wolkig, aber kaum Regen24°
DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die Blockchain wird Banken und die Wirtschaftswelt wie ein Tsunami überrollen

Sie soll das Wirtschaftssystem grundlegend revolutionieren: Die Blockchain. Doch damit sich die neue, dezentrale Transaktionstechnologie über den momentanen Hype hinaus durchsetzt, sind noch einige Hürden zu überwinden.
06.01.2017, 20:5208.01.2017, 09:54

Die Erwartungen an die Blockchain sind hoch. Sie soll Mittelmänner jeglicher Art ausschalten: Beispielsweise die Bank, die eine Überweisung überprüft oder den Notar, der einen Grundbucheintrag beglaubigt. Die Technologie soll anstelle des vertrauenswürdigen Dritten sicherstellen, dass Transaktionen korrekt durchgeführt werden.

Noch steckt die Blockchain in den Kinderschuhen. Es handelt sich dabei um die Technologie hinter Bitcoin. Dieses Zahlungssystem samt gleichnamiger virtueller Währung hat sich ab 2008 als Folge der Finanzkrise entwickelt.

Drei entscheidende Vorteile zeichnen das neue System aus: Erstens können Transaktionen in Echtzeit abgewickelt werden. Zweitens erfolgen sie anonym und drittens braucht es für dafür keine Zwischenhändler wie Banken oder Kreditkarteninstitute.
Drei entscheidende Vorteile zeichnen das neue System aus: Erstens können Transaktionen in Echtzeit abgewickelt werden. Zweitens erfolgen sie anonym und drittens braucht es für dafür keine Zwischenhändler wie Banken oder Kreditkarteninstitute.bild: watson/shutterstock quelle: spiegel

Die Blockchain-Technologie basiert auf einer verteilten Datenbank. Neue Informationen werden regelmässig in Blöcken zusammengefasst, in einer Abstimmung unter den Teilnehmern validiert, mittels Kryptographie versiegelt und mit den vorherigen Datensätzen verkettet.

Diese Kette von Transaktionsblöcken wird anschliessend auf allen Computern in einem globalen Netzwerk abgespeichert. Dadurch können Informationen nachträglich kaum mehr verändert werden – denn dafür müsste ein Angreifer den Grossteil der überall auf der Welt verteilten Kopien gleichzeitig ändern können. Zugang erhalten die Nutzer über spezielle Software.

«Bitcoin ist quasi die Blockchain 1.0»
Mathias Bucher, Blockchain-Dozent der Luzerner Fachhochschule HSLU

Alles zum Thema Bitcoin

Bitcoin
AbonnierenAbonnieren

Wie bei Bitcoin wurde die Blockchain-Technologie bislang vor allem in der Finanzwelt genutzt, um Zahlungen durchzuführen und zu protokollieren. «Bitcoin ist quasi die Blockchain 1.0», sagt Mathias Bucher, Blockchain-Dozent der Luzerner Fachhochschule HSLU und Mitgründer eines Blockchain-Startups.

Die Blockchain der digitalen Währung&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bitcoin">Bitcoin</a> ist die älteste Blockchain.&nbsp;Sie startete im Januar 2009 und hat mittlerweile eine Grösse von über 105 Gigabyte.
Die Blockchain der digitalen Währung Bitcoin ist die älteste Blockchain. Sie startete im Januar 2009 und hat mittlerweile eine Grösse von über 105 Gigabyte.Bild: BENOIT TESSIER/REUTERS

Derzeit arbeiten Programmierer, Jungunternehmer und Forscher an einer Blockchain 2.0, die mehr Funktionen bietet und Schwächen von Bitcoin ausmerzen soll. Ihre Anwendungsmöglichkeiten gehen weit über ein Zahlungssystem hinaus.

Blockchain wird die Wirtschaft auf den Kopf stellen

«Die Blockchain wird einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft herbeiführen», sagt Bucher. Sie ermögliche, dass Menschen direkt miteinander Geschäfte machen könnten, ohne sich vorgängig vertrauen zu müssen oder einen Umweg über Intermediäre gehen zu müssen.

Auch Thomas Puschmann, Leiter des Fintech Innovation Lab an der Universität Zürich, glaubt an einen solchen Umbruch: Gerade durch die Konvergenz mit anderen Technologien wie der Cloud werde die Blockchain die Wirtschaftswelt wie ein Tsunami überrollen.

So funktioniert Blockchain im Alltag

Mit der Blockchain können sämtliche Transaktionen nachvollzogen werden. Das eröffnet eine Reihe von Möglichkeiten. So kann beispielsweise der Weg eines Impfstoffes von der Produktion bis zum Patienten verfolgt werden, der Weg eines Diamanten von der Mine bis zum Schmuckstück.

Zusätzlich können auch Programme auf der Blockchain ausgeführt werden, die sogenannten Smart Contracts (intelligente Verträge). Ein Beispiel dafür sind Autoleasing-Verträge. Die Verträge sind auf der Blockchain hinterlegt, die Zahlungen werden dort registriert und auch das Auto ist über das Internet mit der Blockchain verbunden. Somit würde es möglich werden, das Auto zu blockieren, wenn ein Leasingnehmer die monatlichen Raten nicht bezahlt.

Auch in der öffentlichen Verwaltung bietet die Blockchain Möglichkeiten: Beispielsweise kann sie für E-Voting eingesetzt werden.

Zahlreiche Jungunternehmen arbeiten daran, solche Ideen in die Praxis umzusetzen – auch in der Schweiz. Das Startup Nexussquared will diese Entwicklung beschleunigen und berät andere Blockchain-Startups. Derzeit handle es sich bei den meisten Anwendungen noch um Experimente, sagt Gründer Daniel Gasteiger. Einzelfälle würden programmiert und getestet. «Ab 2017 werden wir aber mehr Anwendungen live sehen.»

Regulierung und Standards gefragt

Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Im Unterschied zu den bereits sehr sicheren und günstigen herkömmlichen Technologien müsse die Blockchain «den Nachweis erst erbringen, dass sie ein noch besseres Verhältnis zwischen Sicherheit und Effizienz erzielt», sagte Thomas Jordan, Chef der Schweizerischen Nationalbank (SNB) kürzlich an einem Vortrag.

Noch ist die Technologie nicht ausgereift, es gibt noch zahlreiche Aufgaben zu lösen. So müsse ein weniger energieintensiver Absicherungsmechanismus gefunden werden, sagt HSLU-Dozent Bucher. Heute braucht dieser Mechanismus viel Rechenleistung. Auch die Sicherheit der Smart Contracts und den Schutz der Privatsphäre gelte es zu verbessern.

Weiter müssen gemeinsame Standards definiert werden, wie Puschmann vom Fintech Innovation Lab ergänzt. Beispielsweise gebe es noch keine einheitliche Programmiersprache für Smart Contracts.

Und nicht zuletzt müssen noch zahlreiche rechtliche Aspekte geregelt werden, wie Gasteiger von Nexussquare ergänzt. Zwar sind in der Schweiz neue Regelungen für Fintech geplant. Es gebe aber noch weitergehende offene Fragen, sowohl bei Fintech als auch anderen Gebieten. «Zum Beispiel: Wer ist verantwortlich, wenn beim Tracking von Impfstoffen etwas schiefläuft?»

Dazu komme, dass die Blockchain-Technologie per Definition länderunabhängig eingesetzt werde. Deshalb werde es noch Jahre dauern, bis solche Fragen geregelt seien.

Erste Anwendungen in Unternehmen

Viele der Probleme sind allerdings leichter lösbar, wenn statt einer öffentlichen Blockchain eine private verwendet wird. Beispielsweise kann ein Unternehmen mit seinen Zulieferern und Abnehmern ein Netzwerk bilden, Aussenstehende haben dann keinen Zutritt. Die beschränkte Zahl der Teilnehmer vereinfacht das Ganze. Zudem treiben gerade Grossunternehmen solche Anwendungen voran, da sie ihr Bedürfnis nach Prozessoptimierung erfüllen können.

In einem ersten Schritt werden sich Blockchain-Anwendungen daher auf der Unternehmensebene durchsetzen. Darin sind sich Bucher und Puschmann einig. Bis zum grossen Wirtschaftsumbruch hingegen könne es noch zehn Jahre dauern. «Derzeit befinden wir uns wahrscheinlich an einem Höhepunkt des Hypes», sagt Puschmann.

Er erwartet, dass in den nächsten zwei, drei Jahren ein «Tal der Desillusionierung» folgt. Dann werde vielen Tüftlern klar werden, dass sich doch nicht alles ganz so einfach realisieren lasse. Langfristig werde es aber zu einem radikalen Umbau der Wirtschaft kommen. (sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Abonniere unseren Newsletter

54 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
lilas
07.01.2017 10:37registriert November 2015
Ich oute mich jetzt als Neandertalerin. Mir wird es immer ungemütlicher mit der technischen Entwicklung.
"Weil ich sie nur teilweise verstehe", sagt man mir dann - stimmt! und bitte wer versteht das Ganze wirklich? Die grösseren Zusammenhänge, was mit was zusammenhängt, was wo zusammenläuft, wer was steuert und wer was kontrolliert und wer am Ende davon profitiert.
Ich bedanke mich jetzt schon bei allen, die mir einen Aluhut schenken wollen und auch bei denen, die mir jetzt sagen man habe sich auch vor der Dampfmaschine gefürchtet.
326
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sanders
07.01.2017 06:54registriert Januar 2017
Ganz krasse schönfärberei!
Bitcoin alias Blockchain hat seine schwächen.
Zu erwähnen wäre hier das 51% Problem und zahlreiche weitere technische Angriffspunkte.
Die Technologie soll die vertrauenswürdige dritte Partei ersetzen.
Wollen wir das wirklich?
Die Bank, der Notar, die Gemeinde...
225
Melden
Zum Kommentar
avatar
Pascal Mona
06.01.2017 22:21registriert März 2014
Ich kenne mich ehrlich gesagt nicht wirklich aus, aber beim Bitcoin wird doch immer die Anonymität hervorgehoben, wieso sollte sich dies durchsetzen? Die Regierungen möchten doch immer mehr Kontrollen und werden wohl kaum tatenlos zugesehen wenn der Bitcoin populärer wird? Persönlich fände ich dies auch nicht gut, obwohl ich klar gegen die gläsernen Bürger bin...
2814
Melden
Zum Kommentar
54
Chaos Computer Club zeigt mögliches IT-Problem beim Bund – dieser reagiert demütig
Externe Spezialistinnen und Mitarbeiter sollen einfacher auf IT-Systeme des Bundes zugreifen können. Das gewählte Verfahren gilt aber als unsicher.

Die IT-Verantwortlichen beim Bund dürften sich am Mittwoch ein wenig geärgert haben: Sie kündigten am Morgen in einer Medienmitteilung ein neues Projekt an, mit dem gewisse IT-Prozesse des Bundes schweiz- und weltweit vereinfacht werden sollten. Die Idee klang eigentlich gut, als die Medienmitteilung kurz nach 09:30 Uhr verschickt wurde.

Zur Story