Tatort
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Tatort vom 23.11.2014 Bilder: daserste.de

Die Kommissare Bootz und Lannert. bild: daserste.de

«Eine Frage des Gewissens»

Justiz-«Tatort» aus Stuttgart: Täter tot, Bulle breit

«Polizeiliche Willkür»? Lannert erschiesst einen Geiselnehmer, Bootz lässt sich im Frust volllaufen, ein Anwalt will die beiden vor Gericht bringen. Der Stuttgarter «Tatort» ist ein zermürbender Justiz-Krimi – mit allzu zartem Ende.

Christian Buss

Ein Artikel von

Spiegel Online
Tatort vom 23.11.2014 Bilder: daserste.de

Der Geiselnehmer und sein Opfer. Bild: daserste.de

In den Augen des anderen will er es gesehen haben. Der krakeelende Geiselnehmer hatte die Pistole auf den Wachmann gerichtet, drohte abzudrücken. Thorsten Lannert (Richy Müller) drückte schneller ab. Eben weil er beim Gegenüber den Willen zum Töten wahrgenommen zu haben glaubte. Der Gangster stirbt, die Geisel überlebt, ein finaler Rettungsschuss also.

Tatort vom 23.11.2014 Bilder: daserste.de

Lannert schiesst. Bild: daserste.de

Oder doch nicht? Wenig später muss Lannert zur offziellen Anhörung beim Staatsanwalt. Ruhig schildert er den Ablauf des Supermarktüberfalls, Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) hingegen ist aufgewühlt. Warum wird sein Kollege wie ein Verbrecher behandelt, obwohl er ein Leben gerettet hat? Und das unter Einsatz seines eigenen. Für ihn steht fest, dass Lannert das einzig Richtige getan hat – obwohl er selbst, Bootz, genau in dem Moment des Schusses auf dem Boden gelegen hat und gar nichts mitbekommen hat. Er sagt trotzdem für den Kumpel aus, Ehrensache. Ein Fehler.

Tatort vom 23.11.2014 Bilder: daserste.de

Bootz im Supermarkt. Nur leider hat er den Tathergang nicht gesehen. Bild: daserste.de

Der ehrgeizige Anwalt Christian Pflüger (Michael Rotschopf), der die Mutter des erschossenen Geiselnehmers vertritt, kann ihn so vor sich hertreiben. Bootz' gutgemeinte Lüge könnte seinem Kollegen Lannert das Genick brechen. Der Jurist Pflüger ist ein harter Hund, er hat sich auf Opfer «polizeilicher Willkür» spezialisiert, Schwachpunkte des Gegners spürt er sofort auf.

Lannert nimmt es professionell, der Anwalt mache schliesslich auch nur seinen Job. «Mit einem Bein steht man im Gefängnis, mit dem anderen auf dem Friedhof», sagt er. Der nach einer Trennung – die Kinder sieht er nur noch jedes zweite Wochenende – sowieso schon labile Kollege Bootz stürzt sich noch tiefer in den Alkohol

Der Rechtsstaat tut weh. Muss wehtun.

Die «Tatort»-Folge «Eine Frage des Gewissens» führt weit hinein in die schwierigen Abwägungsprozesse des Rechtsstaates: Da sind die beiden integer erscheinenden Cops, die sich unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Zu Recht. Da ist der perfide erscheinende Anwalt, der jeden Schwachpunkt der beiden aufzuspüren versucht. Zu Recht.

Das tödliche Szenario muss nun mal in allen rechtlichen und psychologischen Aspekten rekonstruiert werden. Der Rechtsstaat tut weh, muss weh tun.

Der Regisseur Till Endemann hat zuletzt nach einem realen Fall das Gerichtsdrama «Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz» in Szene gesetzt, der von dem vier Jahre zu Unrecht in Haft sitzenden Installateur erzählte. Das Autorenteam Sönke Lars Neuwöhner und Sven Poser hat unter anderem den aufsehenerregenden Polit-«Tatort» «Blutdiamanten» geschrieben. Neuwöhner war Co-Autor des letzten «Tatort» aus Stuttgart, einem Undercover-Knast-Schocker, Poser entwickelte für das ZDF auch die bahnbrechenden «Solo für Schwarz»-Reihe.

Die Kids kommen, Paps räumt die Flaschen weg

In ihrem «Tatort» stellen die drei Filmemacher den Glauben der beiden Polizei-Protagonisten an den Rechtsstaat auf eine harte Probe. Der Anwalt lässt nichts unversucht, ihnen schuldhaftes Verhalten nachzuweisen. Und der unter seiner Trennung leidendende Bootz bietet ihm im Verlauf der Untersuchungen auch noch Vorlage um Vorlage: Er schleppt Tüten voller Weinflaschen in die verwaiste Wohnung und sucht dann auch noch die Zeugin des Supermarktüberfalls auf – die er dann ermordet in ihrem Apartment findet.

Gerade aber durch diese Wendung nehmen die Filmemacher ihrem Justiz-Krimi den psychologischen Druck und die tragische Wucht: Statt weiter in der zermürbenden Konfrontation zwischen Gewissen und Rechtsstaat gefangen zu sein (ein Zustand, wie ihn der Film «Der Fall Metzler» bis an die Schmerzgrenze durchspielte), kriegen die Cops einen neuen Fall mit einem Täter. Sie sind nicht mehr ihrer Ohnmacht ausgeliefert, sondern aktiv bei der Jagd auf den Täter.

Für die Krimidramaturgie mag das Sinn ergeben, dem schwierigen Thema entzieht man sich dadurch. Zumal die Auflösung am Ende ganz die Parteilichkeit des Zuschauers für die beiden Kommissare wiederherstellt. Am Ende hilft der eine Kommissar dem anderen zärtlich seine Wohnung von den leeren Flaschen und Pizzapackungen zu säubern, damit sich die Kinder während ihres Besuchs bei Papa richtig wohl fühlen.

Wir wollen ja nicht sadistisch klingen, aber: Glaube an den Rechtsstaat erschüttert, Familie futsch, da hätte Bootz nach unserem Geschmack noch ein bisschen tiefer und länger ins Glas schauen dürfen.



Das könnte dich auch interessieren:

AfD-Politikerin Alice Weidel ist heimlich wieder in die Schweiz gezogen

Link zum Artikel

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Link zum Artikel

2 mal 3 macht 4! – Das wurde aus den Darstellern von «Pippi Langstrumpf»

Link zum Artikel

Greta Thunberg wollte Panik säen, erntet nun aber Wut

Link zum Artikel

Pasta mit Tomatensauce? OK, wir müssen kurz reden.

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Oppos Reno 5G ist ein spektakuläres Smartphone – das seiner Zeit voraus ist

Link zum Artikel

MEI, Minarett und Güsel: Das musst du zum Polit-Röstigraben wissen

Link zum Artikel

Ich hab die 3 neuen Huawei-Handys 2 Monate im Alltag getestet – es gab einen klaren Sieger

Link zum Artikel

Keine Hoffnung auf Überlebende nach Unwetter im Wallis ++ Gesperrte Pässe in Graubünden

Link zum Artikel

Immer wieder Djokovic – oder Federers Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit

Link zum Artikel

QDH: Huber ist in den Ferien. Wir haben ihn vorher noch ein bisschen gequält

Link zum Artikel

YB-Fan lehnt sich im Extrazug aus dem Fenster – und wird von Schild getroffen

Link zum Artikel

10 Tweets, die zeigen, dass in Grönland gerade etwas komplett schief läuft

Link zum Artikel

Wahlvorschau: Die Zentralschweiz ist diesmal nicht nur für Rot-Grün ein hartes Pflaster

Link zum Artikel

Sogar Taschenrechner verwirrt: Dieses Mathe-Rätsel macht gerade alle verrückt

Link zum Artikel

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 4: Die Zweifel des Insiders

Link zum Artikel

Uli, der Unsportliche – warum GC-Trainer Forte in Aarau unten durch ist

Link zum Artikel

Die Bloggerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand, ist tot, ihre Fantasie war grenzenlos

Link zum Artikel

Google enthüllt sechs Sicherheitslücken in iOS – das solltest du wissen

Link zum Artikel

Der neue Tarantino? Ist Mist. Aber vielleicht seht ihr das ganz anders

Link zum Artikel

Wohin ist denn eigentlich die Hitzewelle verschwunden? Nun, die Antwort ist beunruhigend

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Ab heute lebt die Welt auf Ökopump – und diese Länder sind die grössten Umweltsünder

Link zum Artikel

ARD-Moderatorin lästert über «Fortnite»-Spieler und erntet Shitstorm – nun wehrt sie sich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

Themen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Gedreht in einem Take – Regisseur Levy über den Schweizer «Tatort» ohne Schönheits-OP

Am 5. August geht die «Tatort»-Saison wieder los. Ausgerechnet mit Luzern. So spektakulär hätten wir Flückiger und Ritschard gern immer gesehen, nicht erst in einem ihrer letzten Fälle.

Es gibt alte Verbrechen und junge Tote. Glitzer, Liebeswirren, schöne Frauen, klassische Musik und Gift, viel Gift. Und alles in Echtzeit, innerhalb von 90 Minuten, an genau einem Ort, von genau einer Kamera gefilmt. Die erste «Tatort»-Folge der neuen Saison heisst «Die Musik stirbt zuletzt». Gedreht wurde sie im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Ein irres Experiment, ein Adrenalin-Akt für die Schauspielerinnen, Schauspieler und 1200 Statisten, ein Triumph für Kamera und Regie, …

Artikel lesen
Link zum Artikel