Unvergessen
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Das Motto des Abends: Disco Sucks!
bild: outernetweb

12.07.1979: Die «Disco Demolition Night» entpuppt sich als selten dämlicher Marketing-Gag

12. Juli 1979: Dieser Schuss geht nach hinten los: Die Chicago White Sox rufen die Fans dazu auf, Schallplatten mit Disco-Musik mitzunehmen, um sie gemeinsam in die Luft zu sprengen. Der Event endet im Chaos.



Dass Disco-Musik in den 70er-Jahren immer populärer wird, kommt nicht überall gut an. «Disco sucks!» heisst eine Gegenbewegung von Rock-Fans. Einer von ihnen ist Steve Dahl, Radio-Moderator in Chicago. Als sein Sender von Rock auf Disco umstellt, wird der 24-Jährige entlassen. Kein Wunder, hasst er alles, was ihn an «Saturday Night Fever» und Co. erinnert.

Dahl macht mobil gegen Disco-Musik, zerstört in Bars publikumswirksam solche Schallplatten. Das bringt Mike Veeck auf eine Idee. Sein Vater besitzt das Baseballteam Chicago White Sox und um das Stadion zu füllen, sollte der Hass der Rockfans helfen. Der Plan: Am Abend, als es gleich zu zwei Partien gegen die Detroit Tigers kommt, wird zwischen den beiden Spielen eine Kiste mit Disco-LPs in die Luft gesprengt.

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Ein Rückblick 30 Jahre nach der «Disco Demolition Night».
YouTube/joseph thompson

«Ich hasse den Geschmack von Piña Colada und bin allergisch auf Goldketten»

Dass bei Sportanlässen mit besonderen Aktionen um Zuschauer geworben wird, kommt in diesen Tagen häufiger vor. Doch schon die Cleveland Indians machen damit schlechte Erfahrungen. Als sie 1974 Bier für 10 Cent pro Becher verkaufen, eskaliert die Lage ebenfalls. 

Steve Dahl lässt kein Klischee aus, als ihn ein Reporter fragt, was er denn eigentlich gegen Disco-Musik habe. «Zuallererst kann ich niemals einen dreiteiligen weissen Anzug finden, der mir passt. Ich hasse den Geschmack von Piña Colada. Ich bin allergisch auf Goldketten. Und ich möchte auch nicht soviel Geld für Strom ausgeben, nur weil ich ständig meine Frisur fönen muss. Das ist auch umweltbewusst.»

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Grosses Kino: Disco-Hasser Dahl demonstriert, wie er üblicherweise LPs zerstört.
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Vinyl-Scheiben fliegen wie Frisbees

Jeder Zuschauer, der eine Disco-Platte mitnimmt, muss für die beiden Baseball-Spiele bloss 98 Cent Eintritt bezahlen. Anstatt der üblichen 20'000 Fans rechnen die Veranstalter mit etwa 35'000, doch es werden noch viel mehr: Über 60'000 Menschen kommen in den Comiskey Park. Viele werden gar nicht eingelassen, also klettern sie mit Leitern und Stricken über die Stadionmauern.

Man könnte zu diesem Zeitpunkt schon damit rechnen, dass die Sache nicht gut ausgeht. Anstatt dass die Zuschauer die Vinyl-Scheiben anständig abgeben, werfen sie viele wie Frisbees einfach auf den Rasen.

Dann ist das erste Spiel vorbei, Zeit für Disco-Hasser Steve Dahl. Er heizt der Meute ein: «Wir haben alle Platten, die ihr heute Abend mitgebracht habt, in einen riesigen Kasten gesteckt. Und wir werden die wirklich guuuuut in die Luft sprengen!» Und so kommt es auch: Mit einem lauten Knall wird die Kiste mit den Disco-LPs gesprengt.

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Disco Sucks! Die Platten müssen dran glauben.
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Doch das zweite Spiel zwischen den White Sox und den Tigers kann nicht mehr stattfinden – denn die Situation eskaliert. Zwischen 5000 und 7000 Zuschauer stürmen nun den Rasen, einige setzen Feuer, zerstören den Platz und nehmen den Schlagkäfig auseinander. Die «Disco Demolition Night» endet im Chaos.

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Der Bericht über die Randale im lokalen Fernsehen. YouTube/stellamasters

«Wir unterschätzten, wie populär Dahl war»

Sechs Personen werden in den Tumulten verletzt, 39 werden verhaftet. «Du denkst, dass es eine gute Idee ist, also versuchst du etwas», verteidigt sich Teambesitzer Bill Veeck danach. «Aber wir unterschätzten, wie populär Dahl und der Hass auf die Disco-Musik waren.» Die Leute, welche das Feld stürmten, seien keine Baseball-Fans. Weil die White Sox schuld an der Absage des zweiten Spiels gegen die Tigers sind, verlieren sie es forfait.

Radio-Moderator Dahl hingegen startet nach der «Disco Demolition Night» durch. Er wird landesweit berühmt und unterhält seine Hörer noch heute. Über die Aktion im Comiskey Park in Chicago hat er ein Buch geschrieben, welches im kommenden Monat veröffentlicht wird: «Die Nacht, als Disco starb.»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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    Alle Leser-Kommentare
  • sheimers 12.07.2016 17:13
    Highlight Highlight Um die ETH Zürich herum lungerte in den späten 90ern gelegentlich ein schon etwas älterer "Randständiger". Einmal habe ich beobachtet, wie er bei den Tischen vor der Cafeteria eine junge Studentin anpöbelte: "Du scheiss Discotussi - Ich bin noch aus der Rock-Generation, das war noch richtige Musik".
  • Amboss 12.07.2016 12:19
    Highlight Highlight Was für eine geile Story. Vielen Dank.
    Macht echt Spass, diese Rubrik


    Und wie einfach die Welt damals war: Disco oder Rock.
  • Meet The Mets 12.07.2016 11:36
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