Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa01801582 Saxo Bank rider Jens Voigt of Germany is attended to medics after a serious crash during the 16th stage of the Tour de France cycling race between Martigny in Switzerland and Bourg-Saint-Maurice in France, 21 July 2009.  EPA/NICOLAS BOUVY

Beklemmende Bilder: Jens Voigt wird nach seinem Sturz an der Unfallstelle erstversorgt. Bild: EPA

Grosser Sturz, aber auch grosser Optimismus

Unvergessen

21.07.2009: Jens Voigt stürzt fürchterlich und gibt drei Tage später ein obercooles Interview

21. Juli 2009: Bei Tempo 80 produziert die deutsche Radlegende Jens Voigt einen der schwersten Stürze der Tour-de-France-Geschichte. Schon die Sturzbilder gehen um die Welt. Sowieso aber das Interview drei Tage später: Der Unglücksrabe ist sichtlich lädiert, aber beispiellos optimistisch.

Eine kleine Bodenwelle ist es nur, in der Abfahrt vom Kleinen Sankt Bernhard, in der 16. Tour-Etappe. Aber sie ist heimtückisch, und bei hohem Tempo ausreichend, um Jens Voigt aus der Spur zu tragen. Mit 80 Sachen rast der damalige Saxo-Bank-Fahrer Richtung Ziel, Richtung Bourg-Saint-Maurice. Mit ihm in der Verfolgergruppe: Tour-Leader Alberto Contador. 

Jens Voigt of Germany speeds down Grand-Saint-Bernard pass during the 16th stage of the Tour de France cycling race over 159 kilometers (98.8 miles) with start in Martigny, Switzerland and finish in Bourg-Saint-Maurice, Alps region, France, Tuesday July 21, 2009. Voigt crashed later in the race. (AP Photo/Christophe Ena)

Kurz vor dem Sturz: Jens Voigt im Temporausch auf der Abfahrt vom Kleinen Sankt Bernhard. Bild: AP

Und dann das folgenschwere Malheur: Jens Voigt entgleitet die Kontrolle über seinen Hightech-Drahtesel, seine Hände kriegen den Lenker nicht mehr rechtzeitig zu fassen, trotz hilflosem Versuch. Der Radprofi geht frontal zu Boden und schlittert noch einige Meter weiter, was dem hohen Tempo geschuldet ist. 

abspielen

Purer Schrecken: Jens Voigts schwerer Sturz im Bewegtbild. Video: Youtube/knull344

Voigt verliert sofort das Bewusstsein, drei Minuten lang. Eine vierte kommt hinzu, während derer Voigt um ein Haar noch von einem Begleitmotorrad überrollt wird. Bange Minuten? Eine himmelschreiende Untertreibung.

«Da graut's einem»

Zwar kommt der Pechvogel wieder zu sich, aber der Blick auf sein Gesicht lässt wenig Gutes erahnen: Schürfungen allenthalben und reichlich Blut. Voigt hat die Augen geschlossen, als er endlich in den Krankenwagen verfrachtet wird. 

Ein Bild, das ein Anderer so schnell nicht mehr vergessen wird. Tony Martin rast vorbei und gibt seiner in diesem Moment empfundenen Ohnmacht nach dem Rennen wie folgt Ausdruck: «Da graut's einem. Ich bin regelrecht zusammengezuckt. Ich wünsche ihm nur das Beste.» 

epa01801691 Saxo Bank rider Jens Voigt of Germany is attended to medics after a serious crash during the 16th stage of the Tour de France cycling race between Martigny in Switzerland and Bourg-Saint-Maurice in France, 21 July 2009.  EPA/KOEN VAN WEEL

Banger Moment: Ein herbeigeeilter Helfer kümmert sich um den bewusstlosen Pechvogel. Bild: EPA

«Wenn man solche Stürze sieht, dann ist alles andere nebensächlich.»

Linus Gerdemann

Auch zwei andere Akteure des Radzirkus geben ihrer tiefen Besorgnis Ausdruck: Milram-Kapitän Linus Gerdemann und Columbia-Sportchef Rolf Aldag. Erster sagt: «Wenn man solche Stürze sieht, dann ist alles andere nebensächlich.» Und Aldag ergänzt: «Das war kein schöner Anblick, Jens dort regungslos liegen zu sehen. Da schiessen einem Gedanken durch den Kopf, wenn man seine Familie kennt und weiss, dass die Kinder vor dem Fernseher sitzen.»

epa01801739 Saxo Bank rider Jens Voigt of Germany is attended to medics after a serious crash during the 16th stage of the Tour de France cycling race between Martigny in Switzerland and Bourg-Saint-Maurice in France, 21 July 2009.  EPA/NICOLAS BOUVY

Auf schnellstem Weg ins Spital: Auf der Rennstrecke wird Voigt zum wartenden Helikopter gebracht. Bild: EPA

Im Eiltempo schafft das Ärzteteam den Verunfallten in den Zielort, von wo ihn ein eilends herbeigerufener Helikopter für genauere Untersuchungen ins Krankenhaus nach Grenoble bringt. Dorthin also, wo Jahre später auch Landsmann Michael Schumacher nach seinem verhängnisvollen Skiunfall behandelt werden wird.

Im Gegensatz zum ehemaligen Formel-1-Fahrer aber hat Voigt hunderte Schutzengel. Bei ihm wird der Bruch des Jochbeins, eine Gehirnerschütterung und ein Kieferbruch diagnostiziert. Glück im Unglück eben, wenn auch Voigt Tage später noch reichlich mitgenommen dreinschauen wird. 

«Das ist jetzt nichts, was einen wirklich umbringt»

Nur: Just diese Schrammen, gepaart mit seinem unerschütterlichen Optimismus, machen ein zwei Tage später geführtes Fernsehinterview zu einem der grossartigsten, weil tröstlichsten Interviews, überhaupt mit einem eben schwer verunfallten Sportler. Die Zutaten: Jens Voigt, im Wohlfühlkostüm gekleidet, auf seinem Krankenbett sitzend. Rechtes Knie: einbandagiert. Ebenso der rechte Ellbogen. Zahllose blaue Flecken dazu, verstreut auf dem ganzen Körper, aber vornehmlich im Gesicht. Dann: Ein ZDF-Reporter, für den es scheinbar nichts Alltäglicheres gibt, als einen Radprofi 72 Stunden nach einem Horrorsturz im Spital zu interviewen.

Die erste Frage, die das Eis brechen soll, das da nicht ist: «Herr Voigt, drei Tage ist ihr Sturz nun her, wie geht es Ihnen?»

Jens Voigt: «Naja, man muss schon sagen, den Umständen entsprechend gut.»

«Und dann haben die mich an den Händen genäht, am Finger genäht und hier im Gesicht ein bisschen.»

Jens Voigt

Und dann legt er mit einer Aufzählung der erlittenen Blessuren los. Es sei «nur» das Jochbein gebrochen, «und dann haben die mich an den Händen genäht, am Finger genäht und hier im Gesicht ein bisschen». Aber: «Das ist jetzt nichts, was einen wirklich umbringt. In 10 Tagen werde ich wieder auf dem Rad sitzen.»

Ein totaler Filmriss

Der Reporter will wissen: «An was können Sie sich noch erinnern?»

Jens Voigt: «An gar nichts, eigentlich.»

Weil: «Ich hatte einen totalen Filmriss, also wirklich totalen Filmriss. Ich mach die Augen auf, seh das Dach des Krankenwagens und die besorgten Gesichter und habe mir gedacht: «Wie zum Geier bin ich hierher gekommen?» Er habe festgestellt, dass es ihm überall weh tue und er nicht alles habe bewegen können. «Und dann habe ich sozusagen 1 und 1 zusammengezählt und gedacht: «Offensichtlich bin ich gestürzt.»

abspielen

Das legendäre Interview: Ein sichtlich lädierter Jens Voigt steht einem ZDF-Reporter Rede und Antwort. Video: Youtube/urtawolk 4

Und so sitzt er da, ohne Erinnerungen an den Sturz, aber mit all den Mahnmalen im Gesicht. Jens Voigt wirkt abgeklärt, in sich ruhend, schlichtweg eine saucoole Socke.

«Hier ist es ja oft so, dass einen die Leute blutend im Bett liegend sehen und dann fragen sie einfach nach einem Autogramm»

Jens Voigt

Er fährt weiter: «So ein Unfall? Kann halt mal passieren. Ist dumm gelaufen.»

Im Spital wird er rasch erkannt, bald ist er bekannt wie ein bunter Hund. «Hier ist es ja oft so», sagt er zum Schluss, «dass einen die Leute blutend im Bett liegen sehen und dann fragen sie einfach nach einem Autogramm: «Herr Voigt, können Sie rasch unterschreiben?» Und ich sage so: «Naja, vielleicht geht's gerade so.» «Es gibt einem schon ein warmes Gefühl, muss ich ganz ehrlich sagen, dass einen nach 12, 13 Jahren in dem Job so viele Leute kennen und Anteil nehmen. Das ist schon ein schönes Gefühl, ja.»

MULHOUSE, FRANCE - JULY 14:  Jens Voigt of Germany and Trek Factory Racing signs autographs for fans priro to stage ten of the 2014 Le Tour de France from Mulhouse to La Planche des Belles Filles on July 14, 2014 in Mulhouse, France.  (Photo by Doug Pensinger/Getty Images)

Allseits umschwärmt: Jens Voigt gehört zwar zum alten Eisen, aber auch zu den beliebtesten Fahrern im Radzirkus.  Bild: Getty Images Europe

In diesen Tagen fährt der nunmehr 42-Jährige seine 17. Tour de France. Schafft er es bis ins Ziel in Paris, hat er die Grande Boucle zum 14. Mal beendet. Es dürfte seine letzte Teilnahme sein. Aber so genau weiss man das bei ihm nie. So vieler Unbill hat er im Verlauf seiner langen Karriere schon getrotzt. Und dass das Alter keine sein kann, das zeigt er schon seit Jahren.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 



Das könnte dich auch interessieren:

Fazit nach Frauenstreik: Hunderttausende Menschen protestierten für Gleichstellung

Link zum Artikel

«Er hat nicht unrecht» – das sagt Christoph Blocher zu SVP-Glarners Handy-Terror

Link zum Artikel

Du willst dein Handy sicherer machen? Dann solltest du diese 10 Regeln kennen

Link zum Artikel

FCB-Sportchef Streller tritt mit emotionalem SMS zurück: «Es bricht mir s’Herz»

Link zum Artikel

Trump hat sich im Persischen Golf verzockt

Link zum Artikel

5 Action-Heldinnen, die die Filmwelt ordentlich gerockt haben

Link zum Artikel

Preisgeld-Vergleich: So viel mehr kassieren Männer im Sport als Frauen

Link zum Artikel

14 Gründe, warum die Frauen heute streiken

Link zum Artikel

«Das stimmt einfach nicht» – Martullo-Blocher wird in der «Arena» vorgeführt

Link zum Artikel

Nach Handy-Terror: Betroffene Mutter rechnet mit SVP-Glarner ab – und wie

Link zum Artikel

Trump setzte Kopfgeld auf unschuldige Schwarze aus – jetzt melden sie sich zu Wort

Link zum Artikel

9 spannende Geisterstädte und ihre Geschichten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Freie Fahrt für Zweiräder: In Zürich sind vier Velo-Highways geplant

Was in Kopenhagen Alltag ist, soll es auch bald in Zürich geben: Das Stadtparlament hat eine Motion angenommen, die vier Veloschnellrouten durch die Stadt fordert. Zürich ist nicht allein. Auch an anderen Orten in der Schweiz könnten Velofahrer in Zukunft freie Fahrt geniessen. 

In Dänemark heissen sie «Cyclesuperstier» und in der Niederlande «Fietssnellweg»: Radschnellwege oder Velobahnen, auf denen Velofahrer möglichst störungsfrei und ungehindert vorankommen. Die Wege sind breit genug, dass gekreuzt oder überholt werden kann und die Velofahrer geniessen Vortritt, sogar vor den Autos.

Das Zürcher Stadtparlament hat am Mittwoch einer Motion zugestimmt, die für Zürich vier solcher Schnellrouten fordert. Neu ist die Idee nicht. Der Gemeinderat hatte bereits im April …

Artikel lesen
Link zum Artikel