Unvergessen
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Spassvogel verliert Wette

10.01.2007: Rainer Schönfelder bewältigt am Lauberhorn die längste Abfahrt der Welt nackt

10. Januar 2007: Eigentlich will Rainer Schönfelder wegen Schmerzen schon aus Wengen abreisen, dann wird er wie durch Wunderhand wieder gesund – und fährt als Dank dafür nackt die Piste hinunter.

10.01.15, 00:01 10.01.15, 15:31

Rainer Schönfelder ist im Skizirkus bekannt als Clown und Spassvogel. Diverse Aktionen hat er schon durchgezogen. Auch sportlich sorgt er immer wieder für Aufsehen: Zwei Olympiamedaillen, zwei WM-Medaillen, der Sieg im Slalomweltcup und fünf Weltcupsiege schmücken sein Palmarès. Neun Podestplätze stehen vor dem Rennen in Wengen im Januar 2007 zudem in seiner Vita. Acht weitere werden bis zu seinem Rücktritt 2013 noch folgen. 

Doch vor den Lauberhornrennen – wo Schönfelder 2001 und 2004 im Slalom auf Rang 2 fuhr – geht es dem Österreicher mies. Tage zuvor ist er bei einer Trainingsfahrt auf der Turracher Höhe gestürzt. Ein Schleudertrauma und Schmerzen, die sich täglich eher verschlimmern, sind die Folgen. Verschiedene Therapien sprechen nicht an. Am Dienstag ist der Techniker derart am Ende, dass er eigentlich abreisen will, um sich in der Heimat behandeln zu lassen. 

Rainer Schönfelder Nacktfahrt Wengen 2007

Rainer Schönfelder löst am Lauberhorn seine Wettschulden ein. Bild: gepa

«Nackert? Nie! I hab do de Handschuh’ ang’habt ...» 

Sein Physiotherapeut zaubert noch eine letzte Behandlungsmethode aus dem Hut und wendet eine spezielle Manualtechnik an. «Wirst sehen, morgen geht's dir besser!», verspricht er zum Abschluss, worauf Schönfelder entgegnet: «Wenn die Schmerzen morgen nachlassen, fahr ich nackert einen Hang runter!».

«Ich hätte nie im Traum gedacht, dass so eine Aktion sowas auslösen kann!»

Rainer Schönfelder nach seiner Nacktfahrt.

Dass er am nächsten Tag tatsächlich im Adamskostüm über die Piste flitzt, hat er da wohl nicht geglaubt. Obwohl «Schöni» Jahre später richtig stellt: «Nackert? Nie! I hab do de Handschuh’ ang’habt ...» Und nicht nur das. Pflichtbewusst trägt der 29-Jährige neben Skischuhen auch seinen orange-blauen Helm, als er neben der gesperrten Piste ins Tal wedelt und den frühlingshaften Tag im Berner Oberland geniesst.

Rainer Schönfelder Nacktfahrt Wengen 2007

Rainer Schönfelder hatte nicht mit Fotografen gerechnet. Bild: eq Images

Ein Fotograf hielt die Aktion fest

Warum neben der Piste? Bei frühlingshaften 15 Grad wird das Training abgesagt, obwohl die Fahrer schon oben bereit stehen. Schönfelder wartet einige Minuten, dann löst er sein Versprechen doch ein. Denn: «Wettschulden sind Ehrenschulden. Da fährt die Eisenbahn drüber», wie er erklärt und ergänzt: «Zum Glück war es nicht kalt.» 

«Nackert? Nie! I hab do de Handschuh' ang'habt ...»

Rainer Schönfelder stellt einige Jahre später die Sache klar

Der Österreicher hat aber nicht nur Glück. Denn entgegen seiner Erwartung wird die «unvergessene» Aktion von einem Fotografen für die ganze Welt festgehalten. GEPA-Knipser Andreas Tröster erzählt später von seinem Coup: «Ich bin auf der Piste gestanden. Plötzlich hat mich ein Soldat angestossen und gemeint: ‹Schau, da fährt ein Nackter.›» Tröster knipst und Schönfelder verneint, dass es sich um einen in die Aktion eingeweihten Fotografen und somit einen PR-Gag handelt: «Den Fotografen hab ich irgendwie übersehen, es war eine interne Wette und die Aktion war natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.»



Medienwelle bis Mexiko und Japan

Damit ist es wenig später vorbei. GEPA-Chef Martin Ritzer staunt: «Die Fotos haben eine Dynamik ausgelöst, wie bisher nur das Foto von Hermann Maiers Sturz in Nagano.» Tatsächlich wird das Bild auf Zypern, in Mexiko und Japan gedruckt und erscheint auf CNN und der New York Times. «Ich hätte nie im Traum gedacht, dass so eine Aktion sowas auslösen kann», fasst Schönfelder zusammen.

«Ich hatte eine Wette einzulösen. Zum Glück war es nicht kalt.» 

Rainer Schönfelder über seine Beweggründe.

Ganz alle haben allerdings nicht ungehemmte Freude an der Aktion. ÖSV-Alpinchef Hans Pum verhält sich seinem Amt entsprechend gewissenhaft und büsst den Paradiesvogel: «Nach dieser Blödheit muss er sich für etwas Gutes zur Verfügung stellen, und zwar einen Tag für wohltätige Zwecke – aber angezogen. Er hatte eine rechte Freude mit dieser Aktion, ich habe jetzt eine Freude, weil er nun was machen muss. Vielleicht in einem Altersheim oder mit Kindern.» «Schöni» nimmt's gelassen: «Ich bin angenehmst beeindruckt von der Reaktion meiner Chefs im Skiverband – man sieht, sie sind viel lockerer als ihr Ruf!».

Zur Strafe ein Tag Sozialarbeit

Vor positiven Reaktionen und Angeboten für den Straf-Einsatz kann sich Schönfelder kaum retten: «Bei meinem Management gehen die Mailboxen über, meine Website ist schon kurzfristig zusammengebrochen, die Menschen haben so positiv reagiert und so schöne Sachen geschrieben, das hat mich echt gerührt. Weil die Leute mich darin bestärken, Gefühle zu zeigen. Und seiner Lebensfreude Ausdruck zu verleihen, ist ja nichts Schlimmes.»

Schönfelder

Rainer Schönfelder mit Tanzpartnerin Michaela Stöckli bei Dancing Stars 2013.

Der Slalom vom Wochenende  findet dann übrigens nicht statt. In der Kombination nimmt Schönfelder aber teil, klassiert sich in der Abfahrt auf Rang 24 und arbeitet sich im Slalom dann noch bis auf Platz 17 vor.

Am 26. Oktober 2013 verkündet Schönfelder mit 36 Jahren beim Saisonstart in Sölden eher unerwartet seinen Rücktritt. Am Tag darauf wird er verabschiedet.

Der «Ski-Clown» ist aber nicht nur auf der Piste erfolgreich durchgestartet. 2001 stürmt er mit «Schifoan» die Top 20 der österreichischen Charts, 2003 wiederholt er den Erfolg mit «Popmusic». 2013 gewinnt er zusammen mit Manuela Stöckli die achte Staffel von «Dancing Stars» in Österreich.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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