Wirtschaft
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Die grosse Geldflut bringt die SNB in Nöte. bild: shutterstock

Warum wir uns an 30 Milliarden Franken Verlust der Nationalbank gewöhnen müssen

Die internationale Finanzordnung spielt verrückt – und die «Buchverluste» der Nationalbank sind leider real. 



Die beste Nationalbank ist eine langweilige Nationalbank. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist derzeit alles andere als langweilig. Ob Aufgabe des Mindestkurses oder Negativzinsen, die Schlagzeilen reissen nicht ab. Jetzt muss die SNB einen Quartalsverlust von 30 Milliarden Franken bekanntgeben. 

Noch vor kurzem hätte ein solcher Verlust das Ende der Welt bedeutet. Heute wird er mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Wir leben in einer Finanzwelt, in der die normalen Regeln ausser Kraft gesetzt worden sind. SNB-Präsident Thomas Jordan und seine Crew müssen in einer verrückt gewordenen Welt-Finanzordnung versuchen, die Schweiz mehr oder weniger über die Runden zu bringen. 

Die Zentralbanker als Notfallärzte

Am Anfang der verrückten Finanzwelt stand der Kollaps im Herbst 2008. Das globale Finanzsystem hat damals einen Herzinfarkt erlitten, der beinahe tödlich verlaufen wäre. Zum Glück erwiesen sich die Zentralbanker als fähige Notfallärzte. Sie fluteten das Finanzsystem mit Geld und verhinderten so das Schlimmste. 

Erleidet das Finanzsystem einen Herzinfarkt, dann hat das gravierende Folgen für die Wirtschaft. Die Menschen sind verunsichert, die privaten Haushalte konsumieren und die Unternehmen investieren nicht mehr. Schlagartig bricht die Nachfrage ein.

Die Politiker verfielen ins alte Denkschema

Mit zwei Massnahmen kann dieser Schock gemildert werden: Mit billigem Geld der Notenbank und mit zusätzlichen Investitionen des Staates. Im Jahre 2009 wurde beides erfolgreich gemacht. Weltweit wurden Programme zur Ankurbelung der Konjunktur aufgelegt. Auch in der Schweiz handelte der Bundesrat umsichtig und beschloss, die Kurzarbeit zu unterstützen.

Eine Grosse Depression wie in den Dreissigerjahren konnte so verhindert werden, eine Grosse Rezession nicht. Die Politiker verloren bald die Nerven und fielen ins alte Denkschema zurück. Die staatlichen Programme zur Unterstützung der Wirtschaft wurden zurückgefahren und eine verhängnisvolle Austeritätspolitik eingeleitet. 

Die Geldschwemme hat groteske Folgen

Um die Härten dieser verfehlten Wirtschaftspolitik abzufedern, mussten die Zentralbanken die Geldschleusen noch weiter öffnen. Das Resultat ist eine weltweite Geldschwemme und eine wachsende Ratlosigkeit, wie man sie je wieder eindämmen kann. Die US-Notenbank, die Fed, kündigt seit Monaten an, die Leitzinsen wieder hochzufahren, und findet regelmässig Ausreden, es nicht zu tun. Diese Woche wurde eine längst fällige Zinserhöhung erneut vertagt. 

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) setzt auf billiges Geld. Sie kauft seit dem März ebenfalls im grossen Stil Staatsanleihen auf. Zunächst schien sie damit Erfolg zu haben. Die europäische Wirtschaft erholte sich leicht. Nun zeigen sich die ersten Probleme: Die EZB will vor allem die sicheren deutschen Staatsanleihen erwerben. Weil aber Berlin ein ausgeglichenes Staatsbudget anstrebt, gibt es zu wenige davon. Die Folgen sind grotesk: Die Zinsen der deutschen Anleihen steigen, obwohl sie nach Adam Riese eigentlich fallen müssten. 

Auch selbst gedruckte Franken müssen ordentlich abgerechnet werden

In diesem unberechenbaren Umfeld muss die SNB den Franken auf Kurs halten. Zuerst tat sie dies, indem sie einen Mindestkurs von 1.20 Franken gegenüber dem Euro festlegte. Auf diese Weise hoffte sie, die Exportwirtschaft wettbewerbsfähig zu halten. Um diesen Mindestkurs zu verteidigen, musste die SNB jedoch grosse Mengen an Fremdwährungen, vor allem Euros, aufkaufen. Sie blähte so ihre Bilanzsumme von 100 auf über 500 Milliarden Franken auf.

Langfristig ist der SNB das Risiko zu gross geworden. «Buchverluste» sind leider genau so real wie «Buchgewinne». Auch wenn die SNB Franken in unbeschränkter Höhe selber drucken kann, müssen die Kursverluste, die auf den Fremdwährungen eingefahren worden sind, ordentlich verbucht werden. Anderenfalls geht das Vertrauen in den Franken verloren, und eine Währung, die kein Vertrauen mehr hat, ist im wahrsten Sinne des Wortes wertlos. 

Wann und ob überhaupt die Finanzwelt wieder in Ordnung kommt, ist schwer abschätzbar. Sicher ist jedoch, dass wir uns an wilde Ausschläge in der Gewinn- und Verlustrechnung der SNB gewöhnen müssen – und leider auch daran, dass es keine «Buchverluste» gibt. 

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