Unvergessen
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This is an Aug. 14, 1936, file photo showing Jesse Owens competing in one of the heats of the 200-meter run at the 1936 Olympic Games in Berlin. The performance of Jesse Owens will be honored in the stadium where he won four gold medals at the 1936 Olympic Games when the world championships are held in Berlin this month. (AP Photo)

Bild: AP

6 Weltrekorde in 45 Minuten

Unvergessen

25.05.1935: Keiner ärgerte Hitler mehr als Jesse Owens – dabei hätte der Führer ja wissen müssen, was der Schwarze drauf hat

25. Mai 1935: Der grösste Sportler seiner Zeit stellt in weniger als einer Stunde gleich sechs Weltrekorde auf. Sein Name: Jesse Owens. Er ist Amerikaner, Sprinter, Weitspringer und schwarz.



Lassen wir kurz den Nachmittag des 25. Mai 1935 Revue passieren. Wir befinden uns in Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan, an einem Sportfest der wichtigsten Universitäten des Mittleren Westens.

15.15 Uhr: 100 Yards
Sieger: Jesse Owens. Siegerzeit: 9,4 Sekunden – Weltrekord eingestellt.

15.25 Uhr: Weitsprung
Erster Versuch Jesse Owens. Weite: 8,13 Meter – neuer Weltrekord.

15.33 Uhr: 220 Yards
Sieger: Jesse Owens. Siegerzeit: 20,3 Sekunden – neuer Weltrekord.

15.45 Uhr: 220 Yards Hürden
Sieger: Jesse Owens. Siegerzeit: 22,6 Sekunden – neuer Weltrekord.

Vier Wettkämpfe, sechs Mal Weltrekord. Denn die Bestmarken in den Rennen über 220 Yards galten zugleich auch als Weltrekord über die Distanz von 200 Metern (1 Yard entspricht 91,4 Zentimetern).

Dokumentation «Der schnellste Mann der Welt». Video: Youtube/Olenas Heimreise

Hitler auf der Tribüne tobt

Ein Jahr später tritt Jesse Owens zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin an. Die Nazi-Spiele, Hitler will die Überlegenheit seiner arischen Rasse zelebrieren – und ausgerechnet ein Schwarzer wird zum Superstar.

Owens gewinnt über 100 Meter, 200 Meter, im Weitsprung und mit der 4x100-Meter-Staffel. «Die Amerikaner sollten sich schämen, dass sie sich ihre Medaillen von Negern gewinnen lassen», soll Hitler auf der Tribüne getobt haben.

Bild

Der Weitsprungschuh, in dem Jesse Owens 1936 Olympiasieger wurde. Bild: Olympisches Museum

Als Höhepunkt gilt das Weitsprungduell gegen Luz Long. Der blonde Bilderbuch-Deutsche führt – nomen est omen – lange im Wettkampf. Doch im letzten Versuch gelingt Owens doch noch eine Steigerung. Sein Satz auf 8,06 Meter bedeutet die Goldmedaille. Dabei hilft ausgerechnet der deutsche Kontrahent Owens, die richtige Anlauflänge zu finden.

Es habe Long viel Mut gekostet, sich vor Hitlers Augen mit ihm anzufreunden, sagte Owens: «Man könnte alle Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen, und sie würden nicht für eine Schicht über der 24-Karat-Freundschaft, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand, reichen. Hitler muss wahnsinnig geworden sein, als er sah, wie wir uns umarmten.»

Die Sportler Luz Long (l) und Jesse Owens (r) unterhalten sich in einer Pause des Weitsprungwettbewerbs waehrend der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin. (KEYSTONE/EPA/DPA/Str)

Long und Owens während des Weitsprungwettkampfs. Bild: EPA DPA

This Nov. 19, 2013 photo shows track and field star Jesse Owens' gold medal is displayed from his 1936 Olympics win at the SCP Auctions in Laguna Nigel, Calif. One of the four Olympic gold medals won by Owens at the 1936 Berlin Games is set to go on the auction block.  SCP Auctions says the medal could sell for upward of $1 million in the online auction that runs from through Dec. 7, 2013. (AP Photo/Raquel Dillon)

Wo sind die Medaillen?

Von drei der vier Goldmedaillen aus Berlin ist der Verbleib unbekannt. Die vierte wurde 2013 für 1,46 Millionen Dollar versteigert. Doch es gibt Zweifel über ihre Echtheit. Einerseits wurden Owens vier Medaillen angeblich 1960 gestohlen, seither habe er bloss noch Replika besessen. Andererseits hätten in Berlin alle Goldmedaillen gleich ausgesehen, egal in welcher Sportart sie verteilt wurden.

Im Warenlift zum offiziellen Empfang

In Amerika ist die Situation paradox. Zwar wird Owens nach der Rückreise von Olympischen Spielen in Berlin mit einer Konfettiparade in New York gefeiert – doch zum offiziellen Empfang im noblen Waldorf-Astoria-Hotel muss er den Warenlift nehmen.

Auch die Politik will mit dem Star nichts zu tun haben. Es ist Wahljahr und US-Präsident Franklin D. Roosevelt will sich nicht mit einem Schwarzen blicken lassen, lädt Owens deshalb nicht ins Weisse Haus ein. «Nicht Hitler hat mich beleidigt, sondern mein eigener Präsident», sagte Owens dazu.

Owens Siegerlauf über 100 Meter in Berlin. Video: Youtube/Olympics

Mit der Sportkarriere ist es – man glaubt es kaum – vorbei. Denn weil Owens für Auftritte Geld kassiert, verstösst er gegen das Amateurstatut. Fortan läuft er gegen Pferde, Windhunde oder Töffs.

Owen ist das peinlich, er entschuldigt sich dafür: «Ich musste irgendwie überleben, die vier Goldmedaillen konnte man ja nicht essen.» Sein cleverer Trick bei den Rennen gegen die Pferde: Er wählt heissblütige Araber als Gegner aus, die beim Startschuss derart erschrecken, dass Owens ihnen auf und davon sprinten kann.

The U.S. Postal Service honors Jesse Owens, shown on a new stamp running the hurdles in his Ohio University uniform. Winner of four track events in the 1936 Berlin Olympics, Owens' performance shocked Adolf Hitler, who espoused the superiority of the Aryan race. (AP Photo/U.S. Postal Service)

18 Jahre nach seinem Tod und 62 Jahre nach den Olympiasiegen ehrt die amerikanische Post Owens mit einer Briefmarke. Bild: AP

Owens ist gewissermassen eine frühe US-Ausgabe des Schweizer Velorennfahrers Beat Breu. Er eröffnet eine Reinigung und geht pleite. Er tourt mit einer Jazz-Band durch die Staaten, verdient einen Haufen Geld und verliert alles wieder an der Börse. 1939, nur drei Jahre nach seinen vier Olympiasiegen, muss er bankrott anmelden.

1980 stirbt Jesse Owens, der jahrzehntelang Kettenraucher war, an Lungenkrebs. Er ist eine Ikone seiner Zeit und einer der berühmtesten Sportler aller Zeiten.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

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