Wirtschaft
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A trader works on the floor of the New York Stock Exchange (NYSE) shortly after the opening bell in New York, U.S., July 5, 2016.  REUTERS/Lucas Jackson

Ein skeptischer Händler an der Börse in New York.
Bild: LUCAS JACKSON/REUTERS

Die grosse Kapitulation bei den Staatsanleihen ist ein ganz böses Omen

Die Aktien haben den Brexit weggesteckt und befinden sich wieder auf einem Höhenflug. Die Zinsen der Staatsanleihen befinden sich auf einem historischen Tief und signalisieren eine Rezession. Wer hat Recht?



Am vergangenen Freitag überraschten die Zahlen des amerikanischen Arbeitsmarktes: Weit über 200'000 neue Jobs wurden im Juni geschaffen, deutlich mehr als erwartet worden war. Rund um den Globus reagierten die Aktienmärkte mit einem Freudensprung, in den USA wurde gar ein neuer Rekord registriert.  

Was nicht in den Lehrbüchern der Volkswirtschaft steht

Ganz anders die Obligationenmärkte: Die Rendite der amerikanischen Staatsobligationen mit einer Laufzeit von zehn Jahren, der T-Bonds, erreichten am gleichen Tag eine rekordtiefe Verzinsung von 1,366 Prozent. In Deutschland, der Schweiz, Dänemark und Japan sind mittlerweile Negativzinsen üblich geworden, in der Schweiz sogar auf Staatsanleihen mit sehr langen Laufzeiten. Weltweit ist der Anteil von Obligationen mit Negativzinsen auf 1.3 Billionen Dollar gestiegen. Eine solche Entwicklung ist in den Lehrbüchern der Volkswirtschaft nicht vorgesehen.  

«Je mehr die Zinsen in den negativen Bereich rutschen, desto verzweifelter sucht man nach Alternativen.»

Jack Kelly

Aktien- und Obligationenmärkte senden derzeit höchst widersprüchliche Signale aus: Die Aktien boomen, weil sie an einen Aufschwung der Weltwirtschaft glauben. Die tiefen und negativen Zinsen der Anleihen deuten auf eine schwere Rezession hin.  

Das smart money findet man auf den Bondmärkten

Aktienmärkte sind jedoch deutlich volatiler als Obligationenmärkte. Das so genannte «smart money», die Geldmanager der institutionellen Anleger, bewegt sich vorwiegend in den Bondmärkten. Deshalb ist die Entwicklung dieser Märkte deutlich besorgniserregender. Sie signalisiert, dass die Profis davon ausgehen, dass die Inflation über längere Zeit sehr tief bleiben wird, weil die Weltwirtschaft stagnieren und die Zentralbanken nicht in der Lage sein werden, die Zinsen markant anzuheben.  

Dieses Phänomen ist auch unter dem Begriff «säkulare Stagnation» bekannt. Prominente Ökonomen wie Lawrence Summers und Paul Krugman warnen schon seit einiger Zeit vor dieser Entwicklung. Sie prophezeien der gesamten Weltwirtschaft «japanische Verhältnisse», will heissen: schwaches bis stagnierendes Wachstum bei leichter Deflation.  

Paul Krugman (C) , Nobel Prize-winning economist and professor emeritus of economics and international affairs at Princeton University, speaks to reporters after a meeting discussing global economy hosted by Japan's Prime Minister Shinzo Abe (not pictured) at Abe's official residence in Tokyo, Japan, March 22, 2016. REUTERS/Franck Robichon/Pool

Ökonom Paul Krugman: Die Bondmärkte haben kapituliert. Bild: POOL/REUTERS

Bisher haben die Märkte diese Warnungen in den Wind geschlagen und darauf gehofft, dass das Wirtschaftswachstum wieder in die Sphären vor 2008 zurückkehren und die Zinsen markant steigen werden. Jetzt haben sie diese Hoffnung aufgegeben und richten sich offenbar auf eine säkulare Stagnation ein. In seiner Kolumne in der «New York Times» spricht Paul Krugman deshalb von einer «Grossen Kapitulation».

So schnell werden die Zinsen nicht steigen

Es gibt möglicherweise aber auch andere Gründe für das Verhalten der Bondmärkte. So haben die Zentralbanken im Zuge des Quantitative Easing die Nachfrage künstlich erhöht, um die Zinsen zu drücken. Gleichzeitig haben Schuldenbremsen und Austeritätspolitik das Angebot geschmälert. Zusammen hat dies zu rekordtiefen Zinsen geführt. Deshalb sollten die Zinsen wieder steigen, wenn die Zentralbanken das Geld nicht mehr künstlich verbilligen.  

Es könnte allerdings noch eine Weile dauern, bis wieder normale Verhältnisse herrschen. Das schmerzt vor allem die Banken und die institutionellen Anleger. Sie wissen schlicht nicht mehr, wo und wie sie das ihnen anvertraute Geld anlegen können, um so ihren Verpflichtungen nachzukommen. «Wir sehen derzeit, wie alle nach jedem Strohhalm greifen», sagt Jack Kelly von Standard Life Investments im «Wall Street Journal». «Je mehr die Zinsen in den negativen Bereich rutschen, desto verzweifelter sucht man nach Alternativen.»  

Die Anleihen von Schwellenländern sind attraktiv – und gefährlich

Alternativen heisst in diesem Fall höhere Risiken. Schwellenländer wie Mexiko bieten Staatsanleihen mit höheren Renditen an – und werden derzeit von Interessenten überrannt. Gemäss Angaben der Bank of America Merrill Lynch haben Schwellenländer-Fonds in der ersten Juliwoche den höchsten Zufluss aller Zeiten erlebt. Aber Vorsicht: In der Vergangenheit hat dies immer wieder in Tränen geendet.  

Die entwickelten Länder hätten grundsätzlich weit bessere Optionen anzubieten. Sie könnten beispielsweise von den aussergewöhnlichen Verhältnissen an den Obligationsmärkten profitieren, Anleihen zum Nulltarif aufnehmen und in die Infrastruktur investieren. In einem Klima, in dem sich vermeintlich führende Ökonomen vor einer imaginären Hyperinflation fürchten und Politiker auf Austerität setzen, wird dies nicht passieren.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 14.07.2016 07:49
    Highlight Highlight Wir sind krisenignorant geworden, weil die Aneinanderreihung von Ereignissen uns müde macht. Da wächst eine Generation in einem Klima auf, das fatalistisch mit Untergangspropheten, aber auch mit dem Untergang selbst, umgeht. Der geplatzten Wachstumsblase (bei uns im Westen) steht kein 0%-Wachstum-Konzept gegenüber und so erhalten Angstmacher gegenüber Visionären Oberwasser. Egentlich fatal, doch wenn kümmerts.
  • leFunkster 13.07.2016 15:32
    Highlight Highlight Zugegeben, als Damenfriseur bin ich nicht allererste FinanzKoryphäe.
    Aber drei Dinge kannte ich nicht in den vergangenen 50 Jahren:

    - Negativzinsen. Dass die Bank Geld will,
    wenn man was zur Seite legt.

    - Rekordtiefe Auszahlung auf Staatsanleihen. Da hat ja Kupfer, Schweinebäuche und Nintendo Anteile einen hõheren Ertrag..

    - steigende Arbeitslose (nicht die Zahlen, die werden überall ausnahmslos geschönt), Millionen Jugendliche, gut ausgebildet, fit im Schritt und agil, sitzen für Jahre in ArbeitslosenZentren und verpassen ihre produktivsten Jahre..
  • sowhatopinion 13.07.2016 15:14
    Highlight Highlight Es war nicht bloss ein Griff in den Giftschrank durch EZB & Co. dieser ist ohnehin wohl bald geleert aus lauter Angst das Fehlkonstrukt EURO mitsamt EU bricht auseinander, weil Italien, Frankreich & Co. ob der Schuldenlast zusammenbricht, weil sie ohne eigene Währung nicht extern abwerten können. Die Giftmischung führt zu Blasen (AssetPrice Inflation). Mit anderen Worten ist das Vorgehen vergleichbar mit einem Maler, der rostiges Eisen streicht, derweil die Korrosion voranschreitet. Unsere Kinder zahlen dann die Rechnung.
  • flyingdutch18 13.07.2016 13:56
    Highlight Highlight Von einer Kapitulation bei den Staatsanleihen kann keine Rede sein. Zusammen mit den Aktienkursen sind auch die Kurse der Obligationen gestiegen, und zwar soweit, dass die Renditen negativ sind. Die Staatem sollten davon profitieren, indem sie historisch billigstes Geld aufnehmen, um Konjunkturprogramme zu starten.
  • Grundi72 13.07.2016 13:41
    Highlight Highlight Herr Löpfe hatte doch den Weltuntergang nach dem Brexit angekündigt..?! Kaffee von gestern, neue Gründe müssen her um Angst zu schüren..
    • dnsd 13.07.2016 14:51
      Highlight Highlight Ich fürchte mich vor dem Tag andem Löpfe zum ersten Mal recht hat 😂
    • Alienus 13.07.2016 16:35
      Highlight Highlight Sie wollen doch nicht etwa bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten!
  • Oberlehrer 13.07.2016 13:30
    Highlight Highlight Die Aktien- und Bondmärkte senden nicht widersprüchliche Signale aus, sie halten sich vielmehr brav ans Lehrbuch: Die Zentralbanken senken die kurzfristigen Zinsen. Dadurch werden auch längerfristige Obligationen attraktiver als zuvor, die Kurse steigen und die Renditen sinken (da der Couponsatz fix ist, findet die Renditeanpassung über höhere Kurse statt). Die Aktienkurse steigen selbst bei unveränderten Gewinnerwartungen (der Aktienkurs entspricht dem Barwert der künftigen Dividenden - der Barwert steigt mit sinkenden Zinsen).

    • Stachanowist 13.07.2016 14:55
      Highlight Highlight Hab's nicht verstanden. Aber weil du den Anschein der Kompetenz erweckst, gibt's von mir ein Herzli ;)
    • Stachanowist 13.07.2016 17:41
      Highlight Highlight Werde ich nachschlagen, danke für den Tipp! Wann bekommt man schonmal von einem Oberlehrer und Friedrich August von Hayek Ökonomie-Nachhilfe ;)
    • Spooky 13.07.2016 23:39
      Highlight Highlight @Oberlehrer
      Wow! Kannst du das ins Deutsche übersetzen?
      Also ich selber habe nichts an Vermögen. Soll ich jetzt verrecken oder die Reichen fressen?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Scaros_2 13.07.2016 13:10
    Highlight Highlight Schon wieder? Tut mir Leid aber davon zu reden das eine Kriese droht - damit erreicht man bei mir nichts mehr ausser ein Müdes lächeln, denn so wie wir immer von drohenden Krieg und Kriese reden..... Es ist mir langsam echt egal ^^
    • MaxM 13.07.2016 14:34
      Highlight Highlight Man kann ja immer davon reden, dass eine Krise kommt: Irgendwann kommt sie ja sowieso und dann kann man von sich behaupten, dass man damit recht gehabt hat.

      (sarkasmus off)
  • Raphael Stein 13.07.2016 13:00
    Highlight Highlight " Weit über 200'000 neue Jobs wurden im Juni geschaffen,"

    was für Jobs sind das eigentlich? sind das 1 Dollar Jobs oder haben diese Jobs auch eine gewisse Kaufkraft.
    Oder ist das bloss Papier. Irgendwie geht für einen Laien wie mich die Rechnung nicht auf.
    • Soaring 13.07.2016 14:59
      Highlight Highlight Du stellst genau die richtige Frage: z. Z. werden in den USA 5 Vollzeitstellen durch 7 Teilzeitstellen mit viel schlechteren Bedingungen ersetzt. In den Büchern vor den US-Wahlen wird dies dann als +200'000 Stellen verkauft.

      => ich empfehle Peter Schiff zu googeln und seine PodCasts und YouTube-Clips zu verfolgen - er hat 2001 & 2008 korrekt und mit der richtigen Prognose vorhergesagt, als einer von ganz wenigen: https://itunes.apple.com/ch/podcast/the-peter-schiff-show-podcast/id404963432?mt=2&i=372195874

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