Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Schwinger Joerg Abderhalden, unten ringt gegen Kilian Wenger am Eidgenoessischen Schwingfest in Frauenfeld am Sonntag, 22. August 2010. Das Eidgenoessische Schwingfest in Frauenfeld dauert vom 21. bis am 22 . August. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Abderhalden (unten) wehrt sich, doch gegen die Kraft des neuen Königs kommt er nicht an. Bild: KEYSTONE

Wenger stürzt König Abderhalden und darf sich selber krönen lassen

22. August 2010: Jörg Abderhalden will beim Eidgenössischen in Frauenfeld als erster Schwinger zum vierten Mal König werden. Er scheitert an einem jungen Metzger aus dem Berner Diemtigtal: Kilian Wenger.

22.08.18, 07:11


Nie mehr werden die Anwesenden diesen Aufschrei vergessen, der gleichzeitig aus rund 50'000 Kehlen kommt. Am frühen Sonntagmorgen des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest greifen im fünften Gang der Titelverteidiger Abderhalden Jörg und der am Samstag ungeschlagene Emporkömmling Wenger Kilian zusammen.

Das Publikum sehnt sich offensichtlich nach einem neuen König; drei Amtszeiten des Toggenburgers Abderhalden sind genug. Entsprechend laut wird es in der imposanten Arena in Frauenfeld, als Wenger im Bodenkampf seinen Kontrahenten mit dem Rücken ins Sägemehl drückt.

Der historische Gang zwischen dem Ostschweizer Abderhalden und dem Berner Wenger, gefilmt von der «neutralen» Innerschweizer Tribüne aus. Video: YouTube/Jakob Niederberger

Grosse Diskussionen vor dem Schlussgang …

Abderhalden zeigt nach der Niederlage eine starke Reaktion und beendet das Eidgenössische noch als Zweiter. Doch Wenger ist an diesen zwei heissen Sommertagen keiner gewachsen. Der Sennenschwinger aus dem Horboden im Diemtigtal ist so überlegen, dass er vor dem Schlussgang nicht mehr eingeholt werden kann.

Dennoch ist Wenger der Königstitel noch nicht sicher. Im Falle einer Niederlage gegen Martin Grab würden die Funktionäre darüber entscheiden, ob er trotzdem eines Königs würdig ist. Der 20-Jährige erstickt jede Diskussion im Ansatz und besiegt auch den Innerschweizer Routinier.

Der Schlussgang gegen Martin Grab, unterlegt mit der «Zündhölzli Musig Brunnen». Video: YouTube/Todaylight

… und weitere Diskussionen auch nach dem Schlussgang

Nach dem Schlussgang machen Gerüchte die Runde, man habe Grab angewiesen, ja nicht zu gewinnen. So gross wie das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest inzwischen geworden ist, kann es sich der Sport nicht mehr leisten, aufgrund eines für Aussenstehende undurchsichtigen Reglements keinen König zu krönen, sondern bloss einen Sieger zu küren.

Grab selber sagt darauf in der «Neuen Luzerner Zeitung», natürlich habe er den Gang gewinnen wollen. Aber die Situation sei schon speziell gewesen, da er ja gar keine Chance mehr auf den Festsieg gehabt habe. «Ich glaube, auch die Organisatoren sind sicher zufrieden, dass es so herausgekommen ist», so Grab zweideutig. Zudem lässt sich ein einflussreicher Funktionär aus Wengers Berner Teilverband von «20 Minuten Online» anonym zitieren: «Wir Berner sind ja nicht blöd. Es konnte nichts passieren. Grab ist ein fairer Schwinger, der wusste, um was es geht.»

Das Wiedersehen mit Abderhalden – am Grill

Was wirklich alles besprochen wurde in Hinterzimmern der Kaserne Frauenfeld, auf deren Areal das Fest stattfand, wird wohl nie ans Licht kommen. Kilian Wenger brauchen die Diskussionen damals ohnehin nicht gross zu kümmern. Von einem Tag auf den anderen wird aus dem nur Insidern bekannten Talent der beste Schwinger des Landes. Er ist jung, schüchtern, anständig – ein 1,90 m grosser Schwiegermuttertraum.

Wenger hier, Wenger da, Wenger überall: Nach dem Königstitel unter anderem ein Auftritt bei SRF-Talker Kurt Aeschbacher. Video: YouTube/Jakob Niederberger

Wenger, der ausgebildete Metzger und Zimmermann, zählt als König seit Frauenfeld automatisch an jedem Fest zu den Topfavoriten. Nicht immer kann er diesem Druck standhalten. 2013 beim Eidgenössischen in Burgdorf klassiert er sich nur auf Rang 8, muss die Krone an seinen Berner Kollegen Matthias Sempach weiterreichen. 2016 in Estavayer-le-Lac gehörte er zum Favoritenkreis, wurde dann aber nur im Rang 7c klassiert. Mit bislang 19 Kranzfestsiegen und 75 Kränzen gehört Kilian Wenger aber eindeutig zu den ganz Bösen.

Zum Wiedersehen mit Jörg Abderhalden kommt es später unter anderem am Grill: Gemeinsam mit seinem Jugend-Idol steht Wenger für Werbe-Aufnahmen vor der Kamera. Ein Cervelat bringt in der Schweiz selbst einen König und den Mann, der ihn gestürzt hat, wieder zusammen …

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Hier legt ein Schwingerkönig unseren Chefredaktor flach

Video: watson/Emily Engkent

Böse mit Herz

Schwingen für Dummies – dank diesem Crashkurs kannst auch du beim Eidgenössischen mit deinen Kollegen fachsimpeln

7 Gründe, warum ich als Städter an jedes Eidgenössische Schwing- und Älplerfest gehe

Das Geld nehmen, die Seele behalten – andere Sportarten und die EU könnten vom Schwingen lernen

Alkohol ja, Schirme nein – das müssen Neulinge am Eidgenössischen unbedingt beachten

Wer gegen wen? Wie beim Schwingen gemauschelt wird

Königlicher Skandal beim Eidgenössischen?! Ja. Aber zuletzt vor 55 Jahren

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

Abonniere unseren Daily Newsletter

0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Von wegen krummbeinig – Garrincha dribbelt die Sowjets schwindlig und wird weltberühmt

15. Juni 1958: Brasiliens Mané Garrincha flitzt den Kickern der damaligen Sowjetunion an der WM in Schweden nur so um die Ohren. Die Seleçao siegt in der Vorrunde 2:0 und holt später den Titel. Und mit dem «behinderten Zaunkönig» wird einer zum Liebling der Gesellschaft, dessen Platz ganz am Rande derselben schon vorbestimmt schien.

Als Aussenseiter wurde er geboren, schwach auf der Brust und mit offensichtlicher anatomischer Deformation. Als Flügelspieler kam er zu höchsten Weihen, er dribbelte, raste auf der rechten Aussenbahn, schoss in seiner Karriere hunderte Tore. Zu einem Torerfolg reicht es Mané Garrincha im Vorrundenspiel der WM 1958 gegen die UdSSR zwar nicht. Bei dieser in Schweden ausgetragenen WM-Endrunde aber, meisselt Manuel Francisco dos Santos, so sein bürgerlicher Name, mit seinen Flügelläufen …

Artikel lesen