Wirtschaft
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An ein Versehen glaubt im Abgas-Skandal wohl keiner mehr: VW wurde schon vor Jahren vor illegalen Praktiken gewarnt

Laut Zeitungsberichten ist VW schon vor Jahren über Abgas-Manipulationen informiert worden – von einem eigenen Techniker und dem Zulieferer Bosch.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Der neue Chef Matthias Müller muss bei Volkswagen offenbar tief in alten Akten wühlen: Ein VW-Techniker hat laut «Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung» (FAS) bereits 2011 vor illegalen Praktiken im Zusammenhang mit den Abgaswerten gewarnt. Die Zeitung beruft sich dabei auf Aufsichtsratskreise und die interne Revision des Konzerns. Dem Aufsichtsrat sei von der Revision nun über die Warnung berichtet worden. Dabei sei nicht geklärt worden, warum sie damals folgenlos blieb und wer alles davon wusste.

Von ausserhalb des Konzerns könnte VW sogar noch früher gewarnt worden sein: Bereits im Jahr 2007 habe der Autozulieferer Bosch den VW-Konzern in einem Schreiben vor der illegalen Verwendung seiner Technik zur Abgasnachbehandlung gewarnt, schreibt die «Bild am Sonntag» (BamS).

Software nur für Testzwecke

Volkswagen hatte eine verbotene Software in seine Dieselmotoren eingebaut, um die Abgaswerte auf dem Prüfstand niedrig zu halten. Laut BamS hatte Bosch die Software nur zu Testzwecken an den Konzern geliefert und auch mitgeteilt, dass der geplante Einsatz gesetzeswidrig sei.

Vor rund einer Woche war bekannt geworden, dass Volkswagen die Abgaswerte von Autos in den USA geschönt hat. Der Konzern hat bereits Manipulationen an rund elf Millionen Fahrzeugen weltweit eingeräumt. Infolgedessen ist Vorstandschef Martin Winterkorn am Mittwoch zurückgetreten. Seit Donnerstag ist zudem bekannt, dass auch der europäische Markt betroffen ist, allein in Deutschland seien 2.8 Millionen manipulierte Fahrzeuge unterwegs. Auch leichte Nutzfahrzeuge seien betroffen, wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte.

Wie viel bekommt Winterkorn?

Angesichts der im Konzern offenbar ignorierten Warnungen will sich der Aufsichtsrat von VW laut FAS nun von externen Ermittlern einer US-Anwaltskanzlei beraten lassen. Ebenfalls beschäftigen dürfte das Aufsichtsgremium die Frage nach Winterkorns Gehalt. Wie die BamS berichtet, pocht der zurückgetretene VW-Vorstandschef auf die Auszahlung seines noch bis Ende 2016 laufenden Vertrages.

Im Geschäftsjahr 2014 verdiente er rund 16 Millionen Euro – diese Summe stünde ihm auch 2015 zu. Das ist viel Geld, doch um ein Vielfaches höher dürften noch mögliche Schadensersatzforderungen ausfallen, die dem Konzern nun vor allem in den USA drohen. Welche Rolle es dabei spielt, dass VW womöglich Warnungen vor dem Einsatz der Software ignoriert haben könnte, ist schwer abzuschätzen.

Gibt es ein «Diesel-Komplott»?

Klar ist, auch in der Politik wird der Rückhalt für den Wolfsburger Konzern dünner. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kritisierte im «Handelsblatt»: Es werfe einen Schatten auf die Versprechen deutscher Unternehmen, wenn sich ein Weltkonzern wie VW derart eklatant über Umweltregeln hinwegsetze.

Doch folgen den Worten auch Taten? Die Welt am Sonntag bezweifelt dies und schreibt von einem «Diesel-Komplott»: Die Bundesregierung wolle die Einführung eines neuen, realistischeren Abgastests durch die Europäische Union verzögern. Die Zeitung beruft sich dabei auf ein internes Positionspapier, wonach der neue Testmodus nicht wie geplant Ende 2017, sondern erst 2021 eingeführt werde.

Für Volkswagen wird es derweil eng. Das Kraftfahrtbundesamt hat laut BamS die Rechtsabteilung des Konzerns aufgefordert, bis zum 7. Oktober einen «verbindlichen Massnahmen- und Zeitplan» vorzulegen, ob und bis wann die betroffenen Fahrzeuge auch ohne Software die verbindliche Abgas-Verordnung einhalten können. Das könnte dann auch Auswirkungen auf die Fahrer von VW-Dieselfahrzeugen haben – andererseits hat Volkswagen bereits technische Nachbesserungen angekündigt. (apr)

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