Unvergessen
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Bern's Carlos Varela, rechts, diskutiert mit Schiedsrichter Stephan Studer, im Meisterschaftsspiel der Fussball Super League zwischen den Young Boys Bern und dem FC Thun, am Samstag, 22. Maerz 2008 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Carlos Varela, wie er leibt und lebt: Provokation gegen Schiedsrichter Stephan Studer im März 2008. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

18.07.2008: Ein Carlos Varela in Höchstform: «Heb de Schlitte, du huere Schissdrägg»

18. Juli 2008: Man liebt Carlos Varela, oder man hasst ihn – zwischendrin geht nicht. Erst recht, seit er sich im Interview zum Saisonauftakt 2008/09 einen der kultigsten Aussetzer aller Zeiten geleistet hat.



Viel hat es nie gebraucht, um Carlos Varela auf die Palme zu bringen. 1995 gibt der spanischstämmige Schweizer mit 18 sein Debüt bei Servette. Die nächsten 15 Jahre tingelt er durch die halbe Liga und sorgt dabei für Schlagzeilen am Laufmeter. Manchmal sogar für positive: In Basel wird er 2002 Meister und feiert rauschende Nächte in der Champions League – auch in La Coruña, der Heimatstadt seiner Familie

Auch bei seinen anderen Stationen Aarau, YB und Xamax, erarbeitet sich der Flügelflitzer fussballerisch viel Respekt. Varela gilt als Ausnahmekönner, der mit seinem Speed und seinen Tricks manches Spiel im Alleingang entscheidet. Für weit mehr Gesprächstoff sorgt er aber immer wieder mit seinen fulminanten Ausrastern. Mal für Mal donnert es Varela die Sicherungen raus. Bald ist er als Hitzkopf, Reizfigur und grösster Provokateur der Liga bekannt.

Schiedsrichterin Nicole Petignat muss gegen den Berner Carlos Varela, rechts, und den Luzerner Gerardo Seoane eingreifen, im Meisterschaftsspiel der Fussball Super League zwischen Young Boys Bern und dem FC Luzern am Donnerstag, 24. April 2008 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Varela (rechts) legt sich im April 2008 mit Luzerns Seoane an, Schiedsrichterin Petignat geht dazwischen. April 2008. Bild: KEYSTONE

Nicht nur die Gegner, auch die eigenen Teamkameraden fürchten das Temperament des spanischen Stiers. Omar Ismaeel, ein bahrainischer Mitspieler bei Xamax gestand dem Fussballmagazin «Zwölf» einst ein, er habe sieben Monate gebraucht, bis er sich endlich getraute, mit Varela zu reden.

Ein Varela legt sich mit allen und jedem an

Das Problem: Carlos Varela fühlt sich ständig ungerecht behandelt. Im günstigsten Fall stellt er sich dann hin und reisst die Klappe auf – doch oft entgleist er auch körperlich. Varela grätscht, Varela tritt, Varela kratzt. Mal schlägt er seinen Gegenspieler, mal das Stadionpersonal – oder er geht gleich auf den Schiedsrichter los. Die Liste seiner Aussetzer wird lang und länger.

Fast alle davon sind heute vergessen. Nur einer bleibt für alle Ewigkeit im kollektiven Schweizer Fussballgedächtnis hängen. Schon beim ersten Spiel der Saison 2008/09 dreht Varela wieder im hochroten Bereich. 

Schiedsrichter Sascha Kever, rechts, zeigt Carlos Varela die rote Karte im Fussballspiel der Super League zwischen dem BSC Young Boys und dem Grasshopper-Club Zuerich am Samstag, 31. Maerz 2007, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Varela sieht Rot im Meisterschaftsspiel gegen die Grasshoppers. März 2007. Bild: KEYSTONE

Nach der 1:2-Pleite mit den Young Boys gegen seinen Ex-Klub Basel haut er im Interview mit dem Berner Radiosender «BE1» mächtig auf den Putz: «Wir haben null Punkte und sie haben drei, ohne zu spielen. Sie können nur stehende Bälle, das regt mich auf.» Und dann noch eine Spur schärfer: «Wenn es einen Sieger hätte geben müssen, dann wäre das YB gewesen und nicht die arroganten Basler, die schlussendlich einfach einen traurigen Fussball spielen.»

«Wir haben null Punkte und sie haben drei, ohne zu spielen. Sie können nur stehende Bälle, das regt mich auf.»

Carlos Varela

Der grösste Aussetzer just gegen den Ex-Verein

Varela versucht sich zu beruhigen: «Wir stehen erst am Saisonanfang und müssen das Resultat vergessen ...» Als im Hintergrund plötzlich der Jubel eines siegestrunkenen Bebbi durch die Katakomben hallt, ist es trotzdem um ihn geschehen: «Heb de Schlitte, du huere Schissdrägg du». Zack! Trocken und ansatzlos versenkt, ein verbales Jahrhunderttor, ein Bonmot, das ihm ausser in Basel landauf, landab grosse Sympathie und viele Lacher einbringt.

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Video: Youtube/himanu81

Und Varela zieht nach der kultigen Ausfälligkeit nicht etwa von dannen, sondern verdeutlicht seine Aussage: «Das regt mich auf, dieses Arrogante, was sie (die Basler) haben. Wenn das der Meister ist, weist der Schweizer Fussball einfach ein trauriges Niveau auf. So ist es.» Artig bedankt sich der Reporter beim Kicker («Okay Carlos, merci viu mau»), kaum wissend, mit welcher Trouvaille auf dem Tonband er da zurück auf die Redaktion kommen wird.

«Okay Carlos, merci viu mau.»

BE1-Reporter

Varela ist «angeekelt» ob all der «Benachteiligungen»

Nach vier Jahren und 111 Einsätzen im Dress der Berner verlässt Varela 2009 die Hauptstadt. Was er nicht weiss: Es ist lediglich der Auftakt zu einer weiteren Aneinanderreihung denkwürdiger Kurzauftritte bei verschiedenen Teams. Bei Neuchatel Xamax schiesst der Spanier in 30 Spielen 4 Tore, bevor es zum nächsten Eklat kommt.

Im Kabinengang der Maladière ätzt er gegen einen Schiedsrichter-Assistenten. Der Verband kennt keine Gnade und brummt dem Enfant Terrible drei Spielsperren auf. Wutentbrannt löst Varela den Vertrag mit den Neuenburgern auf und macht einen sofortigen Abgang. Er lässt verlauten, er sei «angeekelt» ob der in seinen Augen ständigen Benachteiligungen durch Unparteiische und Verband.

Referee Carlo Bertolini, left, is sending off Neuchatel's Carlos Varela, right, after showing him the red card during the Super League soccer match between FC Basel and Neuchatel Xamax at the St. Jakob-Park stadium in Basel, Switzerland, Thursday, May 13, 2010. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Schiedsrichter Bertolini stellt Xamaxien Varela in Basel vom Platz. Mai 2010. Bild: KEYSTONE

Aus den Augen, aus dem Sinn: Carlos Varela spielt – nicht zum letzten Mal – die beleidigte Leberwurst. Seine nächsten Vereine degradiert er gleich selber zu Durchlauferhitzern. 

Koeniz-Spieler Carlos Varela, links, sieht die rote Karte im Fussball Cup 1/8 Final-Spiel zwischen dem FC Koeniz und dem Grasshoppers Club Zuerich am Samstag, 9. Oktober 2013 auf dem Sportplatz Liebefeld. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Rote Karte gegen Varela (ganz links) im Achtelfinal des Schweizer Cups in der Partie Köniz – Grasshoppers. Oktober 2013. Bild: KEYSTONE

Ob in der US-Metropole (D.C. United, 5 Spiele, 0 Tore) wieder daheim am Genfersee (Servette, 5 Spiele, 1 Tor) oder in der Fussballprovinz (Wohlen, 2 Spiele, 0 Tore) – Varela eckt überall an und fädelt teilweise aus nichtigsten Gründen den nächsten Transfer ein. Die öffentlich geübte Kritik an seinem Auftreten durch den damaligen Trainers Urs «Longo» Schönenberger lässt Varela ein weiteres Mal innert kürzester Frist ein Engagement beenden.

Es folgt der Wechsel nach Köniz, wo man Aufstiegsambitionen in die Challenge League hegt. Wo mit Jiri Koubsky und Miguel Portillo zwei weitere ehemalige Super-League-Kicker engagiert sind. Wo Varela auch mit nunmehr 37 Lenzen auf dem Buckel höchstens ein bisschen seines Temperaments eingebüsst hat.

Vor zwei Jahren flog der Exzentriker mal wieder nach einem Eklat vom Platz. Grund: Der Hitzkopf beschimpft den gegnerischen Trainer, begeht eine Tätlichkeit und legt sich schliesslich mit einem Fan an. Carlos Varela eben. Mittlerweile hat er sich aber doch ein wenig gebessert. Nur neun Gelbe Karten und keine Rote hat Varela in der Saison 2014/15 gesammelt. Gar nicht schlecht für einen Mann mit seinem Temperament.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

Die Torschützenkönige in der Schweiz seit 1990

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    Alle Leser-Kommentare
  • wurstundbier 28.02.2016 12:29
    Highlight Highlight Unvergessen, als Varela mal seine 12. gelbe Karte sah und gemäss damaligem Reglement vier Spiele gesperrt würde.

    In der 90' säbelte er nochmals einen Gegner um, kassierte Gelb-Rot, womit er nur für ein Spiel gesperrt wurde.

    Quelle SF-Reporter, kann die ganze Geschichte aber bis heute nicht glauben.
  • Mia_san_mia 19.07.2015 12:07
    Highlight Highlight Solche Spieler brauchts einfach 😊
    • Mia_san_mia 20.07.2015 21:53
      Highlight Highlight Wieso nicht? Im heutigen Fussball sind die meisten Spieler viel zu brav! Hauptsache man steht gut da auf FB usw. und hat keine eigene Meinung...
  • Asmodeus 18.07.2015 09:16
    Highlight Highlight Da muss man sich fragen weswegen so ein Stinkstiefel noch dauernd einen Verein findet.
    Solche Spieler sind absolutes Gift für den Zusammenhalt und die Stimmung in der Mannschaft. Ausser das Team darf ihn nach jedem Training gemeinsam verprügeln als Teambildungsmassnahme.

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