Tatort
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Der erste Nürnberg-«Tatort»: Franken-Erotik, handfest und todesmutig

Bild: ard

Der erste «Tatort» aus Franken: Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel werden als ortsfremde Ermittler mit einem Nürnberg konfrontiert, das heruntergekommen, aber erotisch aufgeschlossen ist. Geht gut los.

Christian Buss



Ein Artikel von

Spiegel Online

«Wieso Nürnberg?» – «Wieso nicht Nürnberg?» Am Anfang gibt es diesen Dialog, der lakonisch die Fremdheit der beiden neuen Ermittler Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) auf den Punkt bringt: Sie wurden reingeworfen in diese Welt, in der die Menschen um sie herum Fränkisch brabbeln wie die Bierbrauer, während sie in ausgewähltem Hochdeutsch für sich selbst und die regionsfremden «Tatort»-Zuschauer Sinn in die Ausführungen der anderen zu bringen versuchen.

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Hauptkommissar Felix Voss. bild: ard

Ringelhahn kommt aus dem Osten und hat schon zu Mauerzeiten rübergemacht ins Fränkische; das heiter dreinblickende Küstenkind Voss ist frisch in Nürnberg eingetroffen. Von Verhör zu Verhör pendelnd bleibt Zeit für ein bisschen industriegeschichtliches Sightseeing. Einmal fahren die beiden ein verwaistes Gewerbegebiet entlang und Ringelhahn erklärt, zu wem all die Gebäude gehören: Quelle, Adler, AEG, «lauter untergegangene Weltunternehmen».

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Voss und Hauptkommissarin Paula Ringelhahn treffen sich zum ersten Mal. bild: ard

Nürnberg, die Ex-Wirtschaftsmetropole? Nicht ganz. Offensichtlich wird an anderer Stelle einträglich geforscht, gerechnet und geschraubt. Die beiden Polizisten landen irgendwann in einem Unternehmen, das an modernen Flugobjekten arbeitet, man will sich da nicht genauer äussern. Später wird Ringelhahn und Voss von höherer Stelle zugeraunt, es handle sich wohl um geheime Aufträge für das Pentagon, Raketenkopfforschung oder so. «Nato-restricted», y'know.

Bierbrauer und Raketenbauer

Jetzt ist einer der Raketenkopfforscher tot; er wurde erschossen und mit heruntergelassener Hose in seinem Auto in einem einsamen Waldstück aufgefunden. Von der Geliebten fehlt jede Spur, aber der Tod trat offensichtlich mitten im Geschlechtsakt ein – was den Forensiker Michael Schatz (Matthias Egersdörfer) dazu verleitet, mundartlich über den kleinen und den grossen Tod sowie den Moment der vollendeten Hingabe zu philosophieren. Franken-Erotik, handfest und todesmutig.

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Julia Ranstedt, die Witwe des Raketenkopfforschers. bild: ard

Von solchen schönen kleinen Momenten gibt es viele in diesem «Tatort». Dabei hatte er keine einfache Produktionsgeschichte. Sidekick-Rollen wurden noch kurz vor Dreh ausgetauscht, und gerade machte sich Hauptdarsteller Hinrichs Luft über die mangelhaften Produktionsbedingungen des «Tatorts».

Teilweise ruckelt es in der Auftaktepisode, und doch findet Regisseur und Autor Max Färberböck eine angenehme Leichtigkeit. Er führt (mit Co-Autorin Catharina Schuchmann) pflichtschuldig, aber unkompliziert in das neue TV-Revier und seine sozioökonomischen Koordinaten ein – und öffnet darin Raum für das grosse menschliche Drama.

Truffaut und Demy lassen grüssen

Färberböck hat zuvor die aussergewöhnliche Münchner «Tatort»-Folge «Am Ende des Flurs» gedreht, in der es um männliche Projektionsmechanismen, aber auch seltene Formen wahrer männlicher Hingabe ging. In dem Franken-«Tatort» nun rückt er, ohne dass einem das am Anfang wirklich auffällt, eine weibliche Figur ins emotionale Zentrum. Eine Nachbarin des Mordopfers, die Ulrike C. Tscharre («Im Angesicht des Verbrechens») zugleich verletzlich und verletzend spielt.

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Charlotte Pahl wird verhört. bild: ard

«Tatort»

«Der Himmel ist auch ein Platz auf Erden»

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD.

Wie Färberböck sie mal aus der Fern-, mal aus der Nahperspektive in Szene setzt, ohne ihr letztes Geheimnis zu offenbaren, das erinnert an die Frauen-Filmer aus dem Umfeld der französischen Nouvelle Vague, an François Truffaut, Jacques Demy und Peter Brook.

Dafür nimmt man sogar einige Plot-Hänger in Kauf. Vieles bleibt angerissen in diesem «Tatort», die Ermittler hängen noch ein wenig in der Luft. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht; statt ihnen gleich einen extrem schweren Rucksack mit krimineller und psychosexueller Vorgeschichte umzuschnallen, so wie jüngst bei den neuen Berliner «Tatort»-Ermittlern geschehen, bleibt hier Entwicklungsspielraum für Hinrichs und Manzel.

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Kommissarin Wanda Goldwasser. bild: ard

Manche Szenen mit den beiden wirken lässig improvisiert, andere strahlen durch Pointentreffsicherheit. Etwa die, in der sie sich von ihrem Film-Chef anpflaumen lassen müssen, weil sie durch ihre Ermittlungen für Unruhe sorgen. BND, Ministerien, alle in Aufruhr. Sogar die «Hauptstadt» hat sich gemeldet – was in Nürnberg bezeichnenderweise nicht Berlin meint, sondern München. Gefürchtetes, gehasstes, verachtetes München. Oder wie der gebürtige Nürnberger Polizeichef sagt: «Hier waren die Kaiser, da haben die sich noch mit Knödeln beworfen.»

Also, strampel dich wieder hoch zum Glanz vergangener Zeiten, Nürnberg! Dieser «Tatort» ist schon mal ein guter Anfang.

(lue)

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