USA
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
SANLIURFA, TURKEY -  OCTOBER 12: Smoke rises from the Syrian town of Kobani, seen from near the Mursitpinar border crossing on the Turkish-Syrian border in the southeastern town of Suruc in Sanliurfa province on October 12, 2014 in Sanliurfa, Turkey. Kurdish forces defending Kobani urged a U.S.-led coalition to escalate air strikes on Islamic State fighters who tightened their grip on the Syrian town at the border with Turkey. A group that monitors the Syrian civil war said the Kurdish forces faced inevitable defeat in Kobani if Turkey did not open its border to let through arms, something Ankara has appeared reluctant to do. (Photo by Gokhan Sahin/Getty Images) ***BESTPIX***

Wenige Kilometer vor der syrisch-türkischen Grenze explodiert eine Granate in Kobane. Bild: Getty Images Europe

Erdogans Zögern

Die Angst der Türken vor dem Islamischen Staat

Die Türkei zögert, gegen die Terrormiliz IS vorzugehen, auch aus Angst vor Rache-Akten im eigenen Land. Geheimdienste warnen: Es drohen Anschläge auf U-Bahnen, Hotels und Märkte. 

Hasnain Kazim, Istanbul / spiegel online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Seit Wochen reden Politiker aus aller Welt auf die Türkei ein. Vor allem die USA versuchen, Ankara am Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu beteiligen. Seit Wochen blocken die Türken ab. Nun meldete das US-Verteidigungsministerium einen ersten Erfolg: Die Staaten des Anti-IS-Bündnisses dürften türkische Militärstützpunkte nutzen, hiess es. Prompt widersprachen Regierungsvertreter in Ankara am Nachmittag und erklärten, es habe noch keine Einigung gegeben.

Die türkische Regierung tut sich schwer mit Zugeständnissen im Kampf gegen den IS. Anfang Oktober hatte sie noch erklärt, man werde nicht zulassen, dass die von Dschihadisten belagerte syrische Grenzstadt Kobane zerstört werde. Die Türkei liess Panzer nahe dem Grenzübergang Mürsitpinar aufstellen. Dort stehen sie seitdem, ohne in das Kampfgeschehen in der bedrängten Stadt einzugreifen.

Die Gefechte toben weiter, die verbliebenen etwa 3000 kurdischen Kämpfer mit ihren alten Gewehren und Panzerfäusten sind den permanent nachrückenden IS-Kämpfern mit gekaperten Hightech-Panzern, Maschinengewehren und Granatwerfern hoffnungslos unterlegen. Seit Tagen fordern Kurden Unterstützung durch die Türkei, lehnen aber den Plan einer türkisch kontrollierten Sicherheitszone ab, weil sie darin einen Angriff auf ihre Autonomiebemühungen sehen.

Die Türkei will den Kurden nicht helfen, weil sie deren Ziel von grösserer Unabhängigkeit nicht fördern will. Obwohl seit Ende 2012 Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der verbotenen PKK laufen, sitzen die Vorbehalte tief. Kürzlich erst sagte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, er sehe keinen Unterschied zwischen IS und PKK. Die PKK wiederum droht der Türkei mit Krieg. 

epa04426766 A handout picture provided by Turkish Presidental press office shows Turkish President Recep Tayyip Erdogan speaks during an opening ceremony of the parliament after a summer recess in Ankara, Turkey, 01 October 2014. Turkey's government has sent a motion to parliament asking for authorization to carry out military action in neighbouring Iraq and Syria, local media quoted senior government officials as saying on 01 October.  EPA/KAYHAN OZER / PRESIDENTAL PRESS OFFICE / HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Staatspräsident Erdogan zögert weiterhin mit militärischer Hilfe für die Kurden in Syrien. Bild: EPA/PRESIDENTAL PRESS OFFICE

Sorge vor Anschlägen in den Grossstädten

Doch westliche Geheimdienste sehen noch einen weiteren Grund für die türkische Zurückhaltung gegenüber IS: die Sorge vor Terroranschlägen. «Das ist eine sehr konkrete, ernst zu nehmende Gefahr», sagt ein Beobachter aus Ankara. «IS hat den Türken unmissverständlich klargemacht, dass sie mit Angriffen auf türkischem Boden rechnen müssen, wenn sie sich in irgendeiner Weise aktiv am Kampf gegen IS beteiligen.»

Übereinstimmend sagen Geheimdienstler mehrerer Länder, die Gefahr beschränke sich nicht nur auf das türkisch-syrische Grenzgebiet. «Am öffentlichkeitswirksamsten wären Anschläge in den Metropolen Istanbul, Ankara oder Izmir», sagt einer. «Wenn ein Sprengsatz auf dem Taksim-Platz oder in der U-Bahn von Istanbul explodiert, würde IS nicht nur einen enormen Schaden an Leib und Leben von unschuldigen Menschen anrichten. Es wäre auch ein grosser Propagandaerfolg.»

Gefährdet sind nach Ansicht eines Beobachters auch die Touristenorte. «Ein Anschlag auf eine Hotelanlage, der auch nur einen toten Ausländer zur Folge hat, und der Tourismus in der Türkei dürfte einbrechen.» Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren des Landes. Schon deshalb ist die Regierung bemüht, jegliches Risiko zu minimieren und Zurückhaltung bei der Bekämpfung von IS zu üben.

Türkei «leichtes Ziel» für IS-Angreifer

Die Türkei sei ein «leichtes Ziel» für IS, da das Land die Dschihadisten jahrelang unterstützt habe, um den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen. «Die Türkei hat alle Gegner Assads gefördert, ohne zu differenzieren», sagt ein Geheimdienstler. «Nun rächt sich das gewaltig. Jetzt stehen die Extremisten an der Grenze und bedrohen die Türkei.»

Auch wenn Ankara jegliche Unterstützung jegliche der Islamisten bestreitet, legen Recherchen nahe, dass IS-Kämpfer jahrelang über die Türkei nach Syrien reisen, Waffen, Munition, Lebensmittel und Medikamente ins Kampfgebiet bringen und sich bei Bedarf in türkischen Krankenhäusern behandeln lassen konnten. In türkischen Städten rekrutierten sie noch bis vor kurzem Nachwuchs und boten Anlaufstellen für Dschihadisten aus Europa und Amerika, die planlos in Istanbul landeten.

«Jetzt haben sie überall im Land ihre Infrastruktur», sagt ein ausländischer Sicherheitsexperte «Mit anderen Worten: Sie sind längst vor Ort und können Anschläge vorbereiten, ohne aufzufallen.» Sollte der ‹Islamische Staat› der Türkei den Kampf ansagen, sei «mit allem» zu rechnen: mit «Angriffen von bewaffneten Kommandos, Selbstmordattentaten, Autobomben, Raketenangriffen und selbstgebastelten Strassenbomben». Potenzielle Ziele seien «öffentliche Verkehrsmittel und Plätze, auf denen sich viele Menschen aufhalten».

Eine weitere Gefahr seien Entführungen. «Wir sehen eine Gefahr, dass der IS Menschen auch auf der türkischen Seite im Grenzgebiet zu Syrien entführt», sagt ein Geheimdienstmitarbeiter. «IS-Leute sind nach unserer Erkenntnis auch auf türkischer Seite präsent und könnten dort Menschen als Geiseln nehmen und nach Syrien verschleppen.» Gefährdet seien vor allem Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Journalisten. 



Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Das Massaker von Suweida

Die Terrormiliz «IS» will mit einer Anschlagserie in Syrien Stärke demonstrieren: Sie hat mehr als 200 Menschen getötet und Dutzende weitere verschleppt. Die meisten Opfer waren Drusen.

Am Ende, als der Horror vorbei ist, hängen drei Leichen an einem Kran vor einem Krankenhaus in Suweida. Die Männer, die von wütenden Bewohnern der Stadt gelyncht wurden, sollen zu einem Terrorkommando des «Islamischen Staats» (IS) gehört haben, das in den Stunden zuvor eines der schlimmsten Massaker seit Beginn des Bürgerkrieg in Syrien vor sieben Jahren verübte.

Bei den koordinierten Angriffen auf die südsyrische Provinzhauptstadt Suweida und mehrere …

Artikel lesen
Link to Article