Unvergessen
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Tas Pappas, kurz bevor er Skategeschichte schreibt. bild: All this mayhem

Unvergessen

Zwei Brüder entthronen Tony Hawk. Jahre später ist der eine im Knast und der andere tot

6. Oktober 1996: Mit dem WM-Sieg wird Tas Pappas vor seinem Bruder Ben zur Nr. 1 der Halfpipe-Skater. Doch dann beginnt der gnadenlose Abstieg der australischen Pappas Brothers.



Eine gute Sportgeschichte braucht Protagonisten, die möglichst gegensätzlich sind: Roger Federer vs. Rafael Nadal, Ayrton Senna vs. Alain Prost, Lionel Messi vs. Cristiano Ronaldo. Mitte der 90er Jahre sah es eine kurze Zeit danach aus, als würde auch das Duell Pappas vs. Hawk Legendenstatus erhalten. Denn die Voraussetzungen dafür waren perfekt.

Auf der einen Seite stand Tony Hawk. Er, der eine Freizeitbeschäftigung für Lausbuben in ein Millionenbusiness verwandelt hatte. Er, der die Halfpipe-Szene zehn Jahre lang gnadenlos dominierte, mit immer gleichen Tricks, Kalkül und der Ausstrahlung eines Mausoleums, der sich aber auch beinahe zu Tode geritten hatte.

Auf der anderen Seite standen die australischen Brüder Ben und Tas Pappas: jung, gesegnet mit einer schwindelerregenden Palette an Tricks und einer frischen «Don't Give a Fuck»-Attitüde. Damit standen sie dem hawkschen Businessprogramm 180 Grad entgegen.   

Tas und Ben Pappas' Trick-Compilation

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Video: YouTube/Danny Minnick

Der ultimative Wettkampf in L.A.

Nach einem sportlich hochkarätigen Jahr, in dem sich Hawk und die Gebrüder Pappas intensiv um die Führung in der Weltrangliste bekriegten, traf sich das Dreigestirn der Halfpipe-Szene am 6. Oktober 1996 fürs Saisonfinale in Los Angeles. Hier sollte endgültig entschieden werden, wer der beste Skater der Welt war.

Als Favorit ging Ben Pappas ins Rennen. Der jüngere und schüchternere der beiden Brüder führte in der Weltrangliste dank einer Siegesserie. Doch das intensive Jahr forderte seinen Tribut. Ben trat mit Rückenproblemen an und musste sich bereits früh aus dem Rennen um den Titel verabschieden.

Es kam zum Duell zwischen Tas Pappas und Tony Hawk.

XYZ-Video (1995) mit Tas und Ben Pappas

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Video: YouTube/XYZ Clothing

Es gewannen wieder diejenigen, die Sex, Drugs und Rock'n'Roll verkörperten

Tas Pappas legte sensationell vor, riskierte aber trotz Führung weiterhin viel. Nach einem missglückten 720er stürzte er und brach sich eine Rippe. «Spielt keine Rolle, mich holt sowieso niemand mehr auf», dachte er. So beschreibt er die Situation in der Doku «All this mayhem». Doch Tas hatte die Rechnung ohne Tony Hawk gemacht – ein Stechen musste her.

Trotz gebrochener Rippe und einem Gegner in Hochform gelang es Tas Pappas an diesem Tag, den grossen Tony Hawk vom Thron zu stossen. Für einen kurzen Moment schien es, als würde das Skateboarden zurück zu seinen Wurzeln finden. Es gewannen wieder die Jungen, die Wilden, diejenigen, die Sex, Drugs und Rock'n'Roll verkörperten und den Spruch nicht nur fürs Marketing auf dem T-Shirt trugen. Doch leider sollte es das letzte Mal gewesen sein, dass die Pappas positive Schlagzeilen schrieben.

Kokain im Schuh geschmuggelt

Tas Pappas' Sieg fiel in eine Zeit, als der Vermarktungszug in der Skateboardindustrie gerade wieder Fahrt aufgenommen hatte. Die Skater wurden mit Geld überhäuft. Geld, das die Brüder Pappas am liebsten in Kokain investierten. Innerhalb von zwei Jahren erarbeiteten sie sich den Ruf, untragbar zu sein. So richtig bergab ging es aber erst 1999. Und als ersten erwischte es Ben. 

Tony Hawk – nur um noch einen letzten Unterschied zu nennen – hat einen IQ von 144. Die Gebrüder Pappas? 1999 versuchte Ben Pappas, in der Sohle seines Schuhs 103 Gramm Kokain nach Australien zu schmuggeln. Er wurde erwischt und mit einem dreijährigen Ausreiseverbot bestraft.

Weil professionelles Skaten in Australien nicht lukrativ genug ist, bedeutete das Ausreiseverbot gleichzeitig das Ende von Bens einstmals vielversprechender Karriere. Er sollte sich nie wieder von diesem Tiefschlag erholen.

Tas beherrscht als erster den 900er, darf ihn aber nicht zeigen

Dank der Dummheit seines Bruder war Tas Pappas in Amerika alleine auf sich angewiesen. Die mächtigsten Verbände hatten ihn aufgrund verschiedener Zwischenfälle ausgeschlossen und er musste sich mit zweitklassigen Wettkämpfen über Wasser halten. Einziger Hoffnungsschimmer war der «900», ein Trick, der bis zu diesem Zeitpunkt noch nie in einer Halfpipe gestanden worden war. An den X-Games 1999 wollte er ihn zeigen. 

Die Organisatoren der X-Games verzichteten allerdings darauf, Tas Pappas zum «Best Trick Contest» einzuladen – auf Anraten von Tony Hawk, wie der Australier behauptet. Hawk bestreitet diese Einflussnahme allerdings. Am Ende kam es, wie es kommen musste: Tas Pappas musste tatenlos zusehen, wie Tony Hawk den ersten 900er stand und die Szene weiterhin dominierte.

Hawk steht zum ersten Mal einen 900er

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Video: YouTube/Zapatapro27

Ben Pappas tötet Freundin und sich selbst

Hawks 900er läutete im Skateboardsport eine neue Ära ein. Die Rampen wurden höher, die Sprünge weiter, die X-Games lockten ein Millionenpublikum an. Die Industrie blühte dank dem neuen Geldsegen auf – nur die Pappas-Brüder blieben aussen vor. Während ehemalige Freunde wie Danny Way oder Steve-O als Stars gefeiert wurden, kultivierten sie vor allem ihre Drogensucht.

Im Februar 2007 – Tas Pappas sass in den USA gerade wegen häuslicher Gewalt im Gefängnis – wurde die Leiche von Ben Pappas' Freundin in einem Fluss in Melbourne gefunden. Wenige Tage später verschwand auch der Ex-Skater. Am 4. März 2007 fand man seinen leblosen Körper: Er trieb unter dem Victoria-Pier in Melbourne. Nach heutigem Stand der Ermittlungen wird davon ausgegangen, dass Ben Pappas seine Freundin umgebracht hat.

Auch der Bruder sitzt wegen Kokainschmuggel …

Nachdem Tas seine Zeit im Gefängnis in den USA abgesessen hatte, wurde er nach Australien deportiert. Und er wusste nichts Gescheiteres, als den Schmuggel-Stunt seines Bruders zu imitieren. In mehreren Skateboards versteckt versuchte er ein Kilogramm Kokain von Argentinien nach Australien zu bringen. Am Zoll von Sydney überführten ihn aber Kokainspuren an der Kleidung und Tas Pappas wanderte zum zweiten Mal hinter Gitter.

Die Zeit im Gefängnis beschreibt er nachträglich als «nötig» und «heilsam». Und es scheint, als würde er damit Recht behalten. Seit seiner Entlassung wurde er nie mehr rückfällig. Heute lebt er zusammen mit Frau und Sohn in einem Vorort von Melbourne.

Tas Pappas arbeitet heute als Hochhaus-Fensterreiniger, skatet weiterhin regelmässig und besucht am Sonntag die Kirche. Im April 2014 stand er als erst zwölfter Mensch dieser Welt einen 900er. Zwar nicht in einer Halfpipe, aber wir wollen an dieser Stelle Gnade vor Recht walten lassen.

Tas Pappas steht als erster Australier einen 900

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Video: YouTube/Mega Ranch

Und was macht eigentlich Tony Hawk? Der heiratete gerade zum vierten Mal. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wer noch mehr über das Schicksal der Pappas-Brüder wissen will, dem sei der Dokumentations-Film «All this mayhem» des ehemaligen Weggefährten Eddie Martin empfohlen. 

Making of «All this mayhem»

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Video: YouTube/VICE

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Weil die Mädchen kein Velo fahren dürfen, greifen sie zum Skateboard

22.01.2010: Beim Einmarsch ist «Uzzy» mindestens Ali oder Tyson – dann fällt er wie ein Sack

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28.06.1997: Mike Tyson beisst im legendärsten Boxkampf aller Zeiten ein Stück von Evander Holyfields Ohr ab

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24.06.1998: Ein MMA-Fight mit 196 Kilo Gewichtsunterschied – und einem unerwarteten Ende

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01.10.1975: Der «Thrilla in Manila» zwischen Ali und Frazier wird zum (ewigen?) Höhepunkt der Box-Geschichte

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11.02.1990: Gegen 42:1-Aussenseiter James Douglas geht Mike Tyson im 38. Kampf erstmals k.o.

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pafeld 06.10.2018 18:07
    Highlight Highlight Tony "the 900" Hawk mag man in seiner Sportart innerhalb eines Tourniers schlagen. Aber vom Thron stösst man ihn damit nicht. Genauso wie man einen Roger Federer nicht einfach vom Thron stösst. Weil sich sportliche Leistung von solchen Legenden eben nicht auf einen nackten Punktestand beschränken.
  • Siebenstein 06.10.2018 14:33
    Highlight Highlight Unvergessen? Vergessen bedingt, dass man überhaupt Kenntnis davon hat.
    Ist zu sehr ein special-interest-Ding als dass wirklich viele Leute davon wüssten.
  • Sauäschnörrli 06.10.2018 10:11
    • Ralf Meile 06.10.2018 15:04
      Highlight Highlight Wie es unten steht: «In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.»

      Nun, da der 6. Oktober jedes Jahr wiederkehrt, spricht in unseren Augen nichts dagegen, die entsprechende Story am Jahrestag erneut zu publizieren. Aber umso schöner, dass wir dich offensichtlich schon seit langer Zeit als regelmässigen User begrüssen dürfen, der sich an gute Storys erinnert! Weiterhin viel Vergnügen mit watson.
  • fabsli 06.10.2018 08:25
    Highlight Highlight "Er wurde erwischt und mit einem dreijährigen Ausreiseverbot bestraft."?
    Also, nicht ausweisen, sondern behalten war die Strafe? Knast gabs aber schon auch?
    • Kilian Fischer 06.10.2018 09:03
      Highlight Highlight Wie soll Australien einen Australier ausweisen können?
    • Grave 06.10.2018 09:40
      Highlight Highlight Ja weist du in einem so kleinen und erdrückenden land wie australien fühlt man sich ja schon wie im knast 😉
    • dechloisu 06.10.2018 11:15
      Highlight Highlight Wie willst du australische Bürger aus Australien aussperren

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