Unvergessen
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Switzerland's Stanislas Wawrinka rests on the net after losing his fourth round match against Serbia's Novak Djokovic at the Australian Open tennis championship in Melbourne, Australia, Sunday, Jan. 20, 2013. (AP Photo/Andrew Brownbill)

Stan Wawrinka: Sekunden nach seiner wohl bittersten Niederlage. Bild: AP

Unvergessen

Djokovic fügt Wawrinka die Mutter aller heroischen und bitteren Niederlagen zu

20. Januar 2013: Stan Wawrinka dümpelt in der Weltrangliste am Rand der Top 20 herum, Novak Djokovic ist die Weltnummer 1 und Titelverteidiger beim Australian Open. Der Achtelfinal der beiden scheint eine klare Sache zu werden. Doch es wird ein Drama. Und was für eins ...



Die Ausgangslage

2013 ist Novak Djokovic im Melbourne Park seit drei Jahren das Mass aller Dinge. Er hat die letzten drei Austragungen gewonnen, ist beim Australian Open seit 18 Partien unbesiegt und scheint mit 25 Jahren nur noch besser zu werden. Der Titelverteidiger fliegt regelrecht durch die ersten Runden. In neun Sätzen gibt er seinen Aufschlag nie ab. Und jetzt wartet Stan Wawrinka. Nicht viel spricht für den Schweizer, schon gar nicht das damalige Head-to-Head von 0:11.

Serbia's Novak Djokovic, right, embraces  Switzerland's Stanislas Wawrinka after winning their fourth round match at the Australian Open tennis championship in Melbourne, Australia, Monday, Jan. 21, 2013. (AP Photo/Andy Wong)

Stan Wawrinka und Novak Djokovic 2013. Der eine gewinnt, der andere verliert alle wichtigen Partien. Bild: AP

Stan Wawrinka dümpelt in der Weltrangliste in den letzten Jahren konstant um Platz 20 herum. In den Top 10 war er mal kurz. Man weiss also: Die aktuelle Weltnummer 17 hat Potential und Talent. Aber gewinnen konnte der 28-Jährige bisher nie wirklich was. Drei eher unbedeutende ATP-250-Turniere in Umag, Casablanca und Chennai hat er für sich entschieden und der Schatten von Landsmann Roger Federer ist eh zu gross. Wawrinka ist eher für unnötige Niederlagen bekannt. Oft kämpft er heroisch, verliert am Ende aber doch. Genau wie an diesem Tag gegen Novak Djokovic. Aber der Reihe nach ...

1. Satz

Zunächst läuft für den Schweizer aber alles wie am Schnürchen: Wawrinka legt los wie die Feuerwehr und für das 6:1 im Startsatz benötigt er nur 25 Minuten. So demontiert wurde Djokovic schon länger nicht mehr – vielleicht noch nie. Wawrinka spielt in einer anderen Sphäre, der Serbe blickt hilflos in die eigene Box. Einen Rat hat niemand. Wie auch, wenn der Gegner nur drei unerzwungene Fehler macht?

Stanislas Wawrinka of Switzerland arrives at the court to face Novak Djokovic of Serbia during their ATP World Tour Finals single semifinal tennis match at the O2 Arena in London Sunday, Nov. 10, 2013. (AP Photo/Sang Tan)

Hier kommt der Herausforderer. Bild: AP

2. Satz

Wawrinka macht dort weiter, wo er im ersten Durchgang aufgehört hat. Nach 51 Minuten liegt er mit Break 4:1 vorne, nach einer Stunde trennt ihn bei 5:2 ein Game vom zweiten Satzgewinn. Doch plötzlich zittert die Hand. Die Bälle kommen nicht mehr so genau und Djokovic kommt zurück.

Der Favorit sichert sich fünf Games in Serie zum 7:5, der Satzausgleich ist perfekt. Wawrinka unterlaufen in diesem Durchgang nicht mehr nur drei, sondern 25 unerzwungene Fehler. Nach der Partie wird er relativieren: «Und ich glaube auch nicht, dass ich sicher gewonnen hätte, wenn ich mit 2:0 Sätzen in Führung gegangen wäre. Schliesslich kennen wir alle Djokovics Qualitäten.»

3. Satz

Diese Qualitäten spürt Wawrinka im dritten Satz. Mit zwei unglaublichen Punkten schnappt sich der Serbe das Break zum 1:0. Doch Wawrinka gelingt das sofortige Rebreak.

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Zwei unglaubliche Punkte von Djokovic zum Break zum 1:0 im dritten Satz. Video: streamable

Beim Servicedurchbruch zum 5:4 – ein weiterer langer Ballwechsel – hat Wawrinka dann keine Antwort mehr bereit: Djokovic holt sich den Durchgang mit 6:4. Nach zwei Stunden Spielzeit hat jeder erstmals so richtig das Gefühl: Das war's, jetzt geht der Favorit seinen Weg.

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Das Break von Djokovic zum 5:4 im dritten Satz. Video: streamable

4. Satz

Der vierte Satz avanciert zum besten der Partie. Beide Spieler leisten sich kaum Fehler. Weil Wawrinka die einzigen beiden Breakbälle dieses Durchgangs zum 2:0 und 3:1 vergibt, muss das Tiebreak entscheiden. Wawrinka spielt dort überraschend ruhig und macht die wichtigen Punkte. Er legt mit 6:3 vor und nutzt seinen zweiten Satzball mit einem Vorhandwinner zum 7:6 (7:5). Der Entscheidungssatz muss her. Keiner verlässt an diesem Sonntagabend jetzt natürlich das Stadion, auch wenn es schon längst Mitternacht ist.

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Das epische Spiel in 22 Minuten zusammengefasst – ein Genuss! Video: YouTube/TheZix90

5. Satz

Im Entscheidungssatz scheint Wawrinka Oberwasser zu haben, kann dies allerdings nicht umsetzen. Er geht gleich mit Break in Führung, kassiert aber – trotz zwei Spielbällen – das sofortige Rebreak zum 1:1. Zwei weitere Breakbälle zum 2:1 lässt der Romand ungenutzt. Der erste Höhepunkt des Dramas erfolgt beim Stand von 4:4. Vier Möglichkeiten zum Servicedurchbruch vergibt der Schweizer.

Besonders bitter: Beim letzten Breakball sitzt sein Return perfekt. Der Linienrichter gibt den Ball aber «out», der Schiedsrichter rät Wawrinka von der Challenge ab, denn es ist seine letzte. Was Wawrinka erst eine Stunde nach der Partie erfährt: Der Ball war drin, das Break zum 5:4 hätte ihm womöglich den Sieg gebracht.

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Der Schiedsrichter rät Wawrinka von der Challenge ab – ein Fehlentscheid.

So aber spitzt sich das Drama zu. Die beiden schenken sich nichts, Djokovic scheint jetzt allerdings stärker zu sein. Er kommt bei keinem seiner Aufschlagsspiele mehr in Verlegenheit. Wawrinka serviert fünfmal erfolgreich gegen die Niederlage. Beim Stand von 10:11 erarbeitet er sich zwar wieder insgesamt drei Spielbälle, muss aber auch zwei Matchbälle zunichte machen. Beim dritten ist er schliesslich machtlos, um 1.45 Uhr nach 5:02 Stunden ist «Marathon-Stan» geschlagen.

20 Mal fliegt der Filzball übers Netz, zweimal hat man das Gefühl, Wawrinka habe den Punkt praktisch schon gewonnen, doch nach einem Passierball sinkt der Romand zu Boden. Wieder gegen diesen Djokovic verloren. Zum zwölften Mal in Serie.

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Der Matchball um 1.45 Uhr nachts. Video: streamable

Kurz nach dem Spiel

Wawrinka wankt nach vorne, stützt sich am Netz ab und nimmt die Gratulationen seines Gegners an. Dieser schüttelt dem Schiedsrichter die Hand, zerreisst danach – wie schon nach dem Sieg gegen Nadal 2012 im Endspiel – sein Shirt und schreit seine Freude in die frühen Morgenstunden aus der Rod Laver Arena.

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Djokovic gratuliert Wawrinka zu seiner Leistung. Video: streamable

Djokovic wird später erklären: «Es war eines der intensivsten und aufregendsten Spiele, die ich in meiner Karriere bestritten habe. Wawrinka hätte das Spiel gewinnen können, Stan war der Chef auf dem Platz.» Das «Stanimal» aber ist am Boden zerstört: «Es ist extrem enttäuschend und frustrierend, dass ich mein bestes, komplettestes Spiel überhaupt verloren habe», sagt er. 

Djokovic tröstet: «Er hat die Qualität, um die besten Spieler der Welt zu schlagen. Das hat er schon an verschiedenen Orten auf verschiedenen Belägen gezeigt.» Beobachter sind sich einig: Hier hat eigentlich niemand verloren. Das findet kurz nach der Partie kein Gehör bei Wawrinka: «Das ändert leider das Resultat nicht.» 

Wawrinkas Weg nach dem Spiel

Das Achtelfinal-Aus bleibt bis heute die vermutlich heroischste und gleichzeitig bitterste Pleite Wawrinkas. Doch 2013 wird sowieso zum Jahr der grossen Niederlagen. Zwei Wochen später folgt das legendäre Doppel im Davis Cup gegen Tschechien.

An der Seite von Marco Chiudinelli musst sich «Marathon-Stan» nach 7:02 Stunden dem Duo Tomas Berdych/Lukas Rosol geschlagen geben. Der letzte Satz, der alleine 3:35 Stunden dauert, endet 22:24. Im Sommer lässt sich Wawrinka ein Tattoo auf seinen Unterarm stechen, das wie für ihn gemacht scheint: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»

MELBOURNE, AUSTRALIA - JANUARY 30:  Detail of the tattoo on the arm of Stanislas Wawrinka of Switzerland in his semifinal match against Novak Djokovic of Serbia during day 12 of the 2015 Australian Open at Melbourne Park on January 30, 2015 in Melbourne, Australia.  (Photo by Michael Dodge/Getty Images)

Wawrinkas Tattoo auf seinem linken Unterarm. Bild: Getty Images AsiaPac

Am US Open folgt die nächste Fünfsatz-Pleite gegen Djokovic: Trotz 2:1-Satzführung zieht Wawrinka noch den Kürzeren. Die Worte von Ivan Lendl, der schon nach dem Australian-Open-Spiel in Erinnerung rief, dass jeder Spieler einen echten «Krieg» erlebt haben muss, um ein grosser Champion zu werden, scheinen fast schon pervers. 

Doch was da noch niemand weiss: Wawrinka, der ewige Verlierer, wird tatsächlich noch zum grossen Sieger. 2014 rächt er sich im Viertelfinal in Melbourne mit 2:6, 6:4, 6:2, 3:6, 9:7 an Djokovic und gewinnt wenig später seinen ersten Grand-Slam-Titel. Endlich ist Wawrinka im Tennis-Olymp angekommen. In den darauffolgenden Jahren gewinnt er zwei weitere Major-Titel. Das French Open und das US Open, beide Male im Final gegen ... Novak Djokovic.

epa04042651 Stanislas Wawrinka of Switzerland poses with his trophy after the men's final match at the Australian Open Grand Slam tennis tournament in Melbourne, Australia, 26 January 2014. Wawrinka won the championship by defeating Rafael Nadal of Spain.  EPA/FRANCK ROBICHON

Endlich! Der erste grosse Sieg Wawrinkas bei den Australian Open 2014. Bild: FRANCK ROBICHON/EPA/KEYSTONE

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

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    Alle Leser-Kommentare
  • 00892-B 20.01.2019 13:24
    Highlight Highlight "Besonders bitter: Beim letzten Breakball sitzt sein Return perfekt. Der Linienrichter gibt den Ball aber «out», der Schiedsrichter rät Wawrinka von der Challenge ab, denn es ist seine letzte. Was Wawrinka erst eine Stunde nach der Partie erfährt: Der Ball war drin, das Break zum 5:4 hätte ihm womöglich den Sieg gebracht."

    Oh mann, das hab ich verdrängt. Ich könnte gleich wieder heulen. Bitterer geht nun wirklich nicht.

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