Unvergessen
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US winner Daron Rahlves (C), second placed Austrian Fritz Strobl (L) and third placed Swiss Tobias Gruenenfelder (R) celebrate on the podium after the men's downhill race of the alpine skiing World Cup season in Bormio, Italy, Thursday 29 December 2005. Rahlves clocked with the time of 1:57.68. and took the lead in the World Cup overall standings.  EPA/FRANCO DEBERNARDI

Das Podest von Bormio: Sieger Daron Rahlves (Mitte), Fritz Strobl (links) und Pechvogel Tobias Grünenfelder (rechts.) Bild: EPA

29.12.2005: «Grüni» fehlen 100 Meter zur Sensation – nach einem Sturz beim Zielsprung rutscht er knapp an seinem ersten Weltcupsieg vorbei

29. Dezember 2005: Tobias Grünenfelder ist drauf und dran als erster Schweizer seit bald zwei Jahren eine Abfahrt zu gewinnen. Doch statt den Siegerscheck holt sich der Glarner wegen eines Sturzes kurz vor dem Ziel «nur» Rang 3 und einen Innenbandriss.



Aus Tobias Grünenfelder hätte eigentlich gar nie ein Abfahrer werden sollen. Der jüngere Bruder von Jürg Grünenfelder gilt zu Beginn seiner Karriere als grösstes Schweizer Talent im Riesenslalom. Michael von Grünigen sieht in ihm schon seinen Nachfolger. Doch seinen Durchbruch schafft der Elmer im Super-G. 2003 und 2004 fährt er in Garmisch jeweils als Dritter zweimal auf Podest.

In der Abfahrt startet «Grüni» nur, weil die Rennen jeweils am gleichen Ort stattfinden wie die Super-Gs. Zu den Besten gehört er in der schnellsten Disziplin nie. Er gilt als «Trainingsweltmeister», Kumpel Marco Büchel sagt über ihn, dass er kein «Rennhund» sei. In den ersten 19 Abfahrten seiner Karriere kommt er nie über den 17. Platz hinaus.

Tobias Gruenenfelder of Switzerland speeds down the course during an alpine ski World Cup Men's downhill event, in Bormio, Italy, Thursday, Dec. 29, 2005. Gruenenfelder finished in third place.(AP Photo/Alessandro Trovati)

Tobias Grünenfelder: Ein «Rennhund» ist er nie. Bild: AP

Doch dann kommt Bormio und Grünenfelder fährt die Abfahrt seines Lebens. Schon im Training deutet der 28-Jährige an, dass er gut drauf ist. Trotz der nicht mehr optimalen Piste belegt er mit der Startnummer 46 den 16. Platz.

Im Rennen zeigt «Grüni» mit Startnummer 15, was eigentlich in ihm stecken würde. Er packt auf der anspruchsvollen Pista Stelvio sein ganzes technisches Können aus und riskiert viel. Bei der letzten Zwischenzeit liegt er 28 Hundertstel vor Leader Fritz Strobl.

Innenbandriss statt Siegerjubel

Ohne Fehler kommt Grünenfelder zum Zielsprung, doch dort passiert das Missgeschick. Bei der Landung rund 100 Meter vor dem Ziel reisst es ihm die Ski auseinander, der Glarner kann den Sturz nicht verhindern und schlittert hilflos über die Ziellinie.

«Es ist wahnsinnig schnell gegangen. Ich bin gelandet und dann lag ich auch schon am Boden», erzählt Grünenfelder nach dem Rennen. «Der Schreck war gross. Ich wollte so schnell wie möglich über die Ziellinie rutschen.»

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Die Fahrt von Tobias Grünenfelder. video: youtube/watson ch

Aus dem ersten Schweizer Abfahrtssieg seit Didier Cuche im Januar 2004 in Garmisch wird aber nichts. Grünenfelder schlittert auf den zweiten Zwischenrang, drei Hundertstel beträgt der Rückstand auf Strobl. Weil er die Ski nicht verliert, entgeht er einer Disqualifikation. 

Der Elmer kann sich aber nicht richtig über seine tolle Leistung freuen. «Das Knie schmerzt ein wenig», sagt er im Zielraum. Ich hoffe, dass es sich nur um eine Überdehnung handelt.» Mit einer Schiene am rechten Bein steigt er in den Ambulanzwagen, von wo aus er mit freier Sicht auf die Videowand um seinen Podestplatz zittern muss.

Tobias Gruenenfelder of Switzerland reacts in the finish area, after completing an alpine ski World Cup Men's downhill event, in Bormio, Italy, Thursday, Dec. 29, 2005. Gruenenfelder finished in third place. (AP Photo/Alessandro Trovati)

Der Ärger über den Sturz verfliegt bei Grünenfelder lange nicht. Bild: AP

Die grossen Favoriten stehen nämlich noch oben. Bode Miller und Hermann Maier sind chancenlos, sie liegen beide schon bei den Zwischenzeiten klar zurück. Kjetil-André Aamodt fährt an einem Tor vorbei. Nur der Trainingsschnellste Daron Rahlves fährt schliesslich noch schneller als Strobl und Grünenfelder und holt sich seinen 11. Weltcupsieg.

Nur 35 Hundertstel liegt Rahlves im Ziel vor dem Schweizer. Ärgerlich für Grünenfelder: Ohne den Sturz hätte er wohl sein erstes Weltcup-Rennen gewonnen. Bei der letzten Zwischenzeit war er drei Zehntelsekunden schneller als der Amerikaner, der im unteren Streckenabschnitt massiv abbaute.

Endlich ein richtiger Abfahrer

Doch damit will sich Grünenfelder nicht beschäftigen. Vielmehr ärgert er sich über die Hiobsbotschaft, dass er sich beim Sturz einen Innenbandriss im rechten Knie zugezogen hat. Vier Wochen muss er pausieren, Olympia 2006 in Turin ist nicht in Gefahr.

Als die Schreckensnachricht endlich verdaut ist, kommt auch bei Grünenfelder etwas Freude auf. «Schön, dass es aufs Podest gereicht hat. In der Abfahrt hätte ich das nie erwartet, aber jetzt bin wohl auch ich ein richtiger Abfahrer», so der Glarner. 

Switzerland's Tobias Gruenenfelder following the men's World Cup Super-G skiing event in Lake Louise, Alberta, Canada, Sunday, Nov. 28, 2010.(AP Photo/The Canadian Press, Jeff McIntosh)

Grünenfelder holt den Sieg 2010 im Super-G von Lake Louise nach. Bild: AP CP

2013 beendet Grünenfelder seine Karriere. Nicht ohne Weltcupsieg! Im November 2010 triumphiert der «Trainingsweltmeister» beim Super-G von Lake Louise. Fünfmal fährt er in seiner Karriere insgesamt auf ein Weltcup-Podest, eine Medaille bei Grossanlässen bleibt ihm aber verwehrt.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Schweizerinnen und Schweizer mit mehr als 10 Weltcupsiegen

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