Wirtschaft
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Den dreidimensionalen Superstädten gehört die Zukunft. bild: shutterstock

Stadt der Zukunft: «Luxus-Wolkenkratzer führen zu sozialer Säuberung»

Der britische Städte-Professor Stephen Graham erklärt, weshalb Lifte zu öffentlichen Verkehrsmittel erklärt werden müssten. Und warum Superreiche zur Gefahr für die Vitalität der modernen Städte werden.



Selbstgelenkte Autos, Drohnen und Smart Cities – das sind die Schlagwörter der Stadt der Zukunft. Sie sprechen von Rolltreppen und Liften. Weshalb?
Städte entwickeln sich dreidimensional und vertikal, will heissen, was hoch oben und tief unten geschieht, wird immer wichtiger. Deshalb ist es so wichtig, wie wir nach oben oder nach unten gelangen. 

«Der Lift wird überlebensnotwendig.»

Was ist typisch für vertikale Städte?
Dass alles aufeinander geschichtet wird. Die ganze Logistik von Containerhäfen beispielsweise wird zunehmend vertikal.  

Sie schlagen vor, wir sollten Lifte als Teil des öffentlichen Verkehrs betrachten.
Wenn die Häuser immer höher werden, verbringen wir immer mehr Zeit in Liften. Der Lift wird zu einem entscheidenden Hilfsmittel, damit die Menschen überhaupt noch am Leben teilnehmen können. Überspitzt könnte man sagen: Der Lift wird überlebensnotwendig.

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Stephen Graham bei seinem Referat am GDI in Rüeschlikon. bild: GDI

Das ist ganz nett, wenn Sie in einem der neuen Luxus-Hochhäuser wohnen.
Ja, dann stehen Ihnen modernste Lifte von hervorragender Qualität zur Verfügung. In vielen Hochhäusern mit Sozialwohnungen hingegen wird das ein ernsthaftes Problem. Oft sind die Lifte monatelang kaputt. In den Vororten von Paris beispielsweise gibt es bereits Gepäckträger, die alten Menschen Lebensmittel die Treppen herauftragen müssen.

Wohnt man heute hoch über dem Boden, weil man superreich ist? Heute kosten in Städten wie Zürich, New York oder London Appartements zweistellige Millionenbeträge. 
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Architekten wie Le Corbusier begonnen, den Wohnraum möglichst weit von der Strasse zu entfernen. Die Strasse galt als schmutzig und gefährlich. Man wollte die Menschen möglichst nahe an die Sonne bringen. Heute haben Stararchitekten dieses Konzept für die Superreichen entdeckt.  

«Zuviele Superreiche in einer Stadt würgen die Kreativität ab.»

Was sind die Folgen?
In Städten wie London, Vancouver und New York werden massenhaft neue Luxus-Hochhäuser gebaut. Viele dieser Luxuswohnungen sind Spekulationsobjekte geworden und stehen die meiste Zeit leer. Das ist verheerend. Diese Gentrifizierung vertreibt die mittelständischen Familien aus den Städten, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können. Gerade nützliche Berufe wie Krankenschwestern, Polizisten und Feuerwehrmänner weichen in die Agglomeration aus. Auch Künstler können sich diese Städte nicht mehr leisten. Kurz: Das Leben wird aus diesen Städten vertrieben.  

Der bekannte Wirtschaftsgeograf Richard Florida schwärmt von der neuen Kreativität in den Städten. Was halten Sie davon?
Wir erkennen zunehmend, dass zu viele Superreiche in einer Stadt die Kreativität abwürgen. Normale Menschen können heute etwa in London de facto nicht mehr leben. Das gleiche Problem zeichnet sich in San Francisco ab. Die neuen Luxus-Hochhäuser werden oft auf dem gleichen Boden errichtet, auf dem vorher die Sozialwohnungen gestanden haben. In Anlehnung an «ethnische Säuberung» spricht man deshalb bereits von «sozialer Säuberung» in diesen Städten. In Vancouver hat es Tausende von Luxus-Appartements, in denen nachts nicht einmal das Licht brennt. Dabei ist die kanadische Wirtschaft derzeit keineswegs in Hochform.

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Schön, aber bald unbezahlbar: Vancouver. bild: shutterstock

Wie kann man Ihre vertikale, dreidimensionale Stadt der Zukunft sozial verträglich gestalten?
Der Staat muss eine zentrale Rolle spielen. Der Mythos, dass der Markt es richten wird, ist Unsinn. Die Spekulation muss reguliert und der Boden kontrolliert werden. Nur so kann eine sozial verträgliche Wohnkultur in den Städten gedeihen. Die technischen Voraussetzungen und das Knowhow dazu haben wir.

Zürich ist eine sehr reiche Stadt. Doch gleichzeitig sind rund ein Drittel der Wohnungen im Besitz von Genossenschaften oder der öffentlichen Hand. Ist das der richtige Weg?
Das ist ausgezeichnet. Diese Tradition muss unbedingt erhalten bleiben, aber gleichzeitig müssen die Immobilien stets auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden.

«In vielen Städten Europas ist es viel zu gefährlich, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein.»

Was ist mit Wohneigentum? Dank den tiefen Hypothekarzinsen ist heute eine Eigentumswohnung oft billiger als eine Mietwohnung.
Wohneigentum wird für die Mehrheit der Menschen keine Option sein, obwohl es aus politischen Gründen in den letzten Jahrzehnten zu einer Obsession geworden ist. Wir müssen uns jedoch damit abfinden, dass wir eine Gesellschaft von Mietern werden. Auch gut verdienende Mittelständler können sich beispielsweise in London keine Wohnung mehr kaufen.

Wie halten Sie es mit dem Urban-Gardening-Trend?
Die Städte befinden sich in einer ökologischen Krise. In Indien und in China sterben jährlich Millionen von Menschen, weil die Luft so verpestet ist. Deshalb muss Urban Gardening ein integraler Bestandteil der Städte werden. Auch in Europa ist die Luftverschmutzung ein Killer, vor allem wegen den Dieselmotoren. Wir brauchen daher eine radikale Revolution im Transportwesen.

Denken Sie an selbstgelenkte Elektroautos?
Ich denke vor allem an das altmodische Velo. In vielen Städten Europas ist es viel zu gefährlich, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein.

epa04538516 An undated artistic sketch handout picture released by Google on 23 December 2014 shows a prototype of a self-driving car. Google unveiled its first 'fully functional' self-driving car on 22 December 2014, the company said. 'Today we're unwrapping the best holiday gift we could've imagined: the first real build of our self-driving vehicle prototype,' the statement on the company's Google Plus social media site said. Google announced in May 2014 it would develop its own self-driving vehicles, which would use an array of sensors and computers to navigate streets without a driver at the controls.  EPA/Google  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Dem Google-Auto gehört die Zukunft nicht. Bild: EPA Google

In Zürich beispielsweise gibt es mehr Unfälle mit Velos als mit Autos.
Ich finde das absurd. Das Velo verbrennt kein Benzin oder Diesel. Wir müssen nicht Milliarden an dubiose Ölscheiche oder Oligarchen abliefern. Velofahren macht physisch und psychisch fit, bekämpft Fettleibigkeit und Depressionen. Deshalb brauchen wir weder Drohnen noch selbstgelenkte Autos. Das Velo ist die beste Lösung. Wenn wir die Autos aus der Stadt verbannen, dann haben wir genügend Raum, um sie grün zu gestalten.

Was ist mit Trams und Untergrundbahnen?
Die werden wir weiterhin brauchen. Selbst in Amsterdam oder Kopenhagen sind nicht alle Menschen mit dem Fahrrad unterwegs.  

Wie wollen Sie Arbeiten und Wohnen in Ihrer vertikalen Stadt unter einen Hut bringen?
Die Wirtschaft wird zunehmend digital, es gibt immer weniger dreckige Fabriken. Deshalb wird es auch immer weniger nötig sein, Arbeiten und Wohnen zu trennen. Wir können somit die Nachbarschaften attraktiver gestalten. Das bedeutet nicht, dass wir nicht auch weiterhin zentrale Orte brauchen werden, Universitäten beispielsweise, oder Konferenzzentren.

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Modern und bezahlbar: Genossenschaftswohnungen in Zürich.

Der neue Gegensatz ist nicht nur reich gegen arm, sondern auch Stadt gegen Land. Wie kann dieser Graben überwunden werden?
Es gibt eine anti-kosmopolitische, rechtspopulistische Bewegung. Für sie gelten Städte als unpatriotisch, als Fremdkörper in der Nation, als multikulturelle, sexuell anrüchige Sündenpfuhle. Die traditionelle Arbeiterbewegung ist in den Städten zusammengebrochen. Das Resultat ist Fremden- und Frauenfeindlichkeit. Wir müssen diesen Gemeinschaften wieder eine wirtschaftliche Zukunft in den Städten ermöglichen. Das ist eine gewaltige Herausforderung.

Smart Cities

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    Alle Leser-Kommentare
  • Marchesin 22.03.2017 14:03
    Highlight Highlight schön das er alle problem aufzählt aber nicht explizit wie man sie lösen kann
  • Hans Oberlander 19.03.2017 05:54
    Highlight Highlight Interessantes Interview, Herr Löpfe. Danke dafür! Finde Stadtentwicklung ein hochspannendes Thema. Dürfte gerne mehr in die Tiefe gehen, hier wird eher an der Oberfläche gekratzt. :)
  • Zeit_Genosse 18.03.2017 16:50
    Highlight Highlight Erster Gedanke: Elysium
    https://en.m.wikipedia.org/wiki/Elysium_(film)
    Hightech-Gesellschaft in intelligenten Vertikalgebäuden vs. Unterschicht in verlotterten Altbauten.
    Zweier Gedanke: Schindler
    Die Schweizer Lift-/Beförderungsfirma ist bei der Entwicklung mit dabei = Arbeitsplätze (leider wenige in der Schweiz)
    Dritter Gedanke:
    Wieso baut die Schweiz mit ihrem teuren und knappen Boden nicht mehr hohe Vertikalgebäude.
    Vierter Gedanke:
    E-Bike und E-Verkehrsmittel aller Art setzen sich in den Städten durch. Velos profitieren von den Extraspuren für E-Mobile.
  • whatthepuck 18.03.2017 15:56
    Highlight Highlight Tja die Herausforderungen werden künftig nicht abnehmen. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass solche Zukunftsvisionen oder -prognosen ein Bild der Zukunft vermitteln, das so nie eintreffen wird. Gerade Städte befinden sich in einem ständigen Wandel und sind nie fertig gebaut. Einen zukünftigen Zustand X, die "vertikale Stadt", wird es nie geben. Im Zürich des Jahres 2017 stehen mitten in der Innenstadt noch Bauten aus dem Mittelalter und der Renaissance! Bis eine Stadt komplett anders funktioniert und aufgebaut ist wird es noch mehrere Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern.
  • Gipfeligeist 17.03.2017 20:24
    Highlight Highlight Wie sieht die Wohnungssituation denn in Tokyo, Japan aus? Bei denen können wir uns mit gutem Gewissen ein Scheibchen abschneiden
  • pamayer 17.03.2017 19:21
    Highlight Highlight Zug, eine reiche, tote Stadt...
  • Raphael Stein 17.03.2017 13:12
    Highlight Highlight Hmm, so spontan komme mir diese alte Geschichte in den Sinn.
    Da verliert einer den goldenen Schlüssel von seiner Turmwohnung, der fällt runter und sieht mal was so unten abgeht.

    Play Icon
  • SVARTGARD 17.03.2017 13:08
    Highlight Highlight Ja schön
  • Markus Hofstetter 17.03.2017 13:00
    Highlight Highlight Der Markt wird es richten. Nur heisst dies nicht, dass das Ergebnis jedem gefallen wird. Das ist eben der Irrtum. Viele finden, der Markt habe versagt, bloss weil ihnen das Ergebnis nicht passt.
    • mrmikech 17.03.2017 14:07
      Highlight Highlight Es passt banker immer. Bist du banker?
    • opwulf 17.03.2017 15:20
      Highlight Highlight Hofstetter: Wie kann es der Markt richten wenn wir gar keinen wirklich freien Markt haben? Wir haben eine Verflechtung von Wirtschaft und Politik bis in die kleinste lokale Stufe! Nichts mit wirklich freiem Markt! Bei einem freien Markt würde unabhängig davon wer dein Papi ist oder welcher Gruppe du angehörst oder egal wie lässig dich die Damen & Herren in der Regierung finden, das beste oder ansprechendste Produkt welches verfügbar ist, gewinnen. Nicht jenes welches das grösste Marketingbudget erhält oder am meisten gepusht wird!
    • äti 17.03.2017 19:16
      Highlight Highlight @opwulf: freier Markt heisst doch ganz klar, wer papi, welcher Golfclub, welcher privaten Gruppe man angehört. Welches Produkt gewinnt wird untereinander abgemacht, etc. Wieso? Keiner kontrolliert und niemand vergleicht.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Öpfelmues 17.03.2017 12:26
    Highlight Highlight Ich fände eine Velostadt wirklich wundervoll und auch sehr sinnvoll. Es würde uns gut tun ein bisschen von der Schnelllebigkeit wegzukommen und es würde viele Leute auch animieren sich den Arbeitsweg kürzer zu halten. Nicht jeder muss der in der Stadt oder in der Vorstadt wohnt mit dem Auto zur Arbeit. Es muss nicht alles von Maschinen übernommen werden. Wir können uns durchaus noch selbst bewegen.
    • Olaf! 17.03.2017 13:22
      Highlight Highlight Ja das ist doch so. Schön. Animieren den Arbeitsweg kurz zu halten. Wieso bin ich da nicht drauf gekommen, einfach den Arbeitsweg kurz halten, genial. Chef entweder wir verlegen den Firmenstandort, ich kündige und such einen anderen Job oder bekomme eine Lohnerhöhung um mir eine Wohnung in Nähe des Arbeitsplatzes leisten zu können.
    • atomschlaf 17.03.2017 14:33
      Highlight Highlight "animieren sich den Arbeitsweg kürzer zu halten" - Mein Gott, in was für einer rosa Blümchenwolke muss man leben, um so was rauszulassen?
    • Öpfelmues 17.03.2017 15:11
      Highlight Highlight Ich habe nicht gesagt alle sondern manche. Und es gibt durchaus Leute die sich mal eine neue Stelle suchen und das eine Rolle spielt. Tut mir leid falls ihr euch angesprochen fühlt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Randy Marsh 17.03.2017 11:59
    Highlight Highlight Hmmm..... Der liebe Herr vergisst meiner Meinung nach dass nicht alles nur mit Velos erledigt werden kann. Für den persönlichen Nahverkehr macht das ja Sinn wenn es aber darum geht Die Infrastruktur zu unterhalten oder mal lapidar einen Umzug, stelle ich mir das mit dem Velo dann doch sehr umständlich vor.
    • nib 17.03.2017 16:11
      Highlight Highlight Die Autos verbannen ist nicht sinnvoll, aber reduzieren und dem Velo mehr Platz einräumen unbedingt. Velofahren ist häufig einfach viel zu gefährlich.
    • zettie94 17.03.2017 16:33
      Highlight Highlight Es geht ja auch nicht darum ALLES mit dem Velo zu erledigen. Aber entferne einmal alle PRIVATEN PKW aus der Stadt und dann schau wie viel Platz es gibt!
  • Wolfsblut_2 17.03.2017 11:57
    Highlight Highlight Spannender Beitrag mit einer beunruhigenden Vision, basierend auf der jetzigen Entwicklung … aber vielleicht kommt alles ganz anders.
  • äti 17.03.2017 11:42
    Highlight Highlight Für mich ist die Situation gelöst: habe Höhenangst.
  • Siebenstein 17.03.2017 11:38
    Highlight Highlight Der Markt wird es eben doch richten!
    Unreguliert halt später und härter...

    Spätestens wenn in so einem "Getto der Begüterten" keiner mehr zum schnöden verrichten körperlicher Arbeiten kommt wird es denn Herrschaften doch sicher recht bald ziemlich unbequem werden.
  • Ruffy 17.03.2017 10:40
    Highlight Highlight Etwas vom naivsten was ich seit langem gelesen habe.
    • Gott 17.03.2017 11:10
      Highlight Highlight Würde mich wundernehmen, was Sie naiv finden.
    • Resi 17.03.2017 11:46
      Highlight Highlight Finde genau das Gegenteil. Aber der Blickwinkel ist von der urbanen Seite. Was mir zu oberflächlich ist, sind die Aussagen betreffend ländlicher Bevölkerung.
    • Pipopipo 17.03.2017 13:53
      Highlight Highlight hmm die Aussagen des Professors scheinen einfach ein wenig zu ideologisch angehaucht. Für eine Analyse benutzt er zu viele wertende Adjektive, von daher ist es eher als Meinung/Kommentar zu sehen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • baBIELon 17.03.2017 10:32
    Highlight Highlight Interessanter Artikel... Ich als Velofreund würde mich natürlich über so eine Entwicklung freuen

Linksautonome Schweizer marschierten an «Gilets-jaunes»-Protesten mit

Unter die «gilets jaunes» in Paris mischten sich am Samstag auch Mitglieder der linksradikalen «Revolutionären Jugend». Sie wollten Solidarität bekunden, «Erfahrungen in Strassenkämpfen» sammeln und «untersuchen, inwiefern sich Rechtsextreme an den Protesten beteiligen.»

Proteste der «Gelbwesten» mit Krawallen und Ausschreitungen haben Frankreich an diesem Wochenende erneut in Atem gehalten. Unter die Demonstranten mischten sich anscheinend auch Schweizer Linksautonome.

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