Wirtschaft
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Wirtschaft in Schieflage: Demo für einen höheren Mindestlohn in den USA. Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Die Lage der Weltwirtschaft

Denn sie wissen nicht, was sie tun: Wann fliegt uns der Kapitalismus um die Ohren?

Am WEF in Davos wird heisse Luft produziert, während die Weltwirtschaft sich im Blindflug befindet. Als Beobachter stellt man sich die bange Frage: Wann kommt der grosse Crash?

Dieser Mann hat Nerven. «Der Entscheid der Nationalbank ist nicht nur für die Schweiz von grosser Tragweite. Ich habe keine Ahnung, ob er richtig war», kommentierte Nouriel Roubini, Wirtschaftsprofessor an der New York University (NYU), am World Economic Forum in Davos die Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken.

Roubini ist nicht irgendwer. Seit der Amerikaner iranisch-jüdischer Herkunft lange vor der Finanzkrise 2008 vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA gewarnt hatte, gehört er zu den Superstars der Ökonomie. Nun gesteht er ein, keine Ahnung zu haben. Das will etwas heissen in einer Zunft, die von Besserwissern, Klugsch...wätzern und Selbstdarstellern dominiert wird. 

Nouriel Roubini, Professor of Economics and International Business of Leonard N. Stern School of Business, gestures during the session 'India's Next Decade' in the Swiss mountain resort of Davos January 23, 2015. More than 1,500 business leaders and 40 heads of state or government attend the Jan. 21-24 meeting of the World Economic Forum (WEF) to network and discuss big themes, from the price of oil to the future of the Internet. This year they are meeting in the midst of upheaval, with security forces on heightened alert after attacks in Paris, the European Central Bank considering a radical government bond-buying programme and the safe-haven Swiss franc rocketing.         REUTERS/Ruben Sprich (SWITZERLAND  - Tags: BUSINESS POLITICS)

Nouriel Roubini am WEF in Davos. Bild: RUBEN SPRICH/REUTERS

Derzeit tummeln sie sich in der Schwatzbude namens WEF. Es will angeblich die Welt verbessern, hat in den 44 Jahren seit seiner Gründung aber keine einzige brauchbare Initiative hervorgebracht. Das World Economic Forum dient den Eliten aus Politik und Wirtschaft in erster Linie als Ort zum Networken. Und als Jahrmarkt der Eitelkeiten für Ökonomen, Journalisten und vor allem für seinen Gründer Klaus Schwab. Ich sass schon in seinem Büro, ich weiss worüber ich schreibe.

Erneut hat man einen unangenehmen Verdacht: Die Führung der Nationalbank hat die Nerven verloren, als sie den Mindestkurs aufgab. 

Viel heisse Luft wird in der Kälte von Davos abgesondert. Nouriel Roubini ist keine Ausnahme, doch er gibt immerhin zu, dass er nicht alles weiss. Allein dafür respektiert man ihn noch mehr als zuvor. Denn betrachtet man als Mensch mit ökonomischer «Halbbildung» den Zustand der Weltwirtschaft, so regt sich ein banger Verdacht: Der Taube verhandelt mit dem Stummen, der Blinde führt den Lahmen, und am Ende wissen alle nicht, was sie tun.

Die USA scheinen sich nach Jahren in der Krise endlich zu erholen, dank der Notenbank FED und ihrer gigantischen Geldschwemme namens Quantitative Easing. Warum es funktioniert hat, ist ein Rätsel. Nach der orthodoxen Lehre müsste eine Ausweitung der Geldmenge zu Inflation führen, aber die existiert in den USA praktisch nicht. Also versucht die Europäische Zentralbank (EZB) nun mit dem gleichen Rezept, die lahme Konjunktur in der Eurozone anzukurbeln.

epa04561067 Thomas Jordan, President of the Swiss National Bank, SNB, speaks during a media conference in Zurich, Switzerland, 15 January 2015. The euro dropped to its lowest level since November 2003 on 15 January 2015, after the Swiss central bank announced that it would give up its minimum exchange rate of 1.20 Swiss francs per euro. The euro intermittently fell to 1.1575 US dollars, down from a rate of 1.1735 US dollars the day before. Switzerland had been buying euros in order to prevent the franc from becoming too strong and hurting its export industry.  EPA/WALTER BIERI

Hat Thomas Jordan den Durchblick? Bild: EPA/KEYSTONE

Ob das Rezept von EZB-Chef Mario Draghi wirkt? Niemand weiss es. Die Probleme im Euroraum sind vielfältiger als jene in den USA. Sicher scheint nur, dass der Euro geschwächt wird. Was zum Mindestzins-Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) überleitet. Einzelne Kommentatoren fragten sich, ob SNB-Präsident Thomas Jordan etwas gewusst hat. Vielleicht den enormen Umfang von Draghis Programm, den die Analysten im Vorfeld nicht erwartet hatten?



Die Massnahmen in den westlichen Ländern scheinen geprägt von einer Sehnsucht nach dem «goldenen Zeitalter», das nach dem Zweiten Weltkrieg begann und bis in die frühen 70er Jahre dauerte. 

Erneut hat man einen unangenehmen Verdacht: Die Führung der Nationalbank hat die Nerven verloren, als sie den Mindestkurs aufgab. Um diesen gegen einen immer schwächeren Euro zu halten, hätte sie massiv an den Devisenmärkten intervenieren müssen. Also entschied sie sich für ein Ende mit Schrecken, mit unabsehbaren Folgen für die Realwirtschaft. Wenn sogar Oswald Grübel, ein erklärter Gegner staatlicher Interventionen, eine höhere Verschuldung und Konjunkturprogramme fordert, müssen alle Alarmglocken läuten.

Die gesamte Weltwirtschaft scheint sich in einem Blindflug zu befinden. Wie nachhaltig ist der Aufschwung in den USA? Bleibt die Eurozone erhalten? Wie steht es um das «Wunderland» China, unter dessen glitzernder Oberfläche vieles faul ist? Können die Schwellenländer ihre Probleme meistern? Was bewirkt der tiefe Ölpreis? Ahnungslosigkeit so weit man blickt.

Head of the leftist Syriza party Alexis Tsipras greets his supporters during his party's pre-election rally in central Athens on January 22, 2015, ahead of Greece's general election on January 25. Greeks vote on January 25 in a general election for the second time in three years, with radical leftists Syriza leading the polls with a promise to renegotiate the international bailout that has imposed five years of austerity on the country.   AFP PHOTO/POOL /ORESTIS PANAGIOTOU

Syriza-Chef Alexis Tsipras lässt sich feiern. Bild: reuters

Die Massnahmen in den westlichen Ländern scheinen geprägt von einer Sehnsucht nach dem «goldenen Zeitalter», das nach dem Zweiten Weltkrieg begann und bis in die frühen 70er Jahre dauerte. Es bescherte breiten Schichten einen nie gekannten Wohlstand. Ihn zu halten ist eine Herausforderung, besonders in demokratischen Gesellschaften. Das zeigt der Aufstieg von Protestparteien wie Syriza, die vermutlich am Sonntag die Wahlen in Griechenland gewinnen wird.

Gleichzeitig wird das System durch eine Globalisierung erschüttert, die nach der Lehrbuchmeinung alle reicher machen soll. Für viele Menschen in (einstigen) Entwicklungsländern traf dies zu, in der westlichen Welt aber haben vor allem die Reichen profitiert. Die Ungleichheit hat sich verschärft und die Instabilität erhöht. Ein weiterer fragwürdiger Aspekt ist der Quartalszahlen-Fetischismus. Er animiert die Manager-Klasse zu einer kurzfristigen Gewinnmaximierung, zu Lasten einer nachhaltigen Unternehmensführung.

Ich habe früher wirtschaftlich eher liberal gedacht. Der Staat soll sich in die Wirtschaft so wenig wie möglich und so viel wie nötig einmischen. Die Finanzkrise 2008 hat meine einstigen Gewissheiten erschüttert. Je länger je mehr treibt mich der schlimmste Verdacht überhaupt um: Der Kapitalismus in seiner heutigen Form wird uns irgendwann um die Ohren fliegen. Denn nachhaltig ist dieses System nie und nimmer.

Und was kommt danach? Ich habe keine Ahnung.

Barbusige Demo für mehr Frauen am WEF

Presseschau zum Mindestkurs-Entscheid der SNB

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    Alle Leser-Kommentare
  • Midnight 03.02.2015 09:11
    Highlight Highlight Ich gebe dem ganzen hier noch 20-30 Jahre, maximal!
  • Thomas Binder 25.01.2015 23:30
    Highlight Highlight Keine Frage: Entweder wird der neofeudal neoliberal nach dem Untergang der UdSSR völlig dereguliert abgehobene Kapitalismus rasch geheilt im Sinn der sozialen Marktwirtschaft (nicht wir sind für die Wirtschaft sondern sie ist für uns da) oder es kann, hoffentlich ohne Zwischenphase mit Krieg und Anarchie, nur der von vielen verschriene (UdSSR, Nordkorea, etc.) aber vermutlich optimale Marximsus folgen, der noch niemals auf diesem Planeten jemals real existiert hat.
  • Schneider Alex 25.01.2015 06:27
    Highlight Highlight Heuschrecken-Kapitalismus im Vormarsch!

    Die Globalisierung und Liberalisierung der Aktienmärkte hat dazu geführt, dass Börsenraider und Private-Equity-Gesellschaften grosse Unternehmen in aller Stille – oft mit geborgten Finanzmitteln – unter ihre Kontrolle bringen, deren Leitungsorgane destabilisieren, die Unternehmensreserven abziehen, fusionieren oder mit Gewinn veräussern können. Dieser „Heuschrecken-Kapitalismus“ machte auch die in der Schweiz traditionellen Unternehmen wie SIG, Sulzer, Implenia oder Valora zu Zielscheiben von Attacken oder unfreundlichen Übernahmeversuchen.
  • amore 24.01.2015 19:21
    Highlight Highlight Ja so ist es: das kapitalistische System hat definitiv ausgedient. Es hat sich selber korrumpiert, nachdem sein weniger guter Bruder (Kommunismus) 1989 aus dem Wettbewerb der Systeme ausgeschieden war. Wenn wir uns nicht sputen, ein neues System zu installieren, das wieder auf Solidarität baut, wird es wirklich eng und kann leicht zum Krieg kommen. Heute wäre es ja undenkbar, die AHV einzuführen. Ein Musterbeispiel, wie eine Gesellschaft nach den individuellen wirtschaftlichen Möglichkeiten aller Verdienenden eine Leistung erbringen kann, die ausgleicht. Eigentlich stünde der Grundsatz für ein neues faires System zur Verfügung: Die Bergpredigt. Aber solche ethische Grundsätze sind eben auch nicht mehr in. Der Humanismus kommt leider gegen den Kapitalismus nicht an.
  • Romeo 24.01.2015 17:31
    Highlight Highlight Leider wird es, wenn es keine cleveren Schachzüge gibt, in einem grösseren Krieg ausarten. Das wäre eine relativ einfache Lösung um die Wirtschaftssysteme wieder auf Wachstum zu steuern.
    Ich hoffe es nicht, denn ich bin der festen Überzeugung, dass wir den die nächste Evolutionsstufe nur mit einem globalen Frieden erreichen werden.
    Leider blicken wir aber bereits schon sehr tief in das Abbiss und es in uns... Cit. Nietzsche
  • Matthias Studer 24.01.2015 16:47
    Highlight Highlight Wann fliegt uns der Kapitalismus um die Ohren? Um die Anfangsfrage ganz leicht zu beantworten.

    Jetzt in dem Moment. Noch nie war das so ungleich verteilt wie in diesem Moment. Grundsätzlich ist Kapitalismus nicht per se schlecht, nur gibt es halt immer ein Menschenschlag, die haben nie genug.

    Irgendwann häuft sich das Geld nur noch auf dem Konto, weil sie schon alles haben. Und das ist das eigentliche Problem am System.

    Man muss sich die Frage stellen, braucht ein Mensch mehr als XY Milliarden, während der Praktikant, Putzfrau usw. kaum über die Runden kommen.
    • Aki Mari 26.01.2015 09:22
      Highlight Highlight Grundsätzlich habe ich nichts gegen den Drang irgendwelcher Leute, Geld zu verdienen. Aber bitte nicht auf Kosten meiner Selbstverwirklichung und meines Seelenfriedens.
  • Jol Bear 24.01.2015 15:31
    Highlight Highlight Um die Sache ins richtige Licht zu rücken: Immobilien- und Finanzkrise in USA war zur Hauptsache ein Ergebnis der staatlich geförderten Schuldenmacherei der Immobilienbesitzer; Euro-Krise: Hauptgrund ist die politisch erzwungene Einheitswährung in einem heterogenen Wirtschaftsraum, ohne Berücksichtigung der ökonomischen Voraussetzungen. Problemlösung in EU: die ehemals unabhängigen Notenbanken handeln unterdessen im Auftrag der Regierungen und sind zur Modelliermasse der Politiker geworden. Griechenlandkrise: Resultat von staatlicher Misswirtschaft, verursacht von dilettantischen Politikern. Folgerung: die Hauptursache der Probleme ist die verantwortungslose Politik, welche die Marktwirtschaft aushebelt. Der Sanierungsfall ist nicht die Marktwirtschaft sondern die Politik, die sich übermässig einmischt.
    • Statler 24.01.2015 16:20
      Highlight Highlight Auch wenn man das Mantra vom Markt, der sich selbst reguliert, noch so oft wiederholt - wahrer wird es dadurch nicht.
      Wirtschaft sollte dem Wohle aller dienen - so war es ursprünglich gedacht. Sie ist aber mittlerweile zum Selbstzweck und Selbstbedienungsladen von gierigen Menschen geworden, die sich vor allem um ihr eigenes Wohl sorgen. Die Politik mischt sich nicht ein, sondern sie mischt mit, weil alle etwas vom grossen Kuchen abhaben wollen.
      Die grosse Party ist aber eigentlich schon längst vorbei - nur wollen das die Beteiligten partout nicht wahrhaben.
    • stadtzuercher 24.01.2015 17:11
      Highlight Highlight bear, ob der verkündigung ihrer alleinseligmachenden wahrheit muss ich schmunzeln. stellen sie sich nun in ihrer welt als gedankenspiel vor, dass die politik und die wirtschaft eins und dasselbe wäre (also ein milliardär und emsboss blocher als bundesrat auch einer der mächtigsten politiker in der schweiz, die finma auch die vertretung der grossfinanz, bush und cheney auch die herren der ölindustrie etc). ihr ganzer glaube fällt unweigerlich in sich zusammen. glauben ersetzt leider nicht das denken, sorry.
    • Jol Bear 24.01.2015 19:56
      Highlight Highlight die These, dass verfehlte staatliche Politik eine Hauptursache für Probleme, wie Euro-Krise, Staatsverschuldung in Griechenland, Immobilienkrise u.ä. ist, wird damit nicht widerlegt. Es ist bequem, den abstrakten, bösen freien Markt, den es in reiner Form allerdings kaum irgendwo noch gibt, verantwortlich zu machen.
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  • Lumpirr01 24.01.2015 15:26
    Highlight Highlight @Peter Blunschi: Mit ihrer guten obigen Zusammenfassung des aktuellen globalen Wirtschaftsgeschehen und dem grossen Stelldichein und Blabla am WEF bin ich mehrheitlich einverstanden. Allerdings glaube ich nicht daran, dass uns der Kapitalismus demnächst um die Ohren fliegen wird, weil es sich um das zweitbeste System seit Menschengedenken handelt. Die Suche nach dem allerbesten System wurde bis heute und leider auch am WEF 2015 nicht erfunden!
    • Statler 24.01.2015 16:22
      Highlight Highlight Die Fetzen fliegen bereits. Aber weil alle Beteiligten den Kopf in den Sand stecken, kriegt's keiner mit.

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