bedeckt, wenig Regen
DE | FR
23
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Wirtschaft
Börse

Haben uns die Finanzmärkte in Geiselhaft genommen?

A television screen on the floor of the New York Stock Exchange displays headlines the day's story, Tuesday, Jan. 30, 2018. The stock market slumped to its worst loss since August, giving back some of ...
«Grösster Abschwung seit Juni 2016», warnt diese Tafel an der Börse in New York.Bild: AP/AP

Haben uns die Finanzmärkte in Geiselhaft genommen?

Aktien, Obligationen und Immobilien – alle Vermögensklassen sind überbewertet. Was, wenn der Boom ein Ende hat?
31.01.2018, 16:0001.02.2018, 04:30

Für Profis ist der Zinssatz der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen so etwas wie ein Leuchtturm im Finanzmeer. Er beeinflusst das Verhalten der Konsumenten, der Investoren und der Regierungen weltweit.

Am letzten Montag ist der Zinssatz der US-Bonds auf 2,73 Prozent gestiegen, dem höchsten Stand seit April 2014. Die Reaktion folgte auf dem Fuss: Zum ersten Mal seit zwei Jahren verloren die Kurse an den US-Aktienmärkten an zwei aufeinanderfolgenden Tagen.

Kommt jetzt die Zinswende?

Die einen bezeichnen das als eine längst fällige und willkommene Kurskorrektur, die neue Einstiegsmöglichkeiten eröffnet. Andere hingegen sehen darin eine wachsende Gefahr. Sie glauben die Vorboten einer Zinswende zur erkennen – und das hätte dann gröbere Konsequenzen.

FILE - In this Oct. 6, 2015 file photo, former Federal Reserve Chairman Ben Bernanke is interviewed by Maria Bartiromo during her "Mornings with Maria Bartiromo" program, on the Fox Business ...
Hat schlechte Erfahrungen mit dem Tapering gemacht: Ben Bernanke, Ex-Präsident der US-Notenbank.Bild: AP/AP

Wir leben in einer Zeit, in der alle Vermögensklassen überbewertet sind, teilweise grotesk. Der Grund für die allgemeine Überbewertung ist das billige Geld. Dank sinkenden Zinsen haben die Obligationenmärkte eine Rekordhausse hinter sich. Staaten und Unternehmen konnten immer günstiger Geld aufnehmen und haben das auch reichlich getan.

Gleichzeitig ist der Wert der bestehenden Anleihen bei sinkenden Zinsen gestiegen. Steigen die Zinsen, dann kehrt sich das um: Schulden zu machen wird teuerer und der Kurs der bestehenden Anleihen sinkt, weil die neuen eine höhere Rendite versprechen. Die Zinswende an den Obligationenmärkten ist daher eine sehr heikle Angelegenheit. Erfolgt sie abrupt, dann löst dies Schockwellen mit unkontrollierbaren Folgen aus.

Mini-Crash nach Tapering

Einen Vorgeschmack auf einen solchen Schock erlebten die Märkte im Jahr 2013. Der damalige Präsident der US-Notenbank, Ben Bernanke, glaubte, die Situation sei reif für eine schrittweise Erhöhung der Leitzinsen und leitete das so genannte «Tapering» ein. Die Folge war ein Mini-Crash, Bernanke brach die Übung ab.

FILE - In this Wednesday, Sept. 20, 2017, file photo, Federal Reserve Chair Janet Yellen gets up from her seat at the conclusion of a news conference following the Federal Open Market Committee meetin ...
Sehr vorsichtige Schritte: Janet Yellen.Bild: AP/AP

Die amerikanische Wirtschaft hat sich mittlerweile erholt. Deshalb hat auch auch Bernankes Nachfolgerin Janet Yellen die Leitzinsen im Viertelprozent-Takt erhöht, wohl wissend, dass ein zu forsches Vorgehen erneut eine Panik auslösen könnte. Wohl wissend auch, dass die Zinswende Grenzen hat und die Wirtschaft noch lange auf relativ billiges Geld angewiesen sein wird.

Diese vorsichtige Politik könnte jedoch an ihre Grenzen stossen. Grund dafür ist die Inflation. Jahrelang haben vor allem konservative Ökonomen vor einer imaginären Inflationsgefahr gewarnt. Jetzt könnte sie tatsächlich eintreten. Ein Grund sind die steigenden Rohstoff-, vor allem die Ölpreise. Der Preis für ein Fass Öl ist wieder auf beinahe 70 Dollar gestiegen. Selbst wenn Energiepreise aus der Kerninflation herausgerechnet werden, kann diese Teuerung nicht vollkommen ignoriert werden.

Den zweiten Grund kennen junge Ökonomen höchstens aus dem Lehrbuch: die so genannten «Zweitrunden-Effekte». Darunter versteht man Folgendes: Bei wachsender Teuerung verlangen Hersteller höhere Preise und Arbeitnehmer höhere Löhne. Die Inflation macht sich selbstständig, und die Zentralbanken können diesen Teufelskreislauf nur mit einer massiven Erhöhung der Leitzinsen durchbrechen.

Kommt es wieder zu Zweitrunden-Effekten?

In den 1970er Jahren hat diese Politik der Notenbanken zu einer schweren Rezession geführt. Derzeit besteht noch keine Inflationsgefahr. Doch der weltweite Boom hat die Voraussetzungen dafür geschaffen. In Deutschland beispielsweise ist der Markt für Facharbeiter vollkommen ausgetrocknet, Unternehmen lehnen Aufträge ab, weil ihnen das Personal fehlt. Logisch, dass die Gewerkschaften happige Lohnerhöhungen fordern, die IG Metall beispielsweise will sechs Prozent.

Billiges Geld hat die Weltwirtschaft nach der Finanzkrise vor einer Depression gerettet. Jetzt aber sorgt billiges Geld für eine Überbewertung aller Vermögensklassen, die nicht nachhaltig sein kann. Die Märkte sind anfällig geworden für politische und ökonomische Schocks – und wir sind bis zu einem gewissen Grad Geiseln dieser Märkte geworden.

Katsching! 11 Arten mit dem Geld umzugehen:

Video: watson
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

23 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
klugundweise
31.01.2018 16:33registriert Februar 2014
Keine Frage sondern Fakt: die Finanzmärkte haben uns längst in Geiselhaft! Die (Investment-)Banker haben Casino gespielt, die Steuerzahler mussten die (too big to fail) Banken mit Milliarden retten. Sie versprachen Besserung, treiben aber das alte Spiel einfach weiter. Keine anständige Eigenkapitaldeckung, keine Kontrolle durch die Politik und lustig selber Geld drucken. Umsätze die um ein X-faches grösser sind als das BIP weltweit ohne damit eine echte Wertschöpfung zu schaffen.
Es ist Zeit für ein JA zur Vollgeld-Initiative!
9517
Melden
Zum Kommentar
avatar
Makatitom
31.01.2018 16:19registriert Februar 2017
Nein, Philipp, Geiselhaft wäre ja noch einigermassen erträglich. Die Finanzmärkte und die Grossfinanz wollen uns wieder in der Sklaverei haben, und zwar nicht so Lohnsklaverei wie es jetzt bereits der Fall ist, sondern so richtig mit Grossgrundbesitzern und Peitsche und Ketten
499
Melden
Zum Kommentar
avatar
Lowend
31.01.2018 16:32registriert Februar 2014
Gut gebrüllt, Löpfe! Dieser Schock wird so sicher wie das Amen in der Kirche kommen und es werden die üblichen Verdächtigen davon profitieren, weil die sich absichern können und die Politik ihnen hilft und wie üblichen werden die Zeche dafür alle Arbeiter, Angestellten, Rentner bezahlen und ganz besonders die Schwächsten der Gesellschaft wie die Kinder und die Armen werden es besonders zu spüren bekommen, denn für die wird dann nicht nur alles teurer, sondern die bekommen dann die höheren Preise doppelt zu spüren, weil der rechte Asozialstaat wie immer nur bei den Schwächsten sparen wird!
273
Melden
Zum Kommentar
23
«Wie eine Job-Bewerbung» – 7 Profi-Tipps, um eine Wohnung in Zürich zu finden
Wohnungen in Zürich sind knapp. Bezahlbare noch knapper. Wie man dennoch eine passende Wohnung findet, vielleicht sogar eine günstige Genossenschaftswohnung, hat watson bei Experten aus der Zürcher Immobilienszene nachgefragt.

Eine Wohnung in Zürich zu finden, ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf. Erholungsphasen gibt es nur während des Schlangestehens bei Besichtigungen.

Zur Story