Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ein Konsument ist am  22. April 2008, in einem Discounter in Frankfurt am Main beim Einkaufen zu sehen.  Die Inflationsrate in Deutschland ist im Mai auf 0,0 Prozent gesunken und hat damit den niedrigsten Stand seit 22 Jahren erreicht. Im April wurde noch ein 0,7-prozentiger Anstieg gemessen, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch 27. Mai 2009  in Wiesbaden mitteilte. Im Vergleich zum Vormonat wurde ein Rueckgang um 0,1 Prozent berechnet.  (AP Photo/Michael Probst)  ---- april 22, 2008 file picture shows a man shopping in a discount market in Frankfurt, central Germany.  Preliminary German government figures show that the country's annual inflation rate has dropped to zero for the first time in 22 years.  The Federal Statistical Office says the inflation rate dropped to zero in May from 0.7 percent in April. It was the first time inflation has stood at zero since May 1987. (AP Photo/Michael Probst)

Es ist nicht nur gut, wenn die Waren im Supermarkt billiger werden. Bild: AP

Erklärbär

Warum wir nicht jubeln sollten, wenn die Preise fallen

Inflation, das war gestern. Unser Geld wird mehr wert – und genau das ist gefährlich.



Deflation ist, wenn unser Geld immer mehr wert wird. «Toll», sagt Anna, «dann kann ich mir mit meinem Lohn immer mehr leisten.» Inflation ist, wenn unser Geld immer weniger wert ist. «Toll», sagt Robert, «dann werden meine Hypothekarschulden immer kleiner.» Wer hat Recht? Darüber streiten sich nicht nur Anna und Robert, sondern auch die Zunft der Ökonomen – und zwar heftig. 

Es handelt sich dabei um weit mehr als eine akademische Debatte. Der Ausgang dieser Debatte wird die Wirtschaftspolitik der kommenden Jahre bestimmen und damit massgeblich unsere Zukunft beeinflussen. 

Stabile Preise gibt es nur in der Theorie

In normalen Zeiten herrscht stets eine leichte Teuerung. Die Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise schwanken ihrer Natur gemäss, absolut stabile Preise gibt es nur in der Theorie. Das ist nicht weiter schlimm. Eine Inflation unter zwei Prozent wird als harmlos betrachtet und von den Zentralbanken toleriert. 

In der europäischen Einheitszone ist die Inflation jedoch aktuell auf durchschnittlich 0,5 Prozent gesunken. In einzelnen Ländern wie etwa Spanien herrscht bereits eine leichte Deflation, will heissen: die Preise sinken. Auch in der Schweiz kippt die Teuerung immer mal wieder ins Minus. 

Der Glaubenskrieg ist wieder entbrannt

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Auftrag, für stabile Preise zu sorgen. Das gilt nicht nur für die Inflation, sondern auch für die Deflation. Deshalb werden die Stimmen lauter, die fordern, dass die EZB Massnahmen ergreifen soll, um der Aufwertung des Geldes entgegen zu steuern. Andere wiederum warnen heftig davor. Weshalb? 

Bild

Wehrte sich gegen die Rettung von überschuldeten Banken, ehemaliger US-Finanzminister Andrew Mellon. Bild: National Photo Company Collection 

Die Ökonomie gibt sich heute zwar gerne einen naturwissenschaftlichen Anschein und kleidet ihre Theorien in hoch komplexe, mathematische Formeln. Entstanden ist sie jedoch aus der Moraltheologie und sie wird nach wie vor von Glaubenskriegen geschüttelt. Nirgends zeigt sich dies klarer als im Streit um Deflation oder Inflation. Hier bekämpfen sich die Vertreter unterschiedlicher Richtungen wie einst Katholiken und Protestanten.

So argumentieren die Deflations-Fans

Die Deflationsanhänger argumentieren wie folgt: Deflation tritt dann auf, wenn die Wirtschaft zu stark auf Pump gelebt und zu viele Schulden gemacht hat. Sinkende Preise wirken wie ein reinigendes Gewitter. Gesunde Unternehmen werden dieses Unwetter überleben und die Wirtschaft als ganzes wird gestärkt. 

Der bekannteste Deflations-Fan der jüngeren Geschichte war Andrew Mellon, US-Finanzminister zur Zeit des Börsencrashs 1929. Er hat sich vehement gegen eine Rettung von überschuldeten Banken und angeschlagenen Firmen gewehrt und stattdessen empfohlen: «Die Arbeit liquidieren, Aktien liquidieren, Bauern liquidieren und Immobilien liquidieren.» 

Übertrieben, fehlgeleitet und unverantwortlich

Heute wird sich selbst ein harter Deflations-Fan nicht derart weit aus dem Fenster lehnen, doch die Stossrichtung von Mellows Argumentation ist die gleiche geblieben. So schreibt Peter Fischer, Wirtschaftschef der NZZ: «Hinter dem vor allem politisch geprägten Ruf nach höheren Inflationsraten steckt der Wunsch, von der Geldpolitik aus der eigenen Schuldenwirtschaft herausgehauen zu werden.» 

Und Jürgen Stark, der einst das EZB-Direktorium aus Protest verlassen hat, stellt in der «Financial Times» fest: «Die Warnungen vor einer bevorstehenden Deflation und der Ruf nach Aktionen der EZB sind übertrieben, fehlgeleitet und unverantwortlich.» 

Das entgegnen die Inflations-Befürworter

epa04124085 Former German chancellor Helmut Schmidt smiles during a reception in honour of Schmidt's 95th birthday in Berlin, Germany, 13 March 2014. Schmidt had turned 95 on 23 December 2013.  EPA/MAURIZIO GAMBARINI

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt: «Fünf Prozent Inflation sind mir lieber als fünf Prozent Arbeitslosigkeit.»  Bild: Keystone

Die Inflationsbefürworter ihrerseits rechtfertigen leicht steigende Preise wie folgt: Eine moderate Inflation wirkt gerade in Krisenzeiten als Schmiermittel für die Wirtschaft. Es regt den Konsum an, weil sich das Horten von Geld nicht lohnt und es belebt die Investitionen, weil die Schuldenlast erträglich wird. 

Das bekannteste Inflationszitat dieser Fraktion stammt vom ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, der einst gesagt hat: «Fünf Prozent Inflation sind mir lieber als fünf Prozent Arbeitslosigkeit.» 

Nur Ignoranten fürchten sich vor einer Hyperinflation

Auch das würde in dieser Form heute kein seriöser Ökonom mehr wiederholen. Aber die Empfehlung, die Wirtschaft über eine leicht erhöhte Teuerung wieder in Schwung zu bringen, besteht nach wie vor. Der Nobelpreisträger Paul Krugman beispielsweise attackiert in seiner «New York Times»-Kolumne die Deflationsfans und beschuldigt sie, aus Angst vor einer eingebildeten Inflationsgefahr eine viel zu hohe Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen. Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times» stellte kürzlich kategorisch fest: «Nur Ignoranten leben in Angst vor einer Hyperinflation». Wer hat Recht? 

Hohe Staatsschulden sprechen für Inflation

Glaubensfragen lassen sich bekanntlich nie endgültig entscheiden, aber in der aktuellen Situation haben die Inflationsfreunde die besseren Argumente. Dies aus zwei Gründen: Die europäische Wirtschaft hat sich noch lange nicht von der «Grossen Rezession» erholt. Vor allem in den Peripherieländern ist die Arbeitslosenzahl nach wie vor erschreckend hoch. Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, müssen Konsumnachfragen und Investitionen belebt werden. Genau dies verhindert eine Deflation. Sie verleitet die Konsumenten dazu, ihr Geld zu horten und schreckt Unternehmer vor Investitionen ab.

Die hohen Staatsschulden sind der zweite wichtige Grund, der für eine leichte Inflation spricht. Länder wie Griechenland, Irland, Portugal, aber auch Spanien, Italien und eingeschränkt Frankreich, sind heute in einem Masse verschuldet, das eine normale Bedienung dieser Schulden illusorisch gemacht hat. So wissen Fachleute längst, dass Griechenland seine Staatsschuld von aktuell 172 Prozent des Bruttoinlandprodukts niemals im vorgesehenen Rahmen zurückzahlen wird. 

Politisch chancenlos: ein Schuldenverzicht

Eine höhere Inflation in Europa würde die Schuldenlast der Defizitländer mildern und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die europäische Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Alternative dazu, ein teilweiser Schuldenverzicht, wäre zwar sinnvoller, aber politisch chancenlos. 

Das könnte dich auch interessieren:

Lehrer M. zur Pisa-Studie: «Schüler erzählen mir fast triumphierend, dass sie nicht lesen»

Link zum Artikel

Toiletgate im Weissen Haus: Wegen Trumps Klo-Tirade lacht das Internet Tränen

Link zum Artikel

Stell dir deine Pizza zusammen und wir sagen dir, ob du Gourmet oder Banause bist

Link zum Artikel

8 Zeichnungen des ersten Terrorhäftlings, die zeigen, wie die Amerikaner folterten

Link zum Artikel

Glück vor Geld – Island treibt Wirtschaft der Zukunft voran

Link zum Artikel

Shaqiri erhält nach Traum-Comeback ein Sonderlob von Klopp – und eine Entschuldigung

Link zum Artikel

Ho ho ho! Der Bundesrat schnürt das Budgetpäckli: Dafür gibt er am meisten Geld aus

Link zum Artikel

Das beste Kamera-Handy gibt's jetzt in der Schweiz – wir haben es getestet

Link zum Artikel

Diese Schweizer Organisationen erhalten am meisten Spendengelder

Link zum Artikel

TikTok zensiert Videos von Menschen mit Behinderung – um sie vor Mobbing zu schützen 🤔

Link zum Artikel

Wegen «Wildwest-Modell» von Uber & Co. – warum bald Millionen in den AHV-Kassen fehlen

Link zum Artikel

Alphabet Inc. – das macht der Mega-Konzern hinter Google wirklich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Lehrer M. zur Pisa-Studie: «Schüler erzählen mir fast triumphierend, dass sie nicht lesen»

157
Link zum Artikel

Toiletgate im Weissen Haus: Wegen Trumps Klo-Tirade lacht das Internet Tränen

47
Link zum Artikel

Stell dir deine Pizza zusammen und wir sagen dir, ob du Gourmet oder Banause bist

158
Link zum Artikel

8 Zeichnungen des ersten Terrorhäftlings, die zeigen, wie die Amerikaner folterten

229
Link zum Artikel

Glück vor Geld – Island treibt Wirtschaft der Zukunft voran

102
Link zum Artikel

Shaqiri erhält nach Traum-Comeback ein Sonderlob von Klopp – und eine Entschuldigung

22
Link zum Artikel

Ho ho ho! Der Bundesrat schnürt das Budgetpäckli: Dafür gibt er am meisten Geld aus

58
Link zum Artikel

Das beste Kamera-Handy gibt's jetzt in der Schweiz – wir haben es getestet

33
Link zum Artikel

Diese Schweizer Organisationen erhalten am meisten Spendengelder

15
Link zum Artikel

TikTok zensiert Videos von Menschen mit Behinderung – um sie vor Mobbing zu schützen 🤔

6
Link zum Artikel

Wegen «Wildwest-Modell» von Uber & Co. – warum bald Millionen in den AHV-Kassen fehlen

31
Link zum Artikel

Alphabet Inc. – das macht der Mega-Konzern hinter Google wirklich

0
Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Lehrer M. zur Pisa-Studie: «Schüler erzählen mir fast triumphierend, dass sie nicht lesen»

157
Link zum Artikel

Toiletgate im Weissen Haus: Wegen Trumps Klo-Tirade lacht das Internet Tränen

47
Link zum Artikel

Stell dir deine Pizza zusammen und wir sagen dir, ob du Gourmet oder Banause bist

158
Link zum Artikel

8 Zeichnungen des ersten Terrorhäftlings, die zeigen, wie die Amerikaner folterten

229
Link zum Artikel

Glück vor Geld – Island treibt Wirtschaft der Zukunft voran

102
Link zum Artikel

Shaqiri erhält nach Traum-Comeback ein Sonderlob von Klopp – und eine Entschuldigung

22
Link zum Artikel

Ho ho ho! Der Bundesrat schnürt das Budgetpäckli: Dafür gibt er am meisten Geld aus

58
Link zum Artikel

Das beste Kamera-Handy gibt's jetzt in der Schweiz – wir haben es getestet

33
Link zum Artikel

Diese Schweizer Organisationen erhalten am meisten Spendengelder

15
Link zum Artikel

TikTok zensiert Videos von Menschen mit Behinderung – um sie vor Mobbing zu schützen 🤔

6
Link zum Artikel

Wegen «Wildwest-Modell» von Uber & Co. – warum bald Millionen in den AHV-Kassen fehlen

31
Link zum Artikel

Alphabet Inc. – das macht der Mega-Konzern hinter Google wirklich

0
Link zum Artikel

Abonniere unseren Newsletter

5
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • buco 15.04.2014 22:22
    Highlight Highlight Solange meine Krankenkasse, die Miete, das Benzin, der Diesel, das Gas, das ÖV Billet, der Restaurantbesuch ständig massiv teurer werden aber mein Lohn sinkt, spüre ich nichts von Deflation, sondern werde ständig ( noch ) ärmer.
  • Kei Angst 15.04.2014 16:02
    Highlight Highlight Der Genaue Wert von Geld und damit auch von Schulden hat sich bereits aus der erklärbaren Marktwirtschaft verabschiedet und somit auch (leider) jeder Beeinflussung durch reagierende Politiker entzogen.
  • Zeit_Genosse 15.04.2014 12:44
    Highlight Highlight Ich denke, dass man in der Schweiz trotz "guter" Staatsverschuldung auf leichte Inflation setzt. Ist gerade bei den vielen Hypotheken mit knapper Deckung ein Blasenmittel, wenn es gelänge die Immobilienpreise nicht in Höhen treiben lassen, dass es kein Platzen, sondern ein geordnetes Furzen gibt. Fallende Preise mögen attraktiv sein, schlagen dann auf die Löhne zurück und die Immobilien werden gefühlt noch teurer bei "billigem" FK und die Refinanzierung gefährdet. Wer bei der Heizung an allen Räder gleichzeitig heftig dreht, dem wird es heiss und kalt.
  • Don Huber 15.04.2014 09:36
    Highlight Highlight Was gibt's auf dieser irisinnigen Welt denn noch zu jubeln ? Nichts mehr. Am besten sterben das wäre gut.
  • Wolfsblut_2 15.04.2014 09:32
    Highlight Highlight Bärenstarkes Erklärstück. Danke.

Die heimlichen Lobbyisten – wie (bis zu) 424 Ex-Parlamentarier im Bundeshaus weibeln

Über 400 Ex-Parlamentarier haben ungehinderten Zugang zum Bundeshaus. Wie viele Lobbying betreiben, weiss niemand. Müssen ehemalige Ratsmitglieder bald ihre Interessen offenlegen?

Zum Beispiel Regina Ammann. Die Juristin zählt zu den erfahrensten Lobbyisten im Bundeshaus. Sie verantwortete die politische Kommunikation der Grossbank Credit Suisse, war Leiterin «Bundeshausgeschäfte» bei Economiesuisse und ist nun Public-Affairs-Chefin des Agrochemiekonzerns Syngenta.

Für ihre Arbeitgeber versucht sie jeweils Parlamentarier davon zu überzeugen, sich für oder gegen eine Sache einzusetzen. Dasselbe macht Kathrin Amacker. Sie sitzt in der Konzernleitung bei den SBB und pflegt …

Artikel lesen
Link zum Artikel