Wirtschaft
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Amber Case bei ihrem Vortrag am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon. Sie ist als Fellow an der Harvard University und als Researcher am MIT tätig.

Interview

«Wenn wir alles automatisieren, erhalten wir deprimierte Menschen»

Technik sollte uns befreien, nicht versklaven. Deshalb plädiert die IT-Spezialistin Amber Case von der Harvard University für eine ruhige Technik, die uns menschlicher macht.



Technik sollte uns smarter machen. Viele fühlen sich jedoch wegen ihr immer dümmer. Was läuft da falsch?
Amber Case: Wir brauchen nicht eine smartere Technik, wir brauchen smartere Menschen. Technik ist traditionellerweise eine Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten. Der Hammer ist eine Erweiterung unserer Faust, das Messer unserer Zähne, etc. Seit der Erfindung des Buchdruckes haben wir begonnen, auch unser Wissen auszulagern. Albert Einstein sagte einst, er müsse seine Telefonnummer nicht auswendig kennen, dafür gebe es das Telefonbuch.  

Im digitalen Zeitalter lagern wir immer mehr Wissen aus. Ohne Smartphone sind wir hilflos geworden.
Menschen sind immer von Technik abhängig gewesen. Ohne Feuer hätten wir nicht kochen können. Technik hat sich mit dem Menschen entwickelt, aber die Normen haben sich verändert. Heute besteht die Gefahr, dass die Technik unsere Leben bestimmt. Sie strukturiert unsere Zeit: Das Meeting startet um neun, die Kinder müssen um fünf abgeholt werden, etc. Dabei sollten wir viel mehr unstrukturierte Zeit haben, Zeit, in der wir nachdenken oder die wir mit der Familie verbringen können.

«Die Menschen aus dem Silicon Valley reisen heute nach Südamerika, um das wahre Leben zu finden, um wieder so etwas wie menschliche Gefühle zu erleben.»

So lautet das Versprechen der Technik. Aber das Gegenteil passiert. Facebook und andere soziale Medien und Unternehmen wollen uns dazu verführen, möglichst viel Zeit bei ihnen zu verbringen.  
Unser Tag hat jedoch immer noch 24 Stunden. Irgendwann geht die Rechnung nicht mehr auf. Es gibt einen immer intensiveren Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit. Dagegen müssen wir uns wehren, beispielsweise damit, dass wir unser Smartphone so einrichten, dass wir nur diejenigen Botschaften empfangen, die wir auch wollen, und sagen: Ich will meine Zeit zurück. Wir sollten aufhören, Datenspezialisten wie Halbgötter zu behandeln. Stattdessen sollten wir von ihnen verlangen, dass sie sich auch für Laien verständlich ausdrücken. Auch sollten wir die Grenzen der Automation respektieren. Oft ist Automation nur lästig, beispielsweise wenn Sie die Parkgarage nicht verlassen können, weil das Ticket verbogen ist und Sie die Aufsicht zu Hilfe rufen müssen.  

Die Digitalisierung wird die Automatisierung weiter beschleunigen.
Wir nähern uns hier einem Sättigungsgrad, und wir können auch Gegenreaktionen feststellen. Analoge Dinge werden wieder populär, Vinyl-Schallplatten beispielsweise, oder qualitativ hochstehende Möbel aus Holz. Menschen sehnen sich nach realen Dingen und Erfahrungen. Sie wollen einander wieder persönlich gegenüberstehen.

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Selbstgelenkt in die Zukunft, doch haben wir auch genug Bandbreite? bild: shutterstock

Dummerweise werden in einer zunehmend digitalisierten Welt die analogen Erfahrungen für den Mittelstand unbezahlbar.
Es gibt einen Rocksong mit dem Text: «Ich habe die Zukunft gesehen – und ich kann sie mir nicht leisten.» Ich mache mir tatsächlich Sorgen, dass die Digitalisierung die Ungleichheit noch weiter anwachsen lässt.

Woran denken Sie konkret?
An Bandbreite: Das Internet der Dinge, selbstgelenkte Autos etc. werden den Kampf um Bandbreite massiv verschärfen. Wenn die Menschen sich in einem selbstgelenkten Auto ein Video streamen lassen, dann wird das für Netflix sehr teuer werden.  

Gibt es keine Möglichkeit, die analoge und die digitale Welt so miteinander zu verbinden, dass auch gewöhnliche Menschen sich das leisten können?
Solange die Unternehmen gezwungen sind, ihre Profite zu maximieren, wird es schwierig sein. Wer wird eine billigere Cloud zur Verfügung stellen, als dies etwa Amazon derzeit tut? Derzeit haben wir immer noch so viele billige Ressourcen, dass wir damit verschwenderisch umgehen können.

Amber Case bei ihrem Besuch im GDI

abspielen

Video: Vimeo/Gottlieb Duttweiler Institute

Das Internet der Dinge wird es Hackern erlauben, über alltägliche Dinge wie die Strassenbeleuchtung in unsere Sicherheitssysteme einzudringen.
Deshalb müssen wir umdenken. Wir brauchen dezentrale Versorgungsketten und wir müssen mehr rezyklieren und uns an der Natur orientieren. Unternehmen sollten nicht in existenzielle Gefahr geraten, nur weil sie gehackt werden. Das ist heute jedoch oft der Fall, weil sie so aufgebaut sind, dass alles zusammenbricht, wenn ein Teil ausfällt.

«Die Vorstellung, sich auf einen Computer heraufzuladen und virtuell weiterzuleben, ist absurd.»

Was wäre die Alternative?
Unternehmen sollten wie Zwiebeln aufgebaut sein, mit verschiedenen Schichten. Sie sollten Daten untereinander austauschen und sie sollten transparent sein.  

Dann reden wir jedoch von einer radikal anderen Wirtschaftsordnung.
Das müssen wir auch. Wir haben ja auch die Industrialisierung mit der Zentralisierung der Ressourcen überstanden. Jetzt müssen wir das Gegenteil organisieren, eine Dezentralisierung.

Roboter-Butler in Schweizer Shoppingzentrum

Video: watson

Kann das in kleinen Schritten erreicht werden oder braucht es dazu einen gewaltigen Schock?
Es wird passieren, was passieren wird – aber es muss passieren. Die derzeitige Entwicklung kann nicht mehr so weitergehen. Wir leben zunehmend in einer Pseudo-Realität. Die Menschen aus dem Silicon Valley reisen heute nach Südamerika, um das wahre Leben zu finden, um wieder so etwas wie menschliche Gefühle zu erleben. Niemand will sich mit Soylent Green ernähren (einer Art Kunstfood, Anm. d. Red.). Wir sind nicht Roboter.  

«Warum soll ich ein Konzert besuchen, wo Computer musizieren?»

Aber wir sind immer häufiger von Robotern und Computern umgeben.
Wenn wir mit ihnen zusammenarbeiten, ist das okay. Aber die Vorstellung, sich auf einen Computer zu laden und virtuell weiterzuleben, ist absurd. Zudem gäbe es viel zu wenig Bandbreite, wollten sich alle Menschen auf einen Laptop laden.  

Und was ist mit der Superintelligenz, die wir dank der künstlichen Intelligenz erreichen sollen?
Die haben wir bereits. Computer besiegen Menschen im Schach und im Go. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sinnvoll ist, dass sie auch Musik komponieren.

Tun sie aber.
Warum wollen wir das? Warum soll ich ein Konzert besuchen, in dem Computer musizieren? Wir müssen nicht alles digitalisieren. Wir haben auch immer noch Bargeld, obwohl es mittlerweile Bitcoins und andere Kryptowährungen gibt. Wir brauchen nicht mehr Virtualität, wir brauchen wieder mehr Sinn.  

Sie plädieren für eine ruhige Technologie. Müssen wir natürlicher werden, wenn wir von der Technik profitieren wollen?
Wir brauchen eine dezentralisierte Wirtschaft, welche die Ressourcen schont, und wir sollten die spezifischen Eigenheiten von Regionen und Ländern bewahren. Im Weinbau werden heute beispielsweise Techniken wieder verwendet, die mehr als 1000 Jahre alt sind, um zu verhindern, dass alle Weine gleich schmecken. Vergessen wir nicht: Wir sind Menschen, wir müssen Nahrung essen und Wasser trinken, wir müssen an einem Ort wohnen.

Gibt es eine Grenze der Automatisierung?
Wenn wir alles automatisieren und super effizient machen wollen, dann haben wir am Schluss verängstigte und deprimierte Menschen. Ineffizienz kann gelegentlich sehr lustvoll sein. Warum erhalten wir uns also nicht die eine oder andere Herausforderung und Unsicherheit? Lasst uns nicht vergessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – und lasst uns mehr Zeit als Mensch verbringen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ein Freigeist 11.09.2017 13:39
    Highlight Highlight Erst wenn alle Arbeit automatisiert ist, kann Geld abgeschafft werden. Wissen wird die neue Währung sein. Ohne Geld kein Krieg. Ohne Krieg entwickelt sich die Menschheit in die richtige Richtung
  • HAL9000 11.09.2017 09:10
    Highlight Highlight Wenn wir alles automatisieren brauchen wir auch weniger Menschen...
  • Sheez Gagoo 11.09.2017 00:45
    Highlight Highlight Die Textzeile stammt nicht aus einem Rocksong, sondern aus dem Lied "Billionnaire" von der grandiosen Band ABC, die dem "New Romantic" zugeschrieben wird, typischem eighties-pop.
  • Dantus 10.09.2017 13:24
    Highlight Highlight Musik wird immer wieder als negatives Beispiel im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz genannt, was ich überhaupt nicht verstehe.
    Bisher hat noch kein Computer etwas brauchbares komponiert. Es wird versucht den neuronalen Netzwerken sowas wie eine musikalische Intuition beizubringen. Um den Erfolg zu messen, lässt man diese was komponieren.
    Um Musik zu komponieren, braucht es relativ viel Wissen und praktische Erfahrung. Da kann künstliche Intelligenz genutzt werden, um Leuten die Möglichkeit zu geben sich musikalisch auszudrücken ohne dieses enorme Vorwissen zu besitzen.
  • seventhinkingsteps 10.09.2017 12:28
    Highlight Highlight Die Digitalisierung unter dem Kapitalismus kann nicht allen Menschen dienen. There, I said it.
  • winglet55 10.09.2017 08:23
    Highlight Highlight Die Einzigen die deprimierter würden wären die Scheffs, denn es wäre deprimierend einen Roboter zusammenzustauchen. Wir Büezer hingegen könnten uns endlich den wichtigen Dingen des Lebens widmen, Soziale Kontakte pflegen und Liebe machen.
    • Alex_Steiner 11.09.2017 11:09
      Highlight Highlight @Clayton: Wenn nur noch Roboter arbeiten... macht der Kapitalismus keinen Sinn mehr.
  • Zeit_Genosse 09.09.2017 23:37
    Highlight Highlight Ob wir schon am Punkt angelangt sind wo wir uns fragen sollten ob wir das digital-/technisch Mögliche möglich machen wollen oder ob wir uns bewusst analoge Freiräume erhalten wollen, spielt insofern eine Rolle, weil wir ireversible Entwicklungen vorher uns überlegen sollten. Im Moment stürmen wir mit allem los weil wir immer mehr können und fragen uns immer weniger ob wir sollen. Wir müssen selbst denken und miteinander reden und begreifen, dass wir lebendige Systeme sind und uns nicht durch von uns abgekoppelte Technik entwickeln sollten. Sonst übernimmt die Maschinenintelligenz das Zepter.
  • Hugo Wottaupott 09.09.2017 22:03
    Highlight Highlight Wenn ich dem Roboterpizzaboten Trinkgeld gebe stürtzt er dann ab?
    • m. benedetti 10.09.2017 08:51
      Highlight Highlight kommt auf die programmierung an 😂
    • Alex_Steiner 11.09.2017 13:38
      Highlight Highlight ...warum würdest du ihm Trinkgeld geben?
  • Hades69 09.09.2017 21:13
    Highlight Highlight Eine Technik die uns menschlicher macht.. was waren wir vorher?
    • Alex_Steiner 11.09.2017 13:45
      Highlight Highlight @Sille: Jaja, 1939 bis 1945 ging ja in die Geschichte ein als eine Zeit der lebenden, fühlenden, sehenden und mitfühlenden Menschen.

      Und davor erst. Das waren noch Zeiten. Hexenverbrennung, Sklaverei, Kreuzzüge, Kinderkreuzzüge, ...
    • Alex_Steiner 11.09.2017 16:51
      Highlight Highlight @Sille: Du hast wohl Geschichte geschwänzt...
  • Stöckli 09.09.2017 20:55
    Highlight Highlight Ich hab jetzt nur die Legende gelesen: " Sie ist als Fellow an der Harvard University und als Researcher am MIT tätig." Gibts das auch in Deutsch?
  • toobitz 09.09.2017 20:24
    Highlight Highlight Amen.
  • Raphael Stein 09.09.2017 20:11
    Highlight Highlight Selbstgelenkt in die Zukunft, doch haben wir auch genug Bandbreite?
    Das Bild unter dieser Zeile zeigt uns doch schon auf, dass wir überhaupt nichts verstanden haben.

    Eine Frau hinter dem Steuer am arbeiten... .
    So einen Blödsinn.
    • Samurai Gra 10.09.2017 08:29
      Highlight Highlight Und wieso genau Blödsinn?
    • Raphael Stein 10.09.2017 11:26
      Highlight Highlight Ganz einfach. Wir decken uns immer mehr mit Arbeit zu. In jeder Minute sollen wir arbeiten. Jede Minute ausnützen. Für was genau?
      Um uns dann irgendwo im Wald erholen zu gehen?

      Zum Blödsinn, das Bild ist Blödsinn. Würdest du in naher Zukunft mit Papier im selbstfahrenden Auto arbeiten wollen? Wenigstens ein Pad würde sich etwas besser machen. Bilder sprechen auch eine Sprache...
    • Samurai Gra 10.09.2017 17:11
      Highlight Highlight So habe ich das nicht betrachtet 🤔
      Hat was 🙂
    Weitere Antworten anzeigen
  • Karl33 09.09.2017 19:57
    Highlight Highlight Ich glaube nicht, dass die Menschen deprimiert würden. Sie werden wütend werden. Und wütende Menschen können eine Menge Dinge erreichen.
    • rauchzeichen 09.09.2017 21:36
      Highlight Highlight oder abfackeln...
    • HAL9000 11.09.2017 09:22
      Highlight Highlight Mhh... riecht nach Rom.

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Harold James ist einer der bekanntesten Wirtschaftshistoriker der Gegenwart. Er ist ein Gelehrter alter Schule: Gentleman, tendenziell konservativ und Professor an der traditionellen Universität Princeton. Leute wie James bilden das Rückgrat der angelsächsischen Elite der Nachkriegszeit. Daher lässt es aufhorchen, wenn James den aktuellen Zustand der USA in einem Essay für Project Syndicate wie folgt beschreibt:

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