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«Tatort» im Faktencheck: Wie viel Hintergrund zum realen Flammentod des Asylbewerbers Oury Jalloh steckt im aktuellen Fall?



Ein Asylbewerber verbrennt in der Obhut der Polizei. In Deutschland unmöglich? Nein, der aktuelle «Tatort» basiert auf dem Flammentod von Oury Jalloh. Wie nah kommt der Krimi dem realen Fall?

12.10.15, 07:43 12.10.15, 09:17

Jens Witte

Ein Artikel von

Ein afrikanischer Flüchtling liegt an Armen und Beinen gefesselt in der Zelle einer Polizeiwache. Der Mann verbrennt – und von den wachhabenden Polizisten will niemand dafür verantwortlich sein. Es sind verstörende Ermittlungen für die «Tatort»-Kommissare Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) bei ihrem letzten gemeinsamen Fall.

Die vom NDR produzierte Episode «Verbrannt» beruht auf dem Fall von Oury Jalloh. Der Asylbewerber aus Sierra Leone verbrannte am 7. Januar 2005 in Dessau – in Polizeigewahrsam. Anders als die Vorlage spielt der Film nicht in Sachsen-Anhalt, sondern im niedersächsischen Salzgitter. Das zeigt bereits: Es ist kein Doku-Krimi. Aber welche Fakten haben die «Tatort»-Macher übernommen? Ein Realitätscheck.

Welche Parallelen gibt es?

Die Umstände des Todes werden im Film ziemlich exakt abgebildet: Auch Oury Jalloh wurde in eine Zelle im Untergeschoss des Polizeireviers gesperrt, in der es kein Mobiliar gab, sondern nur einen gefliesten, beheizten Betonblock, auf dem eine Matratze lag. Jalloh wurde ebenfalls auf dem Rücken liegend mit Hand- und Fussfesseln an vier Halterungen fixiert.

Kann der Gefesselte so überhaupt den schwer entflammbaren Überzug der Matratze in Brand gesetzt haben? Mit einem bei seiner Durchsuchung übersehenen Feuerzeug? Diese Fragen wurden im Fall Jalloh laut. Der Fernsehkommissar hat dieselben Zweifel. Und wie im Film ignorierten die diensthabenden Beamten zunächst den Feueralarm aus der Zelle und reagierten zu langsam.

Der Revierleiter im «Tatort» und seine Beamten schweigen beharrlich. Im Fall Oury Jalloh stellte ein Richter 2008 erzürnt fest: Das Gericht habe nicht die Chance gehabt, «das, was man ein rechtsstaatliches Verfahren nennt, durchzuführen». Polizisten hätten als Zeugen «bedenkenlos und grottendämlich» falsch und unvollständig ausgesagt.

Ist solch ein Verhalten ein Einzelfall?

Wenn Polizisten das Gesetz brechen, verweigern sie offenbar häufig Aussagen und decken sich gegenseitig. Zu diesem Ergebnis kommt Tobias Singelnstein, Professor für Strafrecht an der FU Berlin, laut dem Recherchezentrum «Correctiv».

Rafael Behr, Professor an der Polizeiakademie in Hamburg, kritisiert: Unbedingte Solidarität sei das Schmiermittel einer funktionierenden Polizei-Kameradschaft. «Jeder Polizist kommt einmal in die Situation, Gründe für Anzeigen zu liefern. Dann gilt das Gesetz: Wir halten zusammen.»

Gibt es Unterschiede zwischen Krimi und realem Fall?

Die auffälligste Abweichung: Im Film ist der Täter innerhalb weniger Tage ermittelt. Aber die Frage, warum Oury Jalloh starb, ist auch mehr als zehn Jahre nach seinem Tod nicht beantwortet. Das Landgericht Magdeburg verurteilte den ehemaligen Dienstgruppenleiter der Polizei wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10'800 Euro – aufgrund von Versäumnissen bei seinen Überwachungspflichten. Der Bundesgerichtshof wies 2014 alle Einsprüche gegen das Urteil zurück.

Im November 2013 hatte die Initiative «Break The Silence», ein Zusammenschluss von Unterstützern Jallohs, ein eigenes Brandgutachten vorgestellt. Dabei wurde der Verdacht nahegelegt, ein unbekannter Täter habe sich Zugang zur Zelle verschafft und dort die Matratze angezündet. Ende Oktober will die Initiative neue Erkenntnisse präsentieren.

Im «Tatort» wurde die Handlung in vielen weiteren Punkten angepasst, um die beiden Kommissare einzubinden. So verlief zum Beispiel die Festnahme bei Oury Jalloh völlig anders. Er wurde nicht von Polizisten observiert, weil er mutmasslich mit gefälschten Pässen handelte. Der 36-Jährige wurde in Gewahrsam genommen, nachdem sich zwei Reinigungskräfte in einem Dessauer Park von dem stark angetrunkenen Mann belästigt fühlten.

Fiktion ist somit auch die Prügelszene von Kommissar Falke, in der er den am Boden liegenden Flüchtling mehrfach brutal schlägt. Das schlechte Gewissen nach diesem Ausraster ist es auch, das ihn dazu bringt, die Ermittlungen zu übernehmen – obwohl er als Bundespolizist gar nicht zuständig ist.

Wer ermittelt normalerweise in solchen Fällen?

Einige Bundesländer haben Dezernate für interne Ermittlungen eingerichtet, die beim Verdacht auf Straftaten von Kollegen aktiv werden. Oft übernehmen Beamte anderer Dienststellen diese Ermittlungen, etwa aus einem benachbarten Landkreis. Damit soll ein gewisses Mass an Objektivität gewahrt werden.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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