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Ein skeptischer Händler an der Börse in New York.<br data-editable="remove">
Ein skeptischer Händler an der Börse in New York.
Bild: LUCAS JACKSON/REUTERS

Die grosse Kapitulation bei den Staatsanleihen ist ein ganz böses Omen

Die Aktien haben den Brexit weggesteckt und befinden sich wieder auf einem Höhenflug. Die Zinsen der Staatsanleihen befinden sich auf einem historischen Tief und signalisieren eine Rezession. Wer hat Recht?
13.07.2016, 11:3415.07.2016, 07:17

Am vergangenen Freitag überraschten die Zahlen des amerikanischen Arbeitsmarktes: Weit über 200'000 neue Jobs wurden im Juni geschaffen, deutlich mehr als erwartet worden war. Rund um den Globus reagierten die Aktienmärkte mit einem Freudensprung, in den USA wurde gar ein neuer Rekord registriert.  

Was nicht in den Lehrbüchern der Volkswirtschaft steht

Ganz anders die Obligationenmärkte: Die Rendite der amerikanischen Staatsobligationen mit einer Laufzeit von zehn Jahren, der T-Bonds, erreichten am gleichen Tag eine rekordtiefe Verzinsung von 1,366 Prozent. In Deutschland, der Schweiz, Dänemark und Japan sind mittlerweile Negativzinsen üblich geworden, in der Schweiz sogar auf Staatsanleihen mit sehr langen Laufzeiten. Weltweit ist der Anteil von Obligationen mit Negativzinsen auf 1.3 Billionen Dollar gestiegen. Eine solche Entwicklung ist in den Lehrbüchern der Volkswirtschaft nicht vorgesehen.  

«Je mehr die Zinsen in den negativen Bereich rutschen, desto verzweifelter sucht man nach Alternativen.»
Jack Kelly

Aktien- und Obligationenmärkte senden derzeit höchst widersprüchliche Signale aus: Die Aktien boomen, weil sie an einen Aufschwung der Weltwirtschaft glauben. Die tiefen und negativen Zinsen der Anleihen deuten auf eine schwere Rezession hin.  

Das smart money findet man auf den Bondmärkten

Aktienmärkte sind jedoch deutlich volatiler als Obligationenmärkte. Das so genannte «smart money», die Geldmanager der institutionellen Anleger, bewegt sich vorwiegend in den Bondmärkten. Deshalb ist die Entwicklung dieser Märkte deutlich besorgniserregender. Sie signalisiert, dass die Profis davon ausgehen, dass die Inflation über längere Zeit sehr tief bleiben wird, weil die Weltwirtschaft stagnieren und die Zentralbanken nicht in der Lage sein werden, die Zinsen markant anzuheben.  

Dieses Phänomen ist auch unter dem Begriff «säkulare Stagnation» bekannt. Prominente Ökonomen wie Lawrence Summers und Paul Krugman warnen schon seit einiger Zeit vor dieser Entwicklung. Sie prophezeien der gesamten Weltwirtschaft «japanische Verhältnisse», will heissen: schwaches bis stagnierendes Wachstum bei leichter Deflation.  

Ökonom Paul Krugman: Die Bondmärkte haben kapituliert.
Ökonom Paul Krugman: Die Bondmärkte haben kapituliert.Bild: POOL/REUTERS

Bisher haben die Märkte diese Warnungen in den Wind geschlagen und darauf gehofft, dass das Wirtschaftswachstum wieder in die Sphären vor 2008 zurückkehren und die Zinsen markant steigen werden. Jetzt haben sie diese Hoffnung aufgegeben und richten sich offenbar auf eine säkulare Stagnation ein. In seiner Kolumne in der «New York Times» spricht Paul Krugman deshalb von einer «Grossen Kapitulation».

So schnell werden die Zinsen nicht steigen

Es gibt möglicherweise aber auch andere Gründe für das Verhalten der Bondmärkte. So haben die Zentralbanken im Zuge des Quantitative Easing die Nachfrage künstlich erhöht, um die Zinsen zu drücken. Gleichzeitig haben Schuldenbremsen und Austeritätspolitik das Angebot geschmälert. Zusammen hat dies zu rekordtiefen Zinsen geführt. Deshalb sollten die Zinsen wieder steigen, wenn die Zentralbanken das Geld nicht mehr künstlich verbilligen.  

Es könnte allerdings noch eine Weile dauern, bis wieder normale Verhältnisse herrschen. Das schmerzt vor allem die Banken und die institutionellen Anleger. Sie wissen schlicht nicht mehr, wo und wie sie das ihnen anvertraute Geld anlegen können, um so ihren Verpflichtungen nachzukommen. «Wir sehen derzeit, wie alle nach jedem Strohhalm greifen», sagt Jack Kelly von Standard Life Investments im «Wall Street Journal». «Je mehr die Zinsen in den negativen Bereich rutschen, desto verzweifelter sucht man nach Alternativen.»  

Die Anleihen von Schwellenländern sind attraktiv – und gefährlich

Alternativen heisst in diesem Fall höhere Risiken. Schwellenländer wie Mexiko bieten Staatsanleihen mit höheren Renditen an – und werden derzeit von Interessenten überrannt. Gemäss Angaben der Bank of America Merrill Lynch haben Schwellenländer-Fonds in der ersten Juliwoche den höchsten Zufluss aller Zeiten erlebt. Aber Vorsicht: In der Vergangenheit hat dies immer wieder in Tränen geendet.  

Die entwickelten Länder hätten grundsätzlich weit bessere Optionen anzubieten. Sie könnten beispielsweise von den aussergewöhnlichen Verhältnissen an den Obligationsmärkten profitieren, Anleihen zum Nulltarif aufnehmen und in die Infrastruktur investieren. In einem Klima, in dem sich vermeintlich führende Ökonomen vor einer imaginären Hyperinflation fürchten und Politiker auf Austerität setzen, wird dies nicht passieren.

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