Unvergessen
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Die Anzeigetafel mit dem legendären Ergebnis. Bild: Imago

Im Borussen-Duell brechen alle Dämme und am Ende fällt ein Dutzend Tore

29. April 1978: Gleich mit 12:0 fegt die Borussia aus Mönchengladbach die Borussia aus Dortmund vom Platz. Damit liegen die Fohlen gleichauf mit dem Leader aus Köln. Meister werden sie trotzdem nicht – der Sieg war zu knapp.

29.04.18, 00:01

Borussia Mönchengladbach und der 1.FC Köln starten mit gleich vielen Punkten in die letzte Meisterschaftsrunde. Die Ausgangslage scheint ausgeglichen, doch stehen die Anzeichen eines Kölner Triumphs wesentlich besser. Die Geissböcke treffen auf den Tabellenletzten St.Pauli und weisen vor dem Spiel ein um zehn Treffer besseres Torverhältnis auf.

Bei einem Kölner 1:0-Sieg bräuchte Gladbach, das zuhause auf Dortmund trifft, also einen 11:0-Erfolg. Wie sich eine solch scheinbar unmögliche Ausgangslage auf ein Spiel auswirken kann, zeigen die letzten 90 Minuten der Bundesliga-Saison 1977/78. 

Die Ausgangslage vor der letzten Runde

Bild: weltfussball.de

12:0 und trotzdem nur Vize-Meister

Um 15.30 Uhr stehen zwei Teams auf dem Rasen des Düsseldorfer Rheinstadions, deren Vorgeschichte nicht unterschiedlicher sein könnte. Auf Seiten der Fohlen, die wegen der nur noch sehr minimen Titelchancen völlig unbekümmert aufspielen können, kommt es zu einem Abschiedsspiel. Jupp Heynckes läuft nach 225 Spielen und 163 Toren zum letzten Mal im Dress der Gladbacher auf und er ist gewillt, für einen würdigen Schlusspunkt seiner erfolgreichen Karriere zu sorgen.



Auf der anderen Seite die Borussen aus Dortmund, welche den Ligaerhalt geschafft haben und ausser Ruhm und Ehre nichts mehr zu gewinnen haben. Als der erste Pfiff des Schiedsrichters ertönt, beginnt eine Zerstücklung des Gegners, wie es die Bundesliga noch nie gesehen hat und wohl bis lange in die Zukunft nicht mehr sehen wird.

Jupp Heynckes trifft beim historischen 12:0 fünf Mal. Bild: dfb.de

Es dauert ganze 27 Sekunden, da zappelt der Ball bereits das erste Mal hinter Dortmunds Goalie Peter Endrulat; Jupp Heynckes köpft ein.

Das 1:0 nach 27 Sekunden durch Jupp Heynckes. Video: streamable

Und weil die Gäste am liebsten in den Kabinen geblieben und ein Bier getrunken hätten, steht es nach 45 Minuten bereits 6:0 für die Gastgeber. Wird der 29. April 1978 zum Wunder von Mönchengladbach? Ein Schwenker zum Konkurrenten aus Köln lässt den Traum am Leben. Im Stadion von St.Pauli steht es erst 1:0 für Köln.

Trainer Otto Rehhagel will reagieren und pfeift Siggi Held – den er überraschenderweise nur auf die Bank setzte – zu sich. Held erinnerte sich Jahre später für «11 Freunde» an die Situation: «Allen war klar, dass wir gegen diese Gladbacher keine Chance mehr haben werden. Ich habe Otto nur angeguckt und aus Flachs gekontert: ‹Soll ich das Spiel etwa noch drehen?›» Rehhagel habe kurz nachgedacht und dann geantwortet: «Du hast recht. Setz dich wieder hin.» Weder Held noch ein anderer Spieler wird eingewechselt: «Die armen Jungs aus der Startelf mussten durchspielen», erzählt Held.

Höchster Bundesliga-Sieg der Geschichte

Dafür ist es wieder Heynckes, der das Skore in Halbzeit 2 eröffnet. Dortmund dagegen scheint uninspiriert wie Held und will weder seinen Ruhm noch seine Ehre verteidigen. Die Spieler scheinen schon in den Ferien zu sein – fünf Tore später geht ihr Wunsch in Erfüllung. 12:0, Schluss und fertig. Am Ende habe gar der Schiedsrichter die Bälle aus dem Netz holen müssen, weil Dortmunds Torhüter nicht mehr wollte.

Das Team von Trainer Udo Lattek brachte es dagegen mit dieser Parforce-Leistung fertig, mit dem höchsten Bundesligasieg der Geschichte die Meisterschaft bis zur 90. Minute spannend zu halten. Und Jupp Heynckes verabschiedete sich eines Meisters würdig mit fünf Toren vom aktiven Fussball. Für die Dortmund-Spieler kam gemäss Held das Schlimmste aber noch: «Wir mussten in den folgenden Wochen für einige Testspiele über die Dorfplätze tingeln. Was wir uns da alles anhören mussten, war aber fast noch schlimmer als diese Niederlage gegen Gladbach.»

Alle Tore beim 12:0 von Mönchengladbach gegen Dortmund. Video: YouTube/Schullematiker

Die höchsten Bundesliga-Siege

29.04.1978: Gladbach – Dortmund 12:0
07.01.1967: Gladbach – Schalke 11:0
06.11.1982: Dortmund – Bielefeld 11:1
27.11.1971: Bayern – Dortmund 11:1
11.10.1984: Gladbach – Braunschweig 10:0
04.11.1967: Gladbach – Neunkirchen 10:0

Die Konsequenzen der Torflut

Nur hatte es das Schicksal mit den aufopfernden Fohlen nicht gut gemeint: St.Pauli konnte die nötige Schützenhilfe nicht leisten. Die schlechteste Defensive der Liga kassierte von Köln fünf Eier, was den dritten Meistertitel der Kölner zur Folge hatte. Punkte wiesen die Tabellenleader zwar gleich viele auf, doch bei Kölns Torverhältnis erschien ein +45, bei Mönchengladbach ein +42.

«Froh, dass wir nicht Meister wurden.»

Herbert Wimmer, Borussia Mönchengladbach

Der Meistertitel war lange nicht die einzige Konsequenz, welche die letzte Bundesliga-Runde mit sich trug. Nach der kapitalen Leistung von Dortmund leitete der Deutsche Fussball-Bund Untersuchungen wegen Manipulationsverdacht ein. Doch diese blieben erfolglos und die Verschwörungen eines Wettskandals verstummten bald. Trotzdem war im Nachhinein Gladbachs 6:0-Torschütze Herbert «Hacki» Wimmer «froh, dass wir nicht Meister wurden».

Auch bei Dortmund sorgte die Blamage trotz Ligaerhalt für Wechsel. Trainer Otto Rehhagel wurde entlassen und der bedauernswerte Goalie Endrulat – der eigentlich alles hielt, was auf seinen Kasten kam – büsste für die Nachlässigkeit seiner Vorderleute, indem er keinen weiteren Vertrag mehr erhielt.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

Die Bundesliga im Zeitraffer – wie sich die Liga seit 1991 verändert hat

16.05.1992: Eintracht Frankfurt verspielt den Meistertitel im letzten Moment, doch «Stepi» bleibt cool: «Lebbe geht weider»

Kultfigur Walter Frosch spielt mit einem Zigarettenpäckchen im Stutzen

03.01.2006: Der Bergdoktor ist da – Hanspeter Latour soll den 1. FC Köln vor dem Abstieg retten

10.03.1998: Trap hat fertig – diese dreieinhalb Minuten Kauderwelsch bleiben für die Ewigkeit

13.04.1995: Andy Möller kreiert mit der Schutzschwalbe eine neue Tierart

19.08.1989: Klaus «Auge» Augenthalers Weitschusstreffer wird Tor des Jahrzehnts

31.08.1993: Jay-Jay Okocha demütigt Oliver Kahn und drei KSC-Verteidiger mit einem Wahnsinnstanz in 11 Sekunden für die Ewigkeit

04.05.2002: Der Beweis dafür, dass Leverkusen keinen Titel holen kann – und es kam noch viel schlimmer

07.05.1991: «Mach et, Otze!» Kölns Ordenewitz will sich in den Pokalfinal tricksen – aber der DFB findet den Ordene-Witz nicht komisch

19.11.1994: Nach einer kuriosen Rote Karte und dem Last-Second-Ausgleich des KSC flippt Lothar Matthäus im Interview komplett aus

02.04.1974: Ob den Dortmundern bei der Einweihung schon bewusst ist, dass sie einmal das geilste Fussballstadion der Welt haben werden?

17.04.2004: Goalie Butt jubelt nach seinem verwandelten Penalty noch, als es in seinem Kasten klingelt

29.03.1970: «Decken, decken, nicht Tischdecken, Mann decken» – so kommentiert der Moderator des «Aktuellen Sportstudio» einen Beitrag über Frauenfussball 

Wolfgang Wolf wird Trainer der Wölfe in Wolfsburg – hihihi!

20.05.2000: «Ihr werdet nie deutscher Meister» – Ballacks Eigentor in Unterhaching macht Bayer endgültig zu «Vizekusen»

18.09.1999: Kuffour knockt Kahn aus und als Ersatzkeeper Dreher sich das Knie verdreht, werden «Tanne» Tarnat und der Kahn-Killer zu den grossen Matchwinnern

04.04.2009: Nie wurden die Bayern schöner gedemütigt als durch die Hacke von Grafite

23.09.1994: Mario Basler kommt auf die absurde Idee, eine Ecke direkt zu verwandeln und hat damit auch noch Erfolg

20.10.2000: Christoph Daums freiwillige Haarprobe ergibt, dass er doch kein absolut reines Gewissen haben darf

10.12.1995: Ciri Sforza sieht im TV, wie er ohne sein Wissen transferiert wird und wie seine Mitspieler bitterböse über ihn schimpfen

03.04.1999: Titan Kahn tickt komplett aus – erst knabbert er Herrlich an, dann fliegt er in Kung-Fu-Manier auf Chapuisat zu

18.08.1995: St.Paulis Tier im Tor «geht einer ab», wenn er in der 1. Liga Bälle halten kann

23.04.1994: Helmers Phantomtor, der berühmteste Nichttreffer der Bundesliga

08.11.1975: Weil er betrunken ist und sich so gut fühlt, pfeift Schiedsrichter Ahlenfelder schon nach 32 Minuten zur Halbzeit 

06.04.2002: Bundesliga-Goalie Piplica fällt der Ball von einem Kirchturm auf den Kopf und von dort fliegt er ins Tor

19.5.2001: Vier Minuten feiert Schalke den Titel, dann trifft Andersson in Hamburg mitten ins königsblaue Herz

09.05.1998: Die grösste Bundesliga-Sensation ist perfekt: Aufsteiger Kaiserslautern darf die Meisterschale in die Höhe stemmen

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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