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Trendforscherin Judith Mair lässt es sich gut gehen. bild: Christian Schnur

Der nächste Fleischskandal kommt bestimmt

Warum wir einen Pakt mit dem Fleischteufel geschlossen haben

Wir essen falsch deklariertes und manchmal sogar vergammeltes Fleisch nach der Devise «Hauptsache billig».

«Ich gehe wohl oft zu spät ins Bett, mache zu wenig Sport, esse zu viel Fleisch, trinke und rauche zu viel», erklärt die deutsche Trendforscherin Judith Mair fröhlich in einem Interview mit dem Migros-Magazin und zieht gleichzeitig heftig gegen Puritanismus und Askese vom Leder. 

«Im Sinne des aktuellen Zeitgeists, der alles als Sünde versteht, das mit Ausschweifung, Verschwendung und Unvernunft zu tun hat, sündige ich tatsächlich häufig», erklärte sie forsch. «Mir geht es nicht primär darum, mich und mein Leben zu optimieren, ich weigere mich sogar bewusst, alles der Vernunft unterzuordnen.» 

«So wird es zu einer Art Ablasshandel, regelmässig im Bioladen einkaufen zu gehen – damit befreien wir uns von unserer Schuld.»

Judith Mair, Trendforscherin

Um eines vorab klar zu stellen: Frau Mair darf saufen und rauchen so viel sie will, sie darf auch so wenig wie möglich schlafen, und ob und wie viel Sport sie treibt, interessiert auch niemanden. Geht es aber um Ernährung, dann stösst ihr angeblich so kreativer und toller Hedonismus an Grenzen, denn die Art und Weise, wie sich die westliche Welt heute ernährt, wird immer mehr zu einer der wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Blick auf einen Lieferwagen vor der Laderampe des Buendner Fleischhandelsunternehmens Carna Grischa AG, am Sonntag, 23. November 2014, in Landquart. Wie der Sonntags Blick schreibt, soll das Unternehmen ueber Jahre hinweg falsch deklariertes Fleisch verkauft haben. Der Verwaltungsratspraesident der Carna Grischa AG spricht von Einzelfaellen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Fleischtransporter der verdächtigen Firma in Landquart. Bild: KEYSTONE

Der aktuelle Fleischskandal ist nur die Spitze des Eisbergs

Das zeigt einmal mehr der Fleischskandal aus dem Kanton Graubünden. Er ist nur die Spitze des Eisberges. Wir haben uns längst an Fleischskandale gewöhnt, weil wir zumindest ahnen, dass sie sich nicht wirklich verhindern lassen. Stillschweigend haben wir nämlich einen Pakt mit dem Teufel respektive der Fleischindustrie geschlossen, der lautet: Ihr gebt uns unser tägliches Billigfleisch, und wir schauen weg, wenn gelegentlich Ross und Rind vertauscht oder Ablaufdaten aufgefrischt werden. Und ja, wir wollen auch gar nicht so genau wissen, wie dieses Fleisch produziert wird. Es gibt ja auch in der Natur Carnivoren, und die behandeln ihre Opfer ebenfalls brutal. 

Deshalb sind wir froh, wenn Trendforscher wie Judith Mair das Ganze noch weltanschaulich glätten und uns ruhig schlafen lassen. Das geht wie folgt: Wer kein Fleisch isst, ist ein kleinkarierter Spiessbürger, ja, er wird gar zum gefährlichen Sektierer. «So wird es zu einer Art Ablasshandel, regelmässig im Bioladen einkaufen zu gehen – damit befreien wir uns von unserer Schuld. Zum Kirchenbild passt auch der Missionierungseifer der heutigen Moralisten, die glauben, herausgefunden zu haben, wie das vorbildliche, moralisch unbedenkliche, risikoarme Leben auszusehen hat, und es am liebsten für alle verbindlich erklären würden», klärt uns Mair auf.

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Junkfood macht dick.  bild: shutterstock

Fettleibigkeit kostet gleich viel wie Rauchen

Die Art und Weise, wie wir essen, ist keine Frage der Moral, sondern eine Frage der Ökonomie. 2,1 Milliarden Menschen, fast ein Drittel aller Einwohner dieses Planeten, sind inzwischen übergewichtig, Tendenz steigend. Bis ins Jahr 2030 wird jeder zweite Erwachsene zu fett sein. Das ergab eine vom McKinsey Global Institute soeben veröffentlichte Studie. 



Die volkswirtschaftlichen Folgen davon sind beträchtlich. Fettleibigkeit verursacht inzwischen etwa gleich hohe Kosten für unser Gesundheitssystem wie Rauchen. Und kein ernsthafter Ernährungswissenschaftler wird heute noch bestreiten, was der Grund der Fettleibigkeit ist: Convenience Food und Softdrinks, die Unmengen von Zucker, Salz und Fett enthalten. 

Der Fleischkonsum hat sich verdreifacht

Noch schlimmer ist die Ökobilanz des Fleischkonsums. In den entwickelten Staaten verzehrt jeder Bewohner jährlich rund 90 Kilo Fleisch. Die Zahlen sind umstritten, da in der Statistik Fleisch nicht immer gleich Fleisch ist. In der Schweiz liegt der Fleischkonsum übrigens bei rund 60 Kilo pro Jahr und Kopf. 

«Keiner kann zum Chinesen sagen: Werd Vegetarier und fahr mit der Bahn.»

Judith Mair, Trendforscherin

Die statistischen Streitereien sind Nebenschauplätze. Tatsache ist, dass sich der Fleischkonsum in den entwickelten Staaten in den letzten 50 Jahren verdreifacht hat, und Tatsache ist auch, dass der Planet dies unmöglich verkraften kann. Es gibt zu wenig Getreide und es gibt vor allem viel zu wenig Wasser, ganz abgesehen davon, dass gerade die Rinderzucht besonders viele Emissionen von Treibhausgasen verursacht.

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Drei Mal wöchentlich Fleisch, nicht zwei Mal täglich

Trendforscherin Mair lässt dies kalt. «In Deutschland haben wir auch mal ein Wirtschaftswunder erlebt wie China heute. Da kam auch keiner und sagte: Ist ja schön, dass du dir jetzt für deine Familie Fleisch und ein Auto leisten kannst, aber werde doch lieber Vegetarier und fahr mit der Bahn, das ist besser für die Umwelt. Letztlich ist das eine neue Form von Imperialismus», sagt sie blauäugig.

Ja, die Chinesen haben ein Anrecht, so zu leben wie wir. Nur ist das bloss dann möglich, wenn wir uns darauf einigen, unseren Fleischkonsum auf ein Niveau herunterzufahren, wie es noch in den 1960er Jahren üblich war. Zudem müssen wir den Tieren, die wir schlachten, ein kurzes, aber artgerechtes Leben gewähren. Das ist nur dann möglich, wenn wir unseren Fleischkonsum massiv einschränken, wenn wir also nicht mehr zweimal täglich, sondern höchstens dreimal wöchentlich Fleisch essen. 

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Algen als Hochgenuss im Trendrestaurant Noma in Kopenhagen. bild: Noma

Wer Steak und Bier im Kühlschrank hat, hat wenig Sex

Es wäre kein grosser Verzicht. Weniger Fleisch bedeutet keineswegs weniger Genuss. Für Spitzenköche wird Fleisch immer häufiger zur Beilage. Das derzeit wohl berühmteste Feinschmeckerlokal der Welt, Noma in Kopenhagen, serviert fast ausschliesslich vegetarische Gerichte. Und ja, welchen Hedonismus wollen wir denn? Wer Kühlschrank mit Glace, blutigen Steaks und Bier füllt, wird dafür ebenfalls Verzicht üben müssen. Ab Ü-50 wird sie oder er kein besonders aufregendes Sexleben mehr führen. Wetten? 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Alnothur 25.11.2014 13:21
    Highlight Highlight Yes, ich erkenne Löpfe-Artikel an ihren Titeln, Lesen erübrigt sich :)
    • Ruedi Müller 30.11.2014 06:58
      Highlight Highlight Las den Artikel von Philipp Löpfe sorgfältig, dziltener. Judith Mairs Ansichten sind mir auch bekannt und nicht unsympatisch. Finde auch: schrieb uns die Kirche früher vor, was wir zu tun und lassen haben, kasteien wir uns heute selbst.

      Mein Symbol ist der Würfel, ein grosser steht vor dem Haus. Jedes Thema, jede Sache hat mehr als eine Seite.

      Philipp Löpfe schaut sich, das was Mairs postuliert, einfach von zwei anderen Seiten an:
      -wie Tiere für uns leiden
      -das unser Planet nicht 11 Mia Menschen schafft die so leben.
      Und... wo er recht hat, hat er recht.
  • poesie_vivante 25.11.2014 11:45
    Highlight Highlight Die Migros hat kein Interesse, Veganismus zu fördern, da sie an ihren Fleischverkäufen gut verdient. Darum wundert es mich nicht, dass im Migros-Magazin eine Trendforscherin Hedonismus predigt, ohne ethische oder ökologische Überlegungen anzustellen.

    Die Interviewpartnerin passt halt ins Konzept der Migros: Gewinn anstatt ethisch einwandfreies Handeln.

    Bei solchen Magazinen werden die Interviewpartner ja danach ausgesucht, dass sie ja das sagen, was die Migros hören will. Da wird kein ereignisoffener Journalismus betrieben.

    Deshalb erübrigt sich eine Beschäftigung mit Judith Mair.

  • poesie_vivante 25.11.2014 11:41
    Highlight Highlight Philipp Löpfe hat in seinem Artikel vollkommen recht! Die Tendenz muss hin zu vegan gehen, alles andere wird mit der Zeit ethisch und ökologisch nicht mehr tragbar sein.

    Ich war schon in etlichen veganen Gourmet-Restaurants (zum Beispiel in europas einzigem veganen Sternerestaurant - dem Joia in Mailand). Das war stets ein hedonistischer Genuss der Sonderklasse! Es braucht also gar kein Fleisch, um gut zu essen. Auch die Asiaten wissen das schon längst. Es mangelt in unseren Breitengraden lediglich oft an Fantasie bei den Köchen.


  • jamaika 25.11.2014 06:36
    Highlight Highlight Jeder soll sich selber an der Nase fassen.
    Keiner mehr hat wirklich eine Wertschätzung gegenüber dem Tier, dass uns das Fleisch liefert.
    Man schaue sich nur einmal die Einkaufswagen der Menschen an....zb. jetzt wieder vor Weihnachten. Wo glaubt ihr kommt der Fleischberg her ???
  • Attilaquetzal 24.11.2014 22:36
    Highlight Highlight Ach, was bin ich froh über diesen Artikel. Danke dafür!
    • Harry Held 25.11.2014 05:44
      Highlight Highlight Man ist, was man isst. Da soll jeder selber mit sich ins Reine kommen. Wer sich nach dem Verzehr von Wurst oder Schweinshaxe usw. besser fühlt, dem sei es zu gönnen. Gerade aber der Zusammenhang zwischen unserem Verdauungstrakt, der Zunahme von gewissen Krankheiten und Fleisch ist schwerlich zu beschönigen. Und schliesslich sind auch die angeblichen Puristen eine Spur verlogen. Mir schmeckt Fleisch nicht, doch ich mag schönes Leder...
    • saukaibli 25.11.2014 07:20
      Highlight Highlight Ja Harry, schon komisch dass sich die Menschheit über 180'000 Jahre praktisch nur von Fleisch ernährt hat und jetzt soll es plötzlich ungesund sein. Mag sein, dass Fleisch in gewissen Regionen mit Antibiotika, Hormonen und sonstigen Giften belastet ist und deshalb ungesund ist. Tatsache ist aber auch, dass eine starke Zunahme sog. Gesellschaftskrankheiten erst auftreten seit sich der Mensch sich sehr kohlenhydratlastig ernährt. Und naja, so richtig schlimm ist es, seit alles fettreduziert und dafür mit Zucker vollgestopft wird.
    • poesie_vivante 25.11.2014 11:49
      Highlight Highlight Vergesst mal die Gesundheitsdebatte. Da ist Fleischverzehr in Massen wohl nicht weniger ungesund als reine vegane Ernährung.

      Jedoch bei ethischen, ökologischen und sozialen Fragen sieht die Lage ziemlich eindeutig aus.

      Darum anstatt immer auf den Nebenschauplatz "Gesundheit" auszuweichen, müsste einmal den Tatsachen ins Auge geschaut werden, dass Veganismus in (tier)ethischen, ökologischen und sozialen Belangen viel vertretbarer wäre ...

      (bin selbst leider auch nicht immer so konsequent vegan, wie ich gerne sein möchte, muss ich zugeben ;-( )
  • who cares? 24.11.2014 21:03
    Highlight Highlight Grosses Dankeschön für diesen Artikel! Ich habe den Beitrag im MM vor kurzem auch gelesen und mich fürchterlich darüber aufgeregt.
    • poesie_vivante 25.11.2014 11:50
      Highlight Highlight Das MM predigt Hedonismus, um den Kunden ein gutes Gewissen zu suggerieren, damit diese mehr (teuere) Produkte kaufen.

      So einfach ist das.

  • Jovan 24.11.2014 20:54
    Highlight Highlight GMO Food du fehlst uns noch...
  • amazonas queen 24.11.2014 20:01
    Highlight Highlight Der eigentliche Witz ist doch, dass es nicht auffällt. Ich will nicht wissen, wieviele dieses Fleisch gegessen haben und glauben, nur "Schweizer Fleisch" sei so gut unf hatten stattdessen Poulet aus Ungarn im Mund.
  • Rodolfo 24.11.2014 19:27
    Highlight Highlight Was ich überhaupt nicht verstehe: Wie ist es möglich, dass Metzger und Wirte rohes Rindfleisch nicht von rohem Pferdefleisch unterscheiden können? Geruch, Konsistenz, Farbe……
    Das gleiche gilt für frisches und tiefgefrorenes Fleisch - das merkt man doch! Wetten, dass ich es als Laie schaffe!?
    • smoe 24.11.2014 20:17
      Highlight Highlight So wie ich das verstanden habe, wurde das Fleisch nicht komplett vertauscht sondern z.B. Rindshackfleisch mir Pferd gestreckt. Je nach Mischverhältnis dürfte das nur schwer erkennbar sein. Insbesondere wenn man in der Kantinen-Küche in Eile ist.

      Bei den ganzen Fleischstücken tausch man einfach de Aufkleber aus, und schon wird aus billigem Importfleisch teures Schweizer Fleisch.

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