Unvergessen
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ITALY'S BAGGIO SENDS BALL OVER NET AS BRAZILIAN GOALKEEPER TAFARREL DIVES WRONG WAY DURING SHOOTOUT AT WORLD CUP IN PASADENA.  Italy's Roberto Baggio sends the ball over the net (R) as Brazilian goalkeeper Claudio Tafarrel dives the wrong way during a shootout to decide the World Cup in Pasadena, California, July 17, 1994. Brazil won its record fourth World Cup 3-2 on penalty kicks, the first time ever the World Cup final was decided in a penalty shootout. SCANNED FROM NEGATIVE REUTERS/Gary Hershorn - RTRUGAR

Der fatale letzte Penalty von Roberto Baggio. Bild: Reuters

Die Nerven versagen im dümmsten Moment

Unvergessen

17.07.1994: «Eine Wunde, die sich niemals schliesst» – Roberto Baggios Penalty in die Erdumlaufbahn

17. Juli 1994: Italien und Brasilien streben im WM-Final von Los Angeles den vierten Titel an. Nach 120 torlosen Minuten entscheidet erstmals ein Elfmeterschiessen, wer den Pokal holt. Drei Italienern versagen die Nerven, Superstar Roberto Baggio scheitert als Letzter kläglich.



Wissen Sie noch, wer an der WM 1994 in den USA Torschützenkönig wurde? Nein? Es war Oleg Salenko. Sie erinnern sich aber bestimmt noch an Roberto Baggio. An den «göttlichen Zopf» und wie er im Final gegen Brasilien zum tragischen Helden wird. Das Scheitern im wichtigsten Moment seiner Karriere.

0:0 steht es im WM-Final zwischen der Squadra Azzurra und der Seleção im Rose Bowl Stadium in Pasadena nahe Los Angeles nach 120 Minuten. Erstmals muss ein Penaltyschiessen darüber entscheiden, wer Weltmeister wird.

The teams and officials from Brazil and Italy walk onto the field before the start of the1994 FIFA World Cup Final on 17 July 1994 played at the Rose Bowl in Pasadena, California, United States. Brazil defeated Italy 3-2 in a penalty shootout.(Photo by Mike Hewitt/Getty Images)

Einlauf der Gladiatoren. Bild: Getty Images Europe

Italien hat keine gute Erinnerungen an die Kurzentscheidung. 1990 bei der WM im eigenen Land verliert der damals dreifache Weltmeister sein erstes WM-Elfmeterschiessen im Halbfinal gegen Argentinien. Roberto Donadoni und Aldo Serena scheitern an Penalty-Killer Sergio Goycochea.

Auch gegen Brasilien beginnen die Azzurri katastrophal. Libero Franco Baresi hämmert den Ball mit viel Rücklage über den Kasten von Brasil-Keeper Taffarel. Doch auch Brasiliens erster Schütze scheitert. Gianluca Pagliuca im Tor der Italiener macht Baresis Schnitzer mit einer Glanzparade wieder gut.

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Das Penaltyschiessen und die Pokalübergabe mit dem Originalkommentar von Rai Uno. Video: Youtube/silverblacksky1

Dann treffen der Reihe nach Demetrio Alebertini, Romario, Alberigo Evani und Branco. Es steht 2:2, als Taffarel den Schuss von Daniele Massaro unschädlich macht. Und weil Captain Carlos Dunga souverän versenkt, ist klar, dass der letzte italienische Schütze Roberto Baggio jetzt treffen muss.

«Es ist eine Wunde, die sich niemals schliesst,»

Roberto Baggio

Der Stürmer von Juventus Turin nimmt einen langen Anlauf, um den Ball danach weit übers Tor zu schiessen. Während Baggio seinem Fehlschuss noch sekundenlang nachsieht und dann den Blick senkt, bricht bei den Brasilianern kollektiver Freudentaumel aus. Italiens Nummer 10 dagegen ist zu diesem Zeitpunkt der einsamste Mensch auf dem Planeten.

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Roberto Baggios Penalty fliegt weit übers Tor. Gif: Youtube/Soccerex

«Es ist eine Wunde, die sich niemals schliesst», sagt Baggio später. «Ich hatte immer davon geträumt, einen WM-Final gegen Brasilien zu spielen. Aber als es dann Realität wurde, da verschoss ich einen Elfmeter.» An den schwierigsten Moment seiner Karriere erinnert er sich gut. «Ich habe das Ganze sehr bewusst erlebt, und ich war voll konzentriert. Auf der anderen Seite war ich derart erschöpft, dass ich es mit der Brechstange versucht habe.»

Mit fünf Toren in der K.o.-Runde hat Baggio Italien nach einer katastrophalen Vorrunde praktisch im Alleingang in den Final geschossen. Zum Schluss ist der Mann mit dem Zöpfchen aber der tragische Held. Doch anstatt den Stürmer zum Deppen der Nation abzustempeln, lieben ihn die Tifosi nach dem verlorenen WM-Final noch mehr als zuvor.

Roberto Baggios Stern geht an der WM 1990 zuhause in Italien auf. Der damals 23-jährige Jungspund trifft zwar nur in der Vorrunde beim 2:0 gegen die Tschechoslowakei und im kleinen Final beim 2:1 gegen England und bleibt damit klar im Schatten von Stürmerkollege Toto Schillaci, doch allen ist klar, dass hier ein künftiger Superstar heranreift.

Italian star forward Roberto Baggio stares at the World Cup trophy July 17 during the second place medals presentation. FIFA President Joao Havelange (L) and Guillermo Canedo (C), Chairman of the Organizing Committee for the 1994 World Cup, presented the medals - RTXFA6Y

Nur anschauen: Baggio muss den WM-Pokal stehen lassen und sich stattdessen die Silbermedaille umhängen lassen. Bild: Reuters

Der nur 1,74 Meter grosse Baggio bringt alles mit, was ein Stürmer braucht. Er ist schnell, technisch versiert, schussstark und hat einen ausgeprägten Torriecher. Weil er auch als Vorbereiter glänzt, gilt er als erste «Neuneinhalb» der Fussball-Geschichte. «Baggio ist keine klassische Nummer neun. Und auch keine zehn, sondern vielmehr eine ‹halbe› Nummer zehn», stellt der heutige UEFA-Präsident Michel Platini damals fest.

Knie als Schwachpunkt des göttlichen Zöpfchens

Unmittelbar nach der WM wechselt Baggio für 15 Milliarden Lire (18 Millionen Franken) vom AC Florenz zu Juventus Turin. Die Fans zerlegen daraufhin die Altstadt, er wird zum teuersten Fussballer aller Zeiten. Bei der «Alten Dame» hat er seine stärkste Zeit. In 141 Spielen erzielt er 78 Tore, 1993 wird er zum Weltfussballer gewählt. «Il Divino» wird er genannt, der Göttliche, weil er so über den Rasen schwebt wie Jesus einst über das Wasser.

«Er kann Fussball spielen wie noch nicht mal die Heiligen im Paradies.»

Luigi Maifredi, von 1990 bis 1991 Trainer bei Juventus Turin

Als die Haare länger werden und er sich dem für ihn typischen Zopf flechten lässt, wird daraus «Il divin Codino», der göttliche Zopf. Die ganz grossen Titel bleiben ihm allerdings auch im Klubfussball verwehrt. Zweimal wird er mit Juve italienischer Meister, einmal Uefa-Cup-Sieger. «Er kann Fussball spielen wie noch nicht mal die Heiligen im Paradies», sagt Luigi Maifredi, sein erster Trainer in Turin.  

Doch immer wieder wird er von Verletzungen zurückgeworfen. Eine Operation folgt auf die andere. Wieder Pause, wieder Reha, wieder Neuanfang. «Ich habe eigentlich höchstens mit anderthalb Beinen gespielt», schreibt Baggio später in seiner Biographie «Ein Tor im Himmel». Das rechte Knie wird für den Rest seiner Karriere bei Milan, Bologna, Inter und Brescia der grosse Schwachpunkt des gläubigen Buddhisten und Querdenkers bleiben.

Brazilian striker Bebeto leaps into the arms of goalkeeper Claudio Taffarel (L) as Italy's Roberto Baggio (C) stares at the ground after missing the penalty kick which cost his team the World Cup during the final in Pasadena, California July 17, 1994. Derided as a lottery by critics, the penalty shootout is unsurpassed as the ultimate test of nerve to decide tied games. The split-second moment can make a player a hero, or forever scar an otherwise unblemished career. Picture taken July 17, 1994. To match Feature   SOCCER-WORLD/PENALTIES       REUTERS/Andre Camara     (UNITED STATES - Tags: SPORT SOCCER WORLD CUP) - RTR2EEM3

Baggio mit gesenktem Kopf. Im Hintergrund jubeln Taffarel, Bebeto und Co. Bild: Reuters

Schon nach dem verschossenen Elfmeter von 1994 ist seine Karriere in der Squadra Azzurra faktisch vorbei. Arrigo Sacchi und später Cesare Maldini setzen nicht mehr auf ihn. 1999 folgt der Rücktritt, doch Giovanni Trappatoni gewährt dem in die Jahre geratenen Superstar 2004 doch noch einen würdigen Abgang. Baggio läuft im Freundschaftsspiel gegen Spanien zum 56. und letzten Mal im Trikot der Azzurri auf.

Mit 27 Toren liegt er zusammen mit Alessandro del Piero noch immer auf Rang 4 der ewigen Torjägerliste. Drei Wochen nach dem späten Comeback in der Nationalmannschaft bestreitet Baggio mit Brescia endgültig das letzte Spiel seiner Karriere.

Baggio mit seinen Ideen abgeblitzt

Dem Fussball kehrt er komplett den Rücken, allerdings nur vorerst. Als die Squadra Azzurra an der WM 2010 in Südafrika in der Vorrunde scheitert, ist es der leicht ergraute Baggio, von dem sich der italienische Verband Heilung verspricht. Nach drei Jahren als Technischer Direktor tritt Baggio aber bereits wieder zurück. Seine Reformpläne, die er in einem 900-seitigen Bericht verfasst hat, werden zurückgewiesen.

FILE - In this Feb. 25, 2009 file photo, Italian soccer legend Roberto Baggio is seen prior to the Luciano Soprani Fall/Winter 2009/2010 fashion collection, presented in Milan, Italy. Baggio is this year's winner of a special award bestowed annually by world's Nobel Peace Prize laureates. Baggio, 43, the FIFA player of the year in 1993, was chosen Tuesday, Nov. 9, 2010 for the Peace Summit Award 2010 for his longtime efforts in charities, including pressing for the freedom of Aung San Suu Kyi, Myanmar's detained pro-democracy leader and Peace laureate, the office of the World Summit of Nobel Peace Laureates said Tuesday. (AP Photo/Luca Bruno, File)

Der ergraute Baggio im Jahr 2009. Bild: AP

Vielleicht liessen sich die Verbandsbosse vom Erreichen des EM-Finals 2012 blenden. Nach dem vorzeitigen WM-Aus in Brasilien wären sie aber gut beraten, sich Baggios Bericht noch einmal zu Gemüte zu führen. Nicht umsonst galt der «göttliche Zopf» vor einem Jahr als heisser Kandidat als Assistent von Pep Guardiola bei Bayern München

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

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Zidanes unwürdiger Abgang

09.07.2006: Ein Kopfstoss, der die Welt erschüttert

9. Juli 2006: Zinédine Zidanes letzter grosser Auftritt: WM-Final gegen Italien. Es winkt der dritte grosse Titel. Doch nach einer Provokation von Marco Materazzi brennen bei «Zizou» in der Verlängerung sämtliche Sicherungen durch. Es kommt zum berühmtesten Kopfstoss der Geschichte.

Die Fussball-Welt ist geschockt. Was ist bloss in Zinédine Zidane gefahren, dass er so ausrastet? Zu diesem Zeitpunkt. Beim Stand von 1:1, in der 110. Minute des WM-Finals. In seinem allerletzten Spiel. Unverständnis allenthalben. Doch die Wiederholung lügt nicht. Er hat es tatsächlich getan.

Die Szene wirkt harmlos. Nach einem Freistoss in den Strafraum der Italiener hält Marco Materazzi Zidane leicht am Trikot fest. Es kommt zu einem Wortgefecht, von dem Frankreichs Nummer 10 bald einmal genug …

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