USA
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Polizei-Skandal in Chicago

Das Polizeigebäude, in dem Personen spurlos verschwinden – und andere Grausamkeiten erleben

Die Polizei in Chicago hat ihren nächsten Skandal: Der «Guardian» berichtet über ein Gebäude, in dem Personen spurlos verschwinden, illegal verhört und eingesperrt werden – ohne Kontakt zu Anwälten. Das Vorgehen erinnert an Diktaturen. 

25.02.15, 22:43 26.02.15, 09:22

Ein Artikel von

Brian Jacob Church glaubte, er werde nie wieder freikommen. Im Mai 2012 nahm ihn die Chicagoer Polizei fest, weil er mit anderen gegen den Nato-Gipfel in der Stadt protestiert hatte. Statt auf eine normale Polizeiwache wurde Church in ein ehemaliges Lagerhaus gebracht. Dem Gebäude hat der Guardian eine grosse Recherche gewidmet, Church hat der Zeitung seine Geschichte erzählt.

Was der Mann über das Haus am Homan Square berichtet, deckt sich mit den Erfahrungen von Anwälten sowie aktuellen und ehemaligen Polizisten: Die Polizei von Chicago betreibt mitten in der Stadt seit den späten 90ern eine Einrichtung, in der Festgenommenen elementare Rechte vorenthalten werden. Bürgerrechtsgruppen, Anwälte und dort einst Festgehaltene fühlen sich an geheime Verhörzentren des US-Geheimdienstes CIA im Nahen Osten erinnert:

«Wenn du reingehst, weiss niemand, was mit dir geschehen ist», sagte Church dem «Guardian». Und die Kriminologin Tracy Siska ergänzte, die Einrichtung zeige, dass die Grenze zwischen Strafverfolgung im Inland und militärischen Operationen im Ausland zunehmend verschwimme.

Chicagoer Polizisten erfolterten Mordgeständnisse

Die Polizei weist unter anderem via Chicago Tribune die Vorwürfe von sich, insbesondere, dass bei Verhören Gewalt angewendet werde. Auf detaillierte Fragen des «Guardian» ging sie nicht ein, sondern beliess es bei einer allgemeinen Mitteilung. An dem Standort sei nichts unzulässig, es handle sich um eine sensible Einrichtung, in der Einheiten verdeckter Ermittler stationiert seien – angeblich unter anderem zur Bekämpfung von Gangs.

«Wenn du reingehst, weiss niemand, was mit dir geschehen ist.»

Die Mitteilung der Polizei scheint allerdings angesichts der Vielzahl von Zeugen des «Guardian» und der Geschichte der Chicagoer Polizei mehr als zweifelhaft. Allzu oft verfuhr sie in der Stadt nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Die «Chicago Sun-Times» veröffentlichte 2011 eine Übersicht zu Anklagen gegen Polizisten: Allein zwischen 2005 und 2010 gab es Dutzende Verfahren wegen Drogengeschäften, Schlägen gegen Rollstuhlfahrer, Mordplänen gegen einen anderen Polizisten, Korruption, Informationsweitergabe an Gangs und die Mafia, Betrugs und des Versuchs, Bürgern Straftaten anzuhängen.

Ein Name sticht heraus: Jon Burge. Unter dem Polizisten im Rang eines Detective Commander wurden in Chicago in mindestens fünf Fällen Mordgeständnisse mit Folter erzwungen. Burge wurde 2011 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er unter Eid sein Wissen über die Folter verneint hatte. Burges Name ist zum Synonym für Polizeibrutalität und die Probleme des Chicago Police Department geworden: Die Stadt musste wegen der von ihm verantworteten Exzesse eine zweistellige Millionensumme für Gerichtskosten und Entschädigungen zahlen.

Geschönte Kriminalitätsstatistik

2007 kam eine Untersuchung der Universität von Chicago zum Ergebnis, Polizisten misshandelten Bürger, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen; nur in einem Prozent der mehr als 10'000 untersuchten Beschwerden hielt die Polizei Ermittlungen gegen den Polizisten für angebracht. Und nur in 19 Fällen wurde der Täter mehr als eine Woche vom Dienst suspendiert. Die «Chicago Tribune» berichtete, Vorgesetzte hätten korrupte Cops wissentlich geschützt und dadurch quasi dazu ermuntert, Straftaten zu begehen. Der Uni-Report konstatierte, man müsse schon grossen Aufwand betreiben, um nichts vom Fehlverhalten der Polizei mitzubekommen.

So tragen Polizisten selbst zu den jährlich mehr als 300'000 Straftaten in der Stadt bei. Und selbst diese Zahl könnte zu niedrig liegen, zeigte die Zeitschrift Chicago im vergangenen Jahr in einer ausführlichen Recherche. Die Journalisten belegten, dass die Kriminalitätsstatistik von Polizisten geschönt wird, um die eigene Karriere voranzutreiben – und um Vorgaben aus dem Rathaus zu erfüllen: Weniger Verbrechen macht sich für einen Bürgermeister immer gut. Unter anderem belegte das Blatt, dass im Jahr 2013 in zehn Fällen Morde aus nicht nachvollziehbaren Gründen in ungeklärte Todesfälle umklassifiziert wurden – und damit aus der Statistik verschwanden.

Auch die Zählweise für weniger gravierende Straftaten wurde verändert: Diebstähle wurden nur noch erfasst, wenn es um mehr als 500 Dollar ging – und statt fast 75'000 Fällen waren es auf einmal nur noch rund 16'000. Aus Einbrüchen wurde unerlaubtes Betreten eines Grundstücks, aus dem Raub eines Laptops ein Fall verlorenen Eigentums. Hinzu kommt Personalmangel: «Chicago» berichtet unter Berufung auf Polizisten, dass es teilweise Stunden dauert, bis die Polizei nach einem Notruf eintrifft. In vielen Fällen hat das Opfer dann den Tatort verlassen – kein Bericht, eine Straftat weniger in der Statistik.

ulz



Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

Abonniere unseren Daily Newsletter

0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Nicht nur Trump, auch die Schweiz inhaftiert Kinder – teilweise sind sie unter 4 Jahre alt

Im Rahmen der Administrativhaft für abgewiesene Asylbewerber sitzen in der Schweiz zahlreiche Minderjährige in Haft. Darunter sind auch Kleinkinder. Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Nationalrats verlangt vom Bundesrat, diese Praxis zu stoppen. GPK-Mitglied Alfred Heer (SVP) erklärt die Problematik.

Eigentlich ist der Fall klar: Das schweizerische Recht verbietet die Inhaftierung von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren. Trotzdem sitzen im Rahmen der Administrativhaft im Asylbereich in einigen Kantonen offenbar Kinder und Jugendliche im Gefängnis. Zu diesem Schluss kommt die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats (GPK-N) gestützt auf eine Evaluation.

Wie viele Kinder und Jugendliche betroffen sind, lässt sich nicht genau feststellen. Genaue Angaben fehlen, weil die Kantone …

Artikel lesen