Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
19 Sep 2000:  Eric ''the Eel'' Moussambani of Equatorial Guinea in action during the Mens 100m Freestyle Heats at the Sydney International Aquatic Centre on Day Four of the Sydney 2000 Olympic Games in Sydney, Australia. Moussambani completed the swim in atime of 1:52.72, over a minute behind the World Record for the distance.  \ Mandatory Credit: Stu Forster /Allsport

Nur mit Mühe kann sich Eric Moussambani auf der zweiten Länge über Wasser halten. Bild: Getty Images AsiaPac

Eric «The Eel» Moussambani säuft fast ab – und wird trotzdem zum grossen Olympia-Star

19. September 2000: Eric Moussambani, ein 22-jähriger Schwimmer aus Äquatorialguinea, wird zum grossen Star der Olympischen Spiele in Sydney. Nicht weil er grossartige Leistungen vollbringt, sondern weil er die Herzen der Zuschauer gewinnt. Mitmachen ist manchmal eben doch alles.



Eric Moussambani steht in seinen hellblauen Badehosen, wo er vor wenigen Augenblicken schon stand. Auf Startblock 5 im Aquatic Centre von Sydney. Doch weil seine beiden Konkurrenten – beides Profischwimmer – im Vorlauf über 100 Meter Freistil einen Fehlstart produzieren und disqualifiziert werden, ist er nun mutterseelenallein. 

19 Sep 2000:  Eric Moussambani of Equatorial Guinea in action during the Mens 100m Freestyle Heats at the Sydney International Aquatic Centre on Day Four of the Sydney 2000 Olympic Games in Sydney, Australia. Moussambani completed the swim in a time of 1:52.72, over a minute behind the World Record for the distance. Mandatory Credit: Billy Stickland/ALLSPORT

Moussambani ist bereit. Bild: Getty Images AsiaPac

17'000 Zuschauer warten gespannt, was nun passiert. Wie die Jury haben auch sie den 22-jährigen Äquatorialguineer, der so gar nicht wie ein Schwimmer aussieht und nur dank einer Wildcard bei OIympia dabei ist, noch nie in Aktion gesehen.

Moussambani richtet seine Schwimmbrille, dann ertönt auch schon der Startschuss. Er springt ab, taucht ins Becken von Sydney – und das berührendste olympische Drama aller Zeiten nimmt seinen Lauf.

Play Icon

Moussambanis legendärer Vorlauf über 100 m Freistil. Video: YouTube/TICE123

Die ersten Meter sehen gar nicht so schlecht aus. Sein Crawl-Stil ist zwar etwas unorthodox, aber schliesslich hat der Junge erst vor acht Monaten schwimmen gelernt. In einem 20-Meter-Pool einer Hotelanlage, dem damals einzigen Schwimmbecken in Äquatorialguinea. Vom Aufruf eines Radiomoderators, sich für die olympische Schwimmmannschaft zu bewerben, hatte er während einer Autofahrt gehört. Er war der einzige des 400'000-Einwohnerstaats, der sich meldete.

Immer mehr im «Hundeschwumm»

Zurück ins Olympia-Becken: Moussambani ist nicht sonderlich schnell und wirbelt viel Wasser auf, in 40,97 Sekunden kommt er zur Wende. Doch jetzt werden seine Arme und Beine plötzlich immer schwerer. Erst später gibt er zu, dass er noch nie 50 Meter am Stück geschwommen ist. Die Zuschauer in Sydney wissen von all dem nichts, aber sie spüren, dass der Mann im Wasser ihre Hilfe braucht und feuern ihn aus vollen Kehlen an.

19 Sep 2000:  Eric Moussambani of Equatorial Guinea swims alone in his Men's 100m Freestyle Heat after his two opponents are both disqualified at the Sydney International Aquatic Centre on Day Four of the Sydney 2000 Olympic Games in Sydney, Australia.\ Mandatory Credit: Mike Powell /Allsport

«The Eel» kämpft sich durchs Becken: Seine Schwimmbrille wird später für 2551 Dollar versteigert. Bild: Getty Images AsiaPac

Sein Schwimmstil gleicht nun immer mehr demjenigen eines tollpatschigen Hundes, die Beine zieht er nur noch hinterher. «Ich glaube nicht, dass er es schaffen wird», sagt der britische TV-Kommentator. Als Moussambani die letzten Meter in Angriff nimmt, säuft er beinahe ab. Nur noch knapp kann er sich über Wasser halten. Die Rettungsschwimmer wollen schon eingreifen, als «The Eel», wie sie in später nennen werden, die letzten Kräfte mobilisiert.

 «Tut mir leid, ich bin noch nie so weit geschwommen. Ich dachte, es wäre zu weit, aber ich habe es geschafft.»

Eric Moussambani

In 1:52.72 schlägt er schliesslich total erschöpft – in äquatorialguineischem Landesrekord – an. Es ist die schlechteste 100-Meter-Zeit, die je bei Olympia geschwommen wurde. 68,54 Sekunden bleibt Moussambani über dem damaligen Weltrekord und er ist langsamer als der Olympiasieger über die doppelte Distanz. Das Publikum tobt und feiert den Anti-Helden trotzdem wie einen Olympiasieger.

Trotz seines Sieges im Vorlauf, scheidet er als 71. und letzter Teilnehmer aus. Nur die 16 Schnellsten qualifizieren sich für die Halbfinals. Moussambani ist trotzdem überglücklich. «Die letzten 15 Meter waren schwierig für mich», gibt er im Ziel zu Protokoll. «Ich möchte jeden Zuschauer umarmen und küssen – sie haben ungeahnte Kräfte in mir geweckt.»

Der Liebling der Massen

Als Moussambani zwei Tage später in der Mensa des Athletendorfs auftaucht, erhält er eine Standing Ovation. «Alle wollten mir die Hände schütteln. Alle klopften mir auf die Schultern und sagten: guter Job», erzählt er später. Die Presse reisst sich um den 22-Jährigen, der gar nicht so recht weiss, wie ihm geschieht. «Ich schreibe den ganzen Tag Autogramme. Wenn ich von Olympia-Fans erkannt werde, dann umarmen und küssen sie mich.»

Image

Posieren vor der Oper von Sydney: Moussambani ist plötzlich ein gefragter Mann. bild: getty images asiapac

Von Englands BBC zu Italiens RAI, von Amerikas NBC zu Japans NHK: Wie selbstverständlich absolviert er den Medienmarathon und sagt immer wieder das Gleiche. «Ich mache weiter.» Doch daraus wird leider nichts. Obwohl er seine Bestzeit auf unter 57 Sekunden steigert, wird ihm die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2004 in Athen wegen Visa-Problemen verweigert.

Auch in Peking 2008 ist «The Eel» am Start, in London 2012 will er wieder olympische Luft schnuppern. Als äquatorialguineischer Nationaltrainer. Doch leider qualifiziert sich keiner seiner Schützlinge für die Wettkämpfe. Moussambani nimmt es mit Humor: «Die Jungs sind zwar nicht so schnell wie ich zu meiner besten Zeit, aber sie entwickeln sich.»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Die Schweizer Fahnenträger bei Olympia

Unvergessene Olympia-Momente: Sommerspiele

18.10.1968: Bob Beamon springt so weit, dass nicht einmal das Massband reicht

Link to Article

17.09.1988: Zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Seoul gibt es geröstete Tauben

Link to Article

01.10.2000: Der Abschluss der Spiele von Sydney ist der Beginn der grossen Liebe zwischen Roger und Mirka

Link to Article

19.09.2000: Eric «The Eel» Moussambani säuft über 100 m Freistil fast ab und wird trotzdem zum grossen Star

Link to Article

28.8.1972: Mark Spitz holt sich die ersten zwei von sieben Goldmedaillen und schwimmt in jedem Rennen Weltrekord

Link to Article

17.08.2008: Amor trifft besser als der Sportschütze, der nur deshalb berühmt wurde, weil er auf die falsche Scheibe zielte

Link to Article

26.08.1900: Ein Siebenjähriger wird zum jüngsten Olympiasieger aller Zeiten, aber bis heute kennt niemand seinen Namen

Link to Article

Die Geschichte eines Bauernsohns, der im vorletzten Jahrhundert zum Olympiahelden wurde

Link to Article

08.05.1984: Die Sowjets boykottieren Olympia. Eine Retourkutsche, die ihre Wirkung komplett verfehlt

Link to Article

09.06.1924: Die Schweiz verpasst den Olympiasieg – aber wird Europameister!

Link to Article

08.08.1992: Marc Rosset holt sich an Roger Federers 11. Geburtstag den einzigen grossen Titel, der dem «Maestro» noch fehlt

Link to Article

06.08.2012: Felix Sanchez schmuggelt Foto von totem Grosi unter die Startnummer und schafft das grösste Comeback der Leichtathletik

Link to Article

04.08.2012: Das knappste Finale in der Olympia-Geschichte im Triathlon gewinnt Nicola Spirig dank einer unglaublichen Willensleistung

Link to Article

28.07.1984: Gaby Andersen-Schiess torkelt in der Hitze von LA völlig dehydriert über die Zielgerade des Olympia-Marathons

Link to Article

26.07.1992: Das beste Team, das jemals Basketball gespielt hat, verzaubert die ganze Welt

Link to Article

25.07.1908: Wyndham Halswelle wird Olympiasieger über 400 Meter – weil er im Final der einzige Läufer ist

Link to Article

06.08.1984: Carl Lewis holt sich zum ersten Mal Olympia-Gold in seiner Lieblingsdisziplin

Link to Article

16.10.1968: Tommie Smith und John Carlos sorgen für die berühmteste Siegerehrung bei Olympia

Link to Article
Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • DigMer 19.09.2018 06:49
    Highlight Highlight Gibt es für die unter 57 Sekunden eine Quelle? Das wäre sensationell und zeigt, was beim Crawl mit verbesserter Technik rauszuholen ist. Aber auch in der langsameren Version hätten die Couchschwimmer, die sich über ihn lustig machen, Mühe gehabt, mit ihm mitzuhalten. Auf jeden Fall: Top-Sportler.
    2 0 Melden

Die Schweizerin Nicole Petignat pfeift als erste Frau ein Europacup-Spiel der Männer

14. August 2003: Beim UEFA-Cup-Qualifikationsspiel zwischen AIK Stockholm und Fylkir übernimmt eine 1,65 Meter grosse und 54 Kilogramm leichte Neuenburgerin das Kommando. Eine Woche zuvor ist Nicole Petignat noch heftig attackiert worden. 

Die Affiche zwischen dem schwedischen Vertreter AIK Stockholm und dem Gegner Fylkir Reykjavik aus Island interessiert nur die Direktbeteiligten. Vielmehr im Fokus steht eine zierliche Frau aus La Chaux-de-Fonds. Die 36-jährige Nicole Petignat hat die «Ehre» (oder Bürde), als erste Frau ein Europacup-Spiel bei den Männern zu leiten.

Vor dem für sie wichtigsten Spiel der Karriere steht sie wenige Stunden vor dem Ernstkampf kurz ihrem Heimblatt Le Quotidien Jurassien Red und Antwort. Am …

Artikel lesen
Link to Article