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Conchita Wurst mit dem Siegersong «Rise Like A Phoenix» Video: YouTube/Eurovision Song Contest
Eurovision Song Contest

Die Sissi 2.0 heisst Conchita Wurst und rettet Europa für eine Nacht

11.05.2014, 03:0729.08.2014, 16:15

Ich weiss nicht, ob Sie die beiden gefunden haben, letzte Nacht. Die beiden lustigen Männer, die als Schattenarmee hinter dem Strahle-General Sven Epiney den ESC ko-kommentierten. Gabriel Vetter (der «Güsel»-Vetter) und der patente Psychoanalytiker Peter Schneider begleiteten nämlich den ESC auf Radio SRF3 und im Fernsehen via Zweikanalton. «Lieber Rotwein als Totsein» war ihr Motto im Studio-Grotto. «So Manor-Herbstkatalog-Scheiss», sagte Vetter zum rumänischen Beitrag, und die Frisur des Sängers sei wie der Ort, wo der Volkstribun wohnt «en Häärliberg». Die pornografischen Polinnen nannte er «Haushaltshilfen mit Masturbationshintergrund, nein, das sollte ich nicht sagen» und Schneider frotzelte angesichts der schwer dekolletierten polnischen Butterstampferin: «Aus Muttermilch wird Buttermilch.»

Die Sprache der dänischen Gastgeber klänge «als würde man Hitler ersäufen», die finnische Band «wie Coldplay auf Lauwarm», und weil die Schwedin Céline Dion zum Vorbild hat, gehe «jedes Mal, wenn sie singt, irgendwo ein Passagierschiff unter». Als die unvermeidliche Helene Fischer die deutsche Punktevergabe verkündete, rief Vetter: «Näi, hör mer uff! Hau mer ab mit dere! Wääh!», und ich schwöre, er war nicht der einzige, der das dachte. 

Irgendwann waren sie die letzten im Radiostudio und sie lasen sich und uns aus der «Tierwelt» vor, es hatte irgendwas mit Kot zu tun. Und immer wieder die Mahnung, dass das Geglitzer aus Kopenhagen bloss eine einzige Nacht sei in diesem Prozess, der Europa heisst und an viel zu vielen Enden Scheitern bedeutet. Von der bezaubernden, betörenden, unfassbar umwerfenden Conchita Wurst waren sie beide Fans, und nur Kurt Aeschbacher («ohne Helm und ohne Gurt – einfach Kurt», Zitat Vetter) war enttäuscht: Die Schweiz vergab ihre Punkte als 35. Land, doch schon nach dem 34. stand Conchita als Siegerin fest.

Da sind sie noch beim Bier, später wird Rotwein draus: Peter Schneider (l.) und Gabriel Vetter im Studio.
Da sind sie noch beim Bier, später wird Rotwein draus: Peter Schneider (l.) und Gabriel Vetter im Studio.bild: srf

Conchita ist nun also Europa. Die Mann-Frau mit Bart. Und verkörpert die Essenz des ESC: Seinen Kitsch, sein Pathos, seine Absicht, ein idealistischer Schmelztiegel von einander konträren Mächten zu sein. Sie macht das blendend, mit Grazie, Würde und berührend vielen Tränen, sie war die Favoritin und sie ist die Siegerin, der Herzen und gewiss auch der Downloads, denn «Rise Like A Phoenix» ist eine Hymne, an der man stundenlang selig zugrunde gehen kann.

Conchita ist Sissi 2.0, keine Frage. Danke dafür, Europa. Conchita, notre amour. Und Peter Schneider und Gabriel Vetter. Die eine erhaben, die andern erhebend.

«Sebalter, Salpeter, Sepp Halter», kalauert Gabriel Vetter über den formidabel abschneidenden Tessiner.
«Sebalter, Salpeter, Sepp Halter», kalauert Gabriel Vetter über den formidabel abschneidenden Tessiner.Bild: AFP
Der polnische Butter-Porno 
Der polnische Butter-Porno Bild: AFP

Und dann war da noch die Schweiz. Der Herr Wirtschaftsanwalt, dessen Namen ich, ehrlich gestanden, bis letzte Woche noch nicht kannte, und der sich jetzt mit seinem lüpfigen Sternenfänger «Hunter of Stars» auf den 13. Platz gesungen und gepfiffen hat. Das beste Ergebnis für die Schweiz seit 2005, als die Girl-Group Vanilla Ninja aus Estland für die Schweiz sang und auf dem 7. Platz landete. Das hatten seither weder DJ Bobo noch die Lovebugs, Michael von der Heide oder Anna Rossinelli geschafft, Sebalters 13 ist also mehr als respektabel und äusserst freundlich von Europa, es hätte die Schweiz nämlich nach der Abstimmung vom 9. Februar auch einfach ignorieren können. Aber es gibt bekanntlich diese zweite Sprache neben der Sprache der Liebe, und das ist die Sprache der Lieder, und auch wo Schweizer singen, lassen sich andere Völker offenbar gerne nieder. Das ist schön. 

Ebenfalls schön war der Auftritt eines gewissen Pilou Asbaeck als Moderator, aber das ist jetzt eine Insider-Info für Fans des dänischen Serienschaffens, Asbaeck spielt den politischen Berater Kasper Juul in «Borgen». Die Show der Dänen war lange Zeit über recht tadellos, statt peinlichen Akrobaten gab es Pyrotechnik, doch dann konnten auch sie, die doch zu den geschmackssichersten Menschen Europas gehören, es nicht lassen, schickten blöde Clowns auf hohen Leitern auf die Bühne und liessen die drei Moderatoren gesanglich die Zahl Zwölf aus den berühmten «douze points» reflektieren. Ein Fauxpas, zweifellos. 

Pilou Asbaeck (l.) und seine Ko-Moderatoren
Pilou Asbaeck (l.) und seine Ko-ModeratorenBild: AFP

Und sonst? Es hatte schon mehr unappetitliches Fleisch am gigantischen Knochen des ESC zu sehen gegeben als heuer, es herrschte – ausser bei den zügellosen Polinnen – schon fast eine gewisse Dezenz und eine ganz leicht langweilige Konzentration aufs Musikalische. Wie bei den Federers war eine allgemeine Spielerei mit Zwillingsmotiven (und Sportgeräten) zu erkennen, und beinah alle Wettbewerbsteilnehmer trugen Unterarm-Tattoos. Auch die früheren Länderblöcke verhielten sich nicht so extrem wie früher, der Osten neigt sich jetzt stärker dem Westen zu, und der Westen verneigte sich fast integral vor Österreich. «30 Prozent der Österreicher wünschen sich wieder einen Führer», sagte Peter Schneider, bevor er das Radio verliess und wahrscheinlich mit der «Tierwelt» zu Bett ging, «wenn das Conchita wäre, ich hätte nicht einmal was dagegen.»

(sme)

Die Resultate finden Sie unter songcontest.ch

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