Wirtschaft
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Muss Flagge zeigen: Deutschland. bild: shutterstock

Angst vor neuer Rezession

Deutschland ist Europas unverzichtbare Nation geworden

Italien lahmt, Frankreich stagniert: Europa droht wieder eine Wirtschaftskrise. Nur Deutschland kann das Unheil abwenden.



Vor rund drei Jahren äusserte der polnische Aussenminister Radoslaw Sikorski den bemerkenswerten Satz: «Ich habe weniger Angst vor deutscher Macht, als ich anfange, mich vor deutscher Inaktivität zu fürchten». Sikorskis Zitat ist heute aktueller denn je. Europas Schicksal liegt derzeit in den Händen von Berlin. 

Zur Ausgangslage: In den letzten Wochen hat sich die Situation der Weltwirtschaft spürbar verschlechtert: Die Börsen sind nervös, die Rohstoffpreise fallen, die Wachstumsprognosen werden nach unten korrigiert. Am meisten Sorgen bereitet die Lage in Europa. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in seiner jüngsten Prognose gar davor gewarnt, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls in eine Rezession in den nächsten sechs Monaten verdoppelt habe. 

«Deutschland fühlt sich von Europa ausgenutzt.»

Marcel Fratzscher

Derweil wächst die Verzweiflung der betroffenen Menschen: Junge Italiener, Spanier, Franzosen, Griechen und Portugiesen haben das Gefühl, einer «verlorenen Generation» anzugehören, einer Generation, die um ihre Zukunft betrogen wird. Nur in Deutschland ist alles anders. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, hat soeben das Buch «Die Deutschland Illusion» veröffentlicht. Er beschreibt die Stimmung wie folgt: «Das Land heute ist enorm selbstbewusst. Es fühlt sich jedoch von Europa ausgenutzt und beginnt, dem gemeinsamen Kontinent den Rücken zu kehren.» 

Die Deutschen investieren viel zu wenig

Tatsächlich hat Deutschland nach einer schweren Krise zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Krise bisher gut gemeistert und ist wieder die Wirtschaftslokomotive des alten Kontinents geworden. Die Arbeitslosenzahlen sind auf ein verträgliches Mass gefallen, der Staatshaushalt ausgeglichen. Trotz ihrer Erfolge verhalten sich die Deutschen – milde ausgedrückt – merkwürdig: Sie gleichen einem Geizkragen, der sein Haus verlottern lässt, sich in Lumpen kleidet, in einem Schrotthaufen herumfährt – und gleichzeitig Millionen im Kasino verspielt. 

Deutschland hat dank seinen Exporterfolgen Milliarden im Ausland verdient. Trotzdem verlottert die Infrastruktur, ebenso wird zu wenig in Bildung investiert. «Dies bedeutet, dass Deutschland mit den hohen Ersparnissen und niedrigen Investitionen auf den heutigen Wohlstand verzichtet», stellt Fratzscher fest.  

«Deutsche Unternehmen und Privatpersonen haben seit 1999 knapp 400 Milliarden Euro oder 17 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zunichte gemacht.» 

Marcel Fratzscher

Schlimmer noch: Ob US-Subprimekrise oder europäische Staatsanleihen – stets haben deutsche Investoren massig Geld verbrannt. «Deutschland hat in den vergangenen 20 Jahren gesamtwirtschaftlich grosse Teile seines Vermögens verloren», schreibt Fratzscher. «Deutsche Unternehmen und Privatpersonen haben seit 1999 knapp 400 Milliarden Euro oder 17 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zunichte gemacht.» 

Wegen seiner Exporterfolge ist Deutschland in die Kritik geraten. Damit werde die Wirtschaft der anderen Euroländer platt gewalzt, heisst es. Doch streng genommen sind nicht die Exporte das Problem, sondern die Exportüberschüsse. «In Wirklichkeit sind nicht die deutschen Exporte zu hoch, sondern die deutschen Importe zu niedrig», stellt Fratzscher klar. «Kein Industrieland in der Welt spart so viel und investiert so wenig wie Deutschland. Und es gibt keinen guten Grund dafür.» 

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Das Auto ist Symbol für den deutschen Exporterfolg. bild: Shutterstock

Die deutsche Wirtschaft stellt heute rund einen Drittel des europäischen Bruttoinlandprodukts (BIP) und etwa vier Prozent des globalen BIP her. Würde Deutschland einen Teil des damit erwirtschafteten Reichtums für dringend notwendige Investitionen im eigenen Land verwenden, dann könnte das der europäischen Wirtschaft endlich den notwendigen Schub verleihen, um der jahrelangen Stagnation zu entkommen. Politiker, IWF, Zentralbanker – alle flehen Berlin an, dies endlich auch zu tun. Bisher vergeblich. 

Den deutschen Ökonomen geht es ums Prinzip

Deutschland ist zwar stolz auf seine wiedergewonnene Wirtschaftspotenz, aber ebenso stur, wenn es um seine Wirtschaftspolitik geht. Bei den deutschen Ökonomen geht es nicht um den Nutzen, sondern ums Prinzip. Bestes Beispiel ist die offene Feindschaft des konservativen Lagers gegenüber der EZB. Obwohl Mario Draghi mit seiner Politik zwei Jahre lang für Ruhe gesorgt hat, haben deutsche Wirtschaftsprofessoren beim Verfassungsgericht Klage gegen seine Geldpolitik eingereicht. 

Generell wächst in Deutschland die Feindschaft gegen Brüssel und das Misstrauen gegenüber dem Euro. Das ist doppelt absurd. Niemand hat mehr von der Einheitswährung profitiert als die deutsche Wirtschaft, und niemanden würde ein Kollaps des Euro härter treffen als die Deutschen. «Das Resultat einer wirtschaftlichen Desintegration wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit eine lange, tiefe Depression in ganz Europa, Deutschland eingeschlossen», erklärt Fratzscher. Auch die Schweiz würde davon nicht verschont werden, bleibt hinzuzufügen. 

«Das Resultat einer wirtschaftlichen Desintegration wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit eine lange, tiefe Depression in ganz Europa.» 

Marcel Fratzscher

Bisher haben es die Deutschen jedoch vorgezogen, in einer Opferrolle zu verharren. Alle wollen unser Geld, wird zwischen Nordsee und den Alpen Bayerns gejammert. Anstatt ihrer Verantwortung als bei weitem wichtigste Wirtschaftsmacht Europas gerecht zu werden und die damit verbundene Führungsrolle zu übernehmen, verschliessen die Deutschen deshalb ihre Tresore und hoffen, dass es irgendwie trotzdem klappen wird. Eine Fehleinschätzung. «Sollte der Status quo erhalten werden, wäre eine wirtschaftliche Stagnation der Eurozone innerhalb des nächsten Jahrzehnts wahrscheinlich», stellt Fratzscher klar. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Querkopf 11.10.2014 09:48
    Highlight Highlight Bis heute haben es weder Frankreich noch Italien geschafft, notwendige und überfällige Reformen durchzuführen. Die Regierungen dieser Länder haben grösste Angst vor Volksaufständen und die Parteien sind korrupt bis ins Mark. Es ist aber abzusehen, dass, wenn nichts reformiert wird, die Wirtschaft noch mehr den Bach runter geht und Nationalismus und Sozialismus, dies kombiniert, für viele Bürger ein Ausweg zu sein scheint. Die Misere in Europa haben nicht die Deutschen verursacht und die Deutschen allein können den Kontinent nicht (mehr) retten.
    • Oberon 12.10.2014 06:18
      Highlight Highlight So sehe ich das auch.

      Man sollte auch bedenken das die ca. 40 Mia der Ausfuhr nach Deutschland ein wichtiger Indikator für unsere Wirtschaft bedeuten. Dies sind immerhin fast 20% unseres gesamten Exportvolumens.

      Es wird jedoch nötig sein das die deutsche Regierung langsam den Binnenmarkt stärkt und dies geht am schnellsten wenn der Bürger ein grösseres Nettoeinkommen hat. Somit wird der druck auch etwas von den anderen Ländern genommen.

      Was jedoch nicht heisst das diese Länder ihre Reformen nicht anpacken müssen. Die nächsten Kriesen werden wohl Italien und Frankreich erleben, abgesehen davon das Spanien schon am Tropf hängt.
  • syknows 10.10.2014 23:25
    Highlight Highlight Der Schuldenberg Griechenlands betrug 2010 knapp 150% des BIP, 2013 waren es über 175%. Trotzdem hören wir von der EZB, dass sich die Situation verbessert hat. Die Griechen werden es nicht aus diesem Schuldensumpf schaffen, solange sie für jeden Euro, den sie von Draghi bekommen, anderthalb zurückzahlen müssen. Ebenso werden die Portugiesen und die Italiener, die Spanier sowie die "EU-Volk einfügen" dazu nicht in der Lage sein. Das jetztige System kann nur dazu führen, dass am Ende nur noch Deutschland als Geldgeber dasteht, wobei es selbst beinahe an Zinseszinsen zu ersticken droht. Die Kriese hat man lediglich in die Zukunft verschoben und es wird aktuell fleissig dafür gesorgt, dass sie noch heftiger ausfallen wird.
  • 7immi 10.10.2014 20:22
    Highlight Highlight diese vormachtstellung deutschlands sieht man auch bei gesetzen, so zb. bei der Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung, bei welcher, auf druck deutschlands (wegen den schweren wagen von bmw, mercedes, audi, …) auch das gewicht mit eingerechnet wird. so ist nach deren rechnung ein leopard II panzer gleich energieeffizient wie ein VW Golf 1.4 …
    • Oberon 12.10.2014 05:53
      Highlight Highlight Aber dann lieber den Leo. ;)
  • MediaEye 10.10.2014 20:12
    Highlight Highlight Nach Durchlesen dieses Artikels komme ich aber zu einem ganz anderen Fazit; nämlich genau zum Gegenteil!
    Europa wäre es mehr gedient, wenn Deutschland weiter auf die Bremse steht, sich von der BRD abzukoppeln und diese zum Austritt vom Euro aufzufordern!
    Ansonsten wird auch die EU an die Wand gefahren, was im heutigen Zustand wohl gar nicht so schlimm wäre
    • christianlaurin 10.10.2014 20:39
      Highlight Highlight Und genau diese Einstellung hat den Great Depression ausgelöst. Sparen und Geiz ist geil funktioniert nur zum Teil. Würde jeder so denken dann hätte Deutschland keine Exporte. Geld ist nicht da um zu sparen sondern um eine Wirtschaft im Gang zu halten. Ich sage nicht geb alles aus. Es muss eine gesunde Mischung sein, und in Deutschland ist es nicht gesund.

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