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NEW YORK, NY - SEPTEMBER 19: Alibaba Group signage is posted outside the New York Stock Exchange prior to the company's initial price offering (IPO) on September 19, 2014 in New York City. The New York Times reported yesterday that Alibaba had raised $21.8 Billion in their initial public offering so far.   Andrew Burton/Getty Images/AFP
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Am Freitag Nachmittag erfolgte an der New York Stock Exchange (NYSE) der Bösengang von Alibaba – Experten erwarten eine Wertsteigerung auf 160 Milliarden Dollar. Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Neuer Webgigant

Wie Alibaba Chinas Gesellschaft verändert

Alibaba ist mehr als nur ein Börsenriese. Sein Dienst Taobao ist die erste rein kapitalistische Plattform im chinesischen Internet und ermöglicht Millionen von Chinesen ein besseres Leben. Drei Erfahrungsberichte. 

stefan schultz, xu zhen / spiegel online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Wenn Alibaba am Freitag an der US-Börse debütiert, wird ein turbokapitalistisches Feuerwerk gestartet. Mehr als 22 Milliarden Dollar könnte der chinesische Internetkonzern einnehmen, mehr als 160 Milliarden Dollar könnte er schlagartig wert sein, Amazon und Ebay in puncto Firmenwert schon an seinem ersten Handelstag überholen.

Was bei all dem Zahlengeklingel untergeht, ist die wirklich spannende Geschichte über Alibaba: Der Internetriese, der vor 15 Jahren in der Einzimmerwohnung eines gewissen Jack Ma entstand, hat Chinas Gesellschaft so stark verändert wie wohl kein anderes Unternehmen.

Alibaba Group Holding Ltd founder Jack Ma (R) gestures in front of the New York Stock Exchange before his company's initial public offering (IPO) under the ticker

Daumen hoch: Alibaba-Gründer Jack Ma hat alle Gründe zufrieden zu sein, sein Unternehmen könnte mit dem Börsengang mehr als 22 Milliarden Dollar einnehmen. Bild: LUCAS JACKSON/REUTERS

Einer der populärsten Dienste im Alibaba-Imperium ist Taobao, eine Plattform, auf der jeder ohne Startgebühr seinen eigenen Laden eröffnen und reich kann. Millionen Chinesen sind dank Taobao inzwischen zu globalen Händlern geworden.

Manche, wie der Unternehmer He Hongwei, konnten sich so aus der Armut befreien. Andere, wie Professor Jie Shaohua, kombinieren das Betreiben eines Taobao-Shops mit bestimmten Studiengängen, um armen Chinesen eine Ausbildung zu ermöglichen.

People walk past an advertising billboard showing the mobile app of Alibaba’s Taobao consumer-to-consumer site at a subway station in Beijing Thursday, Sept. 18, 2014. Alibaba Group's U.S. stock offering is a wakeup call about an emerging wave of technology giants in China's state-dominated economy. (AP Photo/Vincent Thian)

Werbeplakat der Alibaba-Tochter Taobao: Die Plattform ermöglicht es Benutzern, online ihren eigenen Laden zu eröffnen. Bild: Vincent Thian/AP/KEYSTONE

Deutsches Milchpulver für Chinas Kinder

Andere vermarkten auf Taobao völlig neuartige Dienstleistungen. Angebote, die bestimmte, nicht ganz so schmeichelhafte Bedürfnisse der modernen chinesischen Gesellschaft stillen. Die Unternehmerin Lulu etwa wird auf Taobao zur virtuellen Konkubine, zur Freundin, die man tageweise buchen kann und die einem im harten Geschäftsalltag ein wenig menschliche Wärme spendet.

Wieder andere nutzen Taobao, um in einem Land, in dem es kaum Verbraucherschutz gibt, ein halbwegs sicheres Leben zu führen. Viele Mütter etwa kaufen auf Taobao deutsches Milchpulver, damit ihre Kinder mit gesunder Nahrung aufwachsen. Wie Alibaba das Leben der Chinesen verändert. Drei Erfahrungsberichte.

Das Mädchen, das seine Zeit verkauft

Lulu (Name geändert), Jahrgang 1993, lässt sich auf Taobao als virtuelle Freundin buchen

Ich denke, ich kann meine Emotionen kontrollieren. Das ist für meinen Beruf wichtig. Ich verkaufe auf Taobao meine Zeit. Jungs können mich als virtuelle Freundin buchen.

Mein Service umfasst einen Guten-Morgen-Anruf, einige Textnachrichten über den Tag und einen Gute-Nacht-Anruf. 20 Yuan pro Tag nehme ich dafür, etwa 2,50 Euro. Ich bin am 17. August gestartet und hatte schon mehr als 500 Kunden. 

Die Männer wollen ganz verschiedene Dinge. Manche arbeiten oder studieren im Ausland, in Stanford, Sydney, Singapur. Sie fühlen sich einsam, sie wollen nur reden. Andere wollen das Gefühl haben, dass sich jemand um sie sorgt. "Guten Morgen, mein Schatz", hauche ich dann ins Telefon. "Hast du gut geschlafen? Bitte, vergiss heute Mittag nicht zu essen." 

Für manche Kunden bin ich das schüchterne Mädchen, das am liebsten zu Hause bleibt und Comics liest, viele Männer in China lieben diesen Typ Frau. Für andere Kunden bin ich die Eisprinzessin, für deren Zuneigung man sich anstrengen muss. 

Es gibt bei meinem Service einige Regeln. Fotos von mir verschicke ich nicht, die Männer können aber gern Fotos schicken. Über Sex wird nicht geredet. Und wer mehr als zwei Anrufe am Tag möchte, muss extra zahlen. 

NEW YORK, NY - SEPTEMBER 19:  Alibaba Group signage is posted outside  the New York Stock Exchange prior to the company's initial price offering (IPO) on September 19, 2014 in New York City. The New York Times reported yesterday that Alibaba had raised $21.8 Billion in their initial public offering so far.  (Photo by Andrew Burton/Getty Images)

Bild: Getty Images North America

Es gibt auf Taobao viele andere Mädchen wie mich. Ich glaube, unser Service ist so beliebt, weil jeder seine Geheimnisse hat. Und weil in China kaum noch jemand Zeit hat, sich um andere zu sorgen. Die meisten denken nur ans Geld. Zuneigung müssen sie sich dann kaufen. 

Ich selbst arbeite nicht aus Geldnot. Ich will vor allem neue Dinge ausprobieren, Abenteuer erleben. Es ist mir egal, was die Leute über mich denken. 

Das bislang tiefste Erlebnis mit einem Kunden hatte ich am 20. August. Der Mann bat mich, für einen Tag seine virtuelle Freundin zu sein, weil er am selben Tag vor neun Jahren seine grosse Liebe verloren hatte. Um neun Uhr morgens rief ich ihn an, und wir vereinbarten, so zu tun, als würden wir zusammen einen Tag in Japan verbringen. 

Mittags schickte er mir eine SMS. "Kann ich dich um 17.30 Uhr in deinem Hotel abholen?", fragte er. "Ja", schrieb ich. Er bat mich, einen pinkfarbenen Rock anzuziehen, passend zur Kirschblüte. "Bring Blumen mit", bat ich ihn. 

Der Wunderbohnen-Millionär

He Hongwei, Jahrgang 1982, wurde dank Taobao Multimillionär

Ich wurde in einem kleinen Dorf nahe der Stadt Li Shui geboren, die nächste Strasse mehrere Kilometer entfernt. Meine Eltern waren Bauern, sie verdienten zwischen 250 und 400 Euro pro Jahr. Unser Haus war aus Schlamm und Holz gefertigt. In der Schule träumte ich von einem guten Job, einem besseren Leben. 

2001 zog ich nach Jiwu, in eine Millionenstadt, um Wirtschaft zu studieren. Meine Kommilitonen kamen grösstenteils aus reichen Familien. Ich konnte mir kaum die Kleider am Leib leisten. Für mein Studium machte ich Schulden, bei der Universität, bei Freunden. Als ich meinen Abschluss machte, musste ich mehr als 10.000 Yuan zurückzahlen. Wie, wusste ich nicht. 

Ich fand einen Job bei einer Import-Export-Firma, doch mein Gehalt reichte kaum zum Überleben. Dann eröffnete ich einen Gemischtwarenladen in einem Shoppingcenter, verschuldete mich noch tiefer, noch einmal 20.000 Yuan, die Hälfte des Geldes ging allein für die erste Jahresmiete drauf. Der Laden lief nicht. Ich machte mir Sorgen, wie es weitergeht, Sorgen um meine Familie

Durch Gespräche mit Kunden entdeckte ich Taobao und eröffnete dort einen Shop. Kurz darauf hatte ich meine erste Grossbestellung: 500.000 bunte Handy-Anhänger sollte ich liefern. Es war mein erster Topf voll Gold. Ich investierte das Geld, baute mein Geschäft aus. Meine Spezialitäten wurden magische Bohnen, aus denen Planzen spriessen. Auf ihren Stämmen sind Wörter wie "Ich liebe dich" zu lesen. Das Geschäft boomte. Bald verdiente ich 10.000 Yuan pro Monat und konnte meine Schulden abtragen. 

Viele Menschen starteten in dieser Zeit einen Laden auf Taobao. Doch die meisten hatten keinen guten Warenlieferanten. Das brachte mich auf meine erste eigene Geschäftsidee. 2006 eröffnete ich meine eigene Internetplattform Wang Kemoll. Ich kaufte Tausende Waren vom Grosshändler ein oder direkt von Fabriken und verkaufte sie via Wang Kemoll an kleine Taobao-Läden weiter. 

Im ersten Jahr machte ich eine Million Yuan Gewinn, im dritten Jahr schon acht Millionen. Ich kaufte eine Villa in der Stadt Hangzhou, in der auch Taobaos Mutterkonzern Alibaba sein Hauptquartier hat, und lud meine Eltern ein, dort mit mir und meinen Kindern zu wohnen. Doch sie wollten nicht weg aus ihrem Dorf. 

Also schickte ich ihnen Geld, 6000 Yuan pro Monat, so viel wie sie selbst in zwei bis drei Jahren verdienen. Meinem Vater schenkte ich einen Toyota Corolla. Er hatte schon in den Fünfzigerjahren den Führerschein gemacht, als einer der wenigen in unserem Dorf. Er liebt das Autofahren, der Corolla scheint ihn glücklich zu machen, trotz neidischer Nachbarn. 

2011 wurde Alibaba auf mein Geschäftsmodell aufmerksam und kopierte es. Binnen Monaten verlor ich all meine Kunden. Mir blieb nichts übrig, als einen neuen Laden auf Taobao zu eröffnen. Doch ich fand mich auf der Plattform kaum noch zurecht. Mehrere Millionen Chinesen betrieben dort inzwischen einen Shop. Der Konkurrenzkampf war hart. 

Wer auf Taobao gefunden werden will, muss auf der Startseite der Plattform erscheinen - und Alibaba dafür viel Geld zahlen. Um meinen Shop gross zu machen, investierte ich anfangs Hunderttausende Yuan pro Monat. Heute bin ich wieder gut im Geschäft. 

Kleine Taobao-Händler sehen mich inzwischen als Vorbild. Sie fragen mich, wie sie auf der Plattform reich werden können. Ich rate ihnen, erst für andere Händler zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln. Alles andere wäre zu riskant. 

Ich finde Taobao noch immer grossartig. Jeder kann dort Händler werden, ohne sich für viel Geld einen Laden zu mieten. Und manche, wie mich, bringt Taobao auf eigene Geschäftsideen. Die Plattform leistet einen wichtigen volkswirtschaftlichen Beitrag. Doch die Zeiten, in denen man auf ihr leichtes Geld verdienen konnte, sind definitiv vorbei. 

Professor Alibaba

Jie Shaohua, 54, Professor aus Yiwu, lehrt das Betreiben eines Onlineshops auf Alibaba als Studiengang 

Viele unserer Studenten kommen aus armen Verhältnissen. 2003, als Taobao startete, beschloss ich einen Studiengang einzuführen, der ihr Leben einfacher macht. Ich riet ihnen, einen Shop auf Taobao zu eröffnen und versprach ihnen, die Zeit, die sie damit verbringen, als Studienleistung anzurechnen. 

Das Konzept funktioniert so: Wer mehr als 3000 positive Bewertungen auf Taobao sammelt, muss keine Seminare für Marketing und E-Commerce mehr belegen, wer mehr als 5000 positive Bewertungen schafft, bekommt für diese Fächer automatisch die Bestnote. Ich will, dass Studenten von Kunden bewertet werden, nicht von Professoren. 

Rund 300 meiner Studenten betreiben inzwischen einen Taobao-Shop. In unseren Hörsälen stapeln sich die Waren, die sie online verkaufen. Ich habe den Studenten erlaubt, die Räume als Lager zu nutzen. 

In chinesischen Universitäten hängen normalerweise Bilder von Mao Zedong. In unserer hängt ein Bild von Alibaba-Gründer Jack Ma. Ich halte ihn für einen Helden. Taobao bietet jedem die Chance, aus Arbeitslosigkeit und Armut zu entkommen. 

Manche meiner Kollegen kritisieren mich für die Art, wie ich meine Universität führe. Sie sagen, dass ich die falschen Werte vermittle. Dass es im Studium nicht nur um Geld gehen sollte. 

Ich sage: Viele unserer Studenten hätten sich ohne Taobao-Shop überhaupt kein Studium leisten können. Nun können sie an unserer Universität alles mögliche studieren. 

Rund ein Dutzend Hochschulen im Land bieten inzwischen einen Master-Abschluss für E-Commerce an. Ich halte an vielen davon Vorlesungen. Ich möchte, dass möglichst viele Universitäten mein Modell übernehmen. Einige haben daran grosses Interesse. 



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