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Die Schweiz spricht, Vanessa Villa, Maurice Sobernheim

Maurice Sobernheim und Vanessa Villa am Sonntag bei Sonnenschein und Tee. Bild: watson

So kommt es heraus, wenn sich zwei Ungleiche treffen

Am Sonntag trafen sich in der ganzen Schweiz 1500 fremde Menschen zum Gespräch. Darunter Vanessa Villa und Maurice Sobernheim. Obwohl sie auf den ersten Blick nichts verbindet, hatten sie viel zu bereden.



Gleich und Gleich gesellt sich gern. Was der griechische Dichter Homer schon vor fast 3000 Jahren wusste, hat seine Gültigkeit heute nicht verloren. Wir fühlen uns wohl, wenn wir umgeben sind von Menschen, deren Blick auf die Welt wir teilen. Dank neuer Kommunikationsmittel und der Digitalisierung sind wir zwar besser vernetzt, bleiben aber vermehrt unter uns. Schlau programmierte Algorithmen schlagen uns vor, welche Informationen uns interessieren könnten. Wir reproduzieren unsere Ansichten, ohne andere Meinungen einzubeziehen und bleiben isoliert in unseren Filterblasen.

Um dem entgegenzuwirken, haben sich Vanessa Villa und Maurice Sobernheim am Sonntag zum Gespräch getroffen. Sie sind zwei von insgesamt 1500 Personen, die durch die Aktion «Die Schweiz spricht» zusammengeführt wurden.

«Die Schweiz spricht»

Bei der Aktion «Die Schweiz spricht» geht es darum, Andersdenkende zu einem Vier-Augen-Gespräch zueinanderzuführen. Die Aktion wurde gemeinsam von watson, «Zeit», «SRF», «Tages-Anzeiger», «Bund», «Berner Zeitung», «Le Matin Dimanche», «24heures», «Tribune de Genève», «Republik» und «WOZ» lanciert. Jeder Teilnehmer beantwortete im Vorfeld sechs politische Sachfragen mit «Ja» oder «Nein». Danach wurden möglichst entgegengesetzte Paare gebildet, die sich am Sonntag, 21. Oktober trafen, um miteinander zu diskutieren.

Ihr Profil könnte unterschiedlicher nicht sein: Sie ist 22 Jahre alt, wohnt in der Stadt Zürich, ordnet sich politisch weder links noch rechts ein. Er ist 61-jährig, lebt in Thalwil und ist aktives Mitglied der Alternativen Liste. Sechs politische Sachfragen haben Villa und Sobernheim komplett anders beantwortet. Auf den ersten Blick gemeinsam haben sie einzig, dass sie am Sonntag den Schritt aus ihrer Filterblase wagten.

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Beim Händeschütteln wird sogleich das «Du» angeboten. Sie bestellt Pfefferminztee, er tut es ihr gleich. Dann herrscht kurz etwas Ratlosigkeit. Worüber spricht man, wenn man das Gegenüber nicht kennt? Sobernheims Smartphone surrt und meldet ihm, dass er die Batterien seines Hörgerätes wechseln muss. Während er in seinem Rucksack nach dem Etui mit dem Ersatzgerät sucht, hält er ein Loblied über die Vorteile der Digitalisierung, zeigt Villa, wie geschickt er sein Telefon nutzt und sagt, dass dieses Ding halt schon extrem praktisch sei, eben weil er es zum Beispiel mit seinem Gerätchen in seinem Ohr verbinden könne.

«Warum sollten schwule und lesbische Paare nicht dieselben Rechte haben wie Heterosexuelle?»

Vanessa Villa

Das Eis ist gebrochen, Villa streicht sich die Haare aus dem Gesicht und zeigt Sobernheim, dass auch sie ein Hörgerät besitzt. Sie sei taub auf die Welt gekommen und besitze Implantate. «Das habe ich ja gar nicht gemerkt, dass du hörbehindert bist!», ruft Sobernheim erstaunt aus. Schnell korrigiert Villa: «Ich bevorzuge das Wort ‹beeinträchtigt›. Ich fühle mich nämlich überhaupt nicht behindert.»

«Ich finde es gut, wenn ein Team gemischt ist und nicht nur aus Männern besteht.»

Schnell wird klar: Eher ist es ein Graben der Generationen, der die Gesprächspartner voneinander trennt. So hat Sobernheim zwar nichts gegen Homosexuelle per se, doch mit der Vorstellung, dass sie Heiraten oder Kinder adoptieren dürfen, hat er Mühe. Villa entgegnet vehement, dass hier die Schweizer Gesetze nicht zeitgemäss seien. «Warum sollten schwule und lesbische Paare nicht dieselben Rechte haben wie Heterosexuelle? Die sind doch genau gleich.»

«Ich habe nichts gegen Lesben, nichts gegen Schwule»

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Video: watson/Angelina Graf

Politisch sind sie sich in vielen Fragen gar nicht so uneinig. Villa sagt zwar, die Schweiz solle nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen, ist dann aber entsetzt, als ihr Sobernheim von einer Eritreerin erzählt, die vor Kurzem zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt wurde, einzig aus dem Grund, dass sie eine Sans-Papiers ist.

Auch bei der Frage über den Sinn und Unsinn einer Frauenquote haben Villa und Sobernheim auf den ersten Blick unterschiedliche Ansichten. Sie ist der Meinung, bei der Besetzung einer Arbeitsstelle komme es auf die Qualifizierung und nicht auf das Geschlecht an. Er sagt: «Ich finde es gut, wenn ein Team gemischt ist und nicht nur aus Männern besteht.» Dagegen hat Villa nichts einzuwenden.

Nach einer Stunde zeigt sich: Trotz der unterschiedlichen Herkunft, dem unterschiedlichen Umfeld, in dem sich Villa und Sobernheim bewegen, trotz dem 40-jährigen Altersunterschied – so verschieden sind sich die Beiden im Grunde gar nicht. 

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • ch2mesro 22.10.2018 17:00
    Highlight Highlight wann kommt das protokoll von thiriet vs köppel?
  • Evan 22.10.2018 16:53
    Highlight Highlight Findet das noch einmal statt? Ich bereue es, nicht teilgenommen zu haben, bzw. leider auch keine Zeit gehabt zu haben.
    • Garp 22.10.2018 17:23
      Highlight Highlight Vielleicht nächstes Jahr wieder.
  • Fering 22.10.2018 16:46
    Highlight Highlight Schade, dass mein zugeteilter Partner nicht geantwortet hat. Wäre bestimmt interessant geworden.
  • Stargoli 22.10.2018 14:46
    Highlight Highlight Ich habe mich über watson bei der Aktion angemeldet, da ich es super spannend fand mich mit jemand komplet anders gesinnten zu treffen. Ich habe ein Bestätigungsmail bekommen. Dabei ist es dann leider geblieben. Mir wurde niemand zugeteilt:( dabei sollte es bei uns in der Region Schaffhausen/Weinland genug anders denkende geben:)
    • War mal stolz 22.10.2018 17:32
      Highlight Highlight Wir können uns treffen falls wir Gegenteilige Ansichten haben. Hatte leider keine Zeit dieses Wochenende
  • Hexenkönig 22.10.2018 14:17
    Highlight Highlight So unterschiedlich die Meinungen der Beiden sind, haben sie doch eines gemeinsam was vielen Politikern heutzutage fehlt:
    Ein Demokratieverständnis welches auf Dialog, Annäherung und Akzeptanz/Toleranz basiert, anstatt auf gegenseitiger Ignoranz, Isolation und "zum Teufel jagen".
    In einem freien Land werden nie alle Menschen die gleiche Meinung haben, weswegen es umso wichtiger ist miteinander zu diskutieren und einen gemeinsamen Konsens mit Rücksicht auf alle vorhandenen Meinungen zu finden.
    Chapeau!
  • Dr. Zoidberg 22.10.2018 13:00
    Highlight Highlight ja, die gute, alte tradition des sachlichen diskutierens und nach gemeinsamkeiten suchen ist leider sehr aus der mode gekommen. statt dessen haben wir heute wutbürger, die ihren egoismus als errungenschaft ansehen und "gutmenschen", die glauben, der grosszügige einsatz der nazikeule sei opportun.

    gemeinsam ist denen nur noch, dass sie dem jeweils anderen am liebsten jegliches recht auf eine eigene meinung direkt entziehen würden. scheinbar ist es dem gemeinsinn nicht förderlich, wenn der allgemeine wohlstand höher ist und wir länger und sicherer leben als je zuvor.
    • DemonCore 22.10.2018 17:39
      Highlight Highlight Das ist ziemlich genau das Problem. Linke und rechte Mimosen, die den gesellschaftlichen Dialog zum Erliegen bringen.

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