Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
WASHINGTON, DC - DECEMBER 16:  Federal Reserve Bank Chair Janet Yellen holds a news conference where she announced that the Fed will raise its benchmark interest rate for the first time since 2008 at the bank's Wilson Conference Center December 16, 2015 in Washington, DC. With unemployment at 5-percent and the economy showing signs of strength, the Fed raised the interest rate a quarter of a percentage point and many experts believe the interest rate on short-term loans could go as high as one percent by the end of 2016.  (Photo by Chip Somodevilla/Getty Images)

Fed-Chefin Janet Yellen bei ihrer Ansprache.
Bild: Getty Images North America

Was bedeutet die US-Zinswende? – Die drei wichtigsten Fragen und Antworten

Das am schlechtesten gehütete Geheimnis des Monats ist gelüftet: Die US-Notenbank erhöht den Leitzins, Fed-Chefin Yellen spricht vom Ende einer «ausserordentlichen Periode». Ja, das stimmt – doch von Normalität kann noch längst keine Rede sein. Die Analyse.

Marc Pitzke / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Ein Satz bewegt die Welt. «Der Offenmarktausschuss der Federal Reserve Bank», sagt Janet Yellen, «hat beschlossen, den Leitzins zu erhöhen.»

Es ist der allererste Satz, den die US-Notenbankchefin ausspricht, als sie sich in Washington vor die Kameras setzt. Und für viele ist es der einzige Satz, der zählt: Endlich ist sie da, die lange erwartete US-Zinswende.

Die jüngste Banker-Generation, an der Wall Street wie anderswo, kennt die «Zeit davor» schon gar nicht mehr. Seit Dezember 2008 lag der US-Leitzins bei Null- oder, um exakt zu sein: zwischen 0 und 0,25 Prozent. Zuletzt erhöht hatte die Fed die Zinsen vor fast zehn Jahren. Die Umkehr bedeutet zunächst zwar nur eine minimale Erhöhung (auf eine Spanne zwischen 0,25 und 0,50 Prozent) – doch Reaktionen kommen bereits aus aller Welt, die Folgen sind bereits zu spüren.

«Die Zinsanhebung markiert das offizielle Ende der globalen Finanzkrise für die USA und bildet den Auftakt zu einer Normalisierung der amerikanischen Geldpolitik», freut sich David Folkerts-Landau, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Sie sei «längst überfällig» gewesen.

Dabei war es das am schlechtesten gehütete Geheimnis des Monats. Schon Anfang Dezember deutete Yellen vor dem US-Kongress an, in erfrischend verständlicher Sprache übrigens, dass sich die Konjunktur nunmehr soweit gefangen habe, um ohne Stützräder fahren zu können.

«Die Zinsanhebung markiert das offizielle Ende der globalen Finanzkrise für die USA und bildet den Auftakt zu einer Normalisierung der amerikanischen Geldpolitik.»

David Folkerts-Landau

Wie funktionierte die Nullzinspolitik der Fed?

Damit endet nicht nur die Ära der Nullzinsen. Sondern auch eine «ausserordentliche Periode», wie es Yellen formuliert, in der sich die US-Notenbank gezwungen sah, ein verzweifeltes, bis dahin unerprobtes Experiment zu riskieren: Um die Weltwirtschaft aus dem Morast zu ziehen, pumpte sie Billigdollars ins globale Geldgebläse.

Mit durchwachsenen Resultaten: Weder führte das Wagnis zum endgültigen Kollaps, wie Kritiker orakelt hatten, noch zum erhofften Instant-Boom. Stattdessen erholte sich die US-Konjunktur nur hüstelnd, und die Fed, erst unter Ben Bernanke, dann unter Janet Yellen, erkannte die Grenzen ihrer Macht – und ihrer Glaubwürdigkeit.

Erstmals sah sie sich mit einem völlig ungewohnten Phänomen konfrontiert: Ohnmacht. Es war eine historische Sinnkrise für die Herren und die paar Damen von der US-Notenbank. «Eine Phase grosser Ungewissheit und Unsicherheit für die Fed», gab Yellens Vorgänger Bernanke im «Wall Street Journal» zu.

Weshalb es nun doch nicht nur auf die reine Nachricht ankam, diesen einen, ersten Satz – sondern auf die Details: Wie genau würde die Zentralbank den delikaten Umschwung bewerkstelligen? Schliesslich stecken hinter dem Schlagwort «Zinserhöhung» enorm komplexe und in diesem Fall ebenfalls noch unerprobte Mechanismen. (Hier finden Sie die Hintergründe, wie Zinsen sich auf die Wirtschaft auswirken.)

Wie macht die Fed ihre Geldpolitik?

Normalerweise steuert die Fed die Zinsen, indem sie selbst über ihren Tradingdesk Schatzpapiere an- und verkauft. Doch das allein reicht nun nicht mehr, es könnte das nervöse System sogar aus dem Lot bringen. Stattdessen manipuliert die Fed die Leitzinsen diesmal lieber auch über den Preis, den sie den Banken für ihre Reserven berechnet – quasi eine gedämpfte Zinserhöhung durch die Hintertür.

Diesen Schongang offenbart auch das Statement, das die Fed dem mit Spannung erwarteten Auftritt Yellens voranschickt. Mit bemühtem Vokabular erklärt sie sich darin – und warnt, dass man weiter bremsen werde: Die Lage rechtfertigte erst mal «eine nur graduelle Anhebung». Yellen spricht von einer «bescheidenen», bewusst nicht «abrupten» Intervention: Langfristig würden die Zinsen künstlich niedrig bleiben.

Wie wirkt sich die neue Fed-Entscheidung aus?

«Der wirtschaftliche Aufschwung ist weit gekommen», sagt Yellen – doch sie fügt sofort hinzu: «Er ist weit davon entfernt, vollbracht zu sein.» Sie nennt den US-Arbeitsmarkt, der ein «anhaltenes Wachstum» immer noch vermissen lasse, trotz annähernder Vollbeschäftigung. Anderswo gehe es besser voran, etwa in der Kfz-Branche: «Mit schrittweisen Anpassungen wird die wirtschaftliche Aktivität in moderatem Mass wachsen.» Sprich: So schnell werden die Zinsen nicht weiter ansteigen.

Schulden und Kredite werden theoretisch teurer. Für die Banken und – wenn auch nicht ganz so automatisch – für deren Kunden, auf die sie die Kosten abwälzen.

Was heisst das nun in der Praxis? Schulden und Kredite werden theoretisch teurer. Für die Banken und – wenn auch nicht ganz so automatisch – für deren Kunden, auf die sie die Kosten abwälzen. Die dürften das aber frühestens Ende nächsten Jahres zu spüren bekommen, zum Beispiel bei Kreditkarten, Hypotheken, Autokrediten.

Weitreichender sind die globalen Folgen. Das US-Billiggeld führte ja auch dazu, dass sich vor allem Schwellenländer immer höher verschuldeten. Diese Rechnung wird nun schmerzhaft fällig werden.

Noch etwas droht: Bei ihrer Pressekonferenz beziffert Yellen die Chancen eines neuen, «unerwarteten Schocks» für die Konjunktur und, schlimmstenfalls, einer «neuen Rezession» auf «zehn Prozent». Kein Wunder, dass mehr als die Hälfte der Ökonomen, die das Wall Street Journal befragte, eine Prognose wagten: Spätestens in fünf Jahren würden die Zinsen wieder auf Null sein.

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Linksautonome Schweizer marschierten an «Gilets-jaunes»-Protesten mit

Unter die «gilets jaunes» in Paris mischten sich am Samstag auch Mitglieder der linksradikalen «Revolutionären Jugend». Sie wollten Solidarität bekunden, «Erfahrungen in Strassenkämpfen» sammeln und «untersuchen, inwiefern sich Rechtsextreme an den Protesten beteiligen.»

Proteste der «Gelbwesten» mit Krawallen und Ausschreitungen haben Frankreich an diesem Wochenende erneut in Atem gehalten. Unter die Demonstranten mischten sich anscheinend auch Schweizer Linksautonome.

Mitglieder der Revolutionären Jugend Bern schreiben auf Facebook, sie hätten sich in Paris ein Bild der Bewegung machen können, das «sehr positiv und motivierend» ausfalle. Darunter publizieren sie ein Foto eines brennenden Autos. 

Auch die Zürcher Sektion der Bewegung berichtet von …

Artikel lesen
Link to Article