Wirtschaft
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Chinese cycle through smog and pollution over Beijing's Tiananmen Square Thursday , May 1, 2008. (AP Photo/Oded Balilty)

Velofahrer auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking.
Bild: AP

Wachstum oder kein Wachstum? Die #COP21 stellt die Mutter aller Ökofragen neu

In Peking und Delhi ersticken die Menschen an der Dreckluft. Gleichzeitig müssen heute noch 1,3 Milliarden Menschen ohne elektrischen Strom leben. Machen wir mit dem Wachstumszwang der Wirtschaft unseren Planeten kaputt – oder schliessen wir ohne Wachstum die Ärmsten von einem menschenwürdigen Leben aus?



Vom britischen Ökonomen Kenneth Boulding stammt eines der witzigsten und gleichzeitig auch tiefsinnigsten Zitate der Moderne. Es lautet:

«Wer glaubt, dass unbegrenztes Wachstum in einer begrenzten Welt ewig weiter dauern kann, ist entweder verrückt – oder ein Ökonom.»

Die Bilder, die wir derzeit aus dem Smog verseuchten Peking zu sehen bekommen, und die Tatsache, dass die Luft in Neu Delhi noch dreckiger ist, führen uns drastisch vor Augen, wie zutreffend dieses Zitat heute schon ist. China und Indien sind im Begriff, ihrer Bevölkerung einen unzumutbaren Grad an Umweltverschmutzung zuzumuten, ja sie teilweise damit im wahrsten Sinne des Wortes zu ersticken.

Bild

Dreck und kein Strom: Slums in Neu Delhi.
bild: shutterstock.

Die Problemkinder China und Indien

China und Indien sind auch die beiden Länder mit den meisten Einwohnern, und sie werden deshalb die Zukunft der Klimaerwärmung am stärksten beeinflussen. So wird gemäss Angaben der Internationalen Energieagentur der CO2-Ausstoss in den Schwellenländern bis ins Jahr 2030 um rund 70 Prozent zunehmen. Dabei ist China heute schon der grösste, Indien der drittgrösste Emitent von CO2.

Wer den CO2-Ausstoss wirkungsvoll einschränken will, muss den Hebel bei den Schwellenländern ansetzen, und gerät dabei sofort in gröbste moralische Probleme. In den Industrieländern gelingt es zwar immer besser, den CO2-Ausstoss einzudämmen, aber auf einem sehr hohen Niveau. Um den Temperaturanstieg auf die ominösen zwei Grad Celsius zu beschränken, wäre es nötig, dass bis 2050 pro Kopf höchsten sechs Gramm CO2 produziert wird. Heute überschreitet der Durchschnittsamerikaner diesen Wert um das 60-fache.

«Der Aufbau von nachhaltigen Energiesystemen in den Schwellenländern wird nicht 100 Milliarden Dollar kosten. Das ist erst eine Anzahlung.»

Prakash Javadekar, indischer Umweltminister

Die Schwellenländer betonen denn auch stets, dass sie zwar für den CO2-Ausstoss der Zukunft mitverantwortlich sind, dass die Industrieländer jedoch weitgehend das Niveau von heute herbeigeführt haben. Dafür wollen sie kompensiert werden, und zwar in Form grosszügiger Unterstützung beim Aufbau von nachhaltigen Energien. Weltweit müssen heute noch rund 1,3 Milliarden Menschen ohne Strom auskommen.

Grundsätzlich haben die reichen Länder diesem Ansinnen zugestimmt. Hillary Clinton hat sich schon 2009 als US-Aussenministerin für einen 100-Milliarden-Dollar-Fonds eingesetzt. Die Schwellenländer denken in anderen Dimensionen. Der indische Umweltminister Prakash Javadekar spricht von Billionen Dollar. «100 Milliarden sind bloss eine Anzahlung», liess er im Vorfeld der COP21 verlauten.

Ist Kapitalismus ohne Wachstum möglich

Die Frage, wie man den Menschen in den Entwicklungsländern zu Wohlstand verhelfen kann, ohne den Planeten zu zerstören, ist nur ein Teil des Problems. Die grundsätzliche Frage lautet: Kann der Kapitalismus ohne Wachstum überhaupt existieren?

epa03710648 Czech author and economist Tomas Sedlacek gestures during an interview in Vienna, Austria, 21 May 2013. Tomas Sedlacek is attending the Kunsthalle Wien as part of the WWTBD – What Would Thomas Bernhard Do event.  EPA/HERBERT NEUBAUER

Hat sich als Wachstumskritiker profiliert: Tomas Sedlacek.
Bild: EPA

Ja, antwortet der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek. Sein jüngstes Buch «Lilith und die Dämonen des Kapitals» ist eine Attacke auf das, was Sedlacek «Wachstumskapitalismus» nennt.

«Wir sind süchtig nach Wachstum. Wir verhalten uns wie Drogensüchtige, die glauben, dass sie ohne Drogen nicht leben können.»

Tomas Sedlacek, «Tages-Anzeiger»

Das tönt zwar gut, und wir würden ja alle gerne auf Wachstum verzichten. Aber wie? Wo bitte liegt der Unterschied zwischen Kapitalismus und Wachstumskapitalismus? Ausser Plattitüden und sehr weit herbeigezogenen Vergleichen zum Ödipus-Komplex hat Sedlacek nichts zu bieten. Sein wachstumsfreier Kapitalismus ist daher eine Schimäre. Deshalb ist er zwar sehr beliebt bei Gymnasiallehrerinnen und Ärzten, die Ökonomen nehmen ihn nicht ernst. (Die Psychoanalytiker mögen ihn auch nicht besonders, aber das ist eine andere Geschichte.)

In Europa gab es 500 Jahre lang kein Wirtschaftswachstum

Historisch gesehen sind Kapitalismus und Wachstum siamesische Zwillinge. Bis zum Ausbruch der Industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts war Wirtschaftswachstum ein Fremdwort. Europa beispielsweise hatte zuvor 500 Jahre lang kein Wachstum gekannt. Dieser Zustand war alles andere als ein Ökoparadies, wie Eduardo Porter in der «New York Times» feststellt.

«Nullwachstum hat uns Dschingis Khan und das Mittelalter beschert, Eroberung und Unterwerfung», schreibt Porter. «Es hat eine Gesellschaftsordnung begünstigt, in der die einzige Möglichkeit, weiterzukommen, darin bestand, seinen Nachbarn auszuplündern. Wirtschaftswachstum hat einen viel besseren Pfad ermöglicht: Handel.»

Wirtschaftswachstum hat die Menschen friedlicher und toleranter gemacht 

Wirtschaftswachstum hat die Menschen nicht nur wohlhabender, sondern auch demokratischer und toleranter gemacht. So weist der Harvard-Wirtschaftshistoriker Benjamin Friedman in seinem Buch «The Moral Consequences of Economic Growth» nach, dass Wirtschaftswachstum und Friedfertigkeit eng zusammenhängen. Nur wenn wir uns wirtschaftlich sicher fühlen, sind wir auch tolerant.

Bild

Die Dystopie wird Realität. Ohne Wachstum würden wir in einer «Mad Max»-Welt leben.
Bild:pd

Eine Rückkehr zum Nullwachstum hätte daher fatale Folgen. «In einer Weltwirtschaft, die nicht wächst, würden vor allem die Machtlosen und Verwundbaren leiden», befürchtet Porter. «Stellt Euch vor ‹Blade Runner›, ‹Mad Max› und ‹The Hunger Games› würden Realität werden.»

Kann der Planet nur gerettet werden, wenn der Kapitalismus überwunden wird?

Das ist jedoch eine rückwärts gewandte Betrachtung und gibt keine Antwort auf das von Boulding eingangs erwähnte Problem. Der Wachstumszwang führt uns unweigerlich ins Verderben, stellt denn auch Naomi Klein in ihrem jüngsten Buch «Die Entscheidung» klar: Nur wenn der Kapitalismus überwunden wird, kann der Planet gerettet werden. Sie gibt den rechtskonservativen Klimaleugnern deshalb in einem Punkt Recht. Der Kampf gegen die Treibhauserwärmung ist gleichbedeutend geworden mit dem Kampf für eine neue Wirtschaftsordnung.

SYDNEY, AUSTRALIA - SEPTEMBER 03:  Canadian author Naomi Klein poses for a photograph, back dropped by the Sydney Harbour Bridge at a press conference ahead of the seventh annual Festival of Dangerous Ideas at Sydney Opera House on September 3, 2015 in Sydney, Australia.  (Photo by Cole Bennetts/Getty Images)

Die Umwelt- und Politaktivisten Naomi Klein.
Bild: Getty Images AsiaPac

«Hier ist meine unangenehme Wahrheit: Ich denke, die rechten Hardcore-Ideologen verstehen die Bedeutung des Klimawandels besser als die Liberale. Wenn es um die politischen und wirtschaftlichen Folgen der wissenschaftlichen Erkenntnisse geht, treffen sie den Nagel auf den Kopf.»

Naomi Klein

Für die führenden Kapitalisten steht gemäss Klein viel zu viel auf dem Spiel, als dass sie je auf eine ökologische Wirtschaftsordnung umstellen könnten. Exxon, Shell & Co. können nicht aus dem Geschäft mit Öl und Gas aussteigen. Der Druck der Aktionäre ist viel zu stark und er zwingt sie, ihre Reserven kontinuierlich aufzustocken und selbst die dreckigsten Quellen wie den kanadischen Teersand auszubeuten.

Die grüne Bewegung hat sich geirrt

Ein «nachhaltiger Kapitalismus» ist für Klein daher eine Illusion. «Das Mantra der grünen Bewegung, dass es in der Klimafrage nicht um rechts oder links gehe, sondern um ‹richtig› oder ‹falsch›, hat uns in die Irre geführt.»

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 07.12.2015 06:00
    Highlight Highlight
    Energie sparen: Eine Sisyphus-Aufgabe!

    Wenn wir Energie sparen, sparen wir auch Geld. Was machen wir aber mit dem gesparten Geld? Wir geben es anderweitig für Konsumgüter aus, was wiederum Energie – z. B. „graue Energie“ – braucht oder wir bringen es den Banken und Vers. als Spargeld, wodurch diese in die Lage versetzt werden, Kredite für Investitionsgüter zu geben, deren Produktion, Betrieb und Unterhalt wiederum Energie braucht. Das einzig wirksame Mittel gegen zu hohen Energieverbrauch ist die Reduktion des Einkommens für diejenigen Bevölkerungsschichten, die sich das leisten können.
  • Señor Ding Dong 03.12.2015 19:22
    Highlight Highlight Ich finde die historischen Vergleiche sind einfach Mummpitz. Auch wenn wirtschaftlicher Wachstum und Wachstum von Toleranz gleichzeitig auftraten, fehlt mir irgendwie trotzdem der direkte Zusammenhang - der Gipfel ist dann noch, dass der Harvard-Futzi behauptet, dass heute niemand mehr seinen Nachbarn ausplündert - wo doch unser Wirtschaftssystem (in einem grösseren Massstab) gerade darauf basiert. Nur die Druckmittel haben sich geändert.
  • Kookaburra 03.12.2015 15:03
    Highlight Highlight Unser Wirtschaftswachstum ist doch unecht! Echtes Ww müsste doch auch ohne ein Bev. Wachstum möglich sein um "real" zu sein. Die Schweiz hat etwa 1,5-1,6% Bev. Wachstum. (also ein grösseres, als Indien)

    Die Wirtschaft kommt aber an diese Zahlen nicht ran. Mit 0,9% wird 2015 gerechnet.

    Also ist das eigentliche Ww negativ. Oder? Herr Löpfe weiss dass wahrscheinlich genauer. Aber für mich macht diese Politik kaum Sinn.

    Und da "der Schweizer" drei Erden brauchte, stellt sich die Frage wirklich: Haben wir zu wenig Erde, oder zu viele Menschen? (Um allen ein gutes Leben zu ermöglichen.)
    • Nick Name 03.12.2015 17:15
      Highlight Highlight Beim letzten Punkt scheint es mir wichtig, noch ein drittes "oder" in Betrachtung zu ziehen: ... oder könnte "der Schweizer" (Stv. für die grosse Mehrheit der - ich sag jetzt mal - 1. und 2. Welt) seinen Verbrauch (u.a. mittels gscheiter Technologie) so anpassen, dass es für alle reicht?

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