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Vorsicht, Politiker: Das neue Zauberwort heisst «authentisch» – und es könnte euch noch viel Ärger machen! 

Im Vereinigten Königreich hat Jeremy Corbyn gute Chancen, der neue Chef der Labour-Partei zu werden. In den USA bringt Donald Trump die Republikaner in grosse Verlegenheit. Ob links oder rechts: Authentische Politiker mischen die Etablierten auf. 



Contender for leader of Britain's Labour party Jeremy Corbyn outside his campaign headquarters in north London, Wednesday July 22, 2015.  Labour is seeking a new leader to rebuild the party after losing May's General Election to the Conservative party, and left-wing candidate Corbyn's message seems to have found strong support among party members, according to media reports Wednesday. (Stefan Rousseau / PA via AP) UNITED KINGDOM OUT - NO SALES - NO ARCHIVES

Leidenschaftlich und prinzipientreu: Jeremy Corbyn. Bild: AP PA

«‹Authentisch›: echt; den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig.» 

Duden

Vegetarier und Kauz

Bis vor kurzem war Jeremy Corbyn ein liebenswerter Hinterbänkler der britischen Labour Party. Der 66-jährige Abgeordnete aus dem Londoner Wahlkreis Islington North gilt als kauzig: Er ernährt sich vegetarisch, kauft seine Kleider auf dem Wochenmarkt und wird dafür gerne belächelt. 

«Corbyn ist sexy in der Art der Menschen, die an Prinzipien glauben.»

Wählerin der Labour-Partei

Bewundert wird er hingegen für seine Prinzipien. Corbyn hat seine Frau verlassen, weil sie die gemeinsamen Kinder auf eine Privatschule schicken wollte. Er hat sich schon in den 1980er Jahren für die Freiheit für Nelson Mandela eingesetzt, ebenso für die fälschlicherweise wegen eines Attentats verurteilten IRA-Mitglieder. Und er hat nie ein Hehl aus seinen Sympathien für die Hamas und die Hisbollah und seine Abneigung gegen die Politik der Israeli gemacht. 

500 Mal gegen die eigene Partei gestimmt

Kurz: Jeremy Corbyn ist «authentisch». Seit Jahrzehnten vertritt er die gleichen Prinzipien – höhere Steuern für Reiche, die Verstaatlichung der unter Margaret Thatcher privatisierten Eisenbahnen – und scheut sich nicht, auch gegen die eigene Partei anzutreten. Mehr als 500 Mal hat er gegen die Richtlinien der eigenen Partei gestimmt. 

Labour Party leadership candidate Jeremy Corbyn is seen speaking on the BBC's Andrew Marr Show in this photograph received via the BBC in London July 26, 2015. 
REUTERS/Jeff Overs/BBC/Handout via Reuters ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS. NO COMMERCIAL OR BOOK SALES. NO SALES. NO ARCHIVES. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS.

Hat den schönsten Bart im britischen Unterhaus: Jeremy Corbyn. Bild: HANDOUT/REUTERS

Vom Hinterbänkler hat sich Corbyn in kürzester Zeit zum Kronfavoriten für den Posten des neuen Parteichefs gewandelt. In den Umfragen unter den Labour-Mitgliedern erzielt er bei weitem die höchsten Werte, und auch die Gewerkschaften setzen auf ihn. Authentizität ist eine sehr gefragte politische Währung geworden. «Corbyn ist sexy» zitiert die «Financial Times» eine Labour-Frau. «Er ist sexy in der Art der Menschen, die an Prinzipien glauben.»

«Jeremy Corbyn wirkt leidenschaftlich. Das ist eine Lektion für uns alle in der Politik.»

Boris Johnson, Bürgermeister von London

Die Führung der Labour-Partei ist ob der neuen Popularität des authentischen Hinterbänklers entsetzt. Ein ehemaliger Vertrauter von Tony Blair erklärt unumwunden, jeder, der für Corbyn stimme, sei «ein Vollidiot». Der gemässigte Abgeordnete John Woodcock jammert, Corbyn habe «keine Hoffnung in der Hölle, um je Premierminister zu werden». 

«Es ist interessant, dass die sozialdemokratischen Parteien, welche sich der Austeritätspolitik unterwerfen, massiv an Mitgliedern und Wählern verlieren.»

Jeremy Corbyn

Die gemässigten Labour-Politiker fürchten eine Wiederholung der 1970er Jahre. Damals führten die «loony left» (durchgeknallte Linke) – Trotzkisten und militante Gewerkschafter – die Partei in eine jahrzehntelange Isolation. Erst mit Tony Blair und seinem sehr gemässigten New-Labour-Kurs gelang es 1996, wieder an die Macht zu kommen. 

Warum Corbyn den Zeitgeist trifft

Doch die Umstände sind völlig anders. Damals ging es um den Umbau der veralteten britischen Industrie. Heute steht der Kampf gegen eine neue, superreiche Elite im Vordergrund.

Corbyn trifft den linken Zeitgeist, wenn er mit Seitenblick auf die deutsche und französische Linke sagt: «Ich war in Griechenland und in Spanien. Es ist interessant, dass die sozialdemokratischen Parteien, welche sich der Austeritätspolitik unterwerfen, massiv an Mitgliedern und Wählern verlieren.» 

Selbst die Konkurrenz ist inzwischen aufgewacht. Boris Johnson, Bürgermeister von London mit Ambitionen auf das Amt des Premierministers, erklärt unumwunden: «Jeremy Corbyn wirkt leidenschaftlich und prinzipientreu. Das ist eine Lektion für uns alle in der Politik.»

Auch Donald Trump ist auf seine spezielle Art authentisch

Auf der anderen Seite des Atlantiks erteilt Donald Trump die gleiche Lektion seinen Parteifreunden. Auch er gilt als politische Witzfigur, aber auch er ist auf seine spezielle Art authentisch. Nicht zufällig führt er in allen Umfragen das Feld der republikanischen Kandidaten an. Zwar wechselt er seine Meinung wie andere Menschen ihre Unterwäsche, aber er bleibt dabei seinem Stil treu – und er ist auf niemanden angewiesen. 

FILE - In this July 30, 2015 file photo, Republican presidential candidate Donald Trump speaks to the media during a news conference on the first day of the Women's British Open golf championship on the Turnberry golf course in Turnberry, Scotland. Republican presidential candidates dismissed Trump's dominance in early primary polling, scrambling to position themselves days before their first debate. (AP Photo/Scott Heppell, File)

Braucht keine reichen Sponsoren: Donald Trump.  Bild: Scott Heppell/AP/KEYSTONE

Das hat sich gerade am vergangenen Wochenende gezeigt. Die Koch-Brüder haben die republikanischen Präsidentschaftskandidaten zu einer geheimen Versammlung – die Teilnehmerliste wird nicht bekannt gegeben – nach Kalifornien beordert. Weil die beiden Erdölmilliardäre jeweils hunderte von Millionen Dollar an erzkonservative Kandidaten verteilen, sind die meisten brav diesem Appell gefolgt. 

Vielleicht ist alles auch eine Geschichte, die von einem Idioten erzählt wird

Nicht so Donald Trump. Er ist selbst Milliardär und braucht das Geld der Koch-Brüder nicht. «Ich wünsche allen republikanischen Kandidaten, die nach Kalifornien gereist sind, um dort um Geld bei den Koch-Brüdern zu betteln, viel Erfolg», spottete er und bezeichnete sie in einem Tweet als «Marionetten». 

Ob links oder rechts – Authentizität ist derzeit hoch im Kurs. Wie viel diese Währung letztlich wert ist, wird sich weisen. Vielleicht spült sie eine neue Art von Politikern an die Spitze. 

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