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This photo provided by Paramount Pictures shows, Christian Bale as Michael Burry, in the film,

And the Oscar goes to ... Christian Bale als Michael Burry in «The Big Short»?
Bild: AP/Paramount Pictures

Finanzkrisen-Film im Faktencheck: «The Big Short» – wie wahr ist das Zocker-Epos?

Der Oscar-Kandidat «The Big Short» will die Finanzkrise unterhaltsam erklären – und zeichnet ein Bild der Banker zwischen teuflisch, dumm und verhaltensgestört. War es wirklich so? Die Antwort ist wenig schmeichelhaft.

Stefan Kaiser / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Abstürzende Börsenkurse und nervöse Banker – ein kleines bisschen fühlt man sich momentan in die Zeit der grossen Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 zurückversetzt, als die Geldbranche die gesamte Weltwirtschaft ins Wanken brachten. Insofern ist das Timing perfekt für den Finanzkrisen-Film «The Big Short», der vergangene Woche in Deutschland angelaufen ist.

Von den Kritikern wird der Film gefeiert – nicht nur wegen der Starbesetzung, sondern auch, weil er tief in die Finanzwelt eintaucht und den typischen Slang der Branche übernimmt. Der Film zeichnet ein düsteres Bild der Branche. Und als Zuschauer fragt man sich unweigerlich: War das wirklich alles so? Ein Faktencheck.

Video: Wall-Street-Groteske «The Big Short»

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YouTube/Paramount Pictures

Wie realistisch ist der Film?

Ziemlich realistisch. Er basiert auf dem gleichnamigen Buch, das der Finanzjournalist Michael Lewis 2010 veröffentlichte. Lewis war früher selbst einmal Banker – und nimmt in seinen Werken regelmässig die Finanzbranche ins Visier. Für «The Big Short» recherchierte Lewis monatelang, sprach mit Bankern und Hedgefonds-Managern, die ihm teilweise sogar ihre E-Mails aus der Zeit vor und während der Krise zur Verfügung stellten. Heraus kam nicht nur ein Sittengemälde der damaligen Wall Street, sondern auch das vielleicht beste Buch zur Finanzkrise.

Wie kam es zur Krise?

Mitte der Nullerjahre herrschte in der Finanzwelt Goldgräberstimmung. Das Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrzehnts war schon wieder vergessen, die Aktienkurse stiegen auf Rekordstände und die Zinsen waren historisch niedrig. Der amerikanische Immobilienmarkt boomte.

Schulden machen war wegen der günstigen Zinssätze vergleichsweise billig – der Traum vom eigenen Haus für viele Amerikaner so leicht zu verwirklichen wie kaum jemals zuvor. Und das Beste: Der Wert der Häuser schien stetig zu steigen – von 1998 bis Mitte 2006 verdoppelten sich die durchschnittlichen Preise. Wer da nicht zuschlug und auf Pump kaufte, war dumm. Oder etwa nicht?

The Big Short

Auch die grossen Banken erkannten im Immobilienboom ein gigantisches Geschäft. Sie vergaben nicht nur massenhaft Kredite, sondern verwandelten diese Kredite auch in Wertpapiere. Die sogenannten Mortgage Backed Securities (MBS) sollten durch die Zins- und Tilgungszahlungen der amerikanischen Hauskäufer gedeckt werden – ein scheinbar bombensicheres Geschäft.

Die MBS-Papiere wurden zum Renner an der Wall Street. Legten die Banken im Jahr 2000 noch verbriefte Immobilienkredite über insgesamt 70 Milliarden Dollar auf, waren es 2005 schon fast 1,2 Billionen Dollar. Und niemand dachte daran, dass dieser Boom je zu Ende gehen würde – zumindest fast niemand. Schliesslich waren die Häuserpreise in den USA seit der Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre noch nie auf breiter Front gefallen.

Doch es kam wie so oft, wenn sich zu viele Leute an den Finanzmärkten einig sind: Der Boom endete jäh. Ende 2004 begannen die Zinsen zu steigen – erst langsam, dann schneller. Ab Mitte 2005 gingen zudem die Immobilienpreise zurück.

Für all jene Hauskäufer, die sich in den Jahren zuvor hoch verschuldet hatten, waren das schlechte Zeichen: Ihr Haus war weniger Wert und ihre finanzielle Belastung stieg. Das lag daran, dass die Zinssätze in ihren Kreditverträgen meist nur bis zu zwei Jahre festgeschrieben waren, anschliessend passten sie sich variabel dem allgemeinen Zinsniveau an. Und das stieg nun mal.

Immer mehr Kreditnehmer konnten ihre Zins- und Tilgungsraten nicht mehr bedienen – die Kredite platzten und mit ihnen auch die Wertpapiere, die die Banken an Investoren weltweit verkauft hatten. Für das Finanzsystem war das eine Katastrophe. Für die Protagonisten aus «The Big Short» war es ein Segen, weil sie auf den Absturz der Papiere wetteten.

Waren die Banken wirklich schuld an allem?

Zumindest trägt die Finanzbranche einen Grossteil der Verantwortung für die Krise. Das fing schon bei der Kreditvergabe an. So ziemlich jeder, der einen Kredit haben wollte, bekam auch einen – egal, ob sein Einkommen überhaupt hoch genug war, um das Geld zurückzahlen zu können. Autor Lewis berichtet in seinem Buch etwa von einem mexikanischen Erdbeerpflücker mit 14'000 Dollar Jahresgehalt, dem eine kalifornische Bank ein Haus für 724'000 Dollar finanzierte. Oder von einer Stripperin, die fünf Häuser und eine Eigentumswohnung auf Pump erworben hatte. Möglich machten das die laxen Prüfungen der Banken und ihr unbeirrbarer Glaube an ständig weiter steigende Häuserpreise.

So verkauften sie zum Beispiel Produkte wie den «100-Prozent-Kredit mit variablem Zins und negativer Amortisation». Das hiess: Die Kunden finanzierten erstens den gesamten Kaufpreis fremd, brachten also kein eigenes Kapital mit. Und zweitens wurden ihre Schulden immer höher, weil die Beträge, die sie der Bank zahlten, nicht mal ausreichten, um die anfallenden Zinsen zu begleichen – also erst recht nicht, um die Schulden abzubezahlen. Aus heutiger Sicht klingt das aberwitzig, damals hat sich aber kaum jemand daran gestört.

Das wird auch im Film deutlich, wenn Regisseur Adam McKay von den absurdesten Beispielen erzählen lässt. Nicht alles davon, ist für den normalen Zuschauer auf Anhieb verständlich, aber schon die Ahnung von der Abzocke reicht aus.

Auch die Bündelung der Kredite zu Wertpapieren war eine grosse Irreführung: Denn in diesen Paketen wurden sowohl Darlehen von guten Schuldnern als auch solche von schlechten Schuldnern mit niedrigen Einkommen zusammengepackt – sogenannte Subprime-Kredite. Die Ratingagenturen, die Finanzprodukte bewerten, gaben den Paketen dennoch sehr häufig die Bestnote. Kaum jemand machte sich die Mühe nachzuschauen, was wirklich in den Papieren steckte, die sich hinter den Kürzeln MBS oder CDO verbargen. Doch nicht alle folgten blind dem Urteil der Agenturen.

Wer waren diejenigen, die gegen den Markt wetteten?

Sich gegen die Mehrheit zu stellen, ist in der Finanzbranche nicht leicht – selbst wenn man vermutet, dass die Mehrheit falsch liegt. Viele Händler haben ein Interesse daran, eine Spekulationswelle so lange zu reiten, wie es geht. Denn wer sich gegen den Markt stellt, muss vor seinem Chef erst mal rechtfertigen, warum seine Konkurrenten Gewinne machen, und er nicht

So ging es auch den Männern, von denen «The Big Short» erzählt.

Da ist zum einen Michael Burry, der einzige Protagonist, der im Film mit seinem wirklichen Namen auftaucht. Gespielt wird er von Christian Bale. Burry hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus. Mit Menschen kann er nicht viel anfangen, mit Zahlen dafür umso mehr. Für seinen Hedgefonds Scion Capital schaute er sich tausende Kredite genauer an, die hinter den komplexen Wertpapieren standen – und stellte fest: Viele Darlehen können nie zurückgezahlt werden. Der amerikanische Immobilienmarkt wird zusammenbrechen.

Burry wollte davon profitieren – und darauf wetten, dass die Immobilienpapiere an Wert verlieren. Im Finanzjargon nennt man das «shorten». Dazu liess er sich von grossen Finanzinstituten wie Goldman Sachs und der Deutschen Bank neue Finanzvehikel bauen, die solche Wetten ermöglichten, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), oder Kreditausfallversicherungen.

Das Prinzip dahinter war einfach: Wer die Papiere kaufte, zahlte eine Art Gebühr. Im Schadensfall, also wenn der zugrundeliegende Kredit platzte, winkte dem CDS-Besitzer dafür ein hoher Gewinn. Und das Besondere daran: Anders als bei einer normalen Versicherung musste man nicht mal der Geschädigte sein, um das grosse Geld einzusacken.

Burry kaufte den Banken massenhaft solche CDS-Papiere ab. Doch bis die Immobilienblase wirklich platzte, brauchte er Geduld. Selbst im Jahr 2007, als die Häuserpreise längst fielen und die ersten Banken ins Schlingern gerieten, drohen Burrys Hedgefonds noch die Kunden davon zu laufen, weil sie nicht an den Erfolg seiner Strategie glauben.

Der zweite Protagonist heisst im Film Mark Baum und wird von Steve Carell gespielt. Hinter der Figur verbirgt sich Steve Eisman, Chef eines kleinen Hedgefonds namens FrontPoint Partners. Eisman war damals für seine flegelhaften Manieren bekannt. Und er hegte Zweifel an der märchenhaften Entwicklung des amerikanischen Immobilienmarkts. Auch er wettete auf einen Preisverfall, setzte insgesamt 700 Millionen Dollar ein – und machte daraus schliesslich 1,5 Milliarden Dollar.

Wenn man dem Autor Lewis glaubt, dann hat Eisman zwar einen Gerechtigkeitssinn, aber ein Wohltäter ist auch er nicht. Er war sich stets bewusst, dass er mit seinen Wetten dazu beitrug, dass am Ende alles noch schlimmer wurde. «Indem wir den Markt shorteten, schufen wir die Liquidität, die den Markt am Laufen hielt», sagte er später. «Wir fütterten ein Monster, bis es explodierte.»

Die vielleicht interessanteste Figur der Finanzkrise war der Amerikaner Greg Lippmann (im Film Jared Vennett, gespielt von Ryan Gosling). Lippmann arbeitete damals bei der Deutschen Bank in New York, als Global Head of CDO Trading. Er handelte also mit jenen Papieren, in denen die ausfallgefährdeten Immobilienkredite steckten – und stiess im Jahr 2005 darauf, dass damit etwas nicht stimmen kann.

Auch Lippmann wird als Aussenseiter porträtiert, als Exzentriker. «Ich glaube, er leidet an einer Art narzisstischer Persönlichkeitsstörung» zitiert Buchautor Lewis einen Banker-Kollegen. In E-Mails bezeichnete Lippmann die Papiere, mit denen er handelte, als Müll. «Das fliegt alles in die Luft», brüllte er angeblich einmal quer durch den Handelsraum der Deutschen Bank.

Gemeinsam mit Kollegen entwickelte Lippmann jene Produkte, mit denen Investoren auf den Zusammenbruch des US-Häusermarktes wetten konnten: Kreditausfallversicherungen, die sogenannten CDS. Er verkaufte sie nicht nur an Kunden wie Steve Eisman, sondern überzeugte seine Vorgesetzten, auch mit dem Geld der Deutschen Bank auf einen Niedergang des Marktes zu wetten. An einem Tag verteilte er T-Shirts im Büro. Darauf steht zu lesen: «I am short your house.» Auf Deutsch: «Ich wette gegen dein Haus».

Lippmann war intern umstritten. Die Deutsche Bank begrenzte seine Geschäfte. Doch er behielt Recht. Laut einem Untersuchungsausschuss' des US-Senats brachte Lippmann der Bank mit seinen Wetten insgesamt 1,5 Milliarden Dollar ein – und sicherte ihr damit das Überleben. (Einen ausführlichen Artikel zur Deutschen Bank, Lippmann und der Finanzkrise finden Sie hier).

2010, nach der Finanzkrise, verliess Lippmann die Deutsche Bank und gründete gemeinsam mit einem ehemaligen Kollegen die Hedgefonds-Gesellschaft Libre Max Capital. Die beiden wetteten auf den US-Immobilienmarkt – und auf einen Kursanstieg der Subprime-Papiere.

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • TheRabbit 18.01.2016 22:27
    Highlight Highlight
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    Perfekte Erklärung der Immobilienpapiere.
  • SeppÄlpler 18.01.2016 22:25
    Highlight Highlight Ich habe den Film gesehen. Sehr interessant gefilmt und gespielt. Jedoch für jemanden wie mich (16 und null ahnung von Hypotheken und so) nicht allzu unterhaltsam
  • Orwell 18.01.2016 22:15
    Highlight Highlight Super Artikel, hab das Buch vor 2 Jahren (oder so ) gelesen und dachte, dass sich in einem Film niemals solche Sachverhalte darstellen lassen ( da gabs einen anderen Film mit Kevin Spacey der war extrem schlecht) aber in diesem Film haben sie gut hingekriegt. Bis auf die dämlichen Stripperinnen Szenen ( jaja Hollywood halt). Ich glaub ich muss das Buch nochmal lesen 😆 würde es jedem empfehlen denn es geht sehr viel tiefer ( Rolle der AIG ) auf das Thema ein

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