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Sonja Enz of the Stapferhaus, an event place for contemporary exhibitions, holds coins in her hands as she sits in a room filled with 4 million Swiss five cent coins during a media preview of the exhibition

Billiges Geld überschwemmt die Welt. Bild: ARND WIEGMANN/REUTERS

Erklärbär

Das macht Angst: Seit der Finanzkrise hat die Welt 50'000'000'000'000 Franken mehr Schulden

Alle reden über die Schulden von Griechenland. Eine neue Analyse von McKinsey zeigt: Das sind Peanuts. Das Problem ist ein auf Kredit und billigem Geld basierendem Finanzsystem.



Die Zahlen, die das bekannte Beraterunternehmen McKinsey veröffentlicht hat, lauten wie folgt: Seit Ausbruch der Finanzkrise Ende 2007 sind die Schulden weltweit von 269 Prozent der gesamten globalen Wirtschaftsleistung auf 286 Prozent angestiegen. Das tönt harmlos, ist es aber nicht: Es bedeutet, dass die gesammelten Schulden von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten um rund 50 Billionen Franken zugenommen haben. Das ist knapp hundert Mal mehr als das gesamte Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz

A propos Schweiz: Was die Staatsschulden betrifft, sind wir vorbildlich. Die Schuldenquote liegt unter 50 Prozent des BIP und hat in den letzten Jahren sogar leicht abgenommen. Auch was normale Kredite (Autos, etc.) betrifft, sind die Schweizer nach wie vor sehr konservativ. 

Die Schweiz hat weltweit fast die höchsten Hypothekarschulden

Aber wehe, wenn bei uns eine Immobilienblase platzen sollte. Die steigenden Preise für Wohneigentum hinterlassen deutliche Spuren: Die Hypothekarverschuldung der Schweiz beträgt inzwischen rund 160 Prozent des BIP und gehört damit weltweit zu den höchsten überhaupt.

Schuldenwirtschaft

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Schulden sind so alt wie die Menschheit. Verschiedene Kulturen kennen deshalb regelmässige Schuldenerlasse. Im alten Babylon etwa wurden die Tafeln, auf denen die Schulden notiert waren, in regelmässigen Abständen zerbrochen. Die Juden kennen einen biblischen Schuldenerlass im Abstand von jeweils 49 Jahren.

Zerbricht Europa an den griechischen Schulden?

Schulden sind ein höchst emotionales Phänomen mit grossen Folgen für die Politik. Das zeigt die aktuelle Auseinandersetzung um Griechenland. Obwohl kaum noch bestritten ist, dass die Griechen ihre Schulden von rund 330 Milliarden Dollar – das entspricht 175 Prozent des BIP – niemals mehr werden zurückbezahlen können, ist dieser Schuldenberg zu einer Grundsatzfrage über Sein oder Nichtsein der Europäischen Union geworden. 

Dabei stehen sich zwei völlig gegensätzliche Positionen gegenüber. Deutschland – stellvertretend für die Gläubiger – stellt sich auf den Standpunkt, dass Schulden immer zurückbezahlt werden müssen und dass sich die Griechen selbst fahrlässig in die Schuldenfalle begeben haben. Das ist nicht ganz falsch. Tatsächlich haben die Griechen vom billigen Geld, das sie seit der Einführung des Euro erhalten haben, mehr als reichlich Gebrauch gemacht. 

Auch die Banken sind schuld an den Schulden

Trotzdem ist die deutsche Selbstgefälligkeit unangebracht, und zwar aus drei Gründen: Erstens ist im Falle von Insolvenz nicht immer der Schuldner allein der Schuldige. Wer jemandem Geld in einem Ausmass leiht, das dessen Möglichkeiten bei weitem übersteigt, macht sich ebenfalls schuldig. 

Die deutschen und andere Banken haben sich gegenüber den Griechen aufgeführt wie ein Wirt, der einem notorisch bekannten Alkoholiker unbegrenzt Schnaps serviert hat und dann jammert, wenn er sein Geld nicht erhält. Mit anderen Worten: Die Banker haben sich fahrlässig verhalten und müssen daher auch einen Teil der Folgen tragen.

Im letzten Jahrhundert wurden den Deutschen die Schulden erlassen 

Erschwerend hinzu kommt zweitens, dass die Banken den Löwenanteil der Hilfe bereits erhalten haben. Etwa 90 Prozent der Hilfskredite sind nicht etwa der griechischen Bevölkerung zugute gekommen, sondern wurden dazu verwendet, Bankschulden zu begleichen. 

Auch moralisch befindet sich Deutschland in einer zwiespältigen Situation. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde den Deutschen eine Schuldenlast aufgebürdet, die sie nicht schultern konnten. Die Folgen sind bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man die Lehren daraus gezogen und Deutschland geschont. 

Der Erfolg des Marshall Plan

Der Marshall-Plan der Alliierten war vor allem ein Schuldenerlass gegenüber Deutschland. Er war auch ein voller Erfolg: «Das Wirtschaftswunder (der Nachkriegszeit, Anm, der Red.) ist ohne die Entlastung des Bundeshaushalts durch die Schuldenkonferenz schwer vorstellbar», sagt Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics. 

Und am Rande vermerkt: Der Schuldenerlass gegenüber Deutschland entsprach genau dem, was nun auch die neue griechische Regierung wünscht: Die Schulden wurden halbiert. 

Die ganze Welt steckt in der Schuldenfalle

Im Verhältnis zur Zunahme der Schulden weltweit sind die Probleme von Griechenland unbedeutend. Die Weltwirtschaft insgesamt steht auf tönernen Füssen. Immer grössere Kredite und immer noch billigeres Geld der Zentralbanken werden uns nicht aus der Schuldenfalle führen. Im Gegenteil. 

Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times» warnt in seinem jüngst erschienenen Buch: «Die aktuelle Finanzkrise ist nicht einfach eine Krise von subprime-Hypotheken oder eines Schatten-Banksystems; es ist die Krise eines gesamten, auf dem Markt basierenden Kreditsystems, das wir seit den 1970er Jahren errichtet haben.»  

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