Wirtschaft
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Griechenland als «failed state»: Ein Schrecken wie in der «Mad Max»-Welt.  Bild: EPA/ANA-MPA

Der amerikanische Albtraum: Griechenland wird ein «failed state» 

US-Präsident Barack Obama beschwört Angela Merkel, einen Grexit zu verhindern. Das NATO-Mitglied Griechenland ist im Begriff, ein unregierbarer Staat zu werden.

01.07.15, 14:17 02.07.15, 19:44


Griechenland sei Europas künftiger «failed state», warnte Lawrence Summers, der ehemalige US-Finanzminister und Harvard-Rektor, kürzlich in der «Financial Times». Jetzt ist es de facto so weit: Griechenland hat die Zahlung an den Internationalen Währungsfonds (IWF) eingestellt und ist damit Mitglied eines gruseligen Clubs geworden: Nur Zimbabwe, Sudan und Somalia haben bisher ihre Schulden beim IWF nicht beglichen.

epa04825946 Pensioners who do not own an ATM card line up to enter a bank branch to withdraw part of their pension as a result of capital controls imposed by the Greek government, in Athens, Greece, 01 July 2015. The Greek government on 30 June presented a last-minute proposal for a two-year agreement with the European Stability Mechanism (ESM) to fully cover its financing needs, combined with debt restructuring. 'From the first we made clear that the decision to call a referendum was not the end but the continuation of a negotiation seeking better terms for the Greek people,' an announcement from the office of Prime Minister Alexis Tsipras said.  EPA/ORESTIS PANAGIOTOU

Chaos vor einem Bankomaten in Athen. Bild: EPA/ANA-MPA

Ein «failed state», das bedeutet den Zusammenbruch der Zivilgesellschaft. Bankensystem, Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung und die Polizei stellen ihre Arbeit ein. Es ist auch denkbar, dass die Sieger dieser «Mad Max»-Welt die offen faschistische «Goldene Morgendämmerung»-Bewegung sein wird.

«Die Griechenland-Frage ist sehr wichtig. Ich habe mit meinen europäischen Amtskollegen gesprochen und sie aufgefordert, eine Lösung zu finden.»

US-Präsident Barack Obama

Selbst wenn es sich vorläufig nur um einen Zahlungsaufschub handelt, die symbolische Wirkung ist bereits jetzt dramatisch. Griechenland hat Mühe, Medikamente und Treibstoff zu importieren. Die geopolitischen Konsequenzen sind unabsehbar. Die Türe für Immigranten und Terroristen würde weit offen stehen. 

US-Ökonomen unterstützen Tsipras

Dieses Szenario hat auch das Weisse Haus aufgeschreckt. Gestern erklärte Präsident Barack Obama: «Die Griechenland-Frage ist sehr wichtig. Ich habe mit meinen europäischen Amtskollegen gesprochen und sie aufgefordert, eine Lösung zu finden.» 

Die Amerikaner fürchten beides, wirtschaftliches und politisches Chaos. Verschiedene hochrangige US-Ökonomen – darunter Joseph Stiglitz, Paul Krugman, Jeffrey Sachs und Barry Eichengreen – haben deshalb ebenfalls Appelle an die EU gerichtet und sie aufgefordert, einem Schuldenschnitt zuzustimmen. 

Ein Grexit würde zu Spannungen innerhalb der NATO führen

Sicherheitspolitisch steht ebenfalls viel auf dem Spiel. Griechenland ist NATO-Mitglied. Ein Grexit würde auch innerhalb des Militärbündnisses grosse Spannungen bewirken. Angesichts der nach wie vor ungelösten Krise in der Ukraine und der Erfolge des IS im Nahen Osten ein Albtraum. 

epa04824065 Lawrence H. Summers, ex Worldbank economic chairman, delivers a speech on the international financial problems during the Swiss International Finance Forum (SIFF), in Bern, Switzerland, 29 June 2015. The SIFF conference brings together decision-makers in politics and business, in the financial sector, at central banks and at supervisory authorities.  EPA/LUKAS LEHMANN

Lawrence Summers warnt vor einer Wiederholung der Fehler vor dem Ersten Weltkrieg. Bild: EPA/KEYSTONE

Die Situation in Griechenland verschärft sich derweil täglich. Der Beschluss der Europäischen Zentralbank, die Notkredite einzufrieren, kann dazu führen, dass bereits in den nächsten Tagen die vier grössten griechischen Banken zusammenkrachen könnten. Die Schlangen vor den Bankomaten werden deshalb immer länger, die Stimmung unter der Bevölkerung immer verzweifelter. 

Wie vor 100 Jahren?

Lawrence Summers zieht in seinem Artikel eine geschichtliche Parallel: «Historiker verstehen zwar, wie der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist, aber selbst nach 100 Jahren können sie nicht nachvollziehen, weshalb man das je zugelassen hat. Finanz-Historiker werden sich vielleicht dereinst ebenfalls wundern, wie Europa das Auseinanderbrechen seines Finanzsystems zugelassen hat.» 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • Don Huber 02.07.2015 07:04
    Highlight Vor der EU war alles ok. Die EU frass Griechenland leer wie ein Virus. Und jetzt wird alles verdreht, dass die Griechen selber schuld sind. EU muss aufgelöst und eliminiert werden.
    9 15 Melden
    • JayPi 02.07.2015 14:07
      Highlight Man die ständigen Kriege früher waren halt schon voll geil.
      15 3 Melden
  • elivi 01.07.2015 19:27
    Highlight Also der vergleich mit mad max is bisl weit hergeholt. Und sollen doch die amis die 300mrd kredit geben.
    Den grichen schulden erlassen? Kann man, hilft es? Naja das land scheint irgendwie nicht gewillt zu sein, ihre bisherige auf pump leben abzulegen also wohl eher nein.
    12 20 Melden
  • stadtzuercher 01.07.2015 18:29
    Highlight ein failed state, aber trotzdem fliessen monatlich milliarden zum 'amerikanischen' iwf.
    9 9 Melden
  • Jarl Ivan 01.07.2015 18:07
    Highlight Mann könnte Ihnen die Schulden auch löschen. Nach den 2 WK hat man Deutschland den grössten Teil seiner Schulden befreit. Denn Hand aufs Herz diese 300Mia.€ ist nur irgend eine Zahl in einem Computer.
    Oder haben diese Planschbeckenschwimmer das Gefühl nur Geld in Banken zu Pumpen beende dieses übel. Ja ich habe nur 9 Jahre Schule und einen Handwerksberuf geleernt. Doch scheint mir dies am einfachsten, die Wirtschaft braucht hilfe und nicht die Banken. Produziert in Griechenland und nicht in China kann ja wohl kaum teurer sein.
    Werde gerne eines besseren belernt.
    26 10 Melden
    • elivi 01.07.2015 19:37
      Highlight Geld ins finanzystem pumpen ist ein mittel um die konjunktur anzukurbeln. Der Finanzmarkt ist mit dem Gütermarkt gekoppelt, sprich kriegen banken geld (also ned direkt, über nationalbank und so) können diese kredite an firmen gewähren. Die firmen investieren um produktion zu steigern, mehr produktion heisst mehr leute einstellen und die arbeitslosigkeit sinkt.
      Das besagt die theorie in volkswirtschaft basis kurs. Ich nehm mal an bei den grichen ist es etwas komplizierter mit der korruption und mangelnde wirtschaftskraft....
      8 9 Melden
    • Louie König 02.07.2015 15:01
      Highlight Vorallem hätte Griechenland jetzt eigentlich Investitionen tätigen sollen. Also vor längerer Zeit. Also so habe ich das noch im Kopf aus der Volkswirtschaft... Antizyklisches Agieren undso..
      2 0 Melden
  • Max Heiri 01.07.2015 15:20
    Highlight Ich bewundere die Griechen, dass noch kein Chaos und zivile Unruhe herrscht. Mein grosser Respekt und weiter so. Chaos bringt niemandem was.
    18 0 Melden
  • Thomas Binder 01.07.2015 15:19
    Highlight Fast jeder "failed state" war von den USA ausserhalb von Ethik und Recht eigeninteressiert kalkuliert herbeigebombt worden, auch um Europa zu schwächen und dieses mit Kriegsflüchtlingen zu beschäftigen. Der einzige Grund für das Eigeninteresse der USA an Griechenland ist die nun drohende Lücke in der NATO-Südostflanke.
    19 9 Melden
    • najo 07.09.2016 04:54
      Highlight Und das Interesse der Gasförderung im Mittelmeer für US-Firmen.
      0 0 Melden
  • Wilhelm Dingo 01.07.2015 14:39
    Highlight Angenommen Griechenland würden die knapp 300 Mia EUR Schulden erlassen. Würde es danach besser?
    19 16 Melden
    • Asmodeus 01.07.2015 15:20
      Highlight Man müsste die Schulden ja nicht einmal erlassen. Man könnte sie auch einfach nur einfrieren bis sich Griechenland erholt hat und es langsam ohne Zinsen abbezahlen kann.

      Was Griechenland braucht ist eine funktionierende Binnenwirtschaft. Die Menschen müssen Geld haben um einzukaufen und das Vertrauen in die Regierung/EU, dass sie auch nächste Woche noch Geld haben.

      Dann kann sich die Wirtschaft erholen. Dann werden Steuern bezahlt. Dann kann Griechenland die Schulden abstottern.

      Aktuell erwartet die EU von Griechenland, dass sie im Lotto gewinnen verbietet aber das Lotto spielen.
      14 1 Melden
    • Triumvir 01.07.2015 16:01
      Highlight Verbunden mit einer Art Marschall-Plan wie damals bei den Deutschen denke ich schon. Hätte man nämlich die Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg bluten lassen, wie damals nach dem ersten Weltkrieg, dann wer weiss, was passiert wäre.... Deshalb braucht es jetzt zumindest einen Schuldenschnitt.
      15 2 Melden
    • droelfmalbumst 01.07.2015 16:04
      Highlight mhh nö
      4 7 Melden
    • Timmy :D 01.07.2015 16:04
      Highlight Solange deren System mit den Renten, Steuern und Co nicht massiv überarbeitet wird, wäre es nur eine hinauszögerung des Bankrotts
      10 1 Melden
    • Likos 01.07.2015 16:23
      Highlight Erstmal würde der enorme Zinsdruck wegfallen, was sehr hilfreich für die Griechen ist.
      Aber ihr Rating wär weiterhin beschissen und sie hätten bei neuen Krediten sehr miese Konditionen und schnell wären wir wieder am Anfang.
      Nebst einem Schuldenerlass müsste man also gleichzeitig zu günstigen Konditionen in die Griechen investieren. Darauf können wir aber noch lange warten... Die Griechen sind nun so oder so am Arsch, egal ob Ja oder Nein, ist alles nur noch Prinzipienreiterei.
      3 0 Melden
    • Der Tom 01.07.2015 17:55
      Highlight Das ist momentan völlig EGAL! Der Staat muss funktionieren sonst geht gar nichts mehr. Die Regierung wehrt sich gegen die EU Monster. Das schafft schon mal ein wenig Vertrauen im Volk. Jetzt muss die EU helfen sonst droht ein Massenexodus usw...
      3 2 Melden
    • Matthias Studer 01.07.2015 18:13
      Highlight Ja, Zinsen fallen weg.
      3 0 Melden
    • elivi 01.07.2015 19:43
      Highlight Wenn man davon ausgehen kann die wirtschaft erholt sich .... aber ich glaube ja nicht mal dran das alle dort auch brav ihre steuern zahlen. Nicht nach diesem debakel hier.
      Und der vergleich mit deutschland nach WK2, die schulden waren vorallem kriegs schulden und nicht durch ein fail der wirtschaft/politik entstanden.
      3 1 Melden
  • The Writer Formerly Known as Peter 01.07.2015 14:25
    Highlight Hmm na ja, so weitermachen wie bisher scheint auch keine Lösung zu sein. Vielleicht sollte sich Griechenland in dieser Zeit wieder auf eigene Stärken besinnen. Mehr Produkte aus dem Inland beziehen, weniger aus dem Ausland. Deshalb ist die geregelte Einführung der Drachme eigentlich keine dumme Idee. Die Spannungen mit der Türkei nehmen auch ab. Vielleicht sollte man deshalb verstärkt mit dem Nachbarn zusammenarbeiten und Allianzen bilden?
    27 4 Melden

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