Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Schiedsrichter Bruno Kloetzli (links) wird waehrend des NLA Spiels zwischen dem FC Sion und dem FC Wettingen von Wettingern Spielern angegriffen, aufgenommen am 7. Oktober 1989 in Sion. (Keystone/Str)

Die Jagd auf Schiedsrichter Klötzli: Der Unparteiische muss vor den Wettingern in die Katakomben fliehen. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

Vier Wettinger gehen auf Schiri Klötzli los, weil der Sekunden vor dem 1:1 abpfeift

7. Oktober 1989: Wettingen erzielt in Sion in der Nachspielzeit den Ausgleich. Doch Schiedsrichter Bruno Klötzli pfeift ab, als der Ball noch in der Luft ist. Vier FCW-Spieler gehen auf den Unparteiischen los. Unter Fusstritten und Faustschlägen flüchtet dieser in die Kabine. Der Skandal ist perfekt.



Es ist ein nebliger Oktoberabend im Wallis. Im Sittener Stade de Tourbillon läuft die dritte Minute der Nachspielzeit des NLA-Spiels zwischen dem FC Sion und dem FC Wettingen, der trotz europäischem Höhenflug gegen den FC Neapel in finanziellen Schwierigkeiten steckt und gegen den Abstieg kämpft. Dank einem Treffer von Mirsad Baljic in der 88. Minute führen die Walliser mit 1:0, als sich eine der meist diskutierten Szenen im Schweizer Fussball ereignet.

Der Sittener Mirsad Baljic, rechts, setzt sich im Zweikampf gegen den Wettinger Peter Schepull durch, aufgenommen am 7. Oktober 1989 beim Nationalliga A Meisterschaftsspiel FC Sion gegen den FC Wettingen. Sion gewinnt das Spiel mit 1 zu 0. Der Ausgleichstreffer der Wettinger in der 93. Minute wird von Schiedsrichter Bruno Kloetzli nicht anerkannt, was einen Tumult ausloeste und Schiedsrichter Kloetzli vor Angriffen der Wettinger Spieler fliehen musste. (KEYSTONE/Rene Ritler)

Mirsad Baljic auf dem Weg zum 1:0 für Sion. Bild: KEYSTONE

Sions Jean-Paul Brigger kann nur ein paar Meter vom eigenen Strafraum einen Entlastungsfreistoss treten. Doch statt den Ball weit nach vorne zu schlagen, verzögert er die Ausführung und trifft schliesslich den Rücken von Wettingens Salvatore Romano. Von dort prallt das Leder vor die Füsse von Teamkollege Martin Rueda, der nicht lange fackelt und mit einem Lob über Sion-Keeper Stephan Lehmann zum 1:1 trifft.

Klötzli schaut nur noch auf die Uhr

Doch Rueda und die Wettinger haben die Rechnung ohne Schiedsrichter Bruno Klötzli gemacht. Der Unparteiische sieht – als der Ball noch in der Luft ist – auf seiner Uhr, dass die dreiminütige Nachspielzeit abgelaufen ist und pfeift die Partie ab. Den Ausgleich gibt er nicht mehr. 

Die Wettinger sind fassungslos und wollen ihre Wut an Klötzli auslassen. Plötzlich laufen sie Amok: Wie ein aufgescheuchtes Tier hetzen sie den Ref über den Rasen des Tourbillons. Als sie ihn einholen, setzt es Fusstritte und Faustschläge ab. Die Hände schützend vor dem Gesicht schafft Klötzli schliesslich die Flucht in die Katakomben des Stadions. 

Schiedsrichter Bruno Kloetzli, zweiter von rechts, wird waehrend des NLA Spiels zwischen dem FC Sion und dem FC Wettingen von Wettingern Spielern angegriffen, aufgenommen am 7. Oktober 1989 in Sion. (Keystone/Str)

Klötzli bleibt unverletzt, er kommt mit dem Schrecken davon. Ein NLA-Spiel wird er danach aber nie mehr pfeifen. Bild: KEYSTONE

«Ich hatte grosse Angst», sagt Klötzli nach dem Skandal-Spiel. «Wenn ich gestolpert wäre, wäre ich mit Sicherheit im Krankenhaus gelandet.» So kommt er aber unverletzt davon. Zu seinem Pfiff sagt er: «Regeltechnisch habe ich keinen Fehler gemacht. Aber ich muss schon zugeben, dass der Moment des Abpfiffs psychologisch nicht gerade gut gewählt war.» 

«Wenn ich gestolpert wäre, wäre ich mit Sicherheit im Krankenhaus gelandet.»

Schiedsrichter Klötzli

Happige Vorwürfe

Klötzli meldet den Fall dem SFV und seine Ausführungen haben es in sich. Seinem Rapport ist zu entnehmen,

Während die Bilder vom «Fall Klötzli» um die Welt gehen, steht die Fussball-Schweiz unter Schock. Solche Wild-West-Szenen, wie sie sich in Sion ereignet haben, kennt man hierzulande höchstens aus dem Fernsehen. Aus Südamerika oder Mexiko. Alle wissen: Das wird Konsequenzen haben.

Amokläufer zu Besuch beim «Blick»

Nur die vier Wettinger Spieler scheinen nicht zu ahnen, was auf sie zukommt. Am Tag nach dem Spiel gehen sie mit den «Blick»-Reportern, die den «Fall Klötzli» später mit 32 grösseren Geschichten zu einem Riesen-Skandal aufbauschen, auf einen Spaziergang und plaudern locker aus dem Nähkästchen. 

«Sicher ich bin hingerannt», gesteht Kundert. «Viellicht habe ich im ganzen Getümmel drin den Schiedsrichter berührt. Aber ich habe ihn ganz bestimmt nicht getreten. Alles andere als zwei, drei Strafsonntage wären ein Skandal.» Baumgartner beschreibt die Situation so: «Ich war total aggressiv, zu allem fähig. Aber ich kam gar nicht ran.» Germann sagt: «Ich bin ganz sicher. Ich habe nicht zugeschlagen.»

Schiedsrichter Bruno Kloetzli, zweiter von rechts, wird waehrend des NLA Spiels zwischen dem FC Sion und dem FC Wettingen von Wettingern Spielern angegriffen, aufgenommen am 7. Oktober 1989 in Sion. (Keystone/Str)

Die Video-Bilder entlarven die Schuldigen, auch wenn diese ihre Verfehlungen nicht einsehen wollen. Bild: KEYSTONE

Nachdem sie die Video-Bilder gesehen haben, sind sie einsichtiger. «Die Szenen, die sich da abgespielt haben, sind unentschuldbar», sagt Kundert. Baumgartner gibt zu bedenken, dass sowohl er wie auch Klötzli einen Fehler gemacht haben. Seine Freundin sieht bereits schwarz: «Muss ich mir jetzt eine Stelle suchen?», fragt sie halb schmunzelnd, halb nachdenklich.

Lange Sperren, hohe Bussen

Als der SFV die Urteile bekannt gibt, vergeht den Beteiligten das Lachen aber endgültig. Die vier Wettinger Spieler werden allesamt für mehrere Monate gesperrt und mit hohen Bussen belegt. Alex Germann, der auf dem Sprung in die Bundesliga zu Borussia Dortmund ist, trifft es am härtesten: ein Jahr Sperre und 20'000 Franken Busse.

«Unser grösster Fehler war, dass wir einen Tag nach dem Spiel mit der Boulevardpresse sprachen», sieht Baumgartner erst später ein. «Das war reinste Provokation. Die Wettinger Vereinsverantwortlichen hätten uns einen Maulkorb verpassen sollen. Denn nach diesen Interviews wurden wir von den Verbandsfunktionären wie Schwerverbrecher behandelt und dementsprechend auch bestraft.»

Alle fünf Karrieren zerstört

Der damals 30-jährige Frei macht seinem Ärger Luft, schreibt den Verbandsbossen einen scharfen Brief und entschliesst sich, die Karriere zu beenden. Kundert zieht sich sieben Wochen nach der Partie in Sion einen Kreuzbandriss zu. Weil das rechte Knie den Belastungen des Spitzensports nicht mehr standhält, beendet er im Frühling 1990 seine Laufbahn.

Baumgartner setzt seine Karriere beim FC Basel fort, spielt noch vier Jahre in der NLB und wird später Beach-Soccer-Profi. Germann trainiert ein Jahr beim FC Wettingen und steigt danach wieder ein, der Wechsel in die Bundesliga kommt aber nicht mehr zu Stande. «Diese Sperre war ein markanter Einschnitt in meine Karriere», muss Germann eingestehen.

Bruno Kloetzli, Fussball-Schiedsrichter in der Nationalliga A, aufgenommen im Juli 1987.  (KEYSTONE/Str)

Schiedsrichter Klötzli gerät nach seinem Rücktritt auf die schiefe Bahn. Bild: KEYSTONE

Ein halbes Jahr später hängt auch Schiedsrichter Klötzli seine Pfeife an den Nagel. Das Skandalspiel von Sion ist sein letztes auf der höchsten Stufe. Doch es kommt noch schlimmer: Der Amateur-Schiedsrichter, der für 400 Franken in der NLA pfiff, verfällt seiner Spielsucht und gerät auf die schiefe Bahn. 

1999 wird er wegen Urkundenfälschung und Vertrauensmissbrauch zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 18 Monaten verurteilt. Klötzli hatte als Bankangestellter zwischen 1990 und 1993 insgesamt 800'000 Franken unterschlagen. Mittlerweile lebt der ehemalige Skandal-Ref zurückgezogen im Kanton Jura, wo er mit seiner Frau ein Restaurant führt.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Fussballer-Zitate, die Lach-Krämpfe verursachen

Im Heysel-Stadion werden 39 Menschen zu Tode getrampelt

Link zum Artikel

Cabanas fordert Respekt, denn «das isch GC! Rekordmeister! Än Institution, hey!»

Link zum Artikel

Ein Carlos Varela in Höchstform: «Heb de Schlitte, du huere Schissdrägg»

Link zum Artikel

Elf kleine Schweizer liegen 0:2 zurück und sorgen dann für Begeisterung in der Heimat

Link zum Artikel

Der «entführte» Raffael wird zum Fall für die Polizei – und muss ein Nachtessen blechen

Link zum Artikel

Johann Vogel droht Köbi Kuhn, in den Flieger zu steigen, um ihm «eins zu tätschen»

Link zum Artikel

Jörg Stiel stoppt den Ball an der EM mit Köpfchen – weil er es kann

Link zum Artikel

Märchenprinz Volker Eckel legt GC mit 300-Millionen-Versprechen aufs Kreuz

Link zum Artikel

Die «Nacht von Sheffield» – Köbi Kuhn sorgt für den grössten Skandal der Nati-Geschichte

Link zum Artikel

Filipescu macht den FC Zürich in Basel in der 93. Minute zum Meister

Link zum Artikel

Beni Thurnheers fataler Irrtum – es gibt eben doch einen Zweiten wie Bregy

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel

Biden, Warren oder Sanders? Das Rennen der Demokraten wird zum Dreikampf

Link zum Artikel

Jack Ma tritt als Alibabas Vorsitzender offiziell zurück, aber ...

Link zum Artikel

Das sind die 50 besten Spieler in «FIFA 20» – Piemonte Calcio zweimal in den Top 15

Link zum Artikel

12 neue Serien, auf die du dich im Herbst freuen kannst

Link zum Artikel

In China sind gerade 100 Millionen Schweine gestorben – das musst du wissen

Link zum Artikel

Hat Bill Gates ein schmutziges Geheimnis?

Link zum Artikel

In Jerusalem verschwinden hunderte Katzen auf mysteriöse Weise – was ist bloss los?

Link zum Artikel

«... dann laufen sie hier 3 Tage besoffen mit geklauten Stadion-Dingen rum»

Link zum Artikel

Mit 16 der jüngste Torschütze in Barças Klub-Geschichte – 8 Fakten zu Ansu Fati

Link zum Artikel

Boris Johnson verliert wegen eines Überläufers die Mehrheit und ist jetzt in argen Nöten

Link zum Artikel

Ausschreitungen bei Demo in Zürich

Link zum Artikel

Xherdan Shaqiris Alleingang ist ein fatales Zeichen

Link zum Artikel

Auch Android und Windows von massivem Hackerangriff betroffen – was wir bislang wissen

Link zum Artikel

«Diese Wahlen widerlegen eine oft genannte These über die AfD»

Link zum Artikel

Wawrinka über Djokovic: «Dass er den Platz so verlassen muss, ist natürlich nicht schön»

Link zum Artikel

«Soll ich die offene Beziehung mit dem 10 Jahre Älteren beenden?»

Link zum Artikel

Messi darf Barça ablösefrei verlassen +++ Pa Modou wieder beim FC Zürich

Link zum Artikel

Kim Tschopp zeigt den grossen Unterschied zwischen Realität und Instagram

Link zum Artikel

Wie viel Schweizer Parteien auf Facebook ausgeben – und warum wir das wissen

Link zum Artikel

Der Roadie, der mich Backstage liebte (und mir biz Haare ausriss)

Link zum Artikel

Für Huawei kommts knüppeldick – neue Handys müssen auf Google-Apps verzichten, sagt Google

Link zum Artikel

Die Hockey-WM lehnt den «Eisenbahn-Deal» ab – und das ist schlicht lächerlich

Link zum Artikel

Netflix bringt 10 Filme in die Kinos – und die hören sich grossartig an

Link zum Artikel

Verrückt, aber wahr – Stuckis Sieg, der keiner war

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Jay-Jay Okocha demütigt Oliver Kahn und drei Verteidiger mit einem Wahnsinnstanz

31. August 1993: 20-jährig ist Jay-Jay Okocha, als er sich bei Frankfurt mit einer einzigen Aktion unsterblich macht. Und selbst der spätere dreifache Welttorhüter Oliver Kahn ist ob der Demütigung nicht sauer, sondern kann nur gratulieren.

«Stellen Sie den Ton des Fernsehers lauter, kommen Sie nahe an den Monitor heran und Geniessen Sie!», so kündigt Jörg Dahlmann bei seinem Spielbericht für Sat.1 eines der schönsten Bundesliga-Tore aller Zeiten an. Dass der Kommentator selbst gerade Zeuge eines aussergewöhnlichen Tores geworden ist, lässt ihn gar seinen Job aufs Spiel setzen: «Liebe Zuschauer! Die Zeit für meinen Bericht ist zwar abgelaufen, aber egal. Sollen sie mich rausschmeissen. Ich zeig' ihnen die Szene bis zum Umfallen!»

Dahlmann …

Artikel lesen
Link zum Artikel