Unvergessen
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Roger Federer gratuliert Rafael Nadal fair zu dessen ersten Wimbledon-Titel. bild: keystone

Unvergessen

Das beste Tennis-Match aller Zeiten – Federer verliert seine Wimbledon-Krone an Nadal

6. Juli 2008: Vier Stunden und 48 Minuten Hochspannung – in ihrem dritten Final-Duell in Wimbledon in Serie verliert Roger Federer erstmals gegen seinen Erzrivalen Rafael Nadal. Der epische Fünfsätzer gilt als bestes Tennis-Match aller Zeiten.



Es ist das ewige Duell dieser Ära. Auf der einen Seite Roger Federer, der Rasenkönig mit fünf Wimbledon-Titeln in Serie in der Tasche. Der feingliedrige Künstler mit der virtuosen Technik. Auf der anderen Seite Rafael Nadal, der Sandkönig mit vier French-Open-Titeln in Serie in der Tasche. Der muskelbebackte Kämpfer mit dem unbändigen Willen.

Vor ihrem 18. Duell sind die Rollen klar verteilt. Federer liegt gegen seinen Erzrivalen im Head-to-Head zwar 6:11 zurück und hatte im French-Open-Final mit 1:6, 3:6, 0:6 gerade seine bitterste Niederlage gegen Nadal kassiert, aber auf Rasen – da sind sich alle sicher – ist Federer wieder der grosse Favorit.

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Der French-Open-Final 2008 – Nadal im «Gott-Modus». Video: streamable

Zweimal hatte der «Maestro» gegen Nadal in Wimbledon im Final bereits gewonnen: 2006 in vier, ein Jahr später in fünf Sätzen. Der «Stier aus Manacor» rüttelte auf dem stets langsamer gewordenen «Heiligen Rasen» zwar immer etwas mehr an Federers Thron, doch stürzen konnte er den Rasenkönig nicht.

Federer stürmt in seinem «Wohnzimmer» ohne Satzverlust in den Final und gewinnt gegen Dominik Hrbaty, Robin Söderling, Marc Gicquel, Lleyton Hewitt, Mario Ancic und Marat Safin seine Rasen-Matches Nummer 60 bis 65 in Serie. Doch auch Nadal ist in Topform, nur in der 2. Runde gegen Ernests Gulbis gibt er einen Satz ab.

Federer Nadal Wimbledon Final 2008

Federers gewöhnungsbedürftige Strickjäckchen wurde in Wimbledon kritisch beäugt. bild: keystone

Der ganze Druck liegt vor dem Final jedoch bei Federer. Ein Sieg fehlt ihm zum sechsten Wimbledon-Sieg in Folge. Das ist vor ihm noch keinem gelungen. Björn Borg gewann von 1976 bis 1981 ebenfalls fünfmal in Serie. Nun ist der Schwede extra an die «Church Road» gereist, um zu sehen, wie Federer den den gemeinsamen Rekord übertrifft.

Federer vor dem Final:

«Rafa ist ein unglaublicher Wettkämpfer und ein harter Gegner. Jedes Mal wenn ich gegen ihn spiele, versuche ich ihn zu schlagen. Ich weiss, was ich gegen ihn tun muss, um zu gewinnen.»

Nadal vor dem Final:

«Keine Ahnung, wie ich gegen Roger auf Gras spielen soll. Ich gehe einfach auf den Platz und versuche mein Bestes zu geben, ihm meinen Rhythmus und meine Intensität aufzuzwingen. Wenn er mich schlägt, werde ich ihm zum Sieg gratulieren – wie jedes Jahr.»

Vor dem Match liegt die Spannung förmlich in der Luft. Wegen eines kleinen Regengusses betreten Federer und Nadal erst kurz vor 14.30 Uhr den prestigeträchtigen Centre Court von Wimbledon, wenig später beginnt dieses epische, wohl beste Tennis-Match aller Zeiten.

Nadal erwischt den besseren Start, schafft im ersten Satz ein frühes Break und gewinnt den Durchgang mit 6:4, weil Federer seine Chancen immer wieder liegen lässt. Im zweiten Satz kann der Favorit vorlegen: Federer zieht auf 4:1 davon, doch dann reisst der Faden. Nadal holt fünf Games in Folge und gewinnt auch den zweiten Durchgang mit 6:4.

Federer nach dem 0:2-Satzrückstand:

«Ich habe die ersten zwei Sätze zwar gespielt, aber ich fühlte mich ... wie soll ich sagen? Ich glaubte nicht daran, dass ich das Match gewinnen könnte. Mein Problem war, dass ich im Paris-Final gegen Rafa einen Monat zuvor absolut chancenlos war.»

Im dritten Satz stürzt Nadal früh und muss sich behandeln lassen, aber die Federer-Fans hoffen vergebens auf einen Einbruch des Mallorquiners. Doch plötzlich ziehen dunkle Wolken über dem Himmel auf, beim Stand von 5:4 für Federer muss das Match schliesslich unterbrochen werden. Ein Segen für den Schweizer, wie sich später erweisen sollte.

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Die besten Ballwechsel der Partie. Video: YouTube/Wimbledon

Ehefrau Mirka hält ihrem Roger in den Katakomben des Centre Courts eine Standpauke, die den «Maestro» aufweckt. Nach Wiederaufnahme der Partie wirkt Federer deutlich fokussierter und holt sich den dritten Durchgang im Tiebreak.

Auch den vierten Satz muss das Tiebreak entscheiden. Nadal führt schnell 5:2 und vergibt wenig später zwei Matchbälle (einen bei eigenem Aufschlag), ehe Künstler Federer für einmal Tennis «arbeiten» muss und seine Kämpferqualitäten zeigt, zurückschlägt und das Tiebreak noch mit 10:8 für sich entscheidet. Der Satzausgleich, der sechste Wimbledon-Titel in Folge ist immer noch möglich, was für eine Spannung!

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Der Tiebreak des vierten Satzes in voller Länge. Video: YouTube/Wimbledon

Das Momentum scheint jetzt auf Federers Seite zu liegen, doch Nadal trauert den verlorenen Chancen nicht nach und spielt weiter, als wäre nichts gewesen. Um 19.53 Uhr Lokalzeit – beim Stand von 2:2 im 5. Satz – setzt nochmals Regen ein, das Ende am gleichen Abend scheint kaum noch möglich. Onkel Toni macht sich auf den Weg in die Garderobe, er will seinen Schützling aufbauen.

Doch Rafa braucht keine Motivationsrede, er hält sie nämlich gleich selbst. Wohlwissend, dass Federer im gleichen Raum nur wenige Meter neben ihm sitzt. «Ich sagte zu Toni: Ich werde dieses Spiel nicht verlieren. Es kann sein, dass Roger gewinnt. Aber es wird nicht sein, weil ich es verliere.»

Roger Federer congratulates Spain's Rafael Nadal after he won the the Men's Singles final on the Centre Court at Wimbledon, Sunday, July 6, 2008. (AP Photo/Alessia Pierdomenico, pool)

Federer und Nadal unmittelbar nach Spielschluss. Bild: AP POOL, REUTERS

Um 20.23 Uhr geht es schliesslich weiter, nach menschlichem Ermessen bleibt noch etwa eine halbe Stunde Tageslicht. Ein Dach oder Scheinwerfer gibt es auf dem Centre Court von Wimbledon noch nicht.

Es ist dann aber 21.10 Uhr, als Nadal das erste Break zum 8:7 im fünften Satz gelingt. Die Leute vor dem Fernseher können nicht ahnen, wie dunkel es in London schon ist, erst Bilder von der Siegerehrung mit dem Blitzlicht der Fotografen machen klar, dass kaum eine Minute länger hätte gespielt werden können. Bei 8:8 wäre die Fortsetzung auf Montag verschoben worden. Es wäre irgendwie ein unbefriedigendes Ende gewesen – ausser vielleicht für Federer.

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Die Extended Highlights der Partie. Video: YouTube/Wimbledon

Doch wenig später schlägt der Schweizer bei Nadals viertem Matchball einen einfachen Angriffgriffsball ins Netz und das Drama nimmt ein plötzliches Ende. Der Spanier liegt rücklings auf dem Boden, streckt alle Viere von sich. Dann läuft er zum Netz und versucht, den entthronten Champions zu trösten. «Ich denke sonst nie, ich gewinne, aber bei diesem Matchball habe ich gedacht: Das ist es, ich gewinne Wimbledon», erzählt Nadal später. Bei fast totaler Dunkelheit wird ihm schliesslich der Pokal mit der goldenen Ananas überreicht.

Spain's Rafael Nadal poses for photographers with his trophy after his win over Switzerland's Roger Federer in the men's singles final on the Centre Court at Wimbledon, Sunday, July 6, 2008. (AP Photo/Filipe Trueba,pool)

Nadal mit dem Pokal – nur die Blitzlichter der Fotografen erhellen den Platz. Bild: AP POOL,EPA

«Das ist wahrscheinlich meine härteste Niederlage», sagt der damals 26-jährige Schweizer nach der Partie – und sieht das auch später noch so.

Aber Federer weiss längst auch den Wert dieser Niederlage einzuschätzen. «Ich brauchte ein paar Wochen, um zu realisieren, dass es ein grossartiges Spiel war. Und die Niederlage machte mich vielleicht irgendwie menschlicher. Ich glaube, wir werden in vielen Jahren noch im Schaukelstuhl davon erzählen.» Tatsächlich bekamen die Tennisfans Qualitäten des «Mr. Perfect» zu sehen, die er in den Jahren zuvor kaum je gebraucht hatte: Kampfgeist, Entschlossenheit und der Wille, nie aufzugeben.

Selbst John McEnroe, sonst nie um einen Spruch verlegen, fehlten nach dem Matchball für einmal die Worte. «Dieses Spiel spricht für sich selbst, da muss man nichts mehr sagen», meinte der dreifache Wimbledonsieger als Kommentator des amerikanischen TV-Senders ESPN.

Die Statistiken zum Spiel:

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Die Partie hatte alles, was ein Klassiker braucht. Drama mit zwei Regenunterbrechungen, fantastisches Tennis, ein Favorit, der sich nach klarem Rückstand zurückkämpft und schliesslich der Underdog, der bei einbrechender Dunkelheit endlich den Titel holt, von dem er schon als Kind geträumt hatte. Kein Wunder spricht man noch heute vom besten Tennis-Match aller Zeiten.

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Sechs Stunden Zeit? Hier gibt's das ganze Match. Video: YouTube/Wimbledon

Federer wird Wimbledon noch weitere drei Male gewinnen und auch Nadal triumphiert zwei Jahre später noch einmal an der Church Road. 22 weitere Male haben sich die beiden Erzrivalen seit ihrem denkwürdigen Wimbledon-Final duelliert, zu einer Neuauflage auf Rasen ist es aber nie gekommen. Zur grossen Revanche kommt Federer erst 2017 beim Australian Open, als er Nadal im 13. Versuch endlich zum dritten Mal in einem Grand-Slam-Final bezwingen konnte.

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In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.
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