Unvergessen
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Der Portugiese Artur Jorge wird 19. Dezember 1995 zum neuen Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft gewaehlt. 1996 wird er die Schweizer Nati an der Europameisterschaft in England coachen. (KEYSTONE/Str)   : FILM]

Der berühmteste Fussball-Schnauz der Nation. Bild: Keystone

24.04.1996: Das Ende der kurzen Ära von Nati-Trainer Artur Jorge beginnt ausgerechnet mit einem Sieg

24. April 1996: In der Schweiz herrscht kollektives Aufatmen. Nach dem 1:1 gegen Luxemburg und dem 0:1 gegen Österreich gewinnt die Schweiz zum ersten Mal unter dem neuen Nati-Trainer Artur Jorge. Doch es sollte das einzige Erfolgserlebnis für den unbeliebten Portugiesen bleiben.

24.04.16, 00:01


Artur Jorges Nati-Debüt geht gründlich in die Hose. Nach dem blamablen 1:1 in Luxemburg titelt die grösste Schweizer Boulevard-Zeitung: «Senhor Jorge, so wird unsere Nati morsch!» Auch das zweite Testspiel unter dem Portugiesen geht in die Hose. Nach dem nicht weniger blamablen 0:1 in Österreich muss am 24. April 1996 im dritten Test vor der EM 1996 unbedingt ein Sieg her. 

Artur Jorge, Coach der Schweizer Fussballnationalmannschaft, aeussert sich an einer Pressekonferenz am 1. Juni 1996 in Basel zum Freundschaftsspiel Schweiz-Tschechien, das die Tschechische Republik 2:1 fuer sich entscheiden konnte. (KEYSTONE/Str)

Artur Jorge gerät schon früh unter medialen Druck. Bild: Keystone

Einen «kaum fassbaren» Trainer nennt Alain Sutter seinen neuen Chef in der Schweizer Fussball-Nati vor dem Testländerspiel gegen Wales in Lugano. Jorge zementiert Sutters Eindruck mit einer unkonventionellen Ankündigung.

Aus heiterem Himmel beschliesst der Portugiese, der im Herbst als Nachfolger für den zu Inter Mailand abwandernden Roy Hodgson bestimmt wurde, das erfolgreiche System seines Vorgängers zu ändern. Statt mit einem 4-4-2 werde er in Zukunft ein 4-3-3 spielen lassen. Eine Erläuterung gibt es nicht, auch nicht für die Spieler. 

So laufen gegen Wales im Sturm Kubilay Türkyilmaz, Marco Grassi und Stéphane Chapuisat auf, der treffsichere Adrian Knup sitzt vorerst nur auf der Bank – genauso wie Alain Sutter. Der WM-Held von 1994 muss im Mittelfeld dem defensiver ausgerichteten Debütanten Raphael Wicky Platz machen.

Telegramm

Schweiz – Wales 2:0 (2:0)
Cornaredo Lugano. - 8500 Zuschauer. - SR Stafoggia (It).
Tore: 32. Coleman (Eigentor) 1:0. 41. Türkyilmaz (Foulpenalty) 2:0. Schweiz: Pascolo (83. Lehmann); Vogel (46. Hottiger), Vega, Henchoz, Quentin; Ohrel (64. Lombardo), Sforza, Wicky (83. Koller); Türkyilmaz (83. Comisetti), Grassi (76. Knup), Chapuisat (64. Sutter).
Wales: Coyne (46. Marriott); Robinson, Bowen, Symons, Coleman (88. Edwards); Horne (65. Savage), Jones (65. Goss), Pembridge, Legg (30. Speed); Taylor (46. Davies), Hartson.

«Meine Aufstellung gegen Wales ist frech. Aber wenn ich jetzt nicht testen kann, wann dann? Ich habe mir alles gut überlegt», sagt Jorge, der vor seinem Nati-Job den FC Porto und Paris St-Germain zu mehreren Titeln geführt hat, selbstbewusst.

So selbstbewusst wie ihr Trainer treten die Schweizer gegen Wales im mit 8500 Zuschauern gut gefüllten Cornaredo dann aber nicht auf. Die Schweiz tut sich gegen den «harmlosesten Gegner, der sich in den letzten zehn Jahren in der Schweiz vorgestellt hat» (Blick) lange schwer.

Artur Jorge, Trainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft, rechts, gibt am 18. Juni 1996 dem Nationalspieler Ciriaco Sforza, links, vor dem Vorrundenspiel der Schweiz gegen Schottland an der Fussball-Europameisterschaft 1996 in Birmingham, England, Anweisungen. Die Schweiz verliert das Spiel gegen Schottland mit 0:1. (KEYSTONE/Str)

The Swiss national coach, Artur Jorge, right, gives instructions to Swiss national player Ciriaco Sforza, left, before the preliminary round match between Switzerland and Scotland at the European football championship 1996 in Birmingham, England, pictured on June 18, 1996. Switzerland loses the match against Scotland with 0:1. (KEYSTONE/Str)

Nie ein Herz und ein Seele: Nati-Captain Ciriaco Sforza und sein Trainer Artur Jorge. Bild: Keystone

Als die Stars Knup und Sutter in der zweiten Halbzeit eingewechselt werden, steht es längst 2:0 für die Schweiz. Der Gegner hilft dabei kräftig mit: Chris Coleman trifft zunächst per Kopf ins eigene Tor, vor dem Penalty-Treffer von Türkyilmaz holt er Grassi unsanft von den Beinen.

Die Erleichterung über den Sieg ist den Protagonisten nach der Partie anzusehen. «Wir sahen einen interessanten Match, den wir schlecht begonnen, aber gut beendet haben», bilanziert Jorge nach der Partie. «Ich bin mit meinen Spielern zufrieden. Jeder hat das Maximum gegeben.»

Doch die Unruhe im Team wächst schnell wieder. Nicht nur, weil die Fan-Lieblinge Sutter und Knup zu Reservisten degradiert wurden. Nach dem Wales-Spiel wird bekannt, dass die Nati-Stars beim letzten Training vor der Partie gestreikt haben. Captain Sforza und Co. können sich mit dem Verband nicht über die EM-Prämien einigen.

Schweizer Fans protestieren vor dem Freundschaftsspiel Schweiz-Tschechien am 1. Juni 1996 in Basel mit einem Plakat gegen Artur Jorge, Coach der Schweizer Fussballnationalmannschaft, und fordern die Aufstellung von Alain Sutter und Adrian Knup im Schweizerteam. (KEYSTONE/Str)

Die Nati-Fans gehen nach der Ausbootung von Adrian Knup und Alain Sutter auf die Barrikaden. Bild: Keystone

Rund ein Monat später sorgt Jorge selbst wieder für die Knaller-Meldung. Knup und Sutter werden vom Portugiesen nicht fürs EM-Kader berücksichtigt. «Ich habe die Spieler nominiert, die in mein Konzept passen und stehe zu dieser Wahl, auch wenn sie einige nicht verstehen», rechtfertigt sich der Nati-Trainer. Die beiden Superstars, die Medien (Blick-Schlagzeile: «Jetzt spinnt er!») und vor allem die Fans verstehen die Welt nicht mehr.

Als die Schweiz an der EM in England trotz eines 1:1 im Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber schliesslich sang- und klanglos ausscheidet, hat Jorge auch den letzten Kredit verspielt. Die Presse startet eine Hetzkampagne gegen den berühmtesten Schnauz, den die Fussball-Schweiz je gesehen hat. Die Spieler mischen fleissig mit. «Jorge hat in diesem halben Jahr in der Schweiz viel kaputt gemacht», sagt Captain Sforza beispielsweise nach der EM.

Der Portugiese Artur Jorge wird 19. Dezember 1995 zum neuen Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft gewaehlt. 1996 wird er die Schweizer Nati an der Europameisterschaft in England coachen. (KEYSTONE/Str)   : FILM]

Am Ende räumt der Portugiese freiwillig seinen Posten.
Bild: KEYSTONE

Der Verband hält Jorge die Stange, doch der Portugiese hat Ende Juli genug. Er räumt freiwillig seinen Posten. Seine Bilanz: Sieben Spiele, ein Sieg, zwei Unentschieden, vier Niederlagen. Jorges Nachfolger wird Rolf Fringer. Doch auch der Aarauer Meistertrainer von 1993 wird sich an der zerstrittenen Mannschaft die Zähne ausbeissen. Bei seinem Debüt verliert die Nati gegen Aserbaidschan 0:1. Das «Debakel von Baku» gilt heute noch als die grösste Schmach im Schweizer Fussball.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

Diese Nati-Spieler haben höchstens fünf Spiele für die Schweiz gemacht.

Unvergessene Schweizer Fussball-Geschichten

25.11.2009: Das beste Fussball-Musikvideo aller Zeiten erscheint auf Youtube – über den FC Aarau

15.11.2009: Die Schweiz ist Fussball-Weltmeister! Die U17-Nati setzt ihrem Höhenflug die Krone auf

22.02.2004: St.Gallens Kultfigur «Zelli» muss in der Not ins Tor und kratzt den Ball in «seiner» Ecke

30.09.2009: Dank Tihinens Hackentrick, «abgeschaut bei einem finnischen Volkstanz», bodigt der FC Zürich das grosse Milan

07.12.2011: Der FC Basel schmeisst Manchester United aus der Champions League und Steini, der Glatte, schiesst den Ball an die Latte

05.12.2004: Paulo Diogo gewinnt mit Servette wichtige Punkte im Abstiegskampf – und verliert dabei einen Finger

12.11.2002: Basel holt gegen Liverpool ein 3:3 und Beni Thurnheer schwärmt: «Dieses Spiel müsste man zeigen, wenn ich gestorben bin»

01.11.1989: Nur durch einen Witz-Penalty zwingt Diego Maradonas Napoli die tapferen Wettinger in die Knie

21.10.2013: Pajtim Kasami hämmert «einen der schönsten Volleys überhaupt» ins Crystal-Palace-Tor und verzückt sogar Andy Murray

08.10.2010: Vucinic lässt der Schweiz die Hosen runter und trägt sie als Kopfschmuck

07.10.1989: Der «Fall Klötzli» – vier Wettinger gehen auf den Schiri los, weil dieser Sekunden vor dem Ausgleich abpfeift

20.11.1996: Wegen 20 fatalen Minuten landet Champions-League-Überflieger GC in Glasgow auf dem harten Boden der Realität

25.9.1996: Murat Yakin sticht mit seinem Freistoss mitten ins Ajax-Herz und bringt Mama Emine zum Weinen

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07.09.2005: Nati-Goalie Zuberbühler kassiert auf Zypern ein Riesen-Ei und schiebt die Schuld dafür dem «Blick» in die Schuhe

29.09.1971: Statt «allzu augenfällig im Spargang» die Pflicht zu erledigen, sorgt GC für den höchsten Schweizer Europacup-Sieg aller Zeiten

01.09.2007: Mit dem letzten Spiel im Hardturm-Stadion gehen 78 Jahre Geschichte zu Ende

11.08.2010: Moreno Costanzo schiesst mit seiner ersten Ballberührung als Natispieler gleich den Siegtreffer

09.08.2009: Basel-Goalie Costanzo wird für drei Spiele gesperrt – nach einer Attacke auf den eigenen Mitspieler

26.06.1954: Die Schweiz kassiert gegen Österreich in der «Hitzeschlacht von Lausanne» eine ihrer bittersten Niederlagen

26.06.2006: «Züngeler» Streller leitet das peinliche Schweizer Penalty-Debakel ein

30.07.2000: Nur GC-Milchbubi Peter Jehle steht noch zwischen FCB-Legende Massimo Ceccaroni und seinem allerersten Tor

03.05.1994: Mit dem Sonderflug zur spontanen Aufstiegsfeier auf den Barfi

01.05.1993: Marc Hottigers Knallertor versenkt Italien – und er verärgert die Azzurri danach mit einer frechen Leibchentausch-Bitte 

30.04.2011: Cabanas fordert vom Basler Schiri Respekt, denn «das isch GC! Rekordmeister! Än Institution, hey!»

26.04.2003: Colombas Goalie-Goal lässt Razzetti alt aussehen und den FC Aarau unabsteigbar bleiben

13.11.1991: Weil die Schweizer Nati in der «Hölle von Bukarest» auf 0:0 spielt, vergeigt sie die EM-Qualifikation im letzten Moment doch noch

16.11.2005: Die Nacht der Tritte und Schläge – einer der grössten Nati-Erfolge verkommt zur «Schande von Istanbul»

26.09.1995: Luganos Carrasco bringt mit seiner Banane Gianluca Pagliuca und das grosse Inter Mailand zum Weinen

24.04.1996: Das Ende von Nati-Trainer Artur Jorge nimmt ausgerechnet mit dem einzigen Sieg seiner kurzen Ära den Anfang 

12.04.2004: Der grosse Robbie Williams führt den kleinen FC Wil zum Cupsieg gegen GC

16.04.2009: «Jawoll, jawoll, jawoll, jawoll … YB isch im Göppfinau!»

30.05.1981: Der Wolf und seine «Abbruch GmbH» entfachen mit dem 2:1-Sieg gegen England eine neue Fussball-Euphorie

18.06.1994: Beni Thurnheers fataler Irrtum – es gibt eben doch einen Zweiten wie Bregy

07.03.2007: Johann Vogel droht Köbi Kuhn, in den Flieger zu steigen, um ihm «eins zu tätschen»

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    Alle Leser-Kommentare
  • ponebone 24.04.2016 16:54
    Highlight Also ich fand die Niederlage gegen Luxemburger war eine schlimmere Blamage als die 0:1 Niederlage gegen Aserbaidschan
    8 1 Melden
  • Blitzableiter 24.04.2016 08:02
    Highlight Denkt ihr bei ihm auch an Supermario?
    12 1 Melden
    • Mia_san_mia 24.04.2016 16:48
      Highlight Haha bin ich gerade am gamen und habe das selbe gedacht :-)
      4 0 Melden

Wie die Schweiz sich für die Fussball-WM 1998 bewarb – und total blamierte

2. Juli 1992: Vor einem Vierteljahrhundert wollte die Schweiz die WM selber ausrichten. Heute kann oder will sich kaum mehr jemand daran erinnern – mit gutem Grund.

Es ist mittlerweile fast zur Normalität geworden, dass die Schweiz an grossen Turnieren teilnimmt. Das war vor 30 Jahren noch anders, die Nati scheiterte mit unschöner Regelmässigkeit in der Qualifikation. Da wirkte es verlockend, selber eine Weltmeisterschaft auszutragen und als Veranstalter direkt teilnehmen zu können. Tatsächlich bewarb sich die Schweiz für die WM 1998.

Obwohl das gar nicht so lange her ist, kennt heute kaum noch jemand diese Episode. Selbst Sportkollegen auf der …

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