Uli Hoeness
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Bayern Munich's president Uli Hoeness (top C) and chief executive Karl-Heinz Rummenigge (top L) celebrate during the Champions League round of 16 second leg soccer match between against Arsenal in Munich, March 11, 2014. The president of German soccer team Bayern Munich, who has admitted evading millions of euros of taxes, hid even more income than he said, a tax inspector told his trial on Tuesday. Picture taken March 11, 2014.  REUTERS/Michaela Rehle (GERMANY  - Tags: SPORT SOCCER)

Uli Hoeness in Jubelpose beim Champions-League-Match des FC Bayern München gegen Arsenal. Bild: X01425

Geld? Ist ihm egal. Er will geliebt werden.

Steuersünder Hoeness: Der Narzisst

Der Uli Hoeness, der sich wegen Steuerhinterziehung verantworten muss, scheint ganz anders als der Bayern-Präsident: vergesslich, dünnhäutig, unbeherrscht. Doch das Verhalten passt ins Schema. Denn der Narzisst Hoeness kämpft nur um eines: Liebe. 

Ein Artikel von

Spiegel Online

Sara Peschke, Spiegel Online

In der einen Welt ist Uli Hoeness alles zugleich: oberster Befehlshaber und selbstloser Sozialarbeiter, erfolgreicher Geschäftsmann und gefühlsechter Fußballfan. Er bestimmt, was richtig und was falsch ist, er ist stark und selbstbewusst, er wird geliebt. Diese Welt hat sich Uli Hoeneß selbst gebaut, auf stabilen Pfeilern. Weit weg von dem Saal im Münchner Landgericht, in dem er sich dieser Tage wegen Steuerbetrugs in Millionenhöhe verantworten muss.

In der anderen Welt gibt es einen stickigen Raum voller Juristen, Journalisten und Zuschauer. Hoeness ist darin weder Ankläger noch Richter. Er ist der Beschuldigte. «Ulrich H.» nannten ihn viele überrascht und schadenfroh, als im vergangenen Jahr die Vorwürfe gegen den 62-Jährigen bekannt wurden. Es schien, als gebe es plötzlich zwei Uli Hoeness': den omnipotenten Macher und den kranken Zocker, dem zuletzt alles unter den Händen zerrann.

«Dieses Geld war für mich virtuelles Geld, wie wenn ich Monopoly spiele.»

Hoeness im «Zeit»-Interview vom 2. Mai 2013

Nur: Es gibt nicht zwei Welten. Es gibt nur den einen Hoeness; einen, der beides zugleich ist, weil jede Seite die andere bedingt. Den Narzissten Uli Hoeness. Seine Selbstverliebtheit nährt die ausserordentliche Entwicklung des FC Bayern München ebenso wie die einst wuchernden Geldbeträge auf den Bankkonten in der Schweiz.

Psychodramatische Choreografie des Prozesses

Beobachter des ersten Verhandlungstages in München wollten nicht glauben, dass sich der sonst so selbstsichere und selbstgerechte Uli Hoeness von seinem Anwalt zurechtweisen liess: "Aber Herr Hoeness, die Gäule gingen doch bei Ihnen durch! Wie ein Verrückter haben Sie telefoniert!", fuhr Verteidiger Hanns W. Feigen seinen Mandanten an, nachdem Hoeness einen Einfluss der "Stern"-Recherchen auf seine Selbstanzeige verneint hatte.

«Ich habe wie Zigtausende Selbstanzeige erstattet. Die einzige (Selbstanzeige), die diskutiert wird, ist meine.»

Hoeness auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern (2013)

In dieser kleinen Szene offenbarten sich Hoeness' Persönlichkeit und die Choreografie des Prozesses. Denn es ist nicht anders denkbar, als dass Hoeness und sein hochbezahltes Anwaltsteam sich im Vorfeld sehr genau überlegt haben, wie sie den Mandanten vor Gericht und in der Öffentlichkeit erscheinen lassen wollen: als einen guten Menschen, dem irgendwann die Kontrolle entglitt, als einen Getriebenen, der nicht mehr wusste, was mit seinem Geld passierte und deshalb keine Konsequenzen überriss.

«Ich halte mich nicht für krank, wenn Sie das meinen. Zumindest heute nicht mehr. Sollte ich vor Gericht müssen, erscheine ich dort nicht als kranker Mann. Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert.»

Hoeness im «Zeit»-Interview vom 2. Mai 2013

Ein vergesslicher Uli Hoeness? Einer, der die Details seines Handelns nicht mehr erinnert? Wohl kaum. Auch wenn er vor Gericht immer wieder betonte, die Geschäfte seinem Devisenhändler anvertraut zu haben, und man gerne glaubt, dass er irgendwann überfordert war von der grossen Finanzwelt: Uli Hoeness ist nicht unzurechnungsfähig. Er ist berechnend.

«Ich weiss, dass es blöd ist, aber ich zahle volle Steuern.»

Hoeness vor dem Bekanntwerden seiner Steuervergehen.

«Sie wollten ihn zwar nicht zum pathologisch-steuerungsunfähigen Zocker stilisieren, dieses Bild hätte Hoeness von sich nie zugelassen», sagt der forensische Psychiater Christian Kraus. «Aber Ziel war es, jeden davon zu überzeugen, dass er kein kaltblütiger Krimineller ist.» So ist vermutlich die Reaktion Feigens zu deuten, der sich einerseits über den aus der Marschroute ausscherenden Hoeness ärgerte, die Situation aber andererseits sofort mit Improvisationsgeschick dazu nutzte, den Angeklagten durch die Zurechtweisung menschlich wirken zu lassen.

Kampf um den Ruf als Gutmensch

Es ist bezeichnend, dass Hoeness sich selbst in der für ihn scheinbar ausweglosen Situation nicht voll und ganz auf einen anderen verlassen kann, sogar Ratschläge missachtet. «Es hat das Gefühl, dass er auch in so einem Moment noch das Zepter in der Hand hat», sagt Kraus, «er kann nicht anders. Seine Überheblichkeit und Unbelehrbarkeit verbieten es ihm.»

«Ich habe nie unversteuertes Geld in die Schweiz gebracht.»

Hoeness im «Zeit»-Interview vom 2. Mai 2013

Der Psychiater Kraus hat sich lange Zeit mit den narzisstischen Wesenszügen Uli Hoeness' beschäftigt, in der kürzlich erschienenen Biografie über den Bayern-Präsidenten (Peter Bizer: "Uli Hoeness - Nachspiel") bildet sein Aufsatz über "Die Gier nach Grösse" den Abschluss. Darin heisst es: «Narzissten sind oft betriebsame oder getriebene Menschen. Zur Ruhe kommen fällt ihnen schwer.» Sie wollen ihr Handeln stets selbst bestimmen, Kontrolle ausüben über alles, was um sie herum geschieht, und dafür bewundert und anerkannt werden.

So ist es nur logisch, dass Hoeness seit dem vergangenen April jegliches Reden und Denken über sich beeinflussen will - in eine Richtung, die ihn als den herzensguten Menschen erscheinen lässt, als den er sich am liebsten sieht. Bereits im ersten Interview nach Bekanntwerden der Vorwürfe, es war ein ausführliches Gespräch in der «Zeit», nutzte er den Raum, um sich selbst als Opfer seiner Sucht zu inszenieren. «Ich halte mich nicht für krank, wenn Sie das meinen. Zumindest heute nicht mehr. Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert», sagte er.

«Immer hatte ich im Hinterkopf: Du musst das lösen, du musst das bereinigen. Diese Gedanken waren immer da.»

Hoeness im «Zeit»-Interview vom 2. Mai 2013

Sein Sohn Florian, bei dem Gespräch ebenfalls anwesend, übernahm damals die Rolle, die im Prozess Anwalt Feigen zukommt: Hoeness in die Nähe der Willenlosigkeit zu rücken. «Ich darf sagen, dass die Familie das anders sieht», warf Florian Hoeness ein. Ein redaktionell überarbeitetes und autorisiertes Interview ist nicht gleichzusetzen mit dem Geschehen vor Gericht, doch die Parallelen sind erstaunlich. Damals wie heute versuchen Hoeneaa und seine Vertrauten, seinen Ruf zu retten und zu beweisen, dass der wahre Uli Hoeneaa kein Krimineller ist. «Nichts ist schlimmer für einen Narzissten wie ihn, als nicht mehr geliebt zu werden. Das ist eine Sucht», sagt Christian Kraus. «Es ist ihm egal, ob er eine Millionen-Strafe zahlen muss. Solange sein Ansehen nicht leidet.»

«Das Stadion ist seine Trutzburg»

Hoeness hat seit dem vergangenen April viel getan für sein Ansehen. Er hat in der Öffentlichkeit darüber gesprochen, wie viel er für wohltätige Zwecke gespendet hat; etwas, was er zuvor allenfalls beiläufig erwähnte. Er hat sich mit den Fans getroffen, ihnen sogar Geschenke gemacht, als er um ihre Gunst fürchten musste. Bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern liess er sich von den Vereinsmitgliedern feiern, bis die Tränen flossen. Während des Prozesses besuchte er das Champions-League-Spiel der Münchner gegen Arsenal, um Nähe zum Fussball und zum Verein herzustellen, um zu zeigen: Ich bin's doch nur, euer Uli.

«Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Person dem Verein schadet, werde ich Konsequenzen ziehen. Adererseits steht der Verein sportlich und wirtschaftlich so gut da wie nie zuvor - und daran habe ich auch einen grossen Anteil.»

Hoeness im «Zeit»-Interview vom 2. Mai 2013

Peter Bizer, Autor der Hoeness-Biografie, sagt: «Das Stadion ist seine Trutzburg, es ist seine Welt. Er hoffte, dort die Sympathien zu finden, die er so dringend braucht.» Bizer, der vor 40 Jahren sein erstes Buch über Hoeness schrieb, belächelt dieses Verhalten als «kindlich», er sagt: «Hoeness hat jedes Mass verloren. In seinem Kopf herrschen andere Kriterien.» Die Masslosigkeit hat ihn unersättlich werden lassen - und erfolgeich.

Buchtipp

Mehr zur Persönlichkeitsstruktur Uli Hoeness' können Sie in Peter Bizers Buch "Uli Hoeness - Nachspiel" lesen. Ellert & Richter Verlag; Auflage: 1; 240 Seiten; 16,95 Euro.

«Ich habe weit mehr gespendet als den Betrag, den ich hinterzogen habe.»

Hoeness auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern (2013)

«Das Gefühl, jemand Besonderes zu sein, rechtfertigt besondere Regeln und Moralvorstellungen», schreibt der Psychiater Kraus über Narzissten. Uli Hoeness bestätigte diesen Wesenszug mit seiner Aussage vor Gericht: «Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich bin kein schlechter Mensch.» Dass der gute Mensch nun womöglich ins Gefängnis muss, wird er wohl nicht verstehen.

Wird Uli Hoeness heute zu Gefängnis verurteilt? watson berichtet für Sie live vom Prozess. Ab 9.30 Uhr im Ticker.



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Steueraffäre

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