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A bronze bull and a bear stand in front of the stock market in Frankfurt, Germany, Monday, June 29, 2015. The stock market lost around 500 points right after its opening. (AP Photo/Michael Probst)

Das Auseinanderdriften von Real- und Finanzwirtschaft hat System. Das Bild zeigt einen Bullen und Bären vor der Frankfurter Börse. Bild: AP/AP

Die Wirtschaft rutscht in eine Rezession, doch die Börse brummt. Wie kann das sein?

Die Börse brummt, während die Wirtschaft in eine Jahrhundertrezession stürzt. Weshalb? Und: Wie lange noch?

daniel zulauf / ch media



Die Wirtschaft kann die Aufhebung des Lockdown kaum mehr erwarten. Kein Wunder, denn vielen Akteuren steht das Wasser schon jetzt bis zum Hals. Das Münchner Konjunkturforschungsinstitut Ifo hat soeben eine Umfrage unter deutschen Unternehmen veröffentlicht. Nach dieser können 30 Prozent der befragten Firmen die pandemiebedingten staatlichen Einschränkungen höchstens noch drei Monate durchhalten. Bei 53 Prozent der Unternehmen wäre spätestens nach sechs Monaten Schluss.

Das sind dramatische Zahlen, mit denen vor wenigen Wochen noch kaum jemand ernsthaft zu rechnen wagte. Doch seither ist auch dem letzten Optimisten klar geworden, dass die Welt gerade in eine Jahrhundertrezession eintaucht.

Schweizer Wirtschaft schrumpft drastisch

In der Schweiz dürfte das Bruttoinlandprodukt 2020 um mehr als sechs Prozent schrumpfen, schätzte unlängst das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Anderen Industrieländern wird es nach den jüngsten Prognosen des Internationalen Währungsfonds nicht besser ergehen. In den USA haben sich seit Mitte März rund 30 Millionen Menschen als arbeitslos gemeldet.

Derweil hat die amerikanische Börse einen Rekordmonat hinter sich. Elf Prozent legte der Dow Jones im April zu, so viel wie nie in einem einzelnen Monat seit 1987. Der coronabedingte Kurseinbruch zwischen dem 6. Februar und dem 23. März ist als einer der schärfsten und schnellsten Crashs in die Börsengeschichte eingegangen. Der Dow Jones verlor 35 Prozent, der Swiss Market Index 21 Prozent. Jetzt ist die schnellste Erholung im Gang: Fast 33 Prozent hat der Dow Jones in den vergangenen sechs Wochen zugelegt, der SMI steht 18 Prozent im Plus.

Ausschlaggebend für die Gegenbewegung ist selbstredend die Erwartung der Investoren, dass sich die Wirtschaft vielleicht schon in der zweiten Jahreshälfte oder spätestens im kommenden Jahr erholen wird. Das ist das typische Muster, das den Verlauf der Märkte auf neue ökonomische Daten spiegelt. Gründe für eine gewisse Zuversicht gibt es durchaus. In vielen Ländern verlangsamt sich der Anstieg der Covid-19-Infektionen merklich. Die Aussichten für baldige Lockerung der Schutzmassnahmen sind gut.

epa08287354 A screen shows the Dow Jones industrial average as a television shows US President Donald Trump during a cabinet meeting with bank executives on the floor of the New York Stock Exchange in New York, New York, USA, on 11 March 2020. Stocks around the world continued to lose value as investors react to the economic impact of the coronavirus spread; the Dow Jones industrial average lost 1,464 points today.  EPA/JUSTIN LANE

Die Anzeigetafel des Dow Jones am 11. März 2020. Bild: EPA

Für die Wucht der Gegenbewegung sorgen hingegen vor allem die Regierungen und die grossen Notenbanken, die den Absturz der Wirtschaft mit beispiellosen Hilfsprogrammen zu dämpfen versuchen. Die grössten Zentralbanken dürften gemäss Schätzungen von Bankökonomen heuer frisches Geld im Wert von gegen fünf Billionen Dollarschöpfen, um damit auf den Kapitalmärkten dieser Welt alle Arten von Schuldpapieren aufzukaufen. So kommen die Währungshüter der schwachen Nachfrage zuvor und verhindern damit einen Anstieg der Zinsen.

Die Staaten klotzen wie noch nie

Beispiellos sind auch die Dimensionen der staatlichen Rettungsprogramme. In Amerika, in Europa und in der Schweiz wird geklotzt wie nie zuvor. Der geistige Vater dieses staatlichen Interventionismus ist der englische Ökonom John Maynard Keynes, der sich aufgrund der Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren auf den Standpunkt stellte, dass Regierungen solche Depressionen durch einen rechtzeitigen Eingriff verhindern oder lindern können.

Konjunkturplanung ist in der Schweiz seit 1947 ein in der Verfassung verankerter Regierungsauftrag. Doch so richtig in Schwung kam die staatliche Konjunktursteuerung erst ab den 1970er-Jahren, als das weltweite Systemfester Wechselkurse (Bretton Woods) auseinanderbrach und die Macht der Notenbanken grösser wurde. Fortan liessen sich diese in ihren geldpolitischen Entscheidungen vermehrt von Konjunkturmodellen leiten. Die Notenbanken erhoben die Feinsteuerung der Konjunktur nach keynesianischem Vorbild zu einer neuen Disziplin.

Lange Zeit schien diese Steuerung zu gelingen. So lässt sich gut zeigen, dass die Amplituden der Konjunkturausschläge zwischen 1980 und 2008 stark abgenommen haben (siehe Grafik). Im Februar 2004 verkündete der ehemalige amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke denn auch das Ende der grossen Wirtschaftskrisen. Doch auf die «Great Moderation», wie die Ökonomen diese stabile Phase zu nennen pflegen, folgte 2008 prompt die «Great Depression».

Der einstige Chef der US-Notenbank Fed, Ben Bernanke, erwartet einen gewaltigen Einbruch der US-Volkswirtschaft in diesem Jahr. (Archivbild)

Ben Bernank. Bild: AP

Mit dem Eintritt der Finanzkrise mussten die Währungshüter zur Kenntnis nehmen, dass bei der vermeintlichen Domestizierung der Konjunkturzyklen vielleicht doch mehr Glück als Können im Spiel war. Sichtbar geworden sind inzwischen auch die schädlichen Nebenwirkungen dieser Politik. Die Wirtschafts- und Geldpolitik der vergangenen Jahrzehnte basierte auf einem schuldenfinanzierten Wachstumsmodell, dem möglicherweise falsche Annahmen über konjunkturelle Dynamiken zugrunde lagen. Daraus ist eine Finanzblase entstanden, die jetzt für die zunehmend extremen Kursausschläge der Finanzmärkte verantwortlich ist.

Wer die Marktbewegungen von heute mit den Marktbewegungen von damals vergleicht, könnte deshalb gefährlichen Täuschungen erliegen. Mag sein, dass die Aktienmärkte mit heftigen Gegenreaktionen, wie wir sie seit sechs Wochen erleben, in früheren Zeiten einigermassen zuverlässig den Beginn einer neuen, besseren Periode ankündigten. Doch heutzutage müssen solch heftige Kursausschläge nicht mehr viel bedeuten. Sie sind allein schon deshalb schneller möglich, weil viel mehr Liquidität als je zuvor in den Märkten vorhanden ist.

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