Hier wird Hayeks Zoll-Uhr gemacht: Von der Idee bis zum Produkt dauerte es drei Tage
So schnell wie der Zollschock kam, kam auch Swatchs Antwort: die Zoll-Uhr. In Grenchen, an der Niklaus-Wengi-Strasse, stehen ETA-Chef Damiano Casafina und Werksleiter Ivan Perić nebeneinander. Stolz führen sie durch die Hallen, in denen innert Tagen eine Idee Realität wurde. Casafina erinnert sich:
Die neue Uhr mit den vertauschten Ziffern 3 und 9 basiert auf der viereckigen, biokeramischen «What if»-Uhr. «What if heisst ja ‹Was wäre, wenn›», erklärt Casafina.
Swatch-Chef Nick Hayek beschreibt die Zoll-Uhr als «positive Provokation». Der 39-Prozent-Zoll wird spielerisch aufgegriffen, indem die 3 links statt rechts und die 9 rechts statt links steht – sodass man auf dem Zifferblatt 39 lesen kann. Mit der Zoll-Uhr hat Hayek einen Nerv getroffen.
Kaum betreten wir die Fabrik, zeigt Perić die gestanzten Zifferblätter, die später blau bespritzt und mit den Zahlen versehen werden.
Arbeit wie von Geisterhand
Grundlage der Zoll-Swatch ist das biokeramische Gehäuse. Dieses wird von A bis Z in Grenchen hergestellt. Ein biobasiertes, aus der Rizinuspflanze gewonnenes Material, Keramikpulver und Farbpigmente werden in einer hoch spezialisierten Maschine auf 280 Grad erhitzt und in einer drei Meter langen Turbine vermengt. Auf dem Band liegen jetzt lange Spaghetti in den Farben der verschiedenen Uhrengehäuse. Wenig später werden sie in kleine Stücke zerhackt.
Dann greift Casafina in einen schwarzen Sack, in dem ganz feine Granulatkörner liegen – die Grundlage für das biokeramische Gehäuse. Ivan Perić erklärt den wichtigsten Unterschied zum Plastik: «Früher wäre das Erdöl gewesen. Heute arbeiten wir mit Rizinusöl.» Casafina ergänzt: «Dieses biokeramische Material hat eine ganz andere Wertigkeit als Plastik. Es liegt anders auf der Haut.» Ganz besonders stolz ist er darauf, dass sie diese biokeramischen Komponenten selber herstellen können.
Schon geht es weiter in den nächsten Raum, wo Dutzende gelbe Maschinen herumstehen. Alle arbeiten wie von Geisterhand und je nach Programm werden dort aus dem Granulat gelbe, blaue oder beige Uhrengehäuse für die unterschiedlichen Uhren gestanzt. Wir stehen vor der Maschine, die beige Gehäuse herstellt, welche die Grundlage sind für die Zoll-Uhr. Diese kam am vergangenen Mittwoch in elf ausgewählte Swatch-Läden und war am Samstag bereits überall ausverkauft.
Kein Stäubchen
Seither läuft die Produktion in Sonderschichten: 24 Stunden, auch am Wochenende. 450 Menschen fertigen in Grenchen Gehäuse, Zifferblätter und Batteriedeckel mit dem Prozentzeichen. Das grosse Echo auf diese Antwort auf Trumps Zollhammer ist auch in der Belegschaft spürbar. «Es ist einfach toll für uns zu sehen, was wir mit dieser Uhr ausgelöst haben», sagt Casafina.
Die Krönung der neuen Zoll-Uhr – das, was sie von der «What if» unterscheidet – sind die vertauschten Ziffern und das Prozentzeichen auf dem Batteriedeckel. Diese beiden Teile entstehen in der neu aufgestockten, obersten Etage.
Hier, wo die Farbe aufs Messingblatt gedruckt wird, ist es so sauber wie in einem Operationssaal. Alle müssen eine Schutzkleidung anziehen, die Kopf, Füsse und Körper bedeckt.
«Hier darf kein Stäubchen herumfliegen», erklärt Werkschef Ivan Perić. Ein einzelnes Staubkorn könnte sofort eine unerwünschte Unebenheit auf dem Zifferblatt bewirken.
Vor uns gleiten Zifferblätter in einem grünlich flimmernden Licht vorbei. Hier werden sie im Digital-Print-Verfahren mit der blauen Farbe der Zoll-Swatch bedruckt. Diese Maschinen laufen nonstop und in höchster Kadenz. Zwar verrät niemand Produktionszahlen, doch sofort wird klar, dass hier stündlich Hunderte Zifferblätter der neuen Zoll-Uhr bedruckt werden.
ETA-Chef Casafina ist es aber auch wichtig, dass die Besucher sehen, wie minutiös kleinste Uhrwerksteile von diesen riesigen Maschinen hergestellt werden. In seiner Hand liegt ein Teilchen, nur wenige Millimeter gross. Erst als Casafina ein Blatt mit dem dazugehörenden Schema zeigt, wird klar, dass hier ganz viel raffinierte Mikrotechnik drinsteckt. Casafina erklärt:
Nachschub noch diese Woche
In einem anderen Raum prüft eine Mitarbeiterin jedes Uhrenglas zweimal – einmal vor weissem, einmal vor schwarzem Hintergrund. Casafina ist begeistert:
Auch diese Gläser werden – wie das Gehäuse – aus einem biobasierten Material aus der Rizinuspflanze hergestellt. Zuletzt stehen wir vor einem Tisch, auf dem kleine, biokeramische Batteriedeckelchen in Schachteln liegen. All die Komponenten der neuen Zoll-Uhr werden von hier in Grenchen täglich nach Sitten VS verfrachtet, wo alle Teile zusammengestellt werden.
Bereits diese Woche, so hofft Casafina, soll die neue Zoll-Uhr wieder in den ausgewählten Swatch-Shops liegen und online bestellt werden können. Zum Einheitspreis von 139 Franken – auch das wieder eine Anspielung auf den Zoll, den Donald Trump für Schweizer Produkte verfügt hat.
Auch wenn der ETA-Chef stolz ist auf diese schnelle Produktion und den grossen Erfolg in der Schweizer Bevölkerung, so wünscht er sich nicht, dass dieser 39-Prozent-Zollsatz noch lange bestehen bleibt.
Von der Idee zur Uhr dauerte es drei Tage
Denn die Zoll-Swatch gibt es nur so lange, wie es den Zollsatz geben wird. Niemals hätte Casafina gedacht, dass die erste Serie schon nach drei Tagen ausverkauft sein würde. Wie viele Uhren nun auf den Markt kommen, will er nicht verraten. Klar ist aber eines: Es werden Tausende sein. «Wenn hunderttausend Schweizer diese Uhr möchten, dann werden wir dafür sorgen, dass sie auch eine bekommen», sagt Casafina und schmunzelt.
Von der ersten Idee Nick Hayeks vor rund zehn Tagen dauerte es genau drei Tage, bis die erste Zoll-Swatch gefertigt war. Diese rekordschnelle Entwicklungszeit ist nur möglich, weil letztes Jahr das Swatch-Werk in Bettlach SO mit jenem in Grenchen zusammengelegt wurde. «Damit sind wir sicher einen Tag schneller als früher», sagt Casafina. Das sei gerade für spontane, kreative Ideen sehr hilfreich. Auch die Grafik des Prozentzeichens wurde im Haus in Grenchen gezeichnet.
