Unvergessen
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30.06.2006: Jens Lehmann hext Deutschland gegen Argentinien in den WM-Halbfinal – dank einem unnützen Spickzettel im Stulpen

30. Juni 2006: Im Viertelfinal der WM in Deutschland steht es zwischen dem Gastgeber und Argentinien nach der Verlängerung 1:1. Die Entscheidung fällt im Elfmeterschiessen zu Gunsten der Deutschen, weil Torhüter Jens Lehmann kurz davor einen Spickzettel zugesteckt bekommt.

30.06.15, 00:01


Es ist ein Spickzettel, der Deutschland in den WM-Halbfinal bringt und die Argentinier bittere Tränen weinen lässt. Vor dem Elfmeterschiessen im Viertelfinal erhält Jens Lehmann vom deutschen Torwarttrainer Andreas Köpke ein Stück Papier. Drauf ist zu lesen, wie die Argentinier ihre Elfmeter schiessen könnten.

Dieser Zettel bringt die Argentinier aus dem Konzept. Bild: ullstein bild

Doch der Reihe nach: Das Spiel ist an Dramatik kaum zu überbieten. Deutschland steht an der Heim-WM unter gigantischem Druck. Das Berliner Olympiastadion ist mit 75'000 Fans proppenvoll, lediglich 5000 davon unterstützen die Gauchos. In einem ARD-Rückblick ist die Rede von «einer Fussballfolter extremsten Ausmasses».

Ganz Deutschland erwartet von Jürgen Klinsmanns Team den Weltmeistertitel, ein Scheitern im Viertelfinal käme einer Staatstrauer gleich. Auf der anderen Seite das feurige Argentinien, das den Deutschen die Party vermiesen möchte und Mitfavorit auf den Titel ist.

Kurz nach der Pause gehen die Argentinier durch einen Kopfballtreffer von Roberto Ayala in Führung. 20 Minuten später begeht Argentiniens Trainer José Pekerman zwei folgenschwere Wechselfehler. Er rechnet nicht mehr damit, dass die Deutschen noch ein Tor erzielen. 

Fussballfans schauen sich am 30. Juni 2006 in Berlin das WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien an.  Millionen Fans verfolgten die Spiele der Fussball-Weltmeisterschaft in Deutschland vor zwei Jahren auf oeffentlichen Plaetzen. Der Siegeszug des Public Viewing begann. Sportsoziologen sprachen angesichts der Euphorie beim kollektiven Fussball-Gucken bereits von einer neuen Fankultur und Qualitaet des Zuschauens. Waehrend der Europameisterschaft in Oesterreich und der Schweiz wird es nun in Deutschland wieder zahlreiche Public-Viewing-Angebote geben - allerdings ein paar Nummern kleiner als bei der WM. (AP Photo/Markus Schreiber) ---- German soccer fans celebrate during the World Cup quarterfinal match between Germany and Argentina at the 'Fan Mile' a public viewing zone in Berlin on Friday, June 30, 2006. (AP Photo/Markus Schreiber)

Das «Fan Fest Berlin» platzte aus allen Nähten. Bild: AP

Oliver Kahn, der grosse Sportsmann

Erst tauscht er in der 72. Minute seinen Regisseur Riquelme für den defensiven Cambiasso aus, in der 79. Minute ersetzt er Starstürmer Crespo durch Cruz. Eine Zeigerumdrehung später schlägt Deutschland zurück. Borowski verlängert eine Flanke von Ballack mit dem Kopf, Klose erzielt den Ausgleich.

In der Verlängerung ist Argentinien ohne Spielmacher Riquelme nicht in der Lage, die Entscheidung herbeizuführen. Auch Deutschland kann das Elfmeterschiessen nicht verhindern. Als die beiden Mannschaften nochmals zusammenkommen, ereignet sich eine der schönsten Szenen des Turniers. Der vor der WM von Jürgen Klinsmann zur Nummer 2 degradierte Oliver Kahn zeigt sich als wahrer Sportsmann und schwört Konkurrent Jens Lehmann aufs Elfmeterschiessen ein.

Germany's goalkeeper Jens Lehmann (R) is encouraged by substitute goalie Oliver Kahn prior to the penalty shoot-out during the quarter final of the 2006 FIFA World Cup between Germany and Argentina in the Olympic stadium in Berlin, Germany, Friday, 30 June 2006. Germany wins 4-2 on penalty shoot-out.   EPA/BERND SETTNIK +++ Mobile Services OUT +++ Please refer to FIFA's Terms and Conditions.  EPA/WDR

Ein Leben lang Konkurrenten, in diesem Moment ganz nahe: Kahn und Lehmann. Bild: EPA

«Informationen waren nicht wirklich hilfreich»

Nun übergibt Torwarttrainer Köpke Lehmann seinen vorbereiteten Zettel. Der erste Elfmeterschütze der Argentinier ist Julio Cruz. Lehmann schaut zwar auf den Zettel, doch dort ist keine Information zu Cruz zu finden und auch sein Verwirrspiel ist nicht von Erfolg gekrönt, Cruz trifft sicher. Beim zweiten Gaucho-Penalty ist Ayala an der Reihe und jetzt fruchtet der Spickzettel ein erstes Mal. Es steht geschrieben, dass der Argentinier in die rechte Ecke schiesst und prompt pariert Lehmann. 

Allerdings sind es nicht die Informationen selber, die Lehmann helfen, vielmehr sind die Argentinier vom Spickzettel verunsichert. Lehmann sagt später in der «Frankfurter Allgemeine»: «Leider waren die Notizen nicht wirklich hilfreich. Die Ecken sind aus meiner Sicht notiert, und die Schützen haben dann entgegengesetzt geschossen.» Zudem sei der Zettel «schwer zu lesen gewesen».

Das geschichtsträchtige Elfmeterschiessen. YouTube/MartinsGarten

Bei Rodriguez, dem dritten Schützen, ist die Info auf dem Spickzettel ebenfalls richtig. Der Schuss des Argentiniers ist aber zu platziert, keine Chance für Lehmann. Weil alle Deutschen getroffen haben, muss Cambiasso den vierten Penalty versenken. Obwohl zum Defensivspezialisten nichts vermerkt ist, schaut Lehmann lange auf den Zettel. Dieses Psychospiel funktioniert, Lehmann wehrt den Elfmeter des Gauchos ab und Deutschland steht – weil alle vier DFB-Schützen die Nerven behalten – im Halbfinal.

Pekermann tritt nach der Partie zurück

Nach Spielschluss kommt es zu wüsten Szenen. Die Argentinier können ihr Ausscheiden nicht verkraften und lassen die Fäuste fliegen. Der argentinische Auswechselspieler Cufre verpasst Mertesacker einen Tritt in den Unterleib. In der Hitze des Gefechts verwechseln die Gauchos Mertesacker mit Borowski, dieser hat sie während dem Penaltyschiessen mit einer Geste provoziert. Trainer José Pekerman erklärt an der anschliessenden Medienkonferenz seinen Rücktritt.

Ganz Deutschland jubelt über den Halbfinal-Einzug. Dort nimmt das deutsche «Sommermärchen» aber sein Ende. Das Team von Jürgen Klinsmann unterliegt Italien in der Verlängerung. Fünf Tage später holen sich die Italiener in einem packenden Finale gegen Frankreich den Titel.

«Hätte den Zettel beinahe weggeschmissen»

Der legendäre Spickzettel ist heute im «Haus der Geschichte» in Bonn ausgestellt. Auf Kunstrasen gebettet im Foyer des historischen Museums. Zuvor hat das Stück Papier eine Million Euro eingebracht. Bei einer Versteigerung für gute Zwecke ging es an den Energiekonzern «EnBW». Dass er überhaupt noch existiert ist eine günstige Fügung des Schicksals. Lehmann gestand später nämlich: «Ich hätte den Zettel beinahe weggeschmissen, irgendwann fiel er mir wieder vor die Füsse.»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

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