Wirtschaft
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Wie sich die Notenbanken überschätzen – und weshalb das Tradition hat

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich glaubt zu wissen, wie sich Finanzkrisen dauerhaft verhindern lassen.

25.06.18, 07:38

Daniel Zulauf / Nordwestschweiz



Zehn Jahre nach der grossen Finanzkrise zieht die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ein positives Fazit: Die Weltwirtschaft wächst auch im neunten Jahr des Aufschwungs immer noch kräftig. Dabei ist die Inflation nicht auf ein ungesundes Niveau gestiegen. Die unerwartet positive Entwicklung sei zum grossen Teil den ausserordentlichen geldpolitischen Massnahmen in der zurückliegenden Dekade geschuldet, schreibt die in Basel beheimatete Bank der Notenbank in ihrem Jahresbericht.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat ihren Sitz im runden Turm in Basel Bild: KEYSTONE

Nun gelte es die «Gunst der Stunde» zu nutzen, um das Wirtschaftswachstum auf eine «nachhaltige» Grundlage zu stellen, erklärte der neue Generaldirektor Agustin Carstens in seiner gestrigen Rede an die in Basel versammelten Notenbankgouverneure aus aller Welt. Dem Mexikaner schwebt eine Welt vor, die frei ist von Finanzkrisen, die das ganze System bedrohen.

Er schwärmt von einer Welt, in der sich die wiederkehrenden destruktiven Auf- und Abschwünge der Finanzmärkte beherrschen lassen. Eine Welt also, in der sich jener Teil der Wirtschaft, in dem die Unternehmen, die Konsumenten und die Regierungen reale und beschäftigungswirksame Investitionsentscheidungen treffen. Dies im Gegensatz zu 2009, als die Krise der Finanzmärkte eine Rezession nach sich zog.

Nationalbank wurde aktiv

Die Notenbanken haben in den letzten zehn Jahren in der Tat viel gelernt. Sie haben latent vorhandenes Wissen mutig angewandt, um die Wirtschaft vor dem Absturz in eine Depression zu bewahren. In beispielloser Manier haben sie Geldschleusen geöffnet, Zinsen auf den Nullpunkt und darunter gesenkt und mit besonderen Massnahmen Unmengen an Liquidität in die Märkte gepumpt. Sie haben das Bankensystem vor dem Kollaps gerettet und das Vertrauen von Unternehmern, Konsumenten und Investoren in weiten Teilen wieder hergestellt. Damit haben sie der Wirtschaft die Rückkehr auf den Wachstumspfad ermöglicht.

Unter Vorwegnahme der Nebenwirkungen dieser Geldschwemme haben die Notenbanken gleichzeitig Massnahmen ergriffen, um das Entstehen gefährlicher Preisblasen zum Beispiel in den Immobilienmärkten zu verhindern. So beruft sich die Schweizerische Nationalbank auf ihren seit 2003 gesetzlich verankerten Auftrag, einen Beitrag zur Finanzstabilität des Landes zu leisten.

Mehr Macht für die SNB

Damit forderte sie 2010 erstmals zusätzliche Kompetenzen. Sie überliess die Beaufsichtigung der Banken nicht mehr allein der Finanzmarktaufsicht (Finma), sondern ging selber in die Offensive. So mahnte die Nationalbank verschärfte Tragbarkeits- und Belehnungsgrenzen an, um der übersteigerten Nachfrage im Hypothekargeschäft entgegenzuwirken.

Vom Bundesrat liess sich die SNB etwa die Kompetenz geben, einen besonderen Kapitalpuffer in den Bankbilanzen zu aktivieren. Damit wollte sie einen direkteren Einfluss auf die Kreditversorgung der Wirtschaft bekommen. Konkret verlangt der Kapitalpuffer von den Banken, für Wohnbauhypotheken zwei Prozent an zusätzlichen Eigenmitteln zu hinterlegen. Auf akademischer Ebene diskutieren die Notenbanken zwar schon lange über solche Instrumente. Einen Konsens über deren positive Wirkung gibt es aber erst seit der Finanzkrise.

Im Urteil einer mittlerweile kleinen Schar traditioneller Ökonomen haben die Notenbanken mit dem Griff zu diesen neuen Instrumenten aber die Büchse der Pandora geöffnet. Wer direkt in die Kreditversorgung eines Landes eingreife, mache letztlich Politik. Das sei gefährlich und aus demokratischer Sicht auch bedenklich für eine Institution, die politisch unabhängig sein will, sagen Kritiker.

Von der Realität eingeholt

Auch die BIZ unterschlägt nicht die «direkten Verteilungsfolgen», wie sie sich aus einer künstlichen Verknappung des Kreditangebotes ergeben und bestimmte Gruppen von Schuldnern möglicherweise benachteiligen. Daraus könne den Notenbanken politischer Druck erwachsen. Doch in der Güterabwägung obsiegen im Urteil der BIZ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten von Finanzkrisen, welche die Interventionen als sinnvoll erscheinen lassen.

Den Traum von der Beherrschung der Wirtschaftszyklen träumen die Notenbanken schon seit langer Zeit. Spätestens seit dem Zusammenbruch des weltweiten Systems fester Wechselkurse (Bretton Woods) in den frühen 1970er-Jahren begannen die Währungshüter ihre Arbeit auch systematisch in den Dienst staatlicher Konjunkturplanung zu stellen. Die Feinsteuerung der Konjunktur wurde zu einer geldpolitischen Paradedisziplin. Dies schien bis zum Beginn der Finanzkrise bestens zu funktionieren. Damals rief der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke nach mehr als drei Jahrzehnten mit tiefen Inflations- und vergleichsweise stabilen Wachstumsraten den Sieg der Geldpolitik über die destruktiven Wirtschaftszyklen aus. Kurz darauf wurde er von der Realität eingeholt.

Staaten sollen mithelfen

Im Wissen um diese bittere Lektion bleiben die Notenbanken heute vorsichtiger. Es wäre unklug, sich allein auf die Währungshüter zu verlassen, schreibt die BIZ. Die neuen, vorbeugenden Massnahmen gegen Finanzblasen seien «kein Allheilmittel». Ihre Wirkung sei teils noch zu wenig erforscht. Besser als weiterhin nur auf die Notenbanken zu vertrauen, wäre ein «makrofinanzielles Stabilitätskonzept».

Zu diesem sollen auch die Regierungen ihren Beitrag leisten. Demnach müsste die Fiskalpolitik so ausgelegt werden, dass die Staaten in guten Zeiten Reserven anlegen, um diese in Krisenzeiten zur Brandbekämpfung einsetzen zu können. Die Politik würde selbstredend auch eine grosse Haushaltsdisziplin bedingen. Zudem sollten die Steuersysteme reformiert werden. Die Bürger sollen vielmehr für das Sparen und nicht für das Schuldenmachen belohnt werden.

Die Vorschläge kommen für sich genommen durchaus vernünftig daher. In der Kombination mit der ausgebauten Macht der Notenbanken erhalten sie dennoch eine unheimliche Dimension. Der ehemalige Nationalbank-Chefökonom Ulrich Kohli kritisierte seine ehemalige Arbeitgeberin vor einigen Jahren scharf dafür, dass sie den Pfad der reinen Steuerung der Geldmenge verlassen hat.

«Ich glaube weder, dass man alles kontrollieren kann, noch dass man dies tun sollte», sagte Kohli. «Regulierungen haben immer unerwartete und unerwünschte Nebeneffekte. Das führt zu Verzerrungen und Ineffizienzen. Man wird zu weiteren Eingriffen gezwungen, und am Schluss entsteht ein Chaos.» Solche Kritik ist heutzutage kaum mehr zu hören. Das erhöht das Risiko der Selbstüberschätzung, der die Notenbanken im Vorfeld der Finanzkrise schon einmal in fataler Weise erlegen waren. (aargauerzeitung.ch)

2023 möchte Schweden das erste Land ohne Bargeld sein

Video: srf

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Ökonometriker 25.06.2018 15:21
    Highlight Das Paradigma, dass man Wirtschaftskrisen um jeden Preis verhindern sollte, ist für sich bereits fragwürdig. Krisen sind für eine Volkswirtschaft wichtig - sie bekämpfen Überkapazitäten und führen zu mehr Effizienz.
    Besser wäre es, statt Krisen zu verhindern, mit guten Sozialversicherungen die negativen Auswirkungen auf die Arbeiterschaft zu verhindern.
    0 0 Melden

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