Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
30 Aug 1991:  Mike Powell of the USA in action during the Long Jump event at the 1991 World Championships in Tokyo. He won the event with a jump of 8.95 Metres. \ Mandatory Credit: Mike  Powell/Allsport

Mike Powell hebt ab und fliegt auf sagenhafte 8,95 Meter. Bild: Getty Images Europe

Mike Powell zeigt Carl Lewis den Meister und stellt einen Rekord für die Ewigkeit auf

30. August 1991: Der beste Weitsprung-Wettbewerb aller Zeiten endet mit zwei faustdicken Überraschungen. Aussenseiter Mike Powell besiegt an der WM in Tokio erstmals Carl Lewis – und er stellt mit 8,95 Metern einen Fabelweltrekord auf, der noch heute gültig ist.



Eigentlich galt der Weitsprung-Weltrekord als unknackbar. Mit dem «Sprung ins nächste Jahrtausend» hatte Bob Beamon 1968 in der Höhe von Mexiko City und mit maximal zulässigem Rückenwind von zwei Meter pro Sekunde eine Marke gesetzt, die scheinbar für die Ewigkeit bestimmt war. Um 55 Zentimeter verbesserte der Amerikaner den Weltrekord auf unglaubliche 8,90 Meter: Wer soll diese Weite übertreffen können?

Animiertes GIF GIF abspielen

Bob Beamons Sprung auf 8,90 Meter. gif: youtube/olympics

23 Jahre lang beissen sich sämtliche Weitspringer dieser Welt daran die Zähne aus. Gegen Ende der 80er-Jahre kommt der Sowjetbürger Robert Emmijan der Marke mit 8,86 Metern bedrohlich nah, doch erst das Duell der Duelle zwischen Carl Lewis und Mike Powell bei der Leichtathletik-WM 1991 in Tokio bringt eine neue Bestmarke.

Die beiden sind damals alles andere als Freunde. Lewis ist der Cover-Boy der Leichtathletik-Szene und gilt im mit Spannung herbeigesehnten Weitsprung-Wettbewerb als grosser Favorit. Schliesslich hatte er 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul Olympiagold geholt und war 1983 und 1987 Weltmeister geworden.

Powell, der 1988 Silber holte, ist der klassische Underdog, den damals kaum einer kennt. 15 Mal war er gegen Lewis angetreten, 15 Mal hatte er verloren. Um Lewis erstmals zu schlagen, macht er ihn «zum Feind, zum Dämon». Zumindest in seinen Gedanken.

Doch «King Carl» erwischt an diesem vorletzten WM-Tag vor 70'000 Zuschauern den besseren Start. Es ist warm, die Luftfeuchtigkeit liegt bei rund 90 Prozent. Während Powell bereits bei 7,85 Metern landet, setzt der Titelverteidiger mit 8,68 Metern eine erste Duftmarke.

Play Icon

Die Highlights des Wettkampfs. Video: YouTube/Ammler75

8,54 Meter, 8,29 Meter und ein Übertreten: Powell kommt in der Folge nicht an Lewis heran und muss dann mit ansehen, wie sein Erzrivale auf 8,91 Meter springt und damit den Weltrekord von Bob Beamon um einen Zentimeter übertrifft. Lewis reisst die Arme hoch, er fordert die Massen auf, ihn zu feiern. 

Als Weltrekord würden die 8,91 Meter nicht gelten, weil der Wind mit 2,9 Metern pro Sekunde dafür zu heftig blies. Doch Gold scheint Lewis sicher zu sein. Aber Powell glaubt weiter an seine Chance. «Leute, wenn ihr denkt, das war weit», sagt er sich in diesem Moment, «dann passt jetzt mal auf, ich zeig's euch!»

Nur Lewis gönnt Powell den Triumph nicht

Nun nimmt Mike Powell zum fünften Mal Anlauf. Den Blick starr nach vorne gerichtet verzerrt er das Gesicht kurz zur Grimasse, bläst immer wieder die Backen auf, um die Luft dann ruckartig auszustossen. Der 1,88-m-Schlaks nimmt drei grosse Schritte und sprintet los.

Bei den letzten drei Schritten muss Powell etwas Geschwindigkeit herausnehmen, damit er nicht wieder übertritt. Er trifft den Balken haargenau und fliegt in zwei Metern Höhe bis fast zum Ende der Anlage. Der Sprung ist weit, unglaublich weit. Aber wie weit?

Animiertes GIF GIF abspielen

Powells Rekordsprung auf 8,95 Meter. gif: youtube

Es wird mucksmäuschenstill im Olympiastadion von Tokio. Powell hüpft aufgeregt herum und starrt auf die Anzeigetafel. Dann tauchen endlich die Zahlen auf: 8,95 Meter! 0,3 Meter pro Sekunde Rückenwind! Weltrekord! Powell rennt los, die Arme ausgestreckt, als wolle er von Gott den Segen für das soeben Geschaffte empfangen.

Doch noch hat Carl Lewis zwei Versuche. Mit 8,87 und 8,84 Metern scheitert er jedoch knapp – er ist am Boden zerstört. Die erhoffte One-Man-Show endet für ihn im totalen Desaster. Mit starrem Gesicht gratuliert er Powell, der in seiner Freude mit einem verdutzten japanischen Kampfrichter ein Tänzchen vollführt. 

Image

Powell freut sich über Gold, Lewis macht gute Miene zum bösen Spiel. bild: Getty images north america

Konkurrenten, Publikum – alle gönnen dem Aussenseiter den Sieg. Nur einer nicht. «Er hat ja nur einen guten Sprung gehabt», moniert Lewis und zeigt sich als schlechter Verlierer. Erst später gibt er zu: «Es war die grösste Niederlage meiner Karriere.»

Elastische Anlaufbahn als Rekord-Ursache?

Das Duell der Duelle beschäftigt die Leichtathletik-Szene noch lange. Fieberhaft wird versucht herauszufinden, warum es ausgerechnet an diesem Tag zu einer derartigen Serie von weiten Sprüngen gekommen ist. Anders als bei Beamons Rekord können ein zu hoher Rückenwind und auch ein Fehler an der Weitenmessanlage ausgeschlossen werden.

So fällt der Verdacht auf ein zu elastisches Absprungbrett. Das lässt sich aber nicht mehr eindeutig prüfen. Was bei den Untersuchungen aber herauskommt: Die Anlaufbahn in Tokio ist aussergewöhnlich elastisch – ihr Belag würde heute nicht mehr den Vorschriften der IAAF entsprechen.

«Kein Weltrekord ist für die Ewigkeit»

Powell darf das egal sein. Er wird über Nacht zum grossen Helden. «Der Weltrekord hat mein Leben verändert», sagt er später. «Vorher kannte mich kaum einer, seither die ganze Welt.» 1992 springt Powell in Sestriere 8,99 Meter weit, allerdings bei irregulären Bedingungen, 1993 in Stuttgart verteidigt er seinen WM-Titel.

Doch Lewis schlägt zurück. Bei Olympia 1992 in Barcelona distanziert er seinen angeschlagenen Dauerrivalen um drei Zentimeter und holt Gold. Auch 1996 in Atlanta triumphiert «King Carl» und Powell wird da gar nur Fünfter.

Mike Powell of the United States grimaces after injuring himself during the men's long jump final at the 1996 Summer Olympic Games in Atlanta, Monday, July 29, 1996. (AP Photo/Lynne Sladky)

In Atlanta 1996 verletzt sich Powell und verpasst die Medaillen. Bild: AP

Die besten 10 Weitspringer aller Zeiten

30.08.1991: Mike Powell (USA), 8,95 Meter
18.10.1968: Bob Beamon (USA), 8,90 Meter
30.08.1991: Carl Lewis (USA), 8,87 Meter
22.05.1987: Robert Emmijan (URS), 8,86 Meter
18.07.1988: Larry Myricks (USA), 8,74 Meter
02.04.1994: Erick Walder (USA), 8,74 Meter
07.06.2009: Dwight Phillips (USA), 8,74 Meter
24.05.2008: Irving Saladino (PAN), 8,73 Meter
18.07.1995: Ivan Pedroso (CUB), 8,71 Meter
02.06.2007: Louis Tsatoumas (GRE), 8,66 Meter

Nach dieser Schlappe tritt er zurück, doch 2001 wagt er ein Comeback. Powell will sich für die Olympischen Spiele 2004 in Athen qualifizieren, was ihm aber nicht gelingt. Und so bleibt Mike Powell vor allem wegen dieser einen epischen Nacht in Tokio in Erinnerung. Sein Weltrekord ist nun schon seit 25 Jahren gültig, er existiert mittlerweile länger als derjenige von Bob Beamon, der ja bereits als nicht zu übertreffen galt.

Ob Powells 8,95 Meter jemals übertroffen werden? Die Antwort auf diese Frage liefert er gleich selbst: «Kein Weltrekord ist für die Ewigkeit». Und er fügt an: «Bis 9,15 Meter ist alles möglich.» Bis anhin hat aber kein Weitspringer auch nur annähernd an seiner Bestmarke gekratzt.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Alle Leichtathletik-Weltrekorde

Abonniere unseren Newsletter

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen

Totgeglaubter Japaner beendet Olympia-Marathon nach 54 Jahren

13. November 1983: Heute stirbt der Mann, der bei den Olympischen Spielen 1912 einen skurrilen Rekord aufstellte. Oder besser: Zu diesem aufbrach. Denn erst 1967 endet sein längstes Rennen der Geschichte. Unterwegs heiratete er und zeugte sechs Kinder.

Olympia ist 1912 noch kein Kassenschlager. Das Stadion in Stockholm ist meist gähnend leer. Bis am letzten Tag, dem 14. Juli 1912 um 13.45 Uhr. Dann steht der Marathon auf dem Programm. Im laufsportverrückten Schweden DAS Ereignis. 22'000 füllen die Arena, Tausende stehen an der Strecke.

Allerdings ist die Freude bei den Organisatoren trotzdem getrübt. Grund ist das Wetter: Bis zu 32 Grad werden gemessen, eine völlig unerwartete Hitze. Schon vier Jahre zuvor brachen beim Marathon in London bei …

Artikel lesen
Link to Article