten auch die Kommentatoren in der damals noch von der kommunistischen Partei kontrollierten polnischen Presse – und damit hat sie offiziellen Charakter. Die bösen Deutschen passen halt gut ins Propagandakonzept des Kalten Krieges.

Der Rasen im Waldstadion wird vom Wasser befreit. Bild: Corbis

Das verlorene Regenspiel wird als Art Epilog zu all dem Unrecht gesehen, das die Deutschen den Polen im Zweiten Weltkrieg und schon vorher angetan hatten. Schlussfolgerung: Die Deutschen können die tapfer kämpfenden Polen nur mit Ränke, Tücke und Hinterlist besiegen.

War es wirklich so? Tatsächlich sind sich die Experten einig, dass diese polnische Mannschaft von 1974 das Zeug zum Weltmeister hat. Der international unbekannte Trainer Kazimierz Gorski setzt auf Offensive und hat dafür das entsprechende Personal. Jeder Stürmer ist technisch nahezu perfekt.

«Wie ein Tier, das sich gegen das Ertrinken wehrt»

Grzegorz Lato ist der Vollstrecker und Abstauber, Anderzej Szarmach stark im Kopfball, der dribbelstarke Robert Gadocha zirkelt Flanken in den Strafraum. Der heute noch als polnischer Fussballgott verehrte Kazimierz Deyna ist geradezu ein Ballzauberer und wird hinter Franz Beckenbauer und Johan Cruyff zum drittbesten Spieler des Turniers gewählt. Er wird jedoch zum Märtyrer.

Gerd Müller erzielt in der 76. Minute den einzigen Treffer der Partie. Bild: dpa

Den Versuchungen des Lebens im Westen später nicht gewachsen, verunglückte er am 1. September 1989 bei einem Autounfall tödlich. Mit seinem Tod ausgerechnet am 50. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen wird er zur nationalen Märtyrerikone. Als Opfer einer feindlichen Welt, von allen verlassen und verraten. So wie Polen im Herbst 1939.

Torhüter Jan Tomaszewski ist schon vor dem Turnier ein Held. Er hatte im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Wembley gegen die verzweifelt stürmenden Engländer standgehalten und das 1:1 gerettet, das Polen erst die WM-Teilnahme ermöglicht. Er wird zum tragischen Helden dieser Wasserschlacht. Beim Stande von 0:0 hält er in der 52. Minute einen Elfmeter von Uli Hoeness.

Aber in der 76. Minute trifft Gerd Müller zum 1:0. Deutschlands Torhüter Sepp Mayer hingegen hält alles. Die französische Sportzeitung «L’Equipe» schreibt über die Deutschen: «Was für eine Mannschaft! Wie ein Tier, das sich gegen das Ertrinken wehrt. Diese Deutschen können Weltmeister werden.» Was sie dann nach einem 2:1 gegen Holland im Final auch werden.

Keine Verschwörung: Polen hatte Platzwahl

War es wirklich eine Verschwörung gegen Polen? Ausgerechnet Nationaltrainer Kazimierz Gorski, längst zur lebenden Legende geworden, hat im Jahre 1999 zum 25. Jahrestag des Regenspiels die Verschwörungstheorie als Unsinn abgetan. Seine Mannschaft habe ja Seitenwahl gehabt.

Sepp Maier steht sprichwörtlich im Regen. Bild: Getty Images

Doch diese Klarstellung haben seine Landsleute mehrheitlich ignoriert. Sie pflegen weiterhin die Legende, ihre grosse Mannschaft sei um den WM-Final, ja um den WM-Titel betrogen worden. Das Regenspiel von Frankfurt ist einer der vielen Mythen der polnischen Geschichtsschreibung.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

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1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Jazzdaughter 04.07.2018 19:41
    Highlight Wunderbarer Artikel! Mein Vater, ein Pole, hat sich sofort ans Herz gefasst bei dieser schmerzhaften Erinnerung ;)
    0 0 Melden

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