Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa04826764 German Chancellor Angela Merkel (L) and German Finance Minister Wolfgang Schäuble (R) talk during a meeting at the German Bundestag in Berlin, Germany, 01 July 2015. The session will focus on the Greek debt crisis. German Finance Minister Wolfgang Schaeuble rejects new proposals from Athens as the Greek crisis deepens, saying any new rescue programme would be based on a fresh set of conditions. Schaeuble says Athens' second bailout and the offer from its creditors had now expired and that conditions for any new programme would be 'rather different.'  EPA/WOLFGANG KUMM

Die Kanzlerin und ihr Finanzminister: Wolfgang Schäuble ist das Symbol deutscher Sparpolitik. Bild: EPA/DPA

Deutschland spart sich zu Tode – aber die Flüchtlinge helfen Merkel und Schäuble aus der Patsche 

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wettert wegen der Negativzinsen gegen die Europäische Zentralbank. Dabei müsste er sich selbst an der Nase nehmen.



Am Donnerstag wird die Europäische Zentralbank (EZB) über ihr weiteres Vorgehen in Sachen Geldpolitik informieren. Mit Negativzinsen will EZB-Präsident Mario Draghi die nach wie vor lahmende Wirtschaft ankurbeln. Aus diesem Grund wird er mit heftiger Kritik aus Berlin eingedeckt.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble macht die Geldpolitik der EZB gar für den Vormarsch der rechtsnationalen AfD verantwortlich. Die CSU fordert einen Deutschen an die Spitze, während die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» besorgt fragt: «Wer kann Mario Draghi noch stoppen?»  

European Central Bank (ECB) President Mario Draghi addresses a news conference at the ECB headquarters in Frankfurt, Germany, in this March 10, 2016 file photo. REUTERS/Kai Pfaffenbach/Files

Gerät aus Deutschland unter Beschuss: EZB-Präsident Mario Draghi.
Bild: KAI PFAFFENBACH/REUTERS

Stein des Anstosses ist die nach Ansicht der deutschen Politiker, Banker und Ökonomen falsche Geldpolitik der EZB. Mit dem Quantitativen Easing (QE) – einer künstlichen Verbilligung des Geldes – und den Negativzinsen würden die deutschen Sparer betrogen, lautet die Klage, die von Rostock bis München erschallt.

Warum der deutsche Mittelstand aufjault

Der deutsche Unmut über Mario Draghi hat einen sachlichen und einen ideologischen Grund. Der sachliche liegt in der Natur des rheinischen Kapitalismus. Die Banken spielen in dieser mittelständisch geprägten Wirtschaft eine zentrale Rolle, denn die vielen KMU werden primär über ihre Hausbanken finanziert. Die deutschen Spar- und Landeskassen leiden jedoch unter den tiefen oder gar negativen Zinsen. Deshalb besteht die Gefahr, dass die Kredite an die mittelständischen Unternehmen ins Stocken geraten.

«Wir Deutschen legen unser Erspartes extrem schlecht an und erleiden dadurch immer wieder hohe Verluste, und dies nicht erst seit der Finanzkrise 2008.»

Marcel Fratzscher

Der ideologische Grund liegt in der Natur des Ordoliberalismus. Diese in Deutschland vorherrschende ökonomische Theorie steht dem Versuch der Zentralbank, über die Geldpolitik die Wirtschaft anzukurbeln, äusserst misstrauisch gegenüber. Für sie hat die Zentralbank nur eine Aufgabe: Mit einer harten Währung jegliche Inflation im Keim zu ersticken.  

Die ideologische Reinheit des Ordoliberalismus steht jedoch im krassen Widerspruch zur Realität. Die Zentralbanken, allen voran die US-Fed und die EZB, haben QE und Tiefzinsen ja nicht aus Jux und Tollerei eingeführt, sondern um eine schwere Depression zu verhindern.

Lob für Draghi aus Übersee

Das ist ihnen auch gelungen. Dank dem QE ist die amerikanische Wirtschaft viel schneller wieder auf die Beine gekommen als die europäische, deshalb hat auch EZB-Präsident Mario Draghi zu diesem Mittel gegriffen. Ausserhalb von Deutschland wird dieses Vorgehen ausdrücklich gelobt. So schreibt Mohamed El-Erian in seinem Buch «The Only Game in Town»:

«Die mutigen und innovativen Interventionen der Zentralbanker haben die Welt vor einem schrecklichen Absturz bewahrt – einem Ereignis, das die gegenwärtige Generation zerstört und die Wohlfahrt von künftigen Generationen massiv beeinträchtig hätte.»

El-Erian gehört zu den einflussreichsten Investoren und Finanzkommentatoren der Gegenwart.

Negativzinsen sind Symptome, nicht Ursachen

QE und Negativzinsen sind kein Spleen der Zentralbanker, sie sind, wie Martin Wolf in der «Financial Times» feststellt, «die Symptome unserer Krankheit, nicht die Ursache». Wolf gilt als der einflussreichste Wirtschaftsjournalist der Gegenwart.

Marcel Fratzscher, president of the German Institute for Economic Research (DIW), introduces his new book

Kritisiert den Finanzminister: DIW-Präsident Marcel Fratzscher.
KriBild: FABRIZIO BENSCH/REUTERS

Das Problem der Deutschen ist weniger die EZB, sondern ihre eigene Unfähigkeit, wenn es um den Umgang mit Geld geht, so die These von Marcel Fratzscher, dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. In seinem soeben erschienen Buch «Verteilungskampf» schreibt er: «Wir Deutschen legen unser Erspartes extrem schlecht an und erleiden dadurch immer wieder hohe Verluste, und dies nicht erst seit der Finanzkrise 2008.»

Tatsächlich erweist sich die deutsche Wirtschaftspolitik immer wieder als Bumerang: Dank des schwachen Euros boomt die Exportwirtschaft, doch weil die Erträge gebunkert und nicht sinnvoll investiert werden, würgt Deutschland damit die gesamteuropäische Wirtschaft ab.

ABD0142_20160122 - SPIELFELD - ÖSTERREICH: Flüchtlinge am Freitag, 22. Jänner 2016, auf dem Weg zum neuen Eintrittsbereich beim Sammelzentrum an der Slowenisch-Österreichischen Grenze im Gebiet von Spielfeld. Seit heute ist der Echtbetrieb des neuen Grenzmanagementsystems mit der Ankunft von rund 500 Flüchtlingen aus Slowenien angelaufen. - FOTO: APA/ERWIN SCHERIAU

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Sie kurbeln die Wirtschaft an.
Bild: APA

Ausbrechen aus diesem Teufelskreis ist schwierig. Würde Deutschland den Euro verlassen – was grundsätzlich möglich ist – dann würde eine wieder eingeführte, bärenstarke D-Mark die Exporte schwächen und im Ausland angelegte Vermögen in der Höhe von hunderten von Milliarden Euro vernichten.

Schäubles fatale schwarze Null

Die Lösung liegt nicht in einer harten Geldpolitik der EZB, sondern in einer vernünftigen Fiskalpolitik von Deutschland. Wolfgang Schäubles Beharren auf einer schwarzen Null, auf einem ausgeglichenen Staatshaushalt, verhindert, dass dringend benötigte Investitionen in die Infrastruktur und das Bildungswesen erfolgen. Dabei könnte sich der deutsche Staat derzeit das Geld zum Nulltarif borgen.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist so gesehen die umstrittene Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. Sie hat nicht nur einen humanitären, sondern auch einen ökonomischen Aspekt, sie zwingt nämlich Wolfgang Schäuble, mehr Geld im eigenen Land auszugeben. «Die Ausgaben für Flüchtlinge wirken daher wie ein kleines Konjunkturprogramm, das die Nachfrage und die Wirtschaft ankurbelt», schreibt Fratzscher. «Diese Gelder verschwinden nicht in einem schwarzen Loch, sondern kommen gerade der deutschen Wirtschaft und vielen Unternehmen zugute.»

Deutsche Wirtschaft

Das Buch, das Wolfgang Schäuble grün und blau ärgert

Link zum Artikel

Die Eurokrise kehrt zurück – und Mario Draghi wechselt die Seiten

Link zum Artikel

Deutschland ist Europas unverzichtbare Nation geworden

Link zum Artikel

Ein neues Gespenst geht um in Europa: Die Souveränität

Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Qantas will Impfpflicht für Flugreisende einführen

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

3 Hauptargumente der KVI-Gegner auf dem Prüfstand

Der Kampf um die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) tobt unerbittlich. Dabei argumentieren die Gegner auch mit Vorwürfen, die sich bei genauerer Betrachtung als falsch herausstellen. Drei Argumente im Prüfstand.

Im Abstimmungskampf zur KVI gehen die Wogen hoch. Ja-Fahnen zieren jeden zweiten innerstädtischen Balkon, die Initianten machten diese Abstimmung zur teuersten aller Zeiten. Auf der anderen Seite werden die Initianten auf Facebook in einer Verleumdungskampagne als «linke Krawallanten» verunglimpft und Ueli Maurer wird «bei der Arroganz, die hinter dieser Initiative steckt, fast schlecht».

So hart die Bandagen in diesem Kampf sind, so knapp wird wohl auch das Ergebnis werden. Momentan liegen …

Artikel lesen
Link zum Artikel