Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Fans gedenken ihrem ermordeten Liebling. Bild: AP

Unvergessen

Andrés Escobar wird nach einem Eigentor an der WM mit 12 Schüssen hingerichtet

2. Juli 1994: Der ehemalige YB-Verteidiger Andrés Escobar besiegelt Kolumbiens WM-Aus. Zehn Tage später ist er tot. Hingerichtet – mit zwölf Schüssen auf dem Parkplatz einer Bar in seiner Heimatstadt Medellin.

«Gooooool», Tor, soll Humberto Munoz Castro höhnisch geschrien haben, während er zwölf Mal den Abzug betätigte und Andrés Escobars Herz und Gesicht zerfetzte. Dies berichten Augenzeugen später beim Gerichtsprozess – an dessen Ende der Henker zu 43 Jahren Gefängnis verurteilt wird.

Die grausame Tat ist der blutige Höhepunkt einer Entwicklung, in deren Verlauf sich der kolumbianische Fussball immer aussichtsloser in den Fängen der einheimischen Drogenmafia verheddert.

abspielen

Andrés Escobars Eigentor ist bei der WM 1994 der Anfang vom Ende beim 1:2 gegen die USA. Video: YouTube/bucsgatorsmagic

Fussballklubs als Spielzeug für die Drogenbosse

Mitte der Achtziger Jahre entdecken die Kartellbosse die einheimischen Klubs als Spielzeug und Instrument zur Geldwäsche. Kokain-Papst Pablo Escobar engagiert sich bei Atlético Nacional Medellin, dem Verein, bei welchem seit 1985 auch sein später ermordeter Namensvetter Andrés kickt.

Bild

Pablo Escobar, der später zu Kolumbiens Staatsfeind Nummer 1 avanciert, finanziert Atlético National mit seinen Drogenmillionen. Bild: Youtube/Dawidh2011

Mit fingierten Spielertransfers und falsch deklarierten Einnahmen aus Ticketverkäufen wäscht Pablo Escobar seine Drogenmillionen weiss. Auch der Klub profitiert von diesen Praktiken. Der damalige Trainer Francisco Maturana erinnert sich: «Das Drogengeld ermöglichte uns, Spieler einzukaufen und die grössten Stars zu halten.»



«Das Drogengeld ermöglichte uns, Spieler einzukaufen und die grössten Stars zu halten.»

Francisco Maturana

Das zeigt Wirkung. 1989 triumphiert Nacional als erster kolumbianischer Fussballklub bei der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zu Europas Champions League. Verteidiger Andrés Escobar ist Stammspieler und hat einen entscheidenden Anteil daran. Beim gewonnenen Penaltyschiessen im Final-Rückspiel gegen Olimpia Asunción tritt er als erster Schütze an und versenkt den Ball sicher.

abspielen

Atlético National Medellins Triumph bei der Copa Libertadores von 1989. Video: YouTube/La Videoteca Tricolor

Die Drogenbosse werden wieder zu kleinen Jungs

Auch andere Kartellbosse eifern dem Modell von Nacional nach. Bald hat jeder kolumbianische Klub seinen Patron, der im Hintergrund die Fäden zieht, Spieler kauft und verkauft, Schiedsrichter besticht, bedroht oder im Zweifel gleich unzimperlich aus dem Weg räumen lässt. Es geht um viel Geld, aber auch um grosse Emotionen.

«Falls Don Vito Corleone mich zu einem Teller Pasta in ein Restaurant einlädt, gehe ich natürlich hin.»

Francisco Maturana

Denn beim Wettstreit ihrer Spielzeuge werden die Drogenbosse wieder zu kleinen Jungs. Die Spieler können die Einladungen der Capos aus der Unterwelt nicht ablehnen und rücken immer näher an sie heran. Trainer Maturana drückt es so aus: «Falls Don Vito Corleone mich zu einem Teller Pasta in ein Restaurant einlädt, gehe ich natürlich hin.»

Die Fussballer werden für ihre Dienste fürstlich entlohnt. Pablo Escobar soll regelmässig mehrere Top-Spieler für einige Stunden auf seine Ranch eingeflogen haben, nur um sie zur Unterhaltung gegeneinander antreten zu lassen und mit anderen Kartellbossen die eine oder andere Million auf das Ergebnis zu verwetten.

Kolumbien im Wechselbad zwischen Gewalt und Euphorie

Die Schattenseite dieser unheiligen Symbiose lassen nicht lange auf sich warten. Kein Lebensbereich, der unter dem Einfluss der kolumbianischen Mafia steht, wird von Gewalt verschont. Auch nicht der Fussball. 1989 wird der Schiedsrichter Alvaro Ortego in Medellin umgebracht, nachdem er ein Spiel der ersten Division nicht nach den Vorstellungen der beteiligten Drogenbosse gepfiffen hatte. Die Meisterschaft wird unterbrochen, weil die Sicherheit der Unparteiischen nicht mehr garantiert werden kann.

Vier Jahre später sterben mit dem 21-jährigen Omar Canas und einem 19-jährigen Nachwuchsspieler von Deportivo Cali zwei kolumbianische Fussballer, weil sie es wagten, öffentlich die Mafia zu kritisieren.

Goalie Rene Higuita und Andrés Escobar bei der WM 1990 im Luftkampf mit Kameruns Oman Biyik. Bild: WCSCC AP

Die erste WM-Qualifikation der Nationalmannschaft seit 28 Jahren gibt der Fussballeuphorie 1990 einen neuen Schub. Just zu dieser Zeit ist Andrés Escobar für drei Monate bei den Young Boys als Libero aktiv. Die Berner ziehen ihre Option aber nicht und schicken ihn noch vor Ablauf der Finalrunde zurück zu Atlético National. An der WM in Italien scheitert er anschliessend mit Kolumbien im Achtelfinal an Kamerun. Roger Milla sorgt mit zwei Toren in der Verlängerung für die Entscheidung.

Auf die Vorschusslorbeeren folgt das Debakel

Auch 1994 qualifiziert sich Kolumbien wieder für die Endrunde – und dieses Mal ist der Druck gewaltig. Kein Geringerer als Brasiliens Legende Pelé erklärt die Mannschaft um Superstar Carlos Valderrama vor dem Turnier in den USA zum Geheimfavoriten auf den Titel.

Doch gleich zu Beginn folgt eine unerwartete 1:3-Klatsche gegen Rumänien und die Stimmung kippt. Die Kolumbianer erhalten Morddrohungen von den erzürnten Capos aus der Heimat. Sie hatten riesige Summen auf ihre Schützlinge gesetzt – und verloren. Es sind keine leeren Drohungen: Der Bruder von Goalie Oscar Cordoba wird in der Heimat ermordet aufgefunden.

Beim 2:0-Sieg gegen die Schweiz im letzten, unbedeutenden Gruppenspiel läuft für das Team um Carlos Valderrama für einmal alles nach Plan. Bild: AP NY

Andrés Escobar und seine Teamkollegen brechen unter diesem Druck zusammen. Im zweiten Gruppenspiel gegen die USA folgt in der 33. Minute die verhängnisvolle Szene: Escobar will einen Querpass der Amerikaner unterbinden und lenkt den Ball unglücklich ins eigene Netz. Ernie Steward erhöht in der 50. Minute auf 2:0, der Anschlusstreffer durch Adolfo «El tren» Valencia in der 89. Minute kommt zu spät – Kolumbien ist raus, die Drogenbosse toben, die Volksseele kocht.

«Diese Leistung ist ein Verbrechen»

In der Heimat blasen die Medien zur Treibjagd auf die gefallenen Helden. «Wir sind erniedrigt worden» und «Kolumbien hat sich vor der ganzen Welt lächerlich gemacht» oder «Diese Leistung ist ein Verbrechen» titeln sie hetzerisch.

«Kolumbien hat sich vor der ganzen Welt lächerlich gemacht.»

Andrés Escobar behält die Nerven und sagt: «Das Leben ist damit nicht vorbei.» Ein fataler Irrtum. Obwohl er mehrere Morddrohungen aus der Heimat erhalten hat, kehrt er nach dem Turnier zurück nach Medellin, um seine Verlobte zu heiraten und den geplanten Wechsel zur AC Milan voranzutreiben. Dann statuiert Humberto Munoz Castro, ein stadtbekannter Bodyguard und Fahrer der Mafia, mit den zwölf Schüssen ins Herz und Gesicht des Eigentorschützen ein grausames Exempel.

120'000 Menschen nahmen an der Beerdigung des Innenverteidigers teil. 2002 wird zu Andrés Escobars Ehren ein Denkmal in Medellin errichtet. Sein Mörder kommt schon 2005 wieder auf freien Fuss. Er musste nur elf Jahre seiner 43-jährigen Gefängnisstrafe absitzen.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende sportliche Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Zu viel Fussball und Barbecues nebelt Chile ein

«Oh Zinédine, pas ça!» Zidanes Kopfstoss im WM-Final gegen Materazzi erschüttert die Welt

Link zum Artikel

Der «entführte» Raffael wird zum Fall für die Polizei – und muss ein Nachtessen blechen

Link zum Artikel

Roberto Baggios Penalty in die Erdumlaufbahn lässt ganz Italien weinen

Link zum Artikel

Mit dem letzten Spiel im Hardturm gehen 78 Jahre Schweizer Fussball-Geschichte zu Ende

Link zum Artikel

Der Goalie mit Pudelmütze sorgt für eine der grössten Sensationen der Fussball-Geschichte

Link zum Artikel

Filipescu macht den FC Zürich in Basel in der 93. Minute zum Meister

Link zum Artikel

Martin Palermo schafft's ins Guinness-Buch – weil er 3 Penaltys in einem Spiel verschiesst

Link zum Artikel

Ronaldo kämpft vor dem WM-Final mit dem Tod – warum er trotzdem spielt, bleibt ein Rätsel

Link zum Artikel

«Hoch werd mas nimma gwinnen» – der legendäre Ösi-Galgenhumor beim 0:9 gegen Spanien

Link zum Artikel

Andrés Escobar wird nach einem Eigentor an der WM mit 12 Schüssen hingerichtet

Link zum Artikel

Ailton wettert: «For mi das nicht Profi-Mannschaft, das nicht Profi-Fussball. Unglaublig»

Link zum Artikel

Das schlimmste Foul im Schweizer Fussball: Gabet Chapuisat zertrümmert Lucien Favres Knie

Link zum Artikel

«Decken, decken, nicht Tischdecken» – als man(n) im TV noch über Frauenfussball lästerte

Link zum Artikel

Maradona schiesst das Tor des Jahrhunderts – aber in Erinnerung bleibt die «Hand Gottes»

Link zum Artikel

Cabanas fordert Respekt, denn «das isch GC! Rekordmeister! Än Institution, hey!»

Link zum Artikel

Jay-Jay Okocha demütigt Oliver Kahn und drei Verteidiger mit einem Wahnsinnstanz

Link zum Artikel

Marco van Basten schiesst den «ewigen Zweiten» mit seinem Traumtor zum EM-Titel

Link zum Artikel

Ein Carlos Varela in Höchstform: «Heb de Schlitte, du huere Schissdrägg»

Link zum Artikel

Märchenprinz Volker Eckel legt GC mit 300-Millionen-Versprechen aufs Kreuz

Link zum Artikel

Nati-Goalie Zuberbühler schiebt die Schuld für ein Riesen-Ei dem «Blick» zu

Link zum Artikel

Beni Thurnheers fataler Irrtum – es gibt eben doch einen Zweiten wie Bregy

Link zum Artikel

Die Schweizerin Nicole Petignat pfeift als erste Frau ein Europacup-Spiel der Männer

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

«Es ist absurd» – der Chef erklärt, was er vom Feminismus hält

Link zum Artikel

Vorsicht, jetzt kommt die Wohnmobil-Rezession!

Link zum Artikel

Du bist ein Schwing-Banause? Wir klären dich rechtzeitig fürs Eidgenössische auf

Link zum Artikel

Zug steckt während 3 Stunden zwischen Grenchen und Biel fest – Passagiere wurden evakuiert

Link zum Artikel

Apples Update-Schlamassel – gefährliche iOS-Lücke steht zurzeit wieder offen

Link zum Artikel

So viel verdient dein Lehrer – der grosse Schweizer Lohnreport 2019

Link zum Artikel

Prügelt Trump die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession?

Link zum Artikel

Schweizer Firmen wollen keine Raucher einstellen – weil sie (angeblich) stinken

Link zum Artikel

Liam und Emma sind die beliebtesten Namen der Schweiz – wie sieht es in deinem Kanton aus?

Link zum Artikel

AfD-Politikerin Alice Weidel ist heimlich wieder in die Schweiz gezogen

Link zum Artikel

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Link zum Artikel

2 mal 3 macht 4! – Das wurde aus den Darstellern von «Pippi Langstrumpf»

Link zum Artikel

Greta Thunberg wollte Panik säen, erntet nun aber Wut

Link zum Artikel

Pasta mit Tomatensauce? OK, wir müssen kurz reden.

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Oppos Reno 5G ist ein spektakuläres Smartphone – das seiner Zeit voraus ist

Link zum Artikel

MEI, Minarett und Güsel: Das musst du zum Polit-Röstigraben wissen

Link zum Artikel

Ich hab die 3 neuen Huawei-Handys 2 Monate im Alltag getestet – es gab einen klaren Sieger

Link zum Artikel

Keine Hoffnung auf Überlebende nach Unwetter im Wallis ++ Gesperrte Pässe in Graubünden

Link zum Artikel

Immer wieder Djokovic – oder Federers Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit

Link zum Artikel

QDH: Huber ist in den Ferien. Wir haben ihn vorher noch ein bisschen gequält

Link zum Artikel

YB-Fan lehnt sich im Extrazug aus dem Fenster – und wird von Schild getroffen

Link zum Artikel

10 Tweets, die zeigen, dass in Grönland gerade etwas komplett schief läuft

Link zum Artikel

Wahlvorschau: Die Zentralschweiz ist diesmal nicht nur für Rot-Grün ein hartes Pflaster

Link zum Artikel

Sogar Taschenrechner verwirrt: Dieses Mathe-Rätsel macht gerade alle verrückt

Link zum Artikel

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 4: Die Zweifel des Insiders

Link zum Artikel

Uli, der Unsportliche – warum GC-Trainer Forte in Aarau unten durch ist

Link zum Artikel

Die Bloggerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand, ist tot, ihre Fantasie war grenzenlos

Link zum Artikel

Google enthüllt sechs Sicherheitslücken in iOS – das solltest du wissen

Link zum Artikel

Der neue Tarantino? Ist Mist. Aber vielleicht seht ihr das ganz anders

Link zum Artikel

Wohin ist denn eigentlich die Hitzewelle verschwunden? Nun, die Antwort ist beunruhigend

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Ab heute lebt die Welt auf Ökopump – und diese Länder sind die grössten Umweltsünder

Link zum Artikel

ARD-Moderatorin lästert über «Fortnite»-Spieler und erntet Shitstorm – nun wehrt sie sich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

St.Paulis Tier im Tor «geht einer ab», wenn er in der 1. Liga Bälle halten kann

18. August 1995: Klaus Thomforde liefert eines der berühmtesten Zitate der Bundesliga-Geschichte. Der Goalie des FC St.Pauli strahlt nach dem zweiten Saisonspiel in die Kamera und meint: «Es ist ja auch geil, in der 1. Liga die Bälle zu halten. Da geht mir einer ab!»

Ganz neu ist die 1. Bundesliga für den FC St.Pauli nicht, als er im Sommer 1995 aufsteigt. Es ist schon das dritte Gastspiel der Hamburger in der obersten Spielklasse. Auch Klaus Thomforde kennt die Beletage des deutschen Fussballs – aber erst von der Ersatzbank aus, denn lange standen ihm Kontrahenten vor der Sonne.

1995 jedoch ist er die Nummer 1 am Kiez. Und er wird im deutschsprachigen Raum berühmt, weil er – nun ja – ziemlich durchgeknallt wirkt. Wenn man so will, ist er der Vorgänger …

Artikel lesen
Link zum Artikel