Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

BGE in Kenia: Gleiches Geld für alle – das Experiment

Was geschieht, wenn Menschen Geld bekommen – genug zum Leben, ohne Bedingung, jahrelang, einfach so? Werden sie faul oder erst richtig aktiv? In Kürze startet ein Feldversuch in Kenia.

22.04.16, 08:53 22.04.16, 09:08

Nicolai Kwasniewski



Ein Artikel von

Wenn jemand Geld bekommt, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen – hört er dann ganz auf zu arbeiten? Oder wird er vielmehr eine Tätigkeit aufnehmen, die er mag und die ihn erfüllt, aber vielleicht nicht gut genug bezahlt wird, um davon zu leben?

Wird er möglicherweise sogar investieren und die Wirtschaft damit stärken?

In this Monday, Feb. 1, 2016, photo, Kenyan runner Lilian Mariita, 27, accompanied by daughter Lisa, 2, sweeps the path in the garden of her house in the village of Nyaramba in western Kenya. The 27-year-old's racing career is over, and now she is back at square one: in Nyaramba, the muddy tea-plantation village in western Kenya she thought she'd escaped in 2011, when she left for the promise of a new life pounding American roads. (AP Photo/Ben Curtis)

Ein Dorf in Kenia.
Bild: AP

Über die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens wird immer wieder heiss diskutiert, aktuell zum Beispiel in Finnland, Kanada, Holland und in der Schweiz. Gegner und Befürworter kämpfen ähnlich erbittert für ihre Sicht. Wirkliche Fakten aber kann keine Seite vorweisen.

Die US-Spendenorganisation GiveDirectly will das ändern und noch 2016 mit einem Experiment im grossen Stil beginnen: Sie wird 6000 Menschen in Kenia ein monatliches Grundeinkommen zahlen, genug zum Überleben, für mindestens zehn Jahre. Bedingungen für die Empfänger: keine.

Auszahlung auf Mobiltelefonen

Die vier Gründer von GiveDirectly kennen sich von den US-Universitäten Harvard und MIT, an denen sie wirtschaftliche Entwicklung studierten – und nach der effizientesten Möglichkeit suchten, Armut zu bekämpfen. Am meisten Erfolg schienen Direktzahlungen zu versprechen. Der wachsende Markt für Handy-Zahlsysteme, gerade in vielen Ländern Afrikas, erweiterte die Möglichkeiten.

Das Vorurteil, dass gerade die Ärmsten ausgezahltes Geld (im Unterschied zu Sachleistungen) vor allem in Alkohol oder Zigaretten investieren, ist neueren Studien zufolge nicht nur unbegründet, es ist auch kontraproduktiv.

epa05144911 Kenyan man counts his money after withdrawing the cash with his mobile phone at an M-Pesa service outlet in Nairobi, Kenya, 02 February 2016. M-Pesa is a mobile money transfer platform offered by Safaricom, Kenya’s biggest mobile network operator.  EPA/DANIEL IRUNGU

Bezahlsystem M-Pesa bei einem Stand in Nairobi.
Bild: DANIEL IRUNGU/EPA/KEYSTONE

Denn gerade die Ärmsten nutzen Geld offenbar viel besser, als es ihnen gemeinhin zugetraut wird. Spendenorganisationen weltweit gehen deshalb mehr und mehr dazu über, Bedürftigen Geld statt Sachleistungen zu geben. Selbst UNO-Generalsekretär Bank Ki Moon hat sich jüngst für Direktzahlungen als Standardmethode ausgesprochen, um Menschen in Krisensituationen zu helfen.

2009 gründeten die Studenten GiveDirectly als eine Art privaten Spendenkreis, zwei Jahre später öffneten sie die Organisation. Schon im Dezember 2012 zahlten sie an erste zufällig ausgewählte Menschen in kenianischen Dörfern einen durchschnittlichen Jahreslohn – direkt auf deren mobile Konten, ohne Bedingung. Die Ergebnisse waren ermutigend.

Das Silicon Valley ist mit an Bord

Für Kenia sprechen auch bei dem neuen Vorhaben mehrere Gründe: Kenia hat ein gut funktionierendes System von Finanztransfers für Mobiltelefone. Mit M-Pesa können Handybesitzer über ein elektronisches Guthaben verfügen – ein Geldtransfer ist denkbar einfach.

Natürlich geht es auch um die Finanzierbarkeit, sagte einer der GiveDirectly-Gründer, Michael Faye, zu «Spiegel Online»: «Es gibt einige interessante Projekte in den Industrieländern, aber die deutlich niedrigeren Lebenshaltungskosten in Ostafrika ermöglichen es, unser Pilotprojekt auf einen wirklich langen Zeitraum anzulegen.»

Das Experiment kann mit der verhältnismässig kleinen Summe von rund 30 Millionen Dollar verwirklicht werden. In den USA würde das Projekt fast eine Milliarde Dollar kosten.

Das Geld soll auch von privaten Spendern kommen. «Wir werden die ersten zehn Millionen Dollar an Spenden um die gleiche Summe aufstocken», verspricht Faye. «Wir hoffen, dass wir eine breite Koalition von Unterstützern zusammenbringen können – auch Unternehmen.»

Die Verbindungen in das Silicon Valley sind gut. Viele dort sind dem Grundeinkommen gegenüber aufgeschlossen. Im Vorstand der Organisation sitzen unter anderem der Facebook-Mitgründer Chris Hughes und die Chefin von Googles karitativem Arm Google Giving, Jacquelline Fuller.

GiveDirectly wird das Projekt in mehreren kenianischen Dörfern durchführen, voraussichtlich mit unterschiedlich hohen Zahlungen. Sicher ist nur: Innerhalb einer Gemeinschaft wird jeder die gleiche Summe erhalten, egal wie arm er ist und egal, ob der Nachbar weniger oder mehr Geld hat.

«Wir wissen wenig über die Wirkung»

Begleitet wird das Experiment unter anderem vom renommierten indischen Wirtschaftswissenschaftler Abhijit Banerjee. Die Initiatoren wollen die Wirkung genau dokumentieren, anders als das in einem ähnlichen, aber deutlich kleineren und nur auf kurze Zeit angelegten Projekt in Namibia der Fall war. Dazu werden Mitarbeiter vor Ort auch vergleichbare Dörfer beobachten, deren Bewohner kein Grundeinkommen beziehen.

Von der wissenschaftlichen Begleitung erhoffen sich die Initiatoren Antworten auf viele Fragen. Die Idee werde seit Jahrzehnten diskutiert, sagt Faye. «Aber obwohl es viele Hinweise auf den positiven Effekt von Direktzahlungen gibt, wissen wir wenig über die Wirkung eines Grundeinkommens.» Zwar geht es GiveDirectly vor allem um die Bekämpfung extremer Armut, aber auch Industrieländer könnten von den Ergebnissen profitieren.

So wird Faye das Projekt Anfang Mai auf der Konferenz «Future of Work» in Zürich vorstellen, bei der es um die Frage geht, wie Sozialsysteme im Zeitalter der Industrie 4.0 gestaltet werden sollen. Die fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung bedroht Millionen Arbeitsplätze. Prominente Redner wie der Twitter-Investor Albert Wenger, der US-Gewerkschafter Andrew Stern, der Grundeinkommensaktivist Daniel Häni oder der griechische Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis werden darüber diskutieren, welche Möglichkeiten ein Grundeinkommen bietet.

Die Ergebnisse aus Kenia dürften die Debatte in den kommenden Jahren stark beeinflussen, hofft GiveDirectly-Mitgründer Paul Niehaus: «Im besten Fall wird es weltweit das Denken darüber ändern, wie Armut beendet werden kann.»

Zusammengefasst: Die US-Spendenorganisation GiveDirectly will in einem Experiment testen, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen wirkt. 6000 Menschen in Kenia sollen monatlich Geld ohne Gegenleistung bekommen, für mindestens zehn Jahre. Davon erhofft sich die Organisation auch eine grössere Akzeptanz für die Idee des Grundeinkommens.

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

Abonniere unseren Daily Newsletter

10
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mehmed 23.04.2016 12:06
    Highlight Neoliberales Teufelszeug. Die Verfechter des Neoliberalismus bekämpften schon immer jegliches Recht auf würdig bezahlte Arbeit, und propagierten anstattdessen Almosen, die die Reichen freiwillig spenden können (steuerbefreit, selbstverständlich).
    Finde es richtig pervers, (wiedereinmal) diesen Kolonialimus, wo Superreiche aus der ersten Welt Afrika als Testlabor für ihre obskuren Ideen verwenden. Dasselbe tut der IWF mit seinen neoliberalen Ideen (Staat kaputtschlagen, stattdessen Privatwirtschaft mit dominanten Playern aus der ersten Welt einsetzen) bereits seit einem halben Jahrhundert.
    14 6 Melden
    • Emperor 23.04.2016 23:16
      Highlight naja ich würde das BGE jetzt nicht wirklich als neoliberales Teufelszeug bezeichnen, über die Absicht das BGE in Afrika zu "testen" kann man durchaus diskutieren, wobei ich denke, dass diese Aktion freiwillig ist.
      3 1 Melden
  • Turi 23.04.2016 10:25
    Highlight Kenia hat auch keine Sozialversicherungen, keinen Sozialstaat. Das ist neoliberale, diktatorische verbrannte Erde. Dann ist ein BGE natürlich besser als nichts. Bei uns müssten erst alle Sozialversicherungen (ALV 60-80% vom Lohn, bezahlten Mutterschaftsurlaub etc) geschleift und abgeschafft werden, damit das BGE attraktiv wäre.
    Nicht Spenden schaffen ein gerechtes Kenia, sondern eine Demokratie, die den Namen verdient.
    13 3 Melden
  • MacB 22.04.2016 09:48
    Highlight Mit Spenden finanziert, geht das gut und mag sinnvoll sein. In einem Land wie der Schweiz muss ein BGE aber selbst erwirtschaftet werden. Ein meilenweiter Unterschied.

    Jeder der jetzt Kenia als Vorbild für die Schweiz sieht: nope.
    25 25 Melden
    • Soaring 22.04.2016 16:35
      Highlight Lieber MacB

      Du unterstellst deinen Mitmenschen irgendwelche Aussagen und widerlegst dann diese auch selbst wieder. Rethorisch unterste Schublade...
      Dabei bist du es, der dem keynsianischen Aberglauben aufgesessen ist - oder wie Volker Pispers es sagen würde: sie haben dir den Stacheldraht durch den Kopf gezogen...

      Natürlich muss ein BGE ganzheitlich angegangen werden - Plan B wäre z. B. mal ein Anfang dafür:

      => http://www.wissensmanufaktur.net/plan-b-fuer-einsteiger
      16 16 Melden
    • MacB 26.04.2016 14:26
      Highlight @Soaring:

      So ein Quatsch, den du schreibst. Ich sage (und schreibe) lediglich, dass das BGE selber erwirtschaftet werden muss. Kein Wort von ewigem Wachstum und kapitalistisch geprägtem Denken. Ich bin nämlich durchaus auch der Ansicht, dass es nur Wachstum nicht immer geben kann und muss.

      Ich sehe einfach die Realität und nur nicht ideologisches Fortschreiten.
      1 0 Melden
  • Soaring 22.04.2016 09:17
    Highlight Mittelfristig wird kein Weg am BGE vorbeiführen.
    Dafür RAV, Sozialamt und AHV abschaffen - das BGE ist viel effizienter und unbürokratischer.

    In den nächsten 10 Jahren werden nicht nur die Migroskassen u. Ähnliches durch Software und Maschinen ersetzt, sondern auch Banker, Versicherer, Administration etc. - das sind nicht alles gute Musiker oder Kreative, welche von ihrem Talent alleine leben können.

    Wir lassen ja eh niemanden verhungern! Also ist es viel effektiver, jedem unbürokratisch das Überleben zu sichern, darüber hinaus soll aber jeder selber für sich Sorgen müssen...
    37 11 Melden
    • MacB 22.04.2016 10:57
      Highlight Es ist aber ein riesiger Unterschied, ob wir darüber sprechen, die Sozialwerke zu verschlanken oder darüber, pauschal jedem Bürger ein BGE zuzusichern und auszuzahlen.

      Das sind zwei grundverschiedene Diskussionen, bei der ich einmal ja und einmal nein sagen würde. Das beweist mir aber wieder, dass selbst BGE-Befürworter nicht einmal wissen, wofür das BGE genau steht. Weil es einfach noch zu schwammig ist.
      14 20 Melden
    • Hackphresse 22.04.2016 11:35
      Highlight Ich als BGE-Befürworter weiss ich ganz genau wofür es steht. Es ist ein Sockelbetrag den jeder in der Schweiz lebende erhält, egal ob man arbeitet oder nicht, ohne dass man vom RAV und dem Sozialamt mit kürzungen schikaniert werden kann. Der Finanzadministrative teil der SVAs fällt weg und (hoffendlich) werden die Bewerbungs- "Kurse" damit auch effizienter, denn heute sind diese "Kurse", in denen jedesmal wieder etwas anders ist als in denen zuvor (weil sich der "Standard ändert" [lol genau! innerhalb weniger Monate]). Ein erniedrigender Spiessrutenlauf für jeden der mal in dieser 'Mühle' war!
      23 8 Melden
    • MacB 22.04.2016 12:15
      Highlight Auch Effizienz und Sinn des RAV ist ein anderes Thema, das man durchaus ansprechen kann.

      Womit ich nicht einverstanden bin: Kürzungen durch Sozialämtern gehen meist negative Taten der Beteiligten zuvor. ALso sind begründet und ok
      13 10 Melden

Diese kalifornische Stadt war pleite – jetzt testet sie ein Grundeinkommen

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise galt Stockton als «elendeste» Stadt der USA. Obwohl sie im erweiterten Einzugsgebiet von Bay Area und Silicon Valley liegt, sind die Lebensbedingungen schwierig. Das Einkommen in der mehrheitlich von Nichtweissen bewohnten Stadt ist deutlich tiefer und die Armutsquote höher als in San Francisco und selbst in Oakland.

Den Tiefpunkt erreichte Stockton mit seinen 300'000 Einwohnern vor fünf Jahren. Es musste Konkurs anmelden, als bislang grösste Stadt in der …

Artikel lesen